Buddymoon

Regie: Alex Simmons
Musik: Gabriel Feenberg
Kamera: Peter Alton, Michael Lockridge
Darsteller: David Giuntoli, Flula Borg, Jeanne Syquia

Schauspieler David (David Giuntoli) wird kurz vor der Hochzeit von seiner Verlobten sitzengelassen. Ohne seinen besten Freund Flula (Flula Borg) droht er völlig in die Depression abzugleiten. Die beiden beschließen, die geplante Hochzeitsreise gemeinsam zu machen, und wandern durch die unberührten Weiten Nordamerikas. Dabei treten die Honeybuddys nicht nur in die Fußstapfen der großen Entdecker Lewis und Clarke, sondern sondern ordnen ihre Freundschaft neu.

Wieder mal so ein Film, der beim obligatorischen durchscrollen auf Netflix ins Auge fällt. Die Indiekomödie aus der Feder von Alex Simmons und den beiden Hauptdarstellern David Giuntoli und Flula Borg kommt einerseits wie ein konventioneller Buddy-Roadtrip daher, andererseits überrascht sie mit irrwitzigen Dialogen und stillen, nachdenklichen Momenten.

David, ein gebrochener Typ, der sich verzweifelt an seine Karriere klammert und sich selbst dabei im Wege steht, und Flula, der deutscheste Verrückte, den die USA zu bieten haben, ergeben ein gegensätzliches wie sich ergänzendes Team, das zwar nicht ohne das ein oder andere Buddyklischee auskommen kann, dafür aber zu jeder Zeit amüsiert. Zwischen großartig eingefangenen Naturaufnahmen sehen wir einem manisch herumtänzelnden Flula, während David nachdenklich in die Ferne starrt und missmutig hinterhertrottet.

„Buddymoon“ hat keine besonderen Überraschungen parat, ist selbst aber als Gesamtwerk ein richtiger Geheimtipp. Zwischen allem (nicht zu blödsinnigem) Klamauk schlägt der Film ernsthafte, gut durchdachte Töne zum Umgang mit Enttäuschungen, Liebe und Freundschaft von sich.

Fazit: Für einen netten Nachmittag oder einen witzigen Filmabend mit dem besten Kumpel ist „Buddymoon“ absolut geeignet. Wer schräge Komödien mag, greift hier nicht daneben! 8 von 10 Popcornguys

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The Florida Project

Titel: The Florida Project
Regie: Sean Baker
Drehbuch: Sean Baker, Chris Bergoch
Musik: Lorne Balfe
Darsteller: Brooklynn Prince, Bria Vinaite, Willem Dafoe

Die 6 Jahre alte Moonee (Brooklynn Prince) lebt zusammen mit ihrer Mutter Halley (Bria Vinaite) in einem Motel in Florida, ganz in der Nähe von Disney World. Die Verhältnisse der beiden sind ärmlich und sie zählen zu den gesellschaftlich Abgehängten. Während Moonee den Sommer mit ihren gleichaltrigen Freunden verbringt und allerlei Blödsinn anstellt, muss Halley jede Woche darum kämpfen, die Miete aufzubringen. Dabei sieht sie sich gezwungen, auch illegale Wege zu beschreiten. Motel-Manager Bobby (Willem Dafoe) muss einerseits auf sein Geld bestehen, sorgt sich aber andererseits um das Wohl der jungen Mutter und ihrer Tochter.

Es gibt Filme, bei denen man die vielen Oscar-Gewinne nicht wirklich versteht. Dazu zählt „Shape of Water“. Und dann gibt es Filme, die bei den Oscars praktisch untergehen, was man ebenso wenig versteht. Hierzu zählt „The Florida Project“, der – zumindest für mich – zusammen mit „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ zu den diesjährigen Kino-Highlights zählt.

Wir erleben den Film größtenteils aus der Perspektive der 6-jährigen Moonee und ihrer Freunde. Dieser Eindruck wird auch dadurch verstärkt, dass in vielen Szenen die Kamera lediglich auf der Höhe der Kinder arbeitet. Jungdarstellerin Brooklynn Prince liefert zusammen mit ihren gleichaltrigen Kollegen eine sehr glaubwürdige und authentische Performance ab. Die Kinder sind frech, charismatisch und putzig, betteln bei den wohlhabenden Touristen um Geld, kaufen und teilen sich anschließend Eis, bespitzeln die Nachbarin beim Sonnenbad, erkunden verlassene Hotel-Gebäude und bauen allerlei Mist. Als Zuschauer hat man bei all diesen kleinen Abenteuern seinen Spaß, hat aber stets im Hinterkopf, vor was für einem trostlosen und deprimierenden Hintergrund das alles eigentlich stattfindet. Und so schlagen in den letzten Szenen mit Moonee die Emotionen auch erbarmungslos zu.

An der Seite von Brooklyn Prince spielt Bria Vinaite, die praktisch eine Laiendarstellerin ist, ihre Rolle aber problemlos stemmt. Die junge Mutter ist vulgär, anstrengend und beratungsresistent, kurzum also ziemlich asozial. Die Umstände allein heben das auch nicht auf, was dazu führt, dass man sie als Zuschauer recht oft am liebsten schütteln würde. Doch dem Film gelingt ein wundervolles Kunststück, indem zu keinem Zeitpunkt Zweifel daran aufkommen, dass Halley ihre Moonee aufrichtig liebt. Die Mutter versucht – trotz der schwierigen Situation – ihrer Tochter ein möglichst schönes Leben zu ermöglichen und es ist teilweise erschreckend, welche Grenzen sie dafür überschreitet.

Den starken Cast vervollständigt Willem Dafoe. In der Regel spielt er ja eher Figuren, die psychisch nicht ganz stabil sind und gewisse mörderische Anwandlungen haben. Ganz anders ist es in „The Florida Project“. Motel-Manager Bobby ist natürlich darauf bedacht, seinen Laden am Laufen zu halten und sämtliche Mieten zu bekommen. Doch er hat ein großes Herz und in vielen Szenen versucht er auf ganz wundervolle Art und Weise, sich um Halley und die kleine Moonee zu kümmern. Es wirkt so, als würde Bobby gerne in eine Art Vaterrolle schlüpfen, was er letztendlich aber natürlich nicht kann. Und so ist auch er am Ende machtlos gegenüber der Situation und der Armut der Menschen um ihn herum. Willem Dafoe meistert diese großartige Rolle mit seiner sehr subtilen und angenehmen Darbietung.

„The Florida Project“ hat keine klassische Story zu bieten. Vielmehr geht es um eine Reihe von Momentaufnahmen aus dem Leben bestimmter Charaktere, die lose miteinander zusammenhängen. Möglichkerweise kann man das beim Film kritisieren, ich jedoch wurde total in diese Welt gezogen und habe alles um mich herum vergessen. „The Florida Project“ ist eine gefühlvolle Milieustudie, die von den harten Kontrasten lebt. Als Setting dienen größtenteils die lachhaft bunten Kulissen der Motels, die wohl ursprünglich für Touristen gebaut wurden, nun aber als Wohnungen für die Armen dienen. Disney World und der damit verbundene, milliardenschwere Superkonzern schwingen stets im Subtext mit und so wird das perverse kapitalistische Wirtschaftssystem verdeutlicht, in welchem einige wenige Sieger und sehr viele Verlierer produziert werden.

Ich spreche für „The Florida Project“ eine klare Empfehlung aus und verteile 9 von 10 Popcornguys!

Unersetzlich

Originaltitel: Irreplaceable You
Regie: Stephanie Laing
Produktion: Netflix
Darsteller: Gugu Mbatha-Raw, Michiel Huisman, Christopher Walken

Abbie (Gugu Mbatha-Raw) und Sam (Michiel Huisman) sind das perfekte Paar. Schon von Kindheitstagen an sind die beiden aller Unterschiede zum Trotz unzertrennlich. Für beide beginnen die großen Themen der Beziehung: Hochzeit, Kind, die neue Familie. Doch da lässt eine Diagnose alles ins Wanken geraten und das sorglose und schöne Leben in tiefe Dunkelheit tauchen: Abbie hat Krebs, eine Chance auf Heilung besteht kaum. Nun stellt sie sich nicht nur die Frage, wie sie mit ihrem bevorstehenden Tod umgehen soll, sondern wie sie auch ihren Verlobten Sam darauf vorbereiten kann, allein zu sein.

Schon mit der ersten Szene macht Regisseurin Stephanie Laing klar, dass „Unersetzlich“ keine leichte Komödie mit Happy End sein wird. Trotzdem gehen ihre Charaktere Abbie und Sam, die uns von grundauf positiv und humorvoll präsentiert werden, äußerst locker mit dem ernsten Thema um – nicht ohne immer wieder an der bitteren Wahrheit zu verzweifeln und uns als Zuschauer mit in diese Hoffnungslosigkeit reißen. Ihre Chemie ist wundervoll mit anzusehen, wobei Gug Mbatha-Raw eine unbeschwerte Glanzleistung hinlegt. Obwohl es für Abbie keine Hoffnung gibt, ist es doch ein Film voller Hoffnung, denn wir begleiten sie auf ihrer unwirklichen Reise, die traurige Wahrheit, dass Sam ohne sie nicht derselbe sein wird, so lange es geht hinauszuzögern.
An Abbies Seite steht nicht nur Sam, der stets optimistisch alle Spiele mitspielt, sondern auch eine tragisch-komische Selbsthilfegruppe voller skurriler Charaktere, allen voran Christopher Walken, der schrullig Weisheiten von sich gibt, und dabei der wichtigste Wegbegleiter für Abbie wird.

Nun, mögen die Kritiker anführen: Ein perfektes Liebespaar, ein zum Tode verurteilter junger Mensch und nachdenklich stimmende Dialoge sind ein sicheres Rezept für einen Film, der auf die Tränendrüse drückt und dabei nur gewinnen kann. Sicherlich spricht „Unersetzlich“ nicht Alle an. Ich jedoch erinnerte mich an letzte Worte, die ich mit Menschen gewechselt habe, bevor sie gestorben sind. Ich dachte darüber nach, was ich mit meinem Leben anfange, ich stellte mir vor, wie die Welt ohne mich wäre, ob und welche Lücke ich hinterlassen würde. Wenn das ein Film auslösen kann, hat er es verdient von vielen Menschen angeschaut zu werden.

Fazit: „Unersetzlich“ ist eine tragische Liebesgeschichte, die, zärtlich verfilmt, mit liebevollen Charaktern und bewegenden Momenten das Herz wärmt und die Augen befeuchtet. 7 von 10 Popcornguys

Maria Magdalena

Titel: Maria Magdalena
Originaltitel: Mary Magdalene
Regie: Garth Davis
Drehbuch: Helen Edmundson, Philippa Goslett
Musik: Jóhann Jóhannsson, Hildur Guðnadóttir
Darsteller: Rooney Mara, Joaquin Phoenix, Chiwetel Ejiofor

Israel, Anfang des 1. Jahrhunderts: Das Land ist von den Römern besetzt. Ein kleiner Teil der jüdischen Bevölkerung, zu der auch die Jerusalemer Priesteraristokratie gehört, profitiert von der Situation. Ein Großteil der Menschen jedoch lebt in armen Verhältnissen und sehnt sich nach dem Messias, einem echten König, der das Reich Gottes einläuten wird. In Magdala am See Genezareth lebt eine junge Frau namens Maria (Rooney Mara) mit ihrer Familie. Sie soll verheiratet werden und die üblichen Aufgaben einer Ehefrau übernehmen. Doch in Maria brennt die Sehnsucht nach einer Begegnung mit Gott, was sie zum Wanderprediger Jesus aus Nazareth (Joaquin Phoenix) führt. Sie schließt sich seiner kleinen Bewegung an und entwickelt ein tiefes Verständnis für seine Botschaft. Dies führt zu Auseinandersetzungen mit den männlichen Jüngern. Insbesondere Petrus (Chiwetel Ejiofor) betrachtet Maria mit skeptischen Augen. Die Konflikte verschärfen sich, als Jesus beschließt, mit seiner Botschaft in Jerusalem einzuziehen.

Die folgende Kritik enthält SPOILER und eine Menge fachlicher Ergüsse.

Kaum eine biblische Frauengestalt ist schillernder als Maria Magdalena. Als reuige Sünderin, ehemalige Prostituierte und potentielle Geliebte Jesu ist sie einer breiten Masse bekannt. Dabei gehen all diese Punkte auf Traditionen und Verschwörungstheorien zurück, biblisch fundiert ist davon nichts. Tatsächlich erzählen die Evangelien nicht allzu viel über Maria. Sie scheint die Wichtigste einiger Frauen gewesen zu sein, die Jesus als Jüngerinnen begleiteten. Vorgestellt wird sie über ihren Heimatort Magdala, was als Hinweis darauf zu werten ist, dass sie nicht oder nicht mehr verheiratet war. Laut Lukasevangelium trieb Jesus aus ihr sieben Dämonen aus, was man als physisches oder psychisches Leiden interpretieren könnte. In den Passionserzählungen steht sie – ganz im Gegensatz zu den männlichen Jüngern – am Kreuz und ist auch die erste Zeugin der Auferstehung.

Mehr ist es zunächst nicht, was die Bibel zu berichten hat. Im Laufe der Kirchengeschichte wurde Maria schließlich mit anderen, bislang namenlosen Frauengestalten des Neuen Testaments zusammengelegt. Zu erwähnen wäre hier beispielsweise die Sünderin, die Jesus die Füße wäscht, oder die Ehebrecherin, die nur knapp einer Steinigung entgeht. Von päpstlicher Seite aus wurden diese fehlerhaften und folgeschweren Identifikationen in der Spätantike gefördert und unterstützt. Das zeigte sich zunächst in der Kunst, wo Maria Magdalena auf vielen Bildern eine gewisse Erotik umgibt. In der Moderne griffen auch Spielfilme das Prostituierten-Thema auf oder stellten Maria sogar als Geliebte Jesu dar – mal mehr, mal weniger geschmackvoll. Die Exegese jedoch ging in den letzten Jahrzehnten (auch im Zuge der feministischen Theologie) einen anderen Weg. Man konzentrierte sich wieder auf die Evangelien und auch einige apokryphe Texte, die nicht in den Bibelkanon aufgenommen wurden. Maria Magdalena erfuhr dadurch eine Art Rehabilitation und gilt inzwischen als Apostolin, was sie auf eine gleiche Stufe mit den männlichen Jüngern Jesu stellt. Ihren Festtag hat sie dem aktuellen Papst Franziskus zu verdanken.

Nach dieser fachlichen Richtigstellung folgt nun mit „Maria Magdalena“ auch ein Film, der der biblischen Frauengestalt gerecht werden möchte. Und tatsächlich verzichtet man auf sämtliche Effekthascherei. Keine Prostitution, keine sexuelle Beziehung mit Jesus, stattdessen die ruhig erzählte Geschichte einer Gläubigen. Das fehlende Spektakel mögen manche als langweilig empfinden, ich jedenfalls bin um diesen respektvollen Umgang sehr froh und rechne dies dem Film hoch an. Allerdings weiß ich auch, dass eine gute oder ehrbare Prämisse noch keinen perfekten Film macht, worüber „Maria Magdalena“ hier und da auch ein wenig stolpert. Aber dazu später mehr.

Der Film beginnt in Marias Heimatort Magdala, was in Wahrheit wohl mehr als ein kleines Kaff war, und stellt uns den Charakter vor. Hier muss man zwangsläufig die spärlichen biblischen Angaben anreichern, wenn man eine funktionierende Filmfigur haben möchte. Die Drehbuchautoren entschieden sich dafür, aus Maria eine Hebamme und Fischerin zu machen. Das eine ist naheliegend, das andere weniger nachvollziehbar. Die Fischerei war wohl doch eher eine Männerdomäne. Ihre Arbeit als Hebamme allerdings birgt eine schöne Symbolik, die im Film noch einige Male aufblitzt und gespiegelt wird (Stichwort: Lazarus). Maria zeigt sich als relativer Freigeist und möchte sich gewissen gesellschaftlichen Konventionen nicht unterwerfen: Sie will beten, wann immer sie will, und keine Ehefrau werden. Mit Rücksicht auf den historischen Kontext fragt man sich zwar, woher diese modernen Ansichten wohl kommen mögen, aber das Ganze wird einigermaßen annehmbar dargestellt – nicht zuletzt wegen Rooney Maras ruhigem, aber eindringlichem Spiel.

Mit Joaquin Phoenix betritt mein eigentliches Highlight die Bühne. Das mag man in einem Film, der eigentlich um eine Frau geht, kritisch sehen. Aber für mich steht fest, dass Phoenix hier einen höchst interessanten Jesus präsentiert. Er füllt die Rolle mit einer Mischung aus permanenter Wut und Trauer, aber auch mit vielen freundlichen und gutherzigen Momenten. Phoenix‘ Jesus sorgt dafür, dass in seinen Szenen stets die Luft knistert und tatsächlich nimmt man ihm die härtere Gangart auch ab. Etwas kontraproduktiv ist höchstens die deutsche Synchronstimme, sowie manche Dialoge, die ein wenig weichgespült daherkommen. Da hätte man sich auch direkter am Bibeltext bedienen können, um besser auf den Punkt zu kommen.

Durch die starke Präsenz von Jesus verlässt der Fokus Maria, was durch das dezente Spiel von Rooney Mara unterstützt wird. Dass man den Film hier angreift, kann ich verstehen, aber insgesamt ergibt sich für mich doch ein stimmiges Bild. Während die männlichen Jünger im Hinblick auf das Reich Gottes Umbruch und Aufstand, eben den großen Effekt erwarten, hört Maria als Frau in Ruhe zu und begreift, dass sich zunächst Menschen verändern müssen, bevor es Königreiche tun. Womöglich hätte man ihrem Charakter in der Mitte des Films trotzdem noch mehr offensichtlichere Entwicklung zugestehen können. Ein stärkerer Erzählfaden, der die einzelnen Szenen dramaturgisch geschmeidiger in Verbindung bringt, wäre ebenfalls nicht schlecht gewesen. Auf einen interessanten Nebenplot mit Petrus möchte ich dennoch hinweisen. Maria ist zusammen mit ihm auf einer Art Missionsreise. Dabei wird der Unterschied zwischen den beiden immer deutlicher und es wird außerdem klar, dass sich die Macher mit dem apokryphen Evangelium der Maria auseinandergesetzt haben. Darin werden Petrus und die Jüngerin quasi gegeneinander ausgespielt, wenn es um die Gunst Jesu, beziehungsweise das Verständnis seiner Botschaft geht. Ob ein apokryphes Evangelium viele Rückschlüsse auf historische Persönlichkeiten zulässt, ist fraglich. Allerdings wird dadurch deutlich, dass es in den frühen christlichen Gemeinden durchaus eine Diskussion um die Wertung des Petrus, beziehungsweise die der Maria gab.

Der Film führt logischerweise nach Jerusalem und widmet sich dort zunächst der Tempelreinigung und dem Konflikt Jesu mit der religiösen Elite. Diese Szenen sind atmosphärisch sehr dicht, der Tempel wird bedrohlich inszeniert und Phoenix geht in seinen wütenden Momenten richtig auf. Man schafft es sogar zu vermitteln, dass es bei der Tempelreinigung nicht primär um eine Kritik an den Händlern geht. Jesus unterbindet mit seiner Aktion das aus seiner Sicht heuchlerische Sühneritual der Tempelpriester, bei welchem man im Prinzip gegen Geld seine Sünden los wird. Dies wird nicht wirklich in jeder Verfilmung deutlich. Ebenfalls in Jerusalem kommt eine neuartige Motivation des Verräters Judas zum Tragen. Im Film hat der Jünger seine Frau und seine Tochter verloren und verspricht sich vom nahenden Gottesreich ein Wiedersehen mit seiner Familie. Dementsprechend möchte er Jesus zum Handeln zwingen, indem er ihm seinen Feinden ausliefert. Man hat Judas zwar schon öfter mit interessanten, außerbiblischen Beweggründen ausgestattet, doch diese Sichtweise war tatsächlich erfrischend und menschlich gut nachvollziehbar.

Am Ende geht alles recht schnell, fast schon zu schnell. Verhaftung und Hinrichtung geschehen in wenigen Minuten und ich muss gestehen, dass ich Phoenix‘ Jesus gerne als Angeklagten vor den religiösen und politischen Machthabern gesehen hätte. Doch der Film konzentriert sich – was wohl auch richtig ist – wieder verstärkt auf seine Protagonistin und lässt uns die letzten Stunden Jesu aus Marias Perspektive erleben. Seltsam wirkt nur, dass die Verleugnung des Petrus fehlt, wo der Film ansonsten doch sehr darauf bedacht ist, die Mängel der männlichen Jünger herauszuarbeiten. Im Zuge der Auferstehung wird Maria zur ersten Zeugin und Geburtshelferin der Kirche, was eine schöne Brücke zu ihrer Hebammen-Tätigkeit am Anfang des Films schlägt. Erwähnenswert ist auch die stimmige Verknüpfung mit dem Senfkorn-Gleichnis, nach welchem große Dinge einen kleinen, ganz unscheinbaren Anfang haben – eben ganz im Sinne von dem, was Maria vom Reich Gottes verstanden hat.

Fazit: Der Film hat tolle Bilder und starke Darsteller, doch ich bezweifle, dass das einem Zuschauer reicht, der nicht religiös ist oder kein Interesse an Bibelexegese hat. In meinem Fall stehen die Dinge ja anders und ich kann dem Film – trotz einiger Stolpersteine – vieles abgewinnen. Er ist schön, unaufgeregt, ruhig, ein wenig meditativ und trotz der bekannten Geschichte hier und dort überraschend. Ich verteile knappe 8 von 10 Popcornguys!

Hungrig

Originaltitel: Les Affamés
Regie: Robin Aubert
Musik: Peter Henry Phillips
Darsteller: Marc-André Grondin, Monia Chokri, Brigitte Poupart

Ein fürchterliches Virus hat die Menschheit fest im Griff, welches einst liebevolle und rational denkende Wesen in apathische Menschenfresser verwandelt. In der kanadischen Provinz trotzen die wenigen Überlebenden den geifernden Horden, wobei der stille Bonin (Marc-André Grondin) nur durch höchste Achtsamkeit und Vorsicht überleben kann. Auf seiner Reise trifft er Tania (Monia Chokri) und das Mädchen Zoé (Charlotte St-Martin), die nicht nur einen Weg um die Zombiehorden suchen, sondern auch versuchen ein Rätsel um die Infizierten zu lösen.

„Hungrig“ wurde auf diversen Filmfestivals, unter anderem in Toronto, aber auch auf dem deutschen Fantasy Filmfest von den Kritikern gefeiert. Endlich mal wieder ein Zombiehorror, der so ganz genreuntypisch daherkommt und auf die großen Klischees verzichtet, dafür ein atmosphärisch dichtes, unangenehm hoffnungsloses Bild einer schleichenden Zombieapokalypse zeichnet. Die frankokanadische Produktion von Robin Aubert, der auch das Drehbuch zu „Hungrig“ lieferte, unterscheidet sich in ganz wesentlichen Punkten von den üblichen Zombiefilmen. Langsame Kamerafahrten über unheimlich still daliegende Wälder, Closeups auf die Protagonisten, die schweigsam ihren Weg durch eine meist hell und freundlich, aber umso bitter trostlose Welt suchen. Die Truppe stützt sich mit Marc-André Grondin nicht nur auf einen recht untypischen Anführer, der nur sehr widerwillig die Position des Anführers einnimmt, sondern setzt sich auch aus äußerst schwach und menschlich wirkenden Personen zusammen.

Auch die Antagonisten sind ganz und gar nicht das Abbild der trägen Zombiehorden, die sich langsam und bedrohlich gurgelnd auf die übrig gebliebenen Menschen stürzen. Teilweise stehen die Infizierten wie versteinert in der Landschaft herum, etwas fixierend, das nur sie sehen können, nur um dann unter fürchterlichem Geschrei auf die Menschen loszurasen. Dabei wirft der Film ein Geheimnis über die Zombies auf, die sie nur noch unheimlicher wirken lassen. Da offenbart sich aber auch eine Schwäche des Films: Ein riesiges Fragezeichen, das leider einfach stehen gelassen wird.

Versteht mich nicht falsch: Ich finde es grandios, dass „Hungrig“ auf überflüssige Dialoge und künstliche Erklärungsversuche verzichtet. Ich mochte die langen, bedeutungsschwangeren Blicke der Darsteller, die stillen Momente, der pure Horror einer Gruppe unbeweglich herumstehender Zombies. All das ist eingewoben in den ungewöhnlichsten Zombiefilm der letzten Jahre. Leider spielt er aber sein Potential nicht aus, sondern verliert sich eine etwas belanglos dahinwabernde Sequenz, die mich nicht komplett an der Stange halten konnte. Nichtsdestotrotz beweist „Hungrig“, wie gut innovative Ideen mit wenig Budget etwas ganz neues abseits vom Mainstream schaffen kann.

Fazit: Wer von „The Walking Dead“ schon lange enttäuscht, und Lust auf einen Zombiefilm der ganz anderen Art hat, ist mit „Hungrig“ sehr gut beraten. 7 von 10 Popcornguys!

Auslöschung

Titel: Auslöschung
Originaltitel: Annihilation
Regie: Alex Garland
Drehbuch: Alex Garland
Musik: Ben Salisbury, Geoff Barrow
Darsteller: Natalie Portman, Oscar Isaac, Jennifer Jason Leigh

Ein Himmelskörper trifft die Erde und erzeugt ein schimmerndes, elektromagnetisches Feld, welches sich immer weiter ausbreitet. Die US-Regierung versucht, das Phänomen so lange wie möglich geheim zu halten. Gleichzeitig werden Expeditionsteams in die sogenannte Area X geschickt, um die eigenartige Erscheinung zu untersuchen. Allerdings kehrte bisher keines von diesen Teams zurück. Die Biologin Lena (Natalie Portman) betritt nun zusammen mit einer Psychologin, einer Physikerin, einer Geomorphologin und einer Sanitäterin die schimmernde Blase und sieht sich darin mit außergewöhnlichen Naturprozessen konfrontiert. Allerdings hat die Wissenschaftlerin auch einen persönlichen Antrieb: Ihr Mann Kane (Oscar Isaac), der als Soldat in einer Spezialeinheit diente, ging vor einem Jahr in die Area X.

Zu den stärksten Vertretern des Science-Fiction-Genres der letzten Jahre zählen Filme wie „Her“, „Ex Machina“, „Arrival“ und „Blade Runner 2049“. Zwar kann „Auslöschung“ diesen nicht ganz das Wasser reichen, ist aber dennoch gute und intelligente Sci-Fi-Kost mit ein paar äußerst unbequemen Horror-Elementen. Das klingt nun nach einem vorgezogenen Fazit. Nun, das ist es auch. Dies hängt aber damit zusammen, dass ich am Ende dieser Kritik über die Veröffentlichung von „Auslöschung“ sprechen möchte. Und die wirft im Grunde noch interessantere Fragen auf als der eigentliche Inhalt des Films. Es könnte sich also lohnen, bis zum Ende zu lesen.

Aber zunächst mal zum Inhalt. Es gelingt „Auslöschung“, das Interesse des Zuschauers im Grunde immer aufrecht zu erhalten. Recht schnell wird – eingebettet in eine bizarre, teilweise schöne, aber größtenteils beklemmende Atmosphäre – ein gewisses Mysterium aufgebaut und man möchte einfach wissen, was es mit diesem schimmernden Feld und den Prozessen, die darin geschehen, auf sich hat. Hier und dort mag es etwas zähere Minuten oder Passagen geben, aber der Spannung tut dies keinen größeren Abbruch. Zusammen mit den Protagonisten dringt man tiefer und tiefer in das Geheimnis vor und muss dabei auch die ein oder andere eklige oder geradezu verstörende Szene durchleben. Das hat mir gut gefallen – und da stört es auch nicht groß, dass mancher Spezialeffekt vielleicht nicht ganz so überzeugend wirkt. Mehrmals saß ich angespannt vor meinem Fernseher und gerade das Ende hat ein Mindfuck-Potential, welches schon herausfordernd sein kann. Aber es ist möglich, sich einen Reim auf das Ganze zu machen. Und es schadet ja nicht, von einem Film gefordert zu werden, möchte man meinen – aber dazu später mehr.

Die Schauspieler sind hochkarätig und machen durchweg einen guten Job. Wenn man Natalie Portman sieht, denkt man vielleicht nicht unbedingt an eine Biologie-Professorin, aber ich halte sie für eine gute Darstellerin und sie stemmt die Hauptrolle überaus ordentlich. Ihr stehen mit Tessa Thompson, Jennifer Jason Leigh und einigen anderen weitere Frauen zur Seite, die ihr Fach verstehen. Und hier zeigt sich ein interessanter Punkt: Es sind ausschließlich Wissenschaftlerinnen (und eine Sanitäterin), die das Expeditionsteam bilden. Anfangs dachte ich mir noch, dass mir der Film sicherlich irgendwann einen Grund dafür liefern wird. Doch das war nicht wirklich der Fall. Stattdessen geht der Film mit der Zusammensetzung seiner Protagonisten ganz natürlich um und hat es auch nicht nötig, plump mit dem Finger drauf zu zeigen, dass das nun allesamt Frauen sind. Dafür macht er eine andere Sache richtig, er stattet seine Charaktere nämlich mit genügend Fleisch und Hintergrund aus, das man als Zuschauer doch ausreichend mitfühlen kann. Man hat also einfach funktionierende Filmfiguren, die im Marketing nicht als emanzipatorische Rettung des Kinos (ich erinnere mich mit Schaudern an „Ghostbusters“) herhalten müssen. Das empfand ich als angenehm. Oscar Isaac möchte ich aber dennoch lobend erwähnen, auch wenn er definitiv ein Mann ist.

Leider veranlasst mich der Film jetzt nicht im allergrößten Maße dazu, mir über existenzielle Fragen den Kopf zu zerbrechen. Dafür hat mir irgendetwas gefehlt. Zum Schluss möchte ich mich aber der recht denkwürdigen Veröffentlichungspolitik von „Auslöschung“ widmen. Eigentlich sollte er ursprünglich einen ganz normalen, internationalen Kinostart bekommen. Allerdings gab es Streitigkeiten zwischen zwei beteiligten Produzenten. Der eine empfand den Film als zu intellektuell und kompliziert für ein breites Kinopublikum. Da muss ich nun doch etwas stutzen. Heißt das nun, dass ich zu blöd bin, weil der Film mich nicht komplett überzeugt hat? Oder ist es eher so, dass dem breiten Kinopublikum inzwischen nur noch sehr wenig zugetraut wird? Ein anderer Produzent des Films hat sich jedenfalls am Ende durchgesetzt und Regisseur Alex Garland konnte den Film in seinem Sinne abschließen. Dies führte zu einer eingeschränkten Kinoveröffentlichung. Auf die große Leinwand schafft es der Film nur in den USA, Kanada und China. Alle restlichen Länder, also auch wir, müssen sich „Auslöschung“ über Netflix ansehen. Was soll das nun bedeuten? Geht man tatsächlich davon aus, dass das amerikanische Publikum (der Argumentation des skeptischen Produzenten folgend) intelligenter ist als jenes in Europa? Daran hätte ich aber einige Zweifel. Fest steht für mich folgendes: Wenn man einen Film wie „Auslöschung“, der ordentliche Charaktere, eine spannende Geschichte und einen gewissen Anspruch vorzuweisen hat, nicht mehr auf ein breites Publikum loslassen kann, steht es wirklich schlecht um Zukunft und Qualität des großen Kinos. Doch das Traurige ist wohl, dass ich dem ersten Produzenten zähneknirschend Recht geben muss: Ja, „Auslöschung“ hätte es auch in Europa schwer gehabt, sein Publikum zu finden. Da muss man sich ja nur an „Blade Runner 2049“ erinnern, der in den deutschen Kinocharts 2017 irgendwo nach dem 30. Platz auftaucht.

Aber da ich weiß, dass viele Leute Netflix haben, verknüpfe ich meine Empfehlung mit einem Appell: Schaut euch „Auslöschung“ an. Der Film ist meiner Meinung nach kein Meisterwerk, ja vielleicht nicht mal sehr gut, aber er ist gut und ich halte es für wichtig, das mit einer entsprechenden Zuschauerzahl zu verdeutlichen. Es gibt von mir 8 von 10 Popcornguys!

Molly´s Game

Titel: Molly´s Game: Alles auf eine Karte
Regie: Aaron Sorkin
Schnitt: David Rosenbloom
Darsteller: Jessica Chastain, Idris Elba, Michael Cera, Kevin Costner

Die ehemalige Profisportlerin Molly Bloom (Jessica Chastain) ist die geborene Gewinnerin. Während sie sich auf eine Karriere als Anwältin vorbereitet, entdeckt sie zufällig die geheimen Pokerspielrunden der reichsten Stars von Los Angeles. Ohne einen eigenen Anteil zu nehmen, sondern lediglich ein Trinkgeld einzustreichen, bewegt sie sich mit der Organisation der Pokerrunden stets auf legalem Boden. Je größer die Runden, je höher die Einsätze und je durchtriebener die Spieler werden, umso gefährlicher wird es für Molly – bis sie sich schließlich vor Gericht für ihre Glücksspielrunden verantworten muss. 

Poker: Kaum ein Spiel hat einen solchen verruchten Ruf und steht gleichzeitig für die Klasse der feinen Gesellschaft. Dass solche Spiele nervenaufreibend sein können, habe ich in den vielen virtuellen Runden in Red Dead Redemption gelernt (wenn auch meist recht erfolglos). Genau dieses Gefühl vermittelt auch „Molly´s Game“, wenn es in schnell geschnittenen Szenerien Pokerrunden erzählt, in denen Millionen über den Tisch gehen.

Die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte (es ist äußerst spannend nachzulesen, wer denn tatsächlich an diesen Pokerspielen teilgenommen hat) wurde von Aaron Sorkin geschrieben und verfilmt, der in der Vergangenheit die Drehbücher für „The Social Network“, „Moneyball“ und „Steve Jobs“ lieferte. Seine rasche Erzählweise äußert sich nicht nur in Edgar Wright-esquen Schnittsequenzen, sondern auch in klugen und gewitzten Dialogen, die manchmal so komplex und schnell ablaufen, dass sie dem Zuschauer alle Aufmerksamkeit abverlangen. Diese Dialoge finden meist zwischen Jessica Chastain und Idris Elba, der ihren Anwalt Charlie Jaffey mimt, statt, welcher ihrer Geschichte lauscht, um sie vor Gericht verteidigen zu können. Diese wird uns in solch einer rasenden Geschwindigkeit präsentiert, dass die Laufzeit von über zwei Stunden ohne Längen verfliegt. Die temporeiche Erzählweise verwehrt den Charakteren leider eine ausreichende Entwicklung, kann das aber durch den hohen Unterhaltungswert ausgleichen. Kleine, feine Nebenstränge, wie etwa das schwierige Verhältnis zu ihrem Vater oder Spieler, die kommen und gehen, geben der Story Tiefe, die uns als Zuschauer mitnimmt und eintauchen lässt. An dieser Stelle muss man einfach die Glanzleistung von Jessica Chastain erwähnen, die den Film allein trägt und ihrer Figur eine zerbrechliche wie kämpferische Hülle gibt.

Fazit: Erfrischend anders, klug und mit viel Witz wird uns eine Geschichte erzählt, die so unerhört ist, dass sie wahr sein muss. Nicht nur für Pokerkenner, sondern für alle Freunde von Krimithrillern kann ich eine Empfehlung aussprechen. „Molly´s Game“ macht Spaß, fesselt und unterhält auf ganzer Line! 8 von 10 Popcornguys!