Bohemian Rhapsody

Originaltitel: Bohemian Rhapsody
Regie: Bryan Singer, Dexter Fletcher
Drehbuch: Anthony MacCarten, Peter Morgan
Musik: John Ottman, Brian May, Roger Taylor
Darsteller: Rami Malek, Gwilym Lee, Lucy Boynton

London, 1970: Der musikalische Design-Student Farrokh Bulsara – besser bekannt unter dem Namen Freddie – lauscht begeistert den Klängen einer jungen Rockband namens Smile. Dieser fehlt allerdings bald der Sänger, woraufhin Freddie mit seinem ausgefallenen Stil und seiner einprägsamen Bühnenpräsenz einspringt. Smile wird zu Queen und erobert innerhalb weniger Jahre die Radiocharts, auch mit eher experimentellen und gegen den Mainstream schwimmenden Songs. Sänger Freddie Mercury ist nun einer der populärsten Künstler des Planeten und führt ein turbulentes Leben zwischen kreativen Höhenflügen, wilden Partys und der Suche nach seiner Sexualität. Doch dann wird alles von einer niederschmetternden Diagnose erschüttert: Freddie hat Aids.

So ziemlich jeder dürfte aus dem Stand fünf Queen-Songs aufzählen können. Ein ausgesprochener Fan war ich persönlich nie, obwohl ich ja sagen muss, dass ich jeden mir bekannten Titel gut, einige sogar sehr gut finde. Mein Lieblingssong war lange Zeit „Another One Bites The Dust“ – wegen der phänomenalen Bassline. Und schließlich wird auch so ziemlich jeder zustimmen müssen, wenn Freddie Mercury als einer der größten Performer aller Zeiten betitelt wird.

Dementsprechend war ich auf den Queen-Film schon gespannt, nicht zuletzt wegen der starken Trailer. Skeptisch wurde ich, als man von den Turbulenzen hinter der Bühne erfahren hat. Ursprünglich sollte Sacha Baron Cohen die Hauptrolle spielen, doch er wurde von Rami Malek ersetzt. Gehen musste mittendrin auch Regisseur Bryan Singer. Und ein guter Trailer, der auf Queen-Musik getrimmt ist, muss noch kein Garant für einen guten Film sein. Siehe „Suicide Squad“.

Bekommen habe ich am Ende aber doch einen guten Film, der in hohem Maße unterhält. Handwerklich ist er einwandfrei. Das beginnt bei den schönen Kameraeinstellungen und hört bei der liebevollen Gestaltung des Soundtracks auf. Verwendet werden ausschließlich originale Queen-Liveaufnahmen, die man den Schauspielern rund um Rami Malek in den Mund, beziehungsweise aufs Instrument legt. So gesehen ist „Bohemian Rhapsody“ möglicherweise die beste und überzeugendste Mini Playback Show, die es gibt. Passenderweise liegt der Fokus des Films auf der Band und der Musik. Besonders gelungen finde ich jene Szenen, die – sicherlich gestrafft und etwas romantisierend – die Entstehungsprozesse von Songs wie „Bohemian Rhapsody“, „We Will Rock You“ oder „Another One Bites The Dust“ veranschaulichen. Hier merkt man auch die gute Chemie zwischen den durchweg perfekt gewählten Darstellern. Als Finale wird der Auftritt bei Live Aid 1985 gewählt, bei welchem das Wembley Stadion und das dazugehörige Konzert auf beeindruckende Weise dargestellt werden. Bestimmt hätte man auch aus der eigentlichen Abschiedstour und dem tragischen Tod von Freddie Mercury ein denkwürdiges Filmende machen können. Doch die hier gewählte Variante ist gut und passend, denn sie zeigt, dass Queen als Band funktionert – und das war für mich ein wichtiges Thema des Films.

Unumstritten ist „Bohemian Rhapsody“ allerdings nicht. Kritiker bemängeln, dass Themen wie Drogenkonsum oder Homosexualität höchstens angeschnitten und nicht ausreichend vertieft werden. Ich persönlich bin diesbezüglich weniger enttäuscht, weil ich es wie gesagt gut finde, dass der Fokus eher auf Band und Musik liegt. Es ist möglich, dass man auf anderen Wegen die Person Freddie Mercury vielleicht besser kennengelernt hätte. Andererseits: Ist das bei einer solchen Ikone denn wirklich notwendig? Queen-Fans könnten Probleme damit haben, dass chronologisch gesehen einiges durcheinander kommt. Viele Songs entstanden zu anderen Zeitpunkten und auch die Aids-Diagnose wurde vorgezogen, um das Finale emotional aufladen zu können. Sicherlich, bei einem Spielfilm sind derartige Kniffe im Sinne der Dramaturgie notwendig. Trotzdem habe ich für diejenigen Fans Verständnis, die wegen dieser Ungereimtheiten enttäuscht sind.

Alles in allem ein unterhaltsames Musikdrama mit starker Mukke, überzeugenden Darstellern, guten Lachern und einer Prise Tragik. Ach ja, und wenn es um Live Aid 1985 geht, kommt man natürlich auch als U2-Fan auf seine Kosten. Zumindest ein paar Sekunden lang. 8 von 10 Popcornguys!

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In aller Kürze: „Searching“, „Venom“ und „A Star Is Born“

SEARCHING

David Kim (John Cho) ist der alleinerziehende Vater der 16-jährigen Margot (Michelle La). Seit dem Tod der Mutter ist die Beziehung zwischen den beiden schwierig. Sie kommunizieren überwiegend online, sehen sich dabei kaum und entfremden sich voneinander. Eines Abends ist Margot auswärts bei einer Lerngruppe, kommt nachts jedoch nicht nach Hause. David verständigt die Polizei und die Suche beginnt. Der verzweifelte Vater arbeitet von Anfang an eng mit Detective Rosemary Vick (Debra Messing) zusammen und durchforstet sämtliche soziale Medien nach Hinweisen. Als die Ermittlungen zu keinem Erfolg führen, handelt David zunehmend auf eigene Faust.

Das offensichtlichste Merkmal von „Searching“ ist seine ungewöhnliche Inszenierung. Die komplette Handlung wird dem Zuschauer über Skype-Konferenzen, Google-Suchen, Instagram-Bilder oder Youtube-Videos präsentiert. Man ist sozusagen ständig vor dem Bildschirm eines Computers oder Smartphones. Dass dies einen Film nicht nur tragen, sondern im Falle von „Searching“ richtig gut werden lässt, ist faszinierend – aber gleichzeitig auch ein wenig erschreckend. Ziemlich subtil und ausgewogen schwingen die Pros und Cons unser heutigen digitalen Welt mit. Gleichzeitig ist die Inszenierung nicht nur ein Gimmick. „Searching“ ist tatsächlich ein überaus spannender Thriller, mit unerwarteten Wendungen und einem intensiven, charaktergetragenen Ende. Ein feiner, herausstechender Film, den ich unbedingt empfehlen möchte. 8 von 10 Popcornguys!

VENOM

Der investigative Journalist Eddie Brock (Tom Hardy) ist an einer ganz heißen Sache dran: Die „Life Foundation“, ein milliardenschwerer Konzern, experimentiert mit außerirdischen Symbionten und riskiert dabei das Leben von Testpersonen. Bei seinen Recherchen setzt Eddie nicht nur seine Karriere, sondern auch seine Beziehung aufs Spiel. Schließlich kommt er mit einer der gefährlichen Lebensformen in Kontakt und wird zu Venom, einer enorm starken und unberechenbaren Kreatur.

Venom ist der vermutlich intimste Feind von Spider-Man. Er setzt sich aus einem Journalisten, der Peter Parker hasst, und einem außerirdischen Symbionten, der sich von Spidey betrogen fühlt, zusammen. Zumindest ist das Venoms Origin in den Comics. Der aktuelle Blockbuster jedoch kommt zunächst ganz ohne Spider-Man aus. Als Fan der Vorlage war ich also gespannt, ob der Film mir eine ähnlich interessante Origin bieten kann. Anfangs sah es ganz danach aus. Das Drehbuch liefert einige interessante Ansätze – investigativer Journalismus, Silicon-Valley-Kritik, Überbevölkerung, Armut und gesellschaftliche Spannungen sind hier zu nennen. Dazu beginnt „Venom“ relativ geerdet und hat mit Tom Hardy ein schauspielerisches Ass im Ärmel. Allerdings kann der Film im weiteren Verlauf nicht allzu viel mit seinen interessanen Bausteinen anfangen. Die Beziehung zwischen Eddie und dem Symbionten wird nicht ausreichend erklärt, hinzu kommen die übliche CGI-Action (die sowohl langweilig, als auch unübersichtlich ist), ein nicht gut genug ausgearbeiteter Bösewicht und Gags, die nicht allesamt zünden. „Venom“ hat Potential, schöpft es aber leider nicht aus. 5 von 10 Popcornguys!

A STAR IS BORN

Rockstar Jackson Maine (Bradley Cooper) ist auf der Bühne ein Star, leidet abseits davon aber unter massiven Alkoholproblemen. Nach einem Konzert entdeckt er in einer Bar die Kellnerin Ally (Lady Gaga), die mit einer unglaublichen Stimme einen Song präsentiert. Die beiden kommen sich näher, schreiben zusammen Lieder und treten gemeinsam auf. Doch während Ally berühmter und erfolgreicher wird, befindet sich Jackson wegen seiner Sucht auf dem absteigenden Ast.

Bradley Coopers Regiedebut „A Star Is Born“ ist momentan in aller Munde und wird als heißer Favorit für die bevorstehende Award-Season gehandelt. Mich allerdings konnte er nicht überzeugen. Er beginnt relativ verheißungsvoll und kann insbesondere während der atmosphärischen Konzertaufnahmen überzeugen. Cooper ist nicht nur ein guter Schauspieler, sondern auch ein passabler Sänger – hierbei muss jedoch erwähnt werden, dass die Musikrichtung seines Charakters grob meinem Musikgeschmack entspricht. Sein Gegenpart ist Lady Gaga. Die Frau ist mir persönlich zu schrill und mit ihrem Musikstil löst sie bei mir eher weniger aus, obgleich ich trotzdem zugeben muss, dass sie objektiv betrachtet eine starke Stimme hat. Ohne allzu viel Schminke sieht sie sogar sehr hübsch aus. Als Schauspielerin liefert sie solide ab, wobei ihr das Drehbuch auch keine subtilen Entwicklungen abverlangt. Der Film ist stattdessen relativ ruckartig und obwohl die Chemie zwischen Cooper und Gaga stimmt, kam bei mir nicht sonderlich viel an. Langweilig und ohne viel Biss plätschert die Handlung dahin, aus den Konflikten wird zu wenig gemacht. Recht schnell kommt einem „A Star Is Born“ viel zu lange vor und man muss sich bis zum Ende durchkämpfen. Hier passiert zwar etwas, was einen mitnehmen müsste, aber emotional wurde für mich einfach zu wenig Vorarbeit geleistet. Es würde mich nicht überraschen wenn der Film bei den nächsten Oscars eine große Rolle spielt, aber Preise kann ich ihm nicht so wirklich gönnen. 6 von 10 Popcornguys!

Avatar: Der Herr der Elemente

Originaltitel: Avatar: The Last Airbender
Idee: Michael Dante DiMartino, Bryan Konitzko
Musik: Benjamin Wynn, Jeremy Zuckerman
Synchronsprecher: Zach Tyler Eisen, Mae Whitman, Jack DeSena

Die Welt steht am Abgrund: Eigentlich lebten die vier Nationen, welche sich besonders mit den Elementen Wasser, Feuer, Erde und Luft verbunden fühlen, stets in Harmonie miteinander. Der Wächter dieser Welt, und Herr über alle vier Elemente, der Avatar, hielt über Jahrhunderte hinweg alles im Gleichgewicht. Doch als die Feuernation den Krieg ausrief, verschwand der Avatar spurlos. 100 Jahre später entdecken die Wasserbändigerin Katara (Mae Whitman) und ihr Bruder Sokka (Jack DeSena) aus dem Wasserstamm einen im Eis eingeschlossenen Jungen, der sich als der verschwundene Avatar entpuppt.

Nachdem kürzlich von Netflix die Produktion einer Live-Action-Serie, gemeinsam mit den ursprünglichen Machern, angekündigt wurde, und ich die großartige Cartoonserie aus den Jahren 2005-2008 aktuell wieder binge, ist es Zeit, „Avatar: Der Herr der Elemente“ hier vorzustellen. Ich erinnere mich gerne an so manche Nachmittage, die ich gelangweilt durch das Fernsehprogramm zappte, und bei dieser wirklich coolen Serie hängen blieb. Eine glaubwürdige, asiatisch angehauchte Welt, mit Menschen, die ihre Kampfkünste mit der Kontrolle über die Elemente paaren können, einer Figur des Avatar, der in einem Zyklus immer wieder wiedergeboren das Gleichgewicht in der Welt halten muss, interessante und witzige Charaktere und eine überaus spannend erzählte Geschichte. Avatar hat mich fasziniert, vor allem weil die Serienschöpfer zwar vordergründig eine klassische Saga über den Kampf des Guten gegen das Böse erzählen, dabei aber immer mehr Nuancen einwebten, die gerade den Menschen der gegnerischen Feuernation viel Tiefe verleiht. Oder um es mit Arthur Neville Chamberlaine zu sagen: „Im Krieg gibt keine Gewinner, sondern alle sind Verlierer.“ Am besten gelingt dies mit dem Portrait des Prinz Zuko (Dance Basco), der vom Feuerlord Ozai (Mark Hamill) ausgestoßen, seine Ehre und die Gunst seines Vaters wiedererlangen möchte, und sich dabei auf die Jagd nach dem Avatar begibt. Seine Reise, sein sich verändernder Blick auf die Vergangenheit und die Erkenntnis seiner Bestimmung verleihen seinem Charakter eine Tiefe, die wohl kaum einem Serienantagonisten zuteil wird.

Auch die Gruppe um Aang, die sich nach und nach in größere Abenteuer stürzt und den Avatar auf seinem Weg unterstützt, wächst ans Herz. Dabei scheut sich die Serie nicht, ihren einzelnen Charakteren viel Zeit einzuräumen und einzelne Episoden zu widmen. Ebenso experimentierfreudig verhält es sich mit der Gestaltung einzelner Episoden, die mal einen tragischeren, mal einen humorvollen oder einen gruseligen Ton erhalten.

„Avatar: Der Herr der Elemente“ fährt mit einer bunten, aber ernsten Welt auf, in die man gerne eintaucht. Die Charaktere stellen sich immer wieder ihren Ängsten, was nicht nur zu wichtigen Entscheidungen führt, sondern auch ihren Weg formt. Und nicht zuletzt entführt die Serie den Zuschauer in eine zwar kindgerechte, aber durchaus erwachsene Geschichte, die Werte wie Freundschaft, Liebe und Vergebung hoch hält.

Egal was die neue Netflixproduktion bringt – ein Blick auf die herzliche, aber faszinierend spannende Cartoonserie lohnt sich auf jeden Fall!

P.S.: Manche mögen sich erinnern, dass M. Night Shyamalan 2010 einen Realfilm produziert hat, der schon kurz nach Erscheinen als größte Grütze des Jahres gebrandmarkt wurde. Also ja, hab ich nie gesehen, daher auch hier nicht erwähnt.

Thelma

Originaltitel: Thelma
Regie: Joachim Trier
Drehbuch: Joachim Trier, Eskil Vogt
Musik: Ola Fløttum
Darsteller: Eili Harboe, Kaya Wilkins, Henrik Rafaelsen

Die Norwegerin Thelma (Eili Harboe) studiert Biologie an der Universität in Oslo. Ihrem neuen sozialen Umfeld begegnet die konservativ und streng christlich erzogene junge Frau schüchtern und introvertiert. Am liebsten hält sie sich alleine in der eigenen Wohnung auf, wo jeden Abend Kontrollanrufe der überfürsorglichen Eltern erfolgen. Die Dinge ändern sich, als Thelma Anja (Kaya Wilkins) kennenlernt, sich mit ihr anfreundet und ihr allmählich näher kommt. Allerdings leidet die Biologie-Studentin immer wieder unter Anfällen, die mit beunruhigenden und übernatürlichen Erscheinungen einhergehen.

Filme mit Protagonisten, die mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattet sind, beschränken sich in der breiten Wahrnehmung zumeist auf zwei Comicfilm-Ketten: Marvel und DC. Ähnlich wie die Fastfood-Konzerne McDonald’s und Burger King liefern die beiden Comic-Riesen Jahr für Jahr mehr oder weniger die gleiche Soße ab. Und ähnlich wie bei den Burger-Konzernen ist auch bei Marvel und DC einer der beiden erfolgreicher als der andere. Angesichts dieser lautstarken Giganten kommen die wenigen kleinen Filme, die sich ebenfalls dem Thema der übernatürlichen Fähigkeiten widmen, notgedrungen sehr leise daher. Ich denke jetzt beispielsweise an „Midnight Special“ aus dem Jahr 2016. Ebenso leise – doch meiner Meinung nach ein Stückchen stärker – hat sich nun „Thelma“ in mein Heimkino geschlichen.

Zunächst bietet der Film in Sachen Story nichts Neues oder großartig Interessantes: Schüchternes Mädchen vom Land, streng religiös und konservativ erzogen, trifft in der großen Stadt auf moderne Jugendliche, die sich in Form von Partys, Alkohol und Drogen Zwängen der anderen Art hingeben. Nach und nach verlässt Thelma dabei ihr bisheriges Schema und testet die Grenzen neu aus – wobei die Freundschaft zu Anja durchaus als Katalysator zu sehen ist. Die Schauspieler machen dabei ihre Sache sehr gut, besonders die Präsenz von Hauptdarstellerin Eili Harbour ist hervorzuheben. Und trotzdem ist der Film bis hierhin nicht sonderlich aufregend. Ehrlich gesagt hat mich die plakative Ausgangslage sogar ein wenig gestört, denn anscheinend sehen sich die meisten Filmemacher nicht in der Lage, die Christen in ihren Geschichten anders als fanatisch oder weltfremd darzustellen. Aber ich sollte von „Thelma“ noch überrascht werden – und zwar in vielerlei Hinsicht.

Relativ früh mischen sich in das Drama Elemente von Thriller, Mystery und Horror. Dies wird spätestens dann deutlich, wenn Thelma in der Universitätsbibliothek ihren ersten Anfall hat, im Zuge dessen mehrere Vögel an die Fensterscheiben schlagen. Hitchcock lässt grüßen. Die junge Frau fühlt sich nun nicht nur aufgrund ihres sozialen Hintergrunds als Außenseiterin. Sie scheint darüberhinaus gewisse Fähigkeiten zu haben, die sie zu etwas Besonderem machen, ob sie das nun will oder nicht. Die übernatürlichen Elemente nehmen nach und nach zu und erzeugen – unterstützt vom Soundtrack und einer hervorragenden Kameraführung – einen fast schon hypnotischen Sog. Der Film hält die Spannung quasi über seine gesamte Laufzeit, auch wenn das Tempo hinten raus ein wenig nachlässt. Hier erfolgen allerdings Wendungen und Auflösungen, die Thelmas Emanzipation auf eine andere Ebene hieven und vieles in einem neuen Licht erscheinen lassen – unter anderem die allzu streng-religiösen Eltern, was für mich persönlich ein angenehmer Kniff war. Gekrönt wird das Ganze von ein paar wirklich harten Szenen, die einem stark unter die Haut gehen. Und zwar ganz ohne Blut und Gore.

Das Ende hat durchaus einen offenen Charakter und lädt zu der ein oder anderen Spekulation ein. Aber mehr in die Details soll es an dieser Stelle nicht gehen, denn ich möchte für „Thelma“ eine klare Empfehlung aussprechen. Für diese ruhige, aber doch recht intensive und wunderschön gemachte Filmperle gibt es stolze 8 von 10 Popcornguys!

Serien-Special: Gravity Falls

Deutscher Titel: Willkommen in Gravity Falls
Idee: Alex Hirsch
Synchonsprecher: Kristen Schaal, Jason Ritter, Alex, Hirsch, J.K. Simmons

Die ungleichen Zwillinge Mabel (Kristen Schaal) und Dipper (Jason Ritter) verbringen ihre Sommerferien bei ihrem Großonkel Stan (Alex Hirsch), der in dem verschlafenen Städtchen Gravity Falls in Oregon lebt. Während der mürrische Grunkle Stan tagtäglich überlegt, wie er mit seinem Kuriositätenmuseum „Mystery Shack“ mehr Touristen anlocken kann, um seine gefälschten Ausstellungsgegenstände zu Geld zu machen, entdecken Mabel und Dipper bald, dass Gravity Falls keineswegs so langweilig ist, wie es scheint. Nachdem sie ein mysteriöses Tagebuch voller Hinweise auf seltsame Vorgänge und noch seltsamere Wesen entdecken, stellen sie fest, dass die Wälder um die Stadt von Fabelwesen und Kreaturen aus anderen Welten bevölkert werden. Noch ahnen sie nicht, dass dieses Tagebuch der Schlüssel zu einem viel größeren Geheimnis ist. 

Kindgerechte Zeichentrickserien mit tiefgründigem Humor sorgen nicht erst seit Spongebob Schwammkopf für gute Unterhaltung. Sicher, derbe Witze und anzügliche Anspielungen vermisst man in Gravity Falls schon, doch sind es gerade die subtile Komik und die wahnwitzigen Charaktere, die eine nicht nur interessante Geschichte erzählen, sondern dem Städtchen viel Charme und Leben einhaucht.

Angefangen bei Dipper, der möglichst jedem Hinweis zur Lösung der großen Geheimnisse nachgeht – wenn er nicht gerade damit beschäftigt ist, vor der Angestellten seines Onkels, Wendy (Linda Cardellini), einen guten Eindruck zu machen. Seine Zwillingsschwester Mabel jedoch lässt ihren kindlichen Launen freien Lauf und erfüllt das Haus mit purer Lebensfreude. Das hat die Mystery Shack auch bitter nötig, denn „Grunkle“ Stan ist ein mürrischer, geldgieriger Herr mit fragwürdigem Geschäftssinn und wenig Interesse für die paranormalen Vorgänge. Und so stellen sich Mabel und Dipper immer wieder ihrem Kampf gegen Zwerge, Multi-Bären, Zombies und Dämonen, nicht ohne jedoch auf die noch skurilleren Bewohner von Gravity Falls zu treffen, die in diese Welt passen wie die Faust aufs Auge. Je näher sie ihrem Ziel, den Autor der Tagebücher zu finden, kommen, umso gefährlicher wird es für die beiden.

Durch Runninggags, kreatives Storywriting und eine hervorragende Vertonung fesselt „Gravity Falls“ von der ersten Minute an, und zieht mit jeder Folge tiefer in eine verrückte Welt. Diese stehen teils für sich, bauen aber auch eine große Geschichte auf, die nach leider nur zwei Staffeln in einem fulminanten Finale ihren Höhepunkt erreicht.

Wer also Lust auf ein (leider sehr) überschaubares Serienerlebnis mit witzigen Charakteren, interessanten Entwicklungen und einer guten Prise Grusel hat, sollte Gravity Falls definitiv eine Chance geben. Und wer dann noch nicht genug hat, kann sich den fortführenden Comics zuwenden. Ich werde das jetzt jedenfalls tun. Uneingeschränkte Empfehlung! 

I Kill Giants

Regie: Anders Walter
Drehbuch/Vorlage: Joey Kelly
Musik: Laurent Perez del Mar
Darsteller: Madison Wolfe, Zoe Saldana, Imogen Poots

Die zwölfjährige Barbara (Madison Wolfe) ist eine Außenseiterin aus dem Bilderbuch. Stets in sich gekehrt wandelt sie durch die Wälder ihrer Heimat, wo sie Fallen und Köder anbringt – für Riesen. Ihren eigenen Worten nach, wenn sie sich mal jemanden gegenüber öffnet, ist sie Riesenjägerin. Ihre neue Freundin Sophia und ihre Schulpsychologin verstehen Barbaras Beweggründe mehr, je weiter sie ihr in ihrem gefährlichen Kampf folgen.

„I Kill Giants“ ist der erste Spielfilm des dänischen Regisseurs Anders Walter, der sich die Verfilmung einer Comicvorlage gewidmet hat. Das Drehbuch lieferte Joe Kelly, der ebenfalls die Vorlage verfasst hat. Damit lässt sich schon einmal grob festhalten, dass der Film seiner Grundlage gerecht werden kann.

Was aber bietet „I Kill Giants“ uns? Das Drama um eine Außenseiterin, die sich mit Mobbern im Schulalltag und Fabelwesen in der Freizeit beschäftigen muss, stellt die Zuschauer erbarmungslos vor große Fragezeichen. Nur wenig wird uns über die durchaus interessanten Charaktere eröffnet. So erfahren wir über die überforderte große Schwester Karen (Imogen Poots), die Schulpsychologin Mrs. Mollé (Zoe Saldana) und auch Barbara selbst herrlich wenig, und können uns lediglich anhand ihrer Taten und Aussagen viel (oder im Falle der Hauptfigur, eher wenig) zusammenreimen.
Die Geschichte stellt die Zuschauer also stets vor die Wahl zu entscheiden, ob die Dinge um Barbara nun real sind, oder ihrer Fantasie entspringen. Angesichts der düsteren Sicht, die Barbara durch das Anbringen von Fallen, Runenzaubern und der Verkündigung einer pessimistischen Zukunft fällt es aber nicht schwer, ihren Worten glauben zu schenken, vor allem da ihre reale Welt alles andere als ein angenehmes Lebensumfeld bietet.

Nicht unbegründet wird „I Kill Giants“ mit dem gefeierten „Sieben Minuten nach Mitternacht“ verglichen. Auch wenn dieser Film hier in seiner Art grober und düsterer daherkommt, ist dieser Vergleich vor allem inhaltlich absolut nachvollziehbar. Schöne Parallelen zieht der Film zwar zwischen Mobbing und dem Kampf mit den Riesen, doch gelingt das hier leider nicht so gut wie in „Sieben Minuten nach Mitternacht“. Ich persönlich finde es sogar schade, dass sich diese Filme so ähneln, denn „I Kill Giants“ hätte Potential gehabt, eine ganz einzigartige Geschichte zu erzählen.

Freunde von Fantasy und Coming of Age-Dramen machen hier allerdings nichts falsch, sondern lassen sich auf einen kleinen, besonderen Film ein, der die Herzen weich macht. 7 von 10 Popcornguys!

Sicario 2

Originaltitel: Sicario: Day Of The Soldado
Regie: Stefano Sollima
Drehbuch: Taylor Sheridan
Musik: Hildur Guðnadóttir
Darsteller: Benicio del Toro, Josh Brolin, Isabela Moner

Islamistische Terroristen werden über Grenze zwischen den USA und Mexiko in die Vereinigten Staaten geschmuggelt. Um dem entgegen zu wirken, soll CIA-Offizier Matt Graver (Josh Brolin) einen Krieg zwischen den mexikanischen Drogenkartellen anzetteln. Graver arbeitet wieder mit Auftragskiller Alejandro Gillick (Benicio del Toro) zusammen. Seine Aufgabe: Die Tochter eines Kartellbosses (gespielt von Isabela Moner) entführen und dies wie eine Aktion mexikanischer Gangster aussehen lassen.

„Sicario“ von Denis Villeneuve war einer der besten Filme 2015. Als es einige Zeit danach hieß, es solle eine Fortsetzung geben, war meine erste Reaktion: Och nö! Villeneuve war zudem nicht für den Regieposten vorgesehen, was meine Skepsis noch größer werden ließ. Allerdings sollte mich der „Ersatz“ beschwichtigen: Der italienische Regisseur Stefano Sollima wurde verpflichtet. Dieser lieferte mit „Suburra“ einen starken Mafia-Film vor römischer Kulisse ab, und so wurde ich wegen „Sicario 2“ doch wieder etwas optimistischer.

Doch wie ist denn nun der Film? Nun, um es kurz zu machen: „Sicaro 2“ ist ein solider und ordentlicher Thriller, der aber ein bis zwei Stufen unter dem Vorgänger anzusiedeln ist. Stärken liegen auch hier in der Bildsprache und im Soundtrack. Letzterer stammt nicht mehr vom kürzlich verstorbenen Komponisten Jóhann Jóhannsson, wird aber im ähnlichen Stil fortgeführt. Ein weiteres großes Plus sind die Darsteller. Josh Brolin ist die ultimative Kante und Benicio del Toro zählt ohnehin zu meinen liebsten Schauspielern. Auch Jungdarstellerin Isabela Moner kann in ihrer Rolle überzeugen. Positiv bewerten möchte ich auch die kernige und handgemachte Action, die eine mehr als angenehme Abwechslung zur CGI-überfrachteten 0815-Blockbuster-Action darstellt.

Allerdings hat „Sicario 2“ auch Schwächen, die sich größtenteils im direkten Vergleich mit dem ersten Teil ergeben. In Villeneuves Film herrscht permanente Spannung, Bild und Ton fördern hier ein unterschwelliges Brodeln und man hat als Zuschauer den Eindruck, eine bedrohliche Bestie würde nach und nach immer engere Kreise ziehen. Diese Dichte gibt es in „Sicario 2“ nicht, sie wird eher punktuell erzeugt. Ich denke, dass hier auch Charaktere und Drehbuch entscheidende Faktoren sind. Emily Blunt spielt im ersten Teil eine FBI-Agentin, die relativ naiv und unwissend in den mexikanischen Drogenkrieg hineingezogen wird und erst am Ende weiß, was die harten Männer um sie herum wirklich planen. Taylor Sheridan scheint in seinen Drehbüchern gerne Frauen in solchen Rollen zu sehen, man denke auch an Elizabeth Olsen in „Wind River“. Manch besorgter Feminist mag dieses Muster kritisieren, doch beim ersten „Sicario“ ist es meiner Meinung nach Emily Blunts Rolle zu verdanken, dass man als ebenso naiver und unwissender Zuschauer so gut und intensiv in die düstere Welt des Drogenkriegs hineingesaugt wurde. In „Sicario 2“ fehlt eine vergleichbare Identikationsfigur. Josh Brolin und Benicio del Toro spielen wie gesagt stark, aber es sind im Grunde „fertige“ Figuren, über die man nicht sonderlich viel erfährt und die mehr oder weniger nur Teile eines komplett verkorksten Umfelds sind. Diese alles umfassende Schlechtigkeit ist natürlich auch faszinierend und „Sicario 2“ funktioniert auch – aber das spannendere und mitreißendere Filmerlebnis ist einfach der erste Teil, in dem der Zuschauer auch entdecken kann, um was es eigentlich geht.

Fazit: Wer Lust auf einen ordentlichen und absolut soliden Thriller mit handgemachter Action und tollen Darstellern hat, macht mit „Sicario 2“ nichts verkehrt. Aber einen absolut großartigen Film sollte man wohl eher nicht erwarten. 7 von 10 Popcornguys!