Thelma

Originaltitel: Thelma
Regie: Joachim Trier
Drehbuch: Joachim Trier, Eskil Vogt
Musik: Ola Fløttum
Darsteller: Eili Harboe, Kaya Wilkins, Henrik Rafaelsen

Die Norwegerin Thelma (Eili Harboe) studiert Biologie an der Universität in Oslo. Ihrem neuen sozialen Umfeld begegnet die konservativ und streng christlich erzogene junge Frau schüchtern und introvertiert. Am liebsten hält sie sich alleine in der eigenen Wohnung auf, wo jeden Abend Kontrollanrufe der überfürsorglichen Eltern erfolgen. Die Dinge ändern sich, als Thelma Anja (Kaya Wilkins) kennenlernt, sich mit ihr anfreundet und ihr allmählich näher kommt. Allerdings leidet die Biologie-Studentin immer wieder unter Anfällen, die mit beunruhigenden und übernatürlichen Erscheinungen einhergehen.

Filme mit Protagonisten, die mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattet sind, beschränken sich in der breiten Wahrnehmung zumeist auf zwei Comicfilm-Ketten: Marvel und DC. Ähnlich wie die Fastfood-Konzerne McDonald’s und Burger King liefern die beiden Comic-Riesen Jahr für Jahr mehr oder weniger die gleiche Soße ab. Und ähnlich wie bei den Burger-Konzernen ist auch bei Marvel und DC einer der beiden erfolgreicher als der andere. Angesichts dieser lautstarken Giganten kommen die wenigen kleinen Filme, die sich ebenfalls dem Thema der übernatürlichen Fähigkeiten widmen, notgedrungen sehr leise daher. Ich denke jetzt beispielsweise an „Midnight Special“ aus dem Jahr 2016. Ebenso leise – doch meiner Meinung nach ein Stückchen stärker – hat sich nun „Thelma“ in mein Heimkino geschlichen.

Zunächst bietet der Film in Sachen Story nichts Neues oder großartig Interessantes: Schüchternes Mädchen vom Land, streng religiös und konservativ erzogen, trifft in der großen Stadt auf moderne Jugendliche, die sich in Form von Partys, Alkohol und Drogen Zwängen der anderen Art hingeben. Nach und nach verlässt Thelma dabei ihr bisheriges Schema und testet die Grenzen neu aus – wobei die Freundschaft zu Anja durchaus als Katalysator zu sehen ist. Die Schauspieler machen dabei ihre Sache sehr gut, besonders die Präsenz von Hauptdarstellerin Eili Harbour ist hervorzuheben. Und trotzdem ist der Film bis hierhin nicht sonderlich aufregend. Ehrlich gesagt hat mich die plakative Ausgangslage sogar ein wenig gestört, denn anscheinend sehen sich die meisten Filmemacher nicht in der Lage, die Christen in ihren Geschichten anders als fanatisch oder weltfremd darzustellen. Aber ich sollte von „Thelma“ noch überrascht werden – und zwar in vielerlei Hinsicht.

Relativ früh mischen sich in das Drama Elemente von Thriller, Mystery und Horror. Dies wird spätestens dann deutlich, wenn Thelma in der Universitätsbibliothek ihren ersten Anfall hat, im Zuge dessen mehrere Vögel an die Fensterscheiben schlagen. Hitchcock lässt grüßen. Die junge Frau fühlt sich nun nicht nur aufgrund ihres sozialen Hintergrunds als Außenseiterin. Sie scheint darüberhinaus gewisse Fähigkeiten zu haben, die sie zu etwas Besonderem machen, ob sie das nun will oder nicht. Die übernatürlichen Elemente nehmen nach und nach zu und erzeugen – unterstützt vom Soundtrack und einer hervorragenden Kameraführung – einen fast schon hypnotischen Sog. Der Film hält die Spannung quasi über seine gesamte Laufzeit, auch wenn das Tempo hinten raus ein wenig nachlässt. Hier erfolgen allerdings Wendungen und Auflösungen, die Thelmas Emanzipation auf eine andere Ebene hieven und vieles in einem neuen Licht erscheinen lassen – unter anderem die allzu streng-religiösen Eltern, was für mich persönlich ein angenehmer Kniff war. Gekrönt wird das Ganze von ein paar wirklich harten Szenen, die einem stark unter die Haut gehen. Und zwar ganz ohne Blut und Gore.

Das Ende hat durchaus einen offenen Charakter und lädt zu der ein oder anderen Spekulation ein. Aber mehr in die Details soll es an dieser Stelle nicht gehen, denn ich möchte für „Thelma“ eine klare Empfehlung aussprechen. Für diese ruhige, aber doch recht intensive und wunderschön gemachte Filmperle gibt es stolze 8 von 10 Popcornguys!

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Serien-Special: Gravity Falls

Deutscher Titel: Willkommen in Gravity Falls
Idee: Alex Hirsch
Synchonsprecher: Kristen Schaal, Jason Ritter, Alex, Hirsch, J.K. Simmons

Die ungleichen Zwillinge Mabel (Kristen Schaal) und Dipper (Jason Ritter) verbringen ihre Sommerferien bei ihrem Großonkel Stan (Alex Hirsch), der in dem verschlafenen Städtchen Gravity Falls in Oregon lebt. Während der mürrische Grunkle Stan tagtäglich überlegt, wie er mit seinem Kuriositätenmuseum „Mystery Shack“ mehr Touristen anlocken kann, um seine gefälschten Ausstellungsgegenstände zu Geld zu machen, entdecken Mabel und Dipper bald, dass Gravity Falls keineswegs so langweilig ist, wie es scheint. Nachdem sie ein mysteriöses Tagebuch voller Hinweise auf seltsame Vorgänge und noch seltsamere Wesen entdecken, stellen sie fest, dass die Wälder um die Stadt von Fabelwesen und Kreaturen aus anderen Welten bevölkert werden. Noch ahnen sie nicht, dass dieses Tagebuch der Schlüssel zu einem viel größeren Geheimnis ist. 

Kindgerechte Zeichentrickserien mit tiefgründigem Humor sorgen nicht erst seit Spongebob Schwammkopf für gute Unterhaltung. Sicher, derbe Witze und anzügliche Anspielungen vermisst man in Gravity Falls schon, doch sind es gerade die subtile Komik und die wahnwitzigen Charaktere, die eine nicht nur interessante Geschichte erzählen, sondern dem Städtchen viel Charme und Leben einhaucht.

Angefangen bei Dipper, der möglichst jedem Hinweis zur Lösung der großen Geheimnisse nachgeht – wenn er nicht gerade damit beschäftigt ist, vor der Angestellten seines Onkels, Wendy (Linda Cardellini), einen guten Eindruck zu machen. Seine Zwillingsschwester Mabel jedoch lässt ihren kindlichen Launen freien Lauf und erfüllt das Haus mit purer Lebensfreude. Das hat die Mystery Shack auch bitter nötig, denn „Grunkle“ Stan ist ein mürrischer, geldgieriger Herr mit fragwürdigem Geschäftssinn und wenig Interesse für die paranormalen Vorgänge. Und so stellen sich Mabel und Dipper immer wieder ihrem Kampf gegen Zwerge, Multi-Bären, Zombies und Dämonen, nicht ohne jedoch auf die noch skurilleren Bewohner von Gravity Falls zu treffen, die in diese Welt passen wie die Faust aufs Auge. Je näher sie ihrem Ziel, den Autor der Tagebücher zu finden, kommen, umso gefährlicher wird es für die beiden.

Durch Runninggags, kreatives Storywriting und eine hervorragende Vertonung fesselt „Gravity Falls“ von der ersten Minute an, und zieht mit jeder Folge tiefer in eine verrückte Welt. Diese stehen teils für sich, bauen aber auch eine große Geschichte auf, die nach leider nur zwei Staffeln in einem fulminanten Finale ihren Höhepunkt erreicht.

Wer also Lust auf ein (leider sehr) überschaubares Serienerlebnis mit witzigen Charakteren, interessanten Entwicklungen und einer guten Prise Grusel hat, sollte Gravity Falls definitiv eine Chance geben. Und wer dann noch nicht genug hat, kann sich den fortführenden Comics zuwenden. Ich werde das jetzt jedenfalls tun. Uneingeschränkte Empfehlung! 

I Kill Giants

Regie: Anders Walter
Drehbuch/Vorlage: Joey Kelly
Musik: Laurent Perez del Mar
Darsteller: Madison Wolfe, Zoe Saldana, Imogen Poots

Die zwölfjährige Barbara (Madison Wolfe) ist eine Außenseiterin aus dem Bilderbuch. Stets in sich gekehrt wandelt sie durch die Wälder ihrer Heimat, wo sie Fallen und Köder anbringt – für Riesen. Ihren eigenen Worten nach, wenn sie sich mal jemanden gegenüber öffnet, ist sie Riesenjägerin. Ihre neue Freundin Sophia und ihre Schulpsychologin verstehen Barbaras Beweggründe mehr, je weiter sie ihr in ihrem gefährlichen Kampf folgen.

„I Kill Giants“ ist der erste Spielfilm des dänischen Regisseurs Anders Walter, der sich die Verfilmung einer Comicvorlage gewidmet hat. Das Drehbuch lieferte Joe Kelly, der ebenfalls die Vorlage verfasst hat. Damit lässt sich schon einmal grob festhalten, dass der Film seiner Grundlage gerecht werden kann.

Was aber bietet „I Kill Giants“ uns? Das Drama um eine Außenseiterin, die sich mit Mobbern im Schulalltag und Fabelwesen in der Freizeit beschäftigen muss, stellt die Zuschauer erbarmungslos vor große Fragezeichen. Nur wenig wird uns über die durchaus interessanten Charaktere eröffnet. So erfahren wir über die überforderte große Schwester Karen (Imogen Poots), die Schulpsychologin Mrs. Mollé (Zoe Saldana) und auch Barbara selbst herrlich wenig, und können uns lediglich anhand ihrer Taten und Aussagen viel (oder im Falle der Hauptfigur, eher wenig) zusammenreimen.
Die Geschichte stellt die Zuschauer also stets vor die Wahl zu entscheiden, ob die Dinge um Barbara nun real sind, oder ihrer Fantasie entspringen. Angesichts der düsteren Sicht, die Barbara durch das Anbringen von Fallen, Runenzaubern und der Verkündigung einer pessimistischen Zukunft fällt es aber nicht schwer, ihren Worten glauben zu schenken, vor allem da ihre reale Welt alles andere als ein angenehmes Lebensumfeld bietet.

Nicht unbegründet wird „I Kill Giants“ mit dem gefeierten „Sieben Minuten nach Mitternacht“ verglichen. Auch wenn dieser Film hier in seiner Art grober und düsterer daherkommt, ist dieser Vergleich vor allem inhaltlich absolut nachvollziehbar. Schöne Parallelen zieht der Film zwar zwischen Mobbing und dem Kampf mit den Riesen, doch gelingt das hier leider nicht so gut wie in „Sieben Minuten nach Mitternacht“. Ich persönlich finde es sogar schade, dass sich diese Filme so ähneln, denn „I Kill Giants“ hätte Potential gehabt, eine ganz einzigartige Geschichte zu erzählen.

Freunde von Fantasy und Coming of Age-Dramen machen hier allerdings nichts falsch, sondern lassen sich auf einen kleinen, besonderen Film ein, der die Herzen weich macht. 7 von 10 Popcornguys!

Sicario 2

Originaltitel: Sicario: Day Of The Soldado
Regie: Stefano Sollima
Drehbuch: Taylor Sheridan
Musik: Hildur Guðnadóttir
Darsteller: Benicio del Toro, Josh Brolin, Isabela Moner

Islamistische Terroristen werden über Grenze zwischen den USA und Mexiko in die Vereinigten Staaten geschmuggelt. Um dem entgegen zu wirken, soll CIA-Offizier Matt Graver (Josh Brolin) einen Krieg zwischen den mexikanischen Drogenkartellen anzetteln. Graver arbeitet wieder mit Auftragskiller Alejandro Gillick (Benicio del Toro) zusammen. Seine Aufgabe: Die Tochter eines Kartellbosses (gespielt von Isabela Moner) entführen und dies wie eine Aktion mexikanischer Gangster aussehen lassen.

„Sicario“ von Denis Villeneuve war einer der besten Filme 2015. Als es einige Zeit danach hieß, es solle eine Fortsetzung geben, war meine erste Reaktion: Och nö! Villeneuve war zudem nicht für den Regieposten vorgesehen, was meine Skepsis noch größer werden ließ. Allerdings sollte mich der „Ersatz“ beschwichtigen: Der italienische Regisseur Stefano Sollima wurde verpflichtet. Dieser lieferte mit „Suburra“ einen starken Mafia-Film vor römischer Kulisse ab, und so wurde ich wegen „Sicario 2“ doch wieder etwas optimistischer.

Doch wie ist denn nun der Film? Nun, um es kurz zu machen: „Sicaro 2“ ist ein solider und ordentlicher Thriller, der aber ein bis zwei Stufen unter dem Vorgänger anzusiedeln ist. Stärken liegen auch hier in der Bildsprache und im Soundtrack. Letzterer stammt nicht mehr vom kürzlich verstorbenen Komponisten Jóhann Jóhannsson, wird aber im ähnlichen Stil fortgeführt. Ein weiteres großes Plus sind die Darsteller. Josh Brolin ist die ultimative Kante und Benicio del Toro zählt ohnehin zu meinen liebsten Schauspielern. Auch Jungdarstellerin Isabela Moner kann in ihrer Rolle überzeugen. Positiv bewerten möchte ich auch die kernige und handgemachte Action, die eine mehr als angenehme Abwechslung zur CGI-überfrachteten 0815-Blockbuster-Action darstellt.

Allerdings hat „Sicario 2“ auch Schwächen, die sich größtenteils im direkten Vergleich mit dem ersten Teil ergeben. In Villeneuves Film herrscht permanente Spannung, Bild und Ton fördern hier ein unterschwelliges Brodeln und man hat als Zuschauer den Eindruck, eine bedrohliche Bestie würde nach und nach immer engere Kreise ziehen. Diese Dichte gibt es in „Sicario 2“ nicht, sie wird eher punktuell erzeugt. Ich denke, dass hier auch Charaktere und Drehbuch entscheidende Faktoren sind. Emily Blunt spielt im ersten Teil eine FBI-Agentin, die relativ naiv und unwissend in den mexikanischen Drogenkrieg hineingezogen wird und erst am Ende weiß, was die harten Männer um sie herum wirklich planen. Taylor Sheridan scheint in seinen Drehbüchern gerne Frauen in solchen Rollen zu sehen, man denke auch an Elizabeth Olsen in „Wind River“. Manch besorgter Feminist mag dieses Muster kritisieren, doch beim ersten „Sicario“ ist es meiner Meinung nach Emily Blunts Rolle zu verdanken, dass man als ebenso naiver und unwissender Zuschauer so gut und intensiv in die düstere Welt des Drogenkriegs hineingesaugt wurde. In „Sicario 2“ fehlt eine vergleichbare Identikationsfigur. Josh Brolin und Benicio del Toro spielen wie gesagt stark, aber es sind im Grunde „fertige“ Figuren, über die man nicht sonderlich viel erfährt und die mehr oder weniger nur Teile eines komplett verkorksten Umfelds sind. Diese alles umfassende Schlechtigkeit ist natürlich auch faszinierend und „Sicario 2“ funktioniert auch – aber das spannendere und mitreißendere Filmerlebnis ist einfach der erste Teil, in dem der Zuschauer auch entdecken kann, um was es eigentlich geht.

Fazit: Wer Lust auf einen ordentlichen und absolut soliden Thriller mit handgemachter Action und tollen Darstellern hat, macht mit „Sicario 2“ nichts verkehrt. Aber einen absolut großartigen Film sollte man wohl eher nicht erwarten. 7 von 10 Popcornguys!

In den Gängen

Originaltitel: In den Gängen
Regie: Thomas Stuber
Drehbuch: Clemens Meyer, Thomas Stuber
Musik: Verschiedene
Darsteller: Franz Rogowski, Sandra Hüller, Peter Kurth

Ostdeutschland, in einem abgelegenen Großmarkt: Der schweigsame Christian (Franz Rogowski) beginnt seine Probezeit in der Getränkeabteilung. Die Tattoos, die er unter seinem langen Arbeitskittel verbirgt, können Hinweise auf eine bewegte Vergangenheit sein, doch der junge Mann ist alles andere als gesprächig. Trotzdem wird er von Bruno (Peter Kurth), einem barschen, jedoch auch sehr väterlichen Mentor, akzeptiert und am Gabelstapler ausgebildet. Christian freundet sich mit seinen Kollegen an. Besonders gefällt ihm aber Marion (Sandra Hüller) aus der Süßwarenabteilung, in die er sich schnell verguckt. Doch die Angelegenheit ist nicht gerade einfach.

Gleich die erste Szene von „In den Gängen“ entführt uns in eine Welt, die wir zwar alle als Konsumenten hin und wieder betreten, die aber nur wenige von uns wirklich kennen dürften: In einem gigantischen Großmarkt gehen vor Sonnenaufgang nach und nach die Lampen an. Natürliches Licht dringt in diese Hallen niemals vor. Allmählich füllen sich die Gänge mit Leben, als einige Gabelstapler geschäftig hin und her surren und ihrer Arbeit nachgehen. Unter diese Bilder legt Regisseur Thomas Stuber die Klänge von Johann Strauss‘ „An der schönen blauen Donau“. Ein Stück, das man als Filmkenner ansonsten mit Stanley Kubricks epochalem Werk „2001: Odyssee im Weltraum“ verbindet, dient hier als Soundtrack für das Leben ganz einfacher Leute, auf die die Kamera selten gerichtet wird. Und das sagt schon vieles über den Film aus.

Die Figuren des Films sind schlichte Arbeiter und gesellschaftlich Abgehängte, die für gewöhnlich dann in den Medien auftauchen, wenn nach Gründen für den Wahlerfolg extremer Parteien gesucht wird. „In den Gängen“ beleuchtet nun den Mikrokosmos Großmarkt, der für die besagten einfachen Leute sowohl Arbeitsplatz, als auch Lebensraum ist. Romantischen Kitsch wird man im Film nicht finden. Er stilisiert seine Figuren nicht zu verkannten Helden oder durchweg angenehmen Persönlichkeiten. Es schwingt durchaus mit, dass diese Leute nicht jedermanns Sache sind und ihre problematischen Facetten haben. Aber dennoch bringt es „In den Gängen“ fertig, seine Charaktere mit einer Solidarität und Wärme auszustatten, die absolut herausstechend ist.

Dies hängt natürlich auch mit den großartigen Schauspielern zusammen. Franz Rogowski (den man aus „Victoria“ kennen könnte), spielt Christian. Er bekommt kaum ein Wort heraus und erscheint sozial alles andere als vorzeigbar oder kompatibel. Doch die Art und Weise, wie er sich in Süßwaren-Marion verliebt, sich ihr mit unglaublich putzigen Einfällen annähert und sie letztendlich auch beschützen möchte, ist einfach nur schön. Man sollte Rogowski definitiv im Auge behalten. Christians Herzensdame wird von Sandra Hüller gespielt, die mir schon in „Toni Erdmann“ äußerst positiv aufgefallen ist. Die Darstellerin zeigt nach außen diese kecke und provokante Hülle, die aber im Grunde einen unglaublich fragilen und verletzlichen Kern umgibt. Beides balanciert Hüller hervorrangend aus, oft sogar in ein und derselben Szene. Erwähnen möchte ich auch unbedingt Peter Kurth in der Rolle des Bruno. Zu seinem Schützling Christian ist der erfahrene Arbeiter durchaus direkt und ruppig, aber gleichzeitig entwickelt sich auch eine Art Vater-Sohn-Verhältnis, welches dem Zuschauer schnell ans Herz geht.

„In den Gängen“ ist ein vielschichtiger Film, der seine Ebenen fast schon poetisch miteinander verknüpft. Musikstücke wie „An der schönen blauen Donau“ spielen hier mit rein, ebenso die interessante und den Zuschauer gut mitnehmende Kameraarbeit. Neben all der Wärme, die der Film inne hat, werden aber auch gesellschaftskritische Töne angeschlagen. Es wird klar, dass die Figuren des Films – allen voran natürlich Christian, Marion und Bruno – zutiefst traurige und einsame Menschen sind, die gewissermaßen in die Parallelwelt Großmarkt entfliehen, und dort Menschlichkeit, Zusammenhalt und Respekt erfahren.

An diesen ruhigen, aber sehr einprägsamen und ehrlichen Filmbeitrag aus Deutschland verteile ich starke 8 von 10 Popcornguys. Und ja, auch Gabelstaplerfahrer Klaus hat seinen Auftritt.

Solo: A Star Wars Story

Originaltitel: Solo: A Star Wars Story
Regie: Ron Howard
Drehbuch: Jonathan Kasdan, Lawrence Kasdan
Musik: John Powell, John Williams
Darsteller: Alden Ehrenreich, Woody Harrelson, Emilia Clarke

Diese Kritik kann Spuren von SPOILERN enthalten.

Corellia, einige Jahre nach der Machtübernahme des Imperiums: Der junge Han Solo (Alden Ehrenreich) lebt in einer Welt, die von Verbrechersyndikaten beherrscht wird. Er hält sich mit kleineren Gaunerein über Wasser, träumt aber zusammen mit seiner Freundin Qi’ra (Emilia Clarke) von einem Leben als Pilot. Bei einem Fluchtversuch von ihrer Heimatwelt wird das Pärchen getrennt und Han verpflichtet sich für die imperialen Streitkräfte. Über einige Umwege lernt er den Kriminellen Tobias Beckett (Woody Harrelson) kennen, der wiederum für den Verbrecherboss Dryden Vos (Paul Bettany) arbeitet. Zusammen planen sie den Raub von äußerst wertvollem Raumschiff-Treibstoff. Die Bündnisse stehen auf wackligen Beinen und es ist fraglich, wem überhaupt vertraut werden kann. Doch Han braucht das Geld, um der Verwirklichung seiner Träume näher zu kommen.

Ist es unbedingt nötig, die Geschichte des jungen Han Solo zu erzählen? Nun, bei der Frage nach der Notwendigkeit vertrete ich hin und wieder die radikale Meinung, dass in Sachen „Star Wars“ mit „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ alles Notwendige bereits erzählt wurde. Das war 1983. Aber da sich Hollywood nicht zwingend für meine Meinung interessiert, haben wir inzwischen eine ganze Menge an „Star Wars“-Filmen. Über die Prequels brauche ich nicht mehr viele Worte zu verlieren, von daher können wir gleich zu den neueren Werken kommen. Disneys softe Reboot „Das Erwachen der Macht“ mag an vielen Punkten „Eine neue Hoffnung“ kopieren, ist aber ein guter Unterhaltungsfilm mit vielen schönen Momenten. Natürlich profitiert er auch davon, dass die vorangegangen Prequels so furchtbar waren und er den Hunger nach dem alten „Star Wars“-Feeling gut bedient. „Die letzten Jedi“, die achte Episode der Saga, kommt da etwas mutiger und neuartiger daher, erscheint mir bei genauerer Betrachtung aber eher wie eine Art progressiver Scheinangriff. Im Grunde verharrt doch vieles im Stillstand und die Inszenierung (besonders hinsichtlich des Humors) wirkt oftmals unpassend und bizarr. Wir werden sehen, wie diese neue Trilogie letztendlich einzuordnen ist, wenn sie 2019 mit der neunten Episode vorläufig abgeschlossen wird.

Neben der fortlaufenden Hauptgeschichte gibt es nun aber auch die Spin-offs, die mal nach links und rechts blicken und diverse Nebenschauplätze beleuchten. Der erste Film dieser Art war „Rogue One“. Dieses Werk kann ich eigentlich nur als „Star Wars“-Porno bezeichnen. Die optischen Reize sind gegeben und lösen entsprechende Reaktionen bei Fans aus, aber eigentlich ist das nur Biologie. Story und Charaktere, also das, was einen Film in der Regel ausmacht, sind bei „Rogue One“ überaus unterentwickelt. Der Ausgang der Geschichte (selbstverständlich werden die Baupläne des Todessterns von den Rebellen ergattert) ist von vornherein klar, was nicht gerade für Spannung sorgt. Bleiben also die Charaktere, bei denen aber mal so gar nichts hängen bleiben wollte. Es wäre nun falsch zu behaupten, ich hätte bei „Rogue One“ gar keinen Spaß gehabt, denn die optischen Reize haben wie gesagt ihre Wirkung. Aber insgesamt war das doch sehr durchschnittliche Kost.

„Solo: A Star Wars Story“ ist nun das zweite Spin-off der Saga. Und es stand unter keinem besonders guten Stern. Ursprünglich wurde das junge und dynamische Regie-Duo Phil Lord und Chris Miller („21 Jump Street“, „The LEGO Movie“) von Disney beauftragt, allerdings gab es kreative Differenzen mit Produzentin Kathleen Kennedy und Drehbuchautor Lawrence Kasdan. Man war mit der Arbeitsweise und dem Humor von Lord und Miller nicht zufrieden, was zum Rauswurf führte. Zu diesem Zeitpunkt waren die Dreharbeiten zu „Solo“ jedoch schon weit fortgeschritten. Regie-Veteran Ron Howard („Apollo 13“, „Rush“) sprang ein und drehte große Teile des Films komplett neu. Ehrlich gesagt habe ich meine Erwartungen stark runtergeschraubt, beziehungsweise rechnete ich mit einem ziemlichen Clusterfuck. Aber tatsächlich wurde ich positiv überrascht: Aus „Solo“ ist ein durchaus unterhaltsames Filmchen geworden, der weder die schlechten Kritiken, noch die mauen Besuchszahlen verdient.

Knackpunkt scheint für viele Hauptdarsteller Alden Ehrenreich zu sein. Nun, sagen wir es mal so: Wir bekommen den jungen Harrison Ford nicht zurück und auch allgemein gehören männliche Filmhelden wie Han Solo oder Indiana Jones wohl (leider) der Vergangenheit an. Dem kann man nun hinterher weinen, man kann aber auch probieren, mit dem zu leben, was man bekommt. Und ich muss sagen, dass Ehrenreich seinen Job nicht schlecht macht. Seine Präsenz ist vielleicht ausbaufähig, doch Charme ist erkennbar und ich hatte nach dem Film tatsächlich ein wenig Lust auf weitere Abenteuer mit dieser Verkörperung Han Solos. An Ehrenreichs Seite spielt Donald Glover den jungen Lando Calrissian. Man kann ihn wohl als heimlichen Star des Films bezeichnen, denn der modebewusste und schlitzohrige Charmebolzen liegt Glover ausgezeichnet. Von Han und Lando abgesehen wird es bei den Charakteren leider etwas dünn. Woody Harrelson und Paul Bettany spielen ihre Rollen solide, werden aber kaum groß im Gedächtnis bleiben. Emilia Clarke ist süß und macht einen ordentlichen Job, die Liebesbeziehung zwischen Han und Qi’ra funktioniert auch einigermaßen, zählt aber nicht zu den Glanzmomenten des Films. Thandie Newton, die man aus der Sci-Fi-Serie „Westworld“ kennen könnte, wirkt ein wenig verschenkt. Hinzu kommen ein belangloses CGI-Männchen und eine absolut nervige, feministische Revoluzzer-Droidin. Letztere ist derart aufdringlich und over the top, dass sie unmöglich als ernsthaftes politisches Statement gedacht sein kann. Vielleicht eher als Meta-Kommentar oder Gag – der aber blöderweise nicht funktioniert.

Die Handlung von „Solo“ ist spürbar um gewisse Punkte herumgeschrieben, die man den Fans nicht vorenthalten wollte: Han trifft Chewbacca, Han trifft Lando, Han trifft Millenium Falken. Der Rest scheint auf diese Szenen abgestimmt zu sein, was aber aus mehreren Gründen nicht schlecht ist. Zum einen funktionieren die besagten Punkte sehr gut (besonders das erste Treffen zwischen Han und Chewie hat mir wirklich gefallen), zum anderen wirkt die Handlung (trotz holprigem Start und konstruiert wirkendem Gesamtcharakter) relativ stimmig. Es hätte weitaus schlimmer kommen können, wenn man den Regie-Wechsel während der Dreharbeiten bedenkt. Doch anders als beispielsweise bei „Justice League“ springen einem bei „Solo“ keine spontan hineingequetschten Szenen ins Gesicht. Man erkennt, dass Ron Howard routiniert und ein guter Handwerker ist. Die obligatorischen „Star Wars“-Referenzen kommen in der Regel recht organisch und subtil daher, und auch der Humor ist meistens angenehm und dezent. Man hat in Sachen Witz eine Dosis gefunden, die mir zusagt, und vielleicht ist gerade unter diesem Gesichtspunkt der Rauswurf von Lord und Miller nicht das Schlechteste, was dem Film passieren konnte.

Der Soundtrack ist solide, besticht aber lediglich in den Momenten, wo bereits bekannte Töne aus der klassischen Trilogie erklingen. In Sachen Musik ist es also ganz ähnlich wie bei allen bisherigen „Star Wars“-Filmen von Disney. Leider war von den rockigen Klängen, wie man sie in den Trailern zu „Solo“ vernehmen kann, nichts zu hören. Die Effekte sind gut bis sehr gut, doch das ist bei Produktionen dieser Größe eigentlich schon Standard. Mit der Kamera wird hin und wieder interessant gespielt, allerdings muss ich sagen, dass mir das Bild durchweg zu dunkel war. Auf der ein oder anderen Welt mag das Sinn machen, aber die Farbentsättigung war im Grunde permanent und in manchen Szenen war es schwer, überhaupt etwas klar erkennen zu können. Da hätte man ruhig ein wenig bunter sein können.

Am Ende möchte ich noch kurz auf den Cameo-Auftritt eines tot geglaubten Charakters eingehen. Den Namen nenne ich aus Spoilergründen nicht, denn ich persönlich war in dem Moment schon sehr überrascht. Doch eine Überraschung ist nicht immer positiv. Wenn ich in einem Restaurant sitze und eine Flutwelle durch die Fensterscheiben bricht, ist das zwar unerwartet, aber nicht gerade angenehm. Insofern weiß ich noch nicht so wirklich, wie ich den besagten Cameo-Auftritt in „Solo“ einordnen soll. So ganz schmecken mag mir die Figur in dem Kontext nicht. Das Ganze unterstreicht vor allem diesen endlosen und bedeutungslosen Soap-Charakter, wie man ihn aus der Marvel-Filmreihe kennt: Nichts hat wirkliche Konsequenzen, niemand muss wirklich tot bleiben, man kann alles und jeden über viele Jahre hinaus verwenden und die feuchtesten Fanboy-Träume wahr werden lassen. Das ist eine Richtung, die ich mir für „Star Wars“ nicht wünsche, die aber leider unumgänglich sein wird.

Fazit: Alles in allem ist „Solo: A Star Wars Story“ ein durchaus unterhaltsames Weltraum-Abenteuer mit einigen Schwächen, aber vielen guten Momenten, die für einen angenehmen Kinoabend sorgen. Ich empfehle, die schlechten Kritiken zu ignorieren und dem Film eine Chance zu geben. Verdient hat er es. Es gibt 7 von 10 Popcornguys!

Ingrid Goes West

Originaltitel: Ingrid Goes West
Regie: Matt Spicer
Drehbuch: Matt Spicer, David Branson Smith
Musik: Nick Thorburn
Darsteller: Aubrey Plaza, Elizabeth Olsen, O’Shea Jackson junior

Charlotte heiratet und es ist ein schönes Fest – bis eine junge und der Hochzeitsgesellschaft unbekannte Frau aufkreuzt und die Braut mit Pfefferspray angreift. Der ungebetene Gast wird daraufhin in eine Psychiatrie eingewiesen. Bei der Hochzeits-Crasherin handelt es sich um Ingrid (Aubrey Plaza). Sie ist Instagram-Stalkerin und verfolgte Charlottes Leben (die eben jenes natürlich auch großzügig preis gab) lange Zeit über die sozialen Medien. In Ingrids Wahrnehmung entsprechen Internet-Freundschaften den realen und so reagierte sie recht aggressiv auf die ausbleibende Hochzeitseinladung. Doch Ingrid verlässt die Psychiatrie und erbt dazu noch einen hohen Geldbetrag. Damit kann sie sich den Umzug nach Los Angeles leisten, wo ihr nächstes „Opfer“ lebt: Influencerin und Instagram-Sternchen Taylor (Elizabeth Olsen). Ingrid versucht, ihrem neuen Idol nachzueifern und näher zu kommen – wobei sie vor nichts zurückschreckt.

„Ingrid Goes West“ ist das Regie-Debut von Matt Spicer und hatte hierzulande keinen Kino-Release – was bedauerlich ist, denn es handelt sich um eine schwarzhumorige Tragikomödie mit viel aktuellem Inhalt, welche die Aufmerksamkeit eines größeren Publikums verdient hätte.

Plattformen wie Facebook, Twitter, Snapchat und Instagram sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Die meisten, die das hier lesen, stecken bis zu einem bestimmten Punkt ja selbst in den sozialen Medien. Dass diese allerdings auch im höchsten Grade assozial sein können, wird am filmischen Beispiel von Ingrid deutlich gemacht. Aubrey Plaza spielt – mit dem ihr eigenen trockenen Charme – eine Instagram-Stalkerin, die im Grunde keine eigene reale Persönlichkeit hat. Ihr gesamtes Dasein dreht sich um ihr Smartphone und insbesondere um die Personen, denen sie auf Instagram folgt. Sie sind ihre Idole, ihnen will sie gefallen, den ihrigen Lifestyle strebt sie an, Likes und Shares bestimmen ihr Selbstwertgefühl. Dabei gibt sie das, was sie möglicherweise selbst an Charakter besitzt, fast komplett auf und hat dabei auch wenig Skrupel, wenn es darum geht, ein Teil im Leben ihrer Social Media Stars zu werden.

Elizabeth Olsen spielt Taylor, Ingrids neuestes Opfer. Man kennt sie aus Blockbustern wie „Godzilla“ oder diversen Marvel-Filmen, aber auch aus Werken für das kleinere Publikum, wie beispielsweise „Wind River“. Sie ist eine Influencerin und verdient ihr Geld quasi damit, dass sie sich mit bestimmten Produkten ablichten lässt und dies dann auf ihren gut frequentierten Kanälen teilt. Ingrid kommt Taylor im Laufe des Films näher und dem Zuschauer wird rasch klar, dass es sich beim Instagram-Star um mehr Schein als Sein handelt. Gleiches trifft auf das reale Umfeld von Elizabeth Olsens Charakter zu. Egal, ob es sich um ihren Partner Ezra (Wyatt Russell) oder ihren wahnsinnigen Bruder Nicky (Billy Magnussen) handelt: Sie alle sind groß darin, nach außen hell zu strahlen und besonders zu wirken, doch eigentlich sind es ganz schön arme und schrecklich einsame Würstchen. Ingrid scheint – ähnlich wie der Zuschauer – diese Entdeckung zu machen, doch ob ein tatsächlicher Lernprozess einsetzt, darf bezweifelt werden. Der Film endet auf einer ziemlich bissigen und satirischen Note.

Diese inhaltliche Zusammenfassung liest sich nun ziemlich ernst und ja, das Thema ist ja auch ein ernstes. Matt Spicer inszeniert „Ingrid Goes West“ jedoch sehr leicht und unterhaltsam. Dies ist unter anderem dem Charakter Dan (O’Shea Jackson junior) zu verdanken. Der Sohn des Rappers Ice Cube spielt zwar auch einen Verlierer (er glaubt tatsächlich, dass er mit seiner Vorliebe für „Batman Forever“ ein großartiges Batman-Drehbuch schreiben kann), aber immerhin ist er ein Mann, den Ingrid real kennenlernt und der sich tatsächlich um das Wohl der geistig verwirrten Stalkerin sorgt. Ob sie dies zu schätzen weiß, ist allerdings eine ganz andere Frage.

Fazit: „Ingrid Goes West“ ist eine sehr unterhaltsame Tragikomödie mit gesellschaftskritischer Note, die einerseits für einen lockeren Filmabend sorgt, aber andererseits auch Fragen beim Zuschauer auslöst: Wo situiere ich mich selbst? Kontrolliere ich meine Teilhabe an den sozialen Medien? Oder ist es eher anders herum? Inwieweit können Facebook, Snapchat und Instagram unser Bedürfnis nach Aufmerksamkeit stillen? Helfen sie dabei, sich weniger einsam zu fühlen? Oder tritt doch eher das Gegenteil ein? Für den Zuschauer kann es durchaus lohnend sein, diese Fragestellungen an sich ranzulassen, vor allem, wenn sie in einem derart coolen und lustigen Film verpackt sind. Es gibt von mir starke 8 von 10 Popcornguys!