In den Gängen

Originaltitel: In den Gängen
Regie: Thomas Stuber
Drehbuch: Clemens Meyer, Thomas Stuber
Musik: Verschiedene
Darsteller: Franz Rogowski, Sandra Hüller, Peter Kurth

Ostdeutschland, in einem abgelegenen Großmarkt: Der schweigsame Christian (Franz Rogowski) beginnt seine Probezeit in der Getränkeabteilung. Die Tattoos, die er unter seinem langen Arbeitskittel verbirgt, können Hinweise auf eine bewegte Vergangenheit sein, doch der junge Mann ist alles andere als gesprächig. Trotzdem wird er von Bruno (Peter Kurth), einem barschen, jedoch auch sehr väterlichen Mentor, akzeptiert und am Gabelstapler ausgebildet. Christian freundet sich mit seinen Kollegen an. Besonders gefällt ihm aber Marion (Sandra Hüller) aus der Süßwarenabteilung, in die er sich schnell verguckt. Doch die Angelegenheit ist nicht gerade einfach.

Gleich die erste Szene von „In den Gängen“ entführt uns in eine Welt, die wir zwar alle als Konsumenten hin und wieder betreten, die aber nur wenige von uns wirklich kennen dürften: In einem gigantischen Großmarkt gehen vor Sonnenaufgang nach und nach die Lampen an. Natürliches Licht dringt in diese Hallen niemals vor. Allmählich füllen sich die Gänge mit Leben, als einige Gabelstapler geschäftig hin und her surren und ihrer Arbeit nachgehen. Unter diese Bilder legt Regisseur Thomas Stuber die Klänge von Johann Strauss‘ „An der schönen blauen Donau“. Ein Stück, das man als Filmkenner ansonsten mit Stanley Kubricks epochalem Werk „2001: Odyssee im Weltraum“ verbindet, dient hier als Soundtrack für das Leben ganz einfacher Leute, auf die die Kamera selten gerichtet wird. Und das sagt schon vieles über den Film aus.

Die Figuren des Films sind schlichte Arbeiter und gesellschaftlich Abgehängte, die für gewöhnlich dann in den Medien auftauchen, wenn nach Gründen für den Wahlerfolg extremer Parteien gesucht wird. „In den Gängen“ beleuchtet nun den Mikrokosmos Großmarkt, der für die besagten einfachen Leute sowohl Arbeitsplatz, als auch Lebensraum ist. Romantischen Kitsch wird man im Film nicht finden. Er stilisiert seine Figuren nicht zu verkannten Helden oder durchweg angenehmen Persönlichkeiten. Es schwingt durchaus mit, dass diese Leute nicht jedermanns Sache sind und ihre problematischen Facetten haben. Aber dennoch bringt es „In den Gängen“ fertig, seine Charaktere mit einer Solidarität und Wärme auszustatten, die absolut herausstechend ist.

Dies hängt natürlich auch mit den großartigen Schauspielern zusammen. Franz Rogowski (den man aus „Victoria“ kennen könnte), spielt Christian. Er bekommt kaum ein Wort heraus und erscheint sozial alles andere als vorzeigbar oder kompatibel. Doch die Art und Weise, wie er sich in Süßwaren-Marion verliebt, sich ihr mit unglaublich putzigen Einfällen annähert und sie letztendlich auch beschützen möchte, ist einfach nur schön. Man sollte Rogowski definitiv im Auge behalten. Christians Herzensdame wird von Sandra Hüller gespielt, die mir schon in „Toni Erdmann“ äußerst positiv aufgefallen ist. Die Darstellerin zeigt nach außen diese kecke und provokante Hülle, die aber im Grunde einen unglaublich fragilen und verletzlichen Kern umgibt. Beides balanciert Hüller hervorrangend aus, oft sogar in ein und derselben Szene. Erwähnen möchte ich auch unbedingt Peter Kurth in der Rolle des Bruno. Zu seinem Schützling Christian ist der erfahrene Arbeiter durchaus direkt und ruppig, aber gleichzeitig entwickelt sich auch eine Art Vater-Sohn-Verhältnis, welches dem Zuschauer schnell ans Herz geht.

„In den Gängen“ ist ein vielschichtiger Film, der seine Ebenen fast schon poetisch miteinander verknüpft. Musikstücke wie „An der schönen blauen Donau“ spielen hier mit rein, ebenso die interessante und den Zuschauer gut mitnehmende Kameraarbeit. Neben all der Wärme, die der Film inne hat, werden aber auch gesellschaftskritische Töne angeschlagen. Es wird klar, dass die Figuren des Films – allen voran natürlich Christian, Marion und Bruno – zutiefst traurige und einsame Menschen sind, die gewissermaßen in die Parallelwelt Großmarkt entfliehen, und dort Menschlichkeit, Zusammenhalt und Respekt erfahren.

An diesen ruhigen, aber sehr einprägsamen und ehrlichen Filmbeitrag aus Deutschland verteile ich starke 8 von 10 Popcornguys. Und ja, auch Gabelstaplerfahrer Klaus hat seinen Auftritt.

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Solo: A Star Wars Story

Originaltitel: Solo: A Star Wars Story
Regie: Ron Howard
Drehbuch: Jonathan Kasdan, Lawrence Kasdan
Musik: John Powell, John Williams
Darsteller: Alden Ehrenreich, Woody Harrelson, Emilia Clarke

Diese Kritik kann Spuren von SPOILERN enthalten.

Corellia, einige Jahre nach der Machtübernahme des Imperiums: Der junge Han Solo (Alden Ehrenreich) lebt in einer Welt, die von Verbrechersyndikaten beherrscht wird. Er hält sich mit kleineren Gaunerein über Wasser, träumt aber zusammen mit seiner Freundin Qi’ra (Emilia Clarke) von einem Leben als Pilot. Bei einem Fluchtversuch von ihrer Heimatwelt wird das Pärchen getrennt und Han verpflichtet sich für die imperialen Streitkräfte. Über einige Umwege lernt er den Kriminellen Tobias Beckett (Woody Harrelson) kennen, der wiederum für den Verbrecherboss Dryden Vos (Paul Bettany) arbeitet. Zusammen planen sie den Raub von äußerst wertvollem Raumschiff-Treibstoff. Die Bündnisse stehen auf wackligen Beinen und es ist fraglich, wem überhaupt vertraut werden kann. Doch Han braucht das Geld, um der Verwirklichung seiner Träume näher zu kommen.

Ist es unbedingt nötig, die Geschichte des jungen Han Solo zu erzählen? Nun, bei der Frage nach der Notwendigkeit vertrete ich hin und wieder die radikale Meinung, dass in Sachen „Star Wars“ mit „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ alles Notwendige bereits erzählt wurde. Das war 1983. Aber da sich Hollywood nicht zwingend für meine Meinung interessiert, haben wir inzwischen eine ganze Menge an „Star Wars“-Filmen. Über die Prequels brauche ich nicht mehr viele Worte zu verlieren, von daher können wir gleich zu den neueren Werken kommen. Disneys softe Reboot „Das Erwachen der Macht“ mag an vielen Punkten „Eine neue Hoffnung“ kopieren, ist aber ein guter Unterhaltungsfilm mit vielen schönen Momenten. Natürlich profitiert er auch davon, dass die vorangegangen Prequels so furchtbar waren und er den Hunger nach dem alten „Star Wars“-Feeling gut bedient. „Die letzten Jedi“, die achte Episode der Saga, kommt da etwas mutiger und neuartiger daher, erscheint mir bei genauerer Betrachtung aber eher wie eine Art progressiver Scheinangriff. Im Grunde verharrt doch vieles im Stillstand und die Inszenierung (besonders hinsichtlich des Humors) wirkt oftmals unpassend und bizarr. Wir werden sehen, wie diese neue Trilogie letztendlich einzuordnen ist, wenn sie 2019 mit der neunten Episode vorläufig abgeschlossen wird.

Neben der fortlaufenden Hauptgeschichte gibt es nun aber auch die Spin-offs, die mal nach links und rechts blicken und diverse Nebenschauplätze beleuchten. Der erste Film dieser Art war „Rogue One“. Dieses Werk kann ich eigentlich nur als „Star Wars“-Porno bezeichnen. Die optischen Reize sind gegeben und lösen entsprechende Reaktionen bei Fans aus, aber eigentlich ist das nur Biologie. Story und Charaktere, also das, was einen Film in der Regel ausmacht, sind bei „Rogue One“ überaus unterentwickelt. Der Ausgang der Geschichte (selbstverständlich werden die Baupläne des Todessterns von den Rebellen ergattert) ist von vornherein klar, was nicht gerade für Spannung sorgt. Bleiben also die Charaktere, bei denen aber mal so gar nichts hängen bleiben wollte. Es wäre nun falsch zu behaupten, ich hätte bei „Rogue One“ gar keinen Spaß gehabt, denn die optischen Reize haben wie gesagt ihre Wirkung. Aber insgesamt war das doch sehr durchschnittliche Kost.

„Solo: A Star Wars Story“ ist nun das zweite Spin-off der Saga. Und es stand unter keinem besonders guten Stern. Ursprünglich wurde das junge und dynamische Regie-Duo Phil Lord und Chris Miller („21 Jump Street“, „The LEGO Movie“) von Disney beauftragt, allerdings gab es kreative Differenzen mit Produzentin Kathleen Kennedy und Drehbuchautor Lawrence Kasdan. Man war mit der Arbeitsweise und dem Humor von Lord und Miller nicht zufrieden, was zum Rauswurf führte. Zu diesem Zeitpunkt waren die Dreharbeiten zu „Solo“ jedoch schon weit fortgeschritten. Regie-Veteran Ron Howard („Apollo 13“, „Rush“) sprang ein und drehte große Teile des Films komplett neu. Ehrlich gesagt habe ich meine Erwartungen stark runtergeschraubt, beziehungsweise rechnete ich mit einem ziemlichen Clusterfuck. Aber tatsächlich wurde ich positiv überrascht: Aus „Solo“ ist ein durchaus unterhaltsames Filmchen geworden, der weder die schlechten Kritiken, noch die mauen Besuchszahlen verdient.

Knackpunkt scheint für viele Hauptdarsteller Alden Ehrenreich zu sein. Nun, sagen wir es mal so: Wir bekommen den jungen Harrison Ford nicht zurück und auch allgemein gehören männliche Filmhelden wie Han Solo oder Indiana Jones wohl (leider) der Vergangenheit an. Dem kann man nun hinterher weinen, man kann aber auch probieren, mit dem zu leben, was man bekommt. Und ich muss sagen, dass Ehrenreich seinen Job nicht schlecht macht. Seine Präsenz ist vielleicht ausbaufähig, doch Charme ist erkennbar und ich hatte nach dem Film tatsächlich ein wenig Lust auf weitere Abenteuer mit dieser Verkörperung Han Solos. An Ehrenreichs Seite spielt Donald Glover den jungen Lando Calrissian. Man kann ihn wohl als heimlichen Star des Films bezeichnen, denn der modebewusste und schlitzohrige Charmebolzen liegt Glover ausgezeichnet. Von Han und Lando abgesehen wird es bei den Charakteren leider etwas dünn. Woody Harrelson und Paul Bettany spielen ihre Rollen solide, werden aber kaum groß im Gedächtnis bleiben. Emilia Clarke ist süß und macht einen ordentlichen Job, die Liebesbeziehung zwischen Han und Qi’ra funktioniert auch einigermaßen, zählt aber nicht zu den Glanzmomenten des Films. Thandie Newton, die man aus der Sci-Fi-Serie „Westworld“ kennen könnte, wirkt ein wenig verschenkt. Hinzu kommen ein belangloses CGI-Männchen und eine absolut nervige, feministische Revoluzzer-Droidin. Letztere ist derart aufdringlich und over the top, dass sie unmöglich als ernsthaftes politisches Statement gedacht sein kann. Vielleicht eher als Meta-Kommentar oder Gag – der aber blöderweise nicht funktioniert.

Die Handlung von „Solo“ ist spürbar um gewisse Punkte herumgeschrieben, die man den Fans nicht vorenthalten wollte: Han trifft Chewbacca, Han trifft Lando, Han trifft Millenium Falken. Der Rest scheint auf diese Szenen abgestimmt zu sein, was aber aus mehreren Gründen nicht schlecht ist. Zum einen funktionieren die besagten Punkte sehr gut (besonders das erste Treffen zwischen Han und Chewie hat mir wirklich gefallen), zum anderen wirkt die Handlung (trotz holprigem Start und konstruiert wirkendem Gesamtcharakter) relativ stimmig. Es hätte weitaus schlimmer kommen können, wenn man den Regie-Wechsel während der Dreharbeiten bedenkt. Doch anders als beispielsweise bei „Justice League“ springen einem bei „Solo“ keine spontan hineingequetschten Szenen ins Gesicht. Man erkennt, dass Ron Howard routiniert und ein guter Handwerker ist. Die obligatorischen „Star Wars“-Referenzen kommen in der Regel recht organisch und subtil daher, und auch der Humor ist meistens angenehm und dezent. Man hat in Sachen Witz eine Dosis gefunden, die mir zusagt, und vielleicht ist gerade unter diesem Gesichtspunkt der Rauswurf von Lord und Miller nicht das Schlechteste, was dem Film passieren konnte.

Der Soundtrack ist solide, besticht aber lediglich in den Momenten, wo bereits bekannte Töne aus der klassischen Trilogie erklingen. In Sachen Musik ist es also ganz ähnlich wie bei allen bisherigen „Star Wars“-Filmen von Disney. Leider war von den rockigen Klängen, wie man sie in den Trailern zu „Solo“ vernehmen kann, nichts zu hören. Die Effekte sind gut bis sehr gut, doch das ist bei Produktionen dieser Größe eigentlich schon Standard. Mit der Kamera wird hin und wieder interessant gespielt, allerdings muss ich sagen, dass mir das Bild durchweg zu dunkel war. Auf der ein oder anderen Welt mag das Sinn machen, aber die Farbentsättigung war im Grunde permanent und in manchen Szenen war es schwer, überhaupt etwas klar erkennen zu können. Da hätte man ruhig ein wenig bunter sein können.

Am Ende möchte ich noch kurz auf den Cameo-Auftritt eines tot geglaubten Charakters eingehen. Den Namen nenne ich aus Spoilergründen nicht, denn ich persönlich war in dem Moment schon sehr überrascht. Doch eine Überraschung ist nicht immer positiv. Wenn ich in einem Restaurant sitze und eine Flutwelle durch die Fensterscheiben bricht, ist das zwar unerwartet, aber nicht gerade angenehm. Insofern weiß ich noch nicht so wirklich, wie ich den besagten Cameo-Auftritt in „Solo“ einordnen soll. So ganz schmecken mag mir die Figur in dem Kontext nicht. Das Ganze unterstreicht vor allem diesen endlosen und bedeutungslosen Soap-Charakter, wie man ihn aus der Marvel-Filmreihe kennt: Nichts hat wirkliche Konsequenzen, niemand muss wirklich tot bleiben, man kann alles und jeden über viele Jahre hinaus verwenden und die feuchtesten Fanboy-Träume wahr werden lassen. Das ist eine Richtung, die ich mir für „Star Wars“ nicht wünsche, die aber leider unumgänglich sein wird.

Fazit: Alles in allem ist „Solo: A Star Wars Story“ ein durchaus unterhaltsames Weltraum-Abenteuer mit einigen Schwächen, aber vielen guten Momenten, die für einen angenehmen Kinoabend sorgen. Ich empfehle, die schlechten Kritiken zu ignorieren und dem Film eine Chance zu geben. Verdient hat er es. Es gibt 7 von 10 Popcornguys!

Ingrid Goes West

Originaltitel: Ingrid Goes West
Regie: Matt Spicer
Drehbuch: Matt Spicer, David Branson Smith
Musik: Nick Thorburn
Darsteller: Aubrey Plaza, Elizabeth Olsen, O’Shea Jackson junior

Charlotte heiratet und es ist ein schönes Fest – bis eine junge und der Hochzeitsgesellschaft unbekannte Frau aufkreuzt und die Braut mit Pfefferspray angreift. Der ungebetene Gast wird daraufhin in eine Psychiatrie eingewiesen. Bei der Hochzeits-Crasherin handelt es sich um Ingrid (Aubrey Plaza). Sie ist Instagram-Stalkerin und verfolgte Charlottes Leben (die eben jenes natürlich auch großzügig preis gab) lange Zeit über die sozialen Medien. In Ingrids Wahrnehmung entsprechen Internet-Freundschaften den realen und so reagierte sie recht aggressiv auf die ausbleibende Hochzeitseinladung. Doch Ingrid verlässt die Psychiatrie und erbt dazu noch einen hohen Geldbetrag. Damit kann sie sich den Umzug nach Los Angeles leisten, wo ihr nächstes „Opfer“ lebt: Influencerin und Instagram-Sternchen Taylor (Elizabeth Olsen). Ingrid versucht, ihrem neuen Idol nachzueifern und näher zu kommen – wobei sie vor nichts zurückschreckt.

„Ingrid Goes West“ ist das Regie-Debut von Matt Spicer und hatte hierzulande keinen Kino-Release – was bedauerlich ist, denn es handelt sich um eine schwarzhumorige Tragikomödie mit viel aktuellem Inhalt, welche die Aufmerksamkeit eines größeren Publikums verdient hätte.

Plattformen wie Facebook, Twitter, Snapchat und Instagram sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Die meisten, die das hier lesen, stecken bis zu einem bestimmten Punkt ja selbst in den sozialen Medien. Dass diese allerdings auch im höchsten Grade assozial sein können, wird am filmischen Beispiel von Ingrid deutlich gemacht. Aubrey Plaza spielt – mit dem ihr eigenen trockenen Charme – eine Instagram-Stalkerin, die im Grunde keine eigene reale Persönlichkeit hat. Ihr gesamtes Dasein dreht sich um ihr Smartphone und insbesondere um die Personen, denen sie auf Instagram folgt. Sie sind ihre Idole, ihnen will sie gefallen, den ihrigen Lifestyle strebt sie an, Likes und Shares bestimmen ihr Selbstwertgefühl. Dabei gibt sie das, was sie möglicherweise selbst an Charakter besitzt, fast komplett auf und hat dabei auch wenig Skrupel, wenn es darum geht, ein Teil im Leben ihrer Social Media Stars zu werden.

Elizabeth Olsen spielt Taylor, Ingrids neuestes Opfer. Man kennt sie aus Blockbustern wie „Godzilla“ oder diversen Marvel-Filmen, aber auch aus Werken für das kleinere Publikum, wie beispielsweise „Wind River“. Sie ist eine Influencerin und verdient ihr Geld quasi damit, dass sie sich mit bestimmten Produkten ablichten lässt und dies dann auf ihren gut frequentierten Kanälen teilt. Ingrid kommt Taylor im Laufe des Films näher und dem Zuschauer wird rasch klar, dass es sich beim Instagram-Star um mehr Schein als Sein handelt. Gleiches trifft auf das reale Umfeld von Elizabeth Olsens Charakter zu. Egal, ob es sich um ihren Partner Ezra (Wyatt Russell) oder ihren wahnsinnigen Bruder Nicky (Billy Magnussen) handelt: Sie alle sind groß darin, nach außen hell zu strahlen und besonders zu wirken, doch eigentlich sind es ganz schön arme und schrecklich einsame Würstchen. Ingrid scheint – ähnlich wie der Zuschauer – diese Entdeckung zu machen, doch ob ein tatsächlicher Lernprozess einsetzt, darf bezweifelt werden. Der Film endet auf einer ziemlich bissigen und satirischen Note.

Diese inhaltliche Zusammenfassung liest sich nun ziemlich ernst und ja, das Thema ist ja auch ein ernstes. Matt Spicer inszeniert „Ingrid Goes West“ jedoch sehr leicht und unterhaltsam. Dies ist unter anderem dem Charakter Dan (O’Shea Jackson junior) zu verdanken. Der Sohn des Rappers Ice Cube spielt zwar auch einen Verlierer (er glaubt tatsächlich, dass er mit seiner Vorliebe für „Batman Forever“ ein großartiges Batman-Drehbuch schreiben kann), aber immerhin ist er ein Mann, den Ingrid real kennenlernt und der sich tatsächlich um das Wohl der geistig verwirrten Stalkerin sorgt. Ob sie dies zu schätzen weiß, ist allerdings eine ganz andere Frage.

Fazit: „Ingrid Goes West“ ist eine sehr unterhaltsame Tragikomödie mit gesellschaftskritischer Note, die einerseits für einen lockeren Filmabend sorgt, aber andererseits auch Fragen beim Zuschauer auslöst: Wo situiere ich mich selbst? Kontrolliere ich meine Teilhabe an den sozialen Medien? Oder ist es eher anders herum? Inwieweit können Facebook, Snapchat und Instagram unser Bedürfnis nach Aufmerksamkeit stillen? Helfen sie dabei, sich weniger einsam zu fühlen? Oder tritt doch eher das Gegenteil ein? Für den Zuschauer kann es durchaus lohnend sein, diese Fragestellungen an sich ranzulassen, vor allem, wenn sie in einem derart coolen und lustigen Film verpackt sind. Es gibt von mir starke 8 von 10 Popcornguys!

Buddymoon

Regie: Alex Simmons
Musik: Gabriel Feenberg
Kamera: Peter Alton, Michael Lockridge
Darsteller: David Giuntoli, Flula Borg, Jeanne Syquia

Schauspieler David (David Giuntoli) wird kurz vor der Hochzeit von seiner Verlobten sitzengelassen. Ohne seinen besten Freund Flula (Flula Borg) droht er völlig in die Depression abzugleiten. Die beiden beschließen, die geplante Hochzeitsreise gemeinsam zu machen, und wandern durch die unberührten Weiten Nordamerikas. Dabei treten die Honeybuddys nicht nur in die Fußstapfen der großen Entdecker Lewis und Clarke, sondern sondern ordnen ihre Freundschaft neu.

Wieder mal so ein Film, der beim obligatorischen durchscrollen auf Netflix ins Auge fällt. Die Indiekomödie aus der Feder von Alex Simmons und den beiden Hauptdarstellern David Giuntoli und Flula Borg kommt einerseits wie ein konventioneller Buddy-Roadtrip daher, andererseits überrascht sie mit irrwitzigen Dialogen und stillen, nachdenklichen Momenten.

David, ein gebrochener Typ, der sich verzweifelt an seine Karriere klammert und sich selbst dabei im Wege steht, und Flula, der deutscheste Verrückte, den die USA zu bieten haben, ergeben ein gegensätzliches wie sich ergänzendes Team, das zwar nicht ohne das ein oder andere Buddyklischee auskommen kann, dafür aber zu jeder Zeit amüsiert. Zwischen großartig eingefangenen Naturaufnahmen sehen wir einem manisch herumtänzelnden Flula, während David nachdenklich in die Ferne starrt und missmutig hinterhertrottet.

„Buddymoon“ hat keine besonderen Überraschungen parat, ist selbst aber als Gesamtwerk ein richtiger Geheimtipp. Zwischen allem (nicht zu blödsinnigem) Klamauk schlägt der Film ernsthafte, gut durchdachte Töne zum Umgang mit Enttäuschungen, Liebe und Freundschaft von sich.

Fazit: Für einen netten Nachmittag oder einen witzigen Filmabend mit dem besten Kumpel ist „Buddymoon“ absolut geeignet. Wer schräge Komödien mag, greift hier nicht daneben! 8 von 10 Popcornguys

The Florida Project

Titel: The Florida Project
Regie: Sean Baker
Drehbuch: Sean Baker, Chris Bergoch
Musik: Lorne Balfe
Darsteller: Brooklynn Prince, Bria Vinaite, Willem Dafoe

Die 6 Jahre alte Moonee (Brooklynn Prince) lebt zusammen mit ihrer Mutter Halley (Bria Vinaite) in einem Motel in Florida, ganz in der Nähe von Disney World. Die Verhältnisse der beiden sind ärmlich und sie zählen zu den gesellschaftlich Abgehängten. Während Moonee den Sommer mit ihren gleichaltrigen Freunden verbringt und allerlei Blödsinn anstellt, muss Halley jede Woche darum kämpfen, die Miete aufzubringen. Dabei sieht sie sich gezwungen, auch illegale Wege zu beschreiten. Motel-Manager Bobby (Willem Dafoe) muss einerseits auf sein Geld bestehen, sorgt sich aber andererseits um das Wohl der jungen Mutter und ihrer Tochter.

Es gibt Filme, bei denen man die vielen Oscar-Gewinne nicht wirklich versteht. Dazu zählt „Shape of Water“. Und dann gibt es Filme, die bei den Oscars praktisch untergehen, was man ebenso wenig versteht. Hierzu zählt „The Florida Project“, der – zumindest für mich – zusammen mit „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ zu den diesjährigen Kino-Highlights zählt.

Wir erleben den Film größtenteils aus der Perspektive der 6-jährigen Moonee und ihrer Freunde. Dieser Eindruck wird auch dadurch verstärkt, dass in vielen Szenen die Kamera lediglich auf der Höhe der Kinder arbeitet. Jungdarstellerin Brooklynn Prince liefert zusammen mit ihren gleichaltrigen Kollegen eine sehr glaubwürdige und authentische Performance ab. Die Kinder sind frech, charismatisch und putzig, betteln bei den wohlhabenden Touristen um Geld, kaufen und teilen sich anschließend Eis, bespitzeln die Nachbarin beim Sonnenbad, erkunden verlassene Hotel-Gebäude und bauen allerlei Mist. Als Zuschauer hat man bei all diesen kleinen Abenteuern seinen Spaß, hat aber stets im Hinterkopf, vor was für einem trostlosen und deprimierenden Hintergrund das alles eigentlich stattfindet. Und so schlagen in den letzten Szenen mit Moonee die Emotionen auch erbarmungslos zu.

An der Seite von Brooklyn Prince spielt Bria Vinaite, die praktisch eine Laiendarstellerin ist, ihre Rolle aber problemlos stemmt. Die junge Mutter ist vulgär, anstrengend und beratungsresistent, kurzum also ziemlich asozial. Die Umstände allein heben das auch nicht auf, was dazu führt, dass man sie als Zuschauer recht oft am liebsten schütteln würde. Doch dem Film gelingt ein wundervolles Kunststück, indem zu keinem Zeitpunkt Zweifel daran aufkommen, dass Halley ihre Moonee aufrichtig liebt. Die Mutter versucht – trotz der schwierigen Situation – ihrer Tochter ein möglichst schönes Leben zu ermöglichen und es ist teilweise erschreckend, welche Grenzen sie dafür überschreitet.

Den starken Cast vervollständigt Willem Dafoe. In der Regel spielt er ja eher Figuren, die psychisch nicht ganz stabil sind und gewisse mörderische Anwandlungen haben. Ganz anders ist es in „The Florida Project“. Motel-Manager Bobby ist natürlich darauf bedacht, seinen Laden am Laufen zu halten und sämtliche Mieten zu bekommen. Doch er hat ein großes Herz und in vielen Szenen versucht er auf ganz wundervolle Art und Weise, sich um Halley und die kleine Moonee zu kümmern. Es wirkt so, als würde Bobby gerne in eine Art Vaterrolle schlüpfen, was er letztendlich aber natürlich nicht kann. Und so ist auch er am Ende machtlos gegenüber der Situation und der Armut der Menschen um ihn herum. Willem Dafoe meistert diese großartige Rolle mit seiner sehr subtilen und angenehmen Darbietung.

„The Florida Project“ hat keine klassische Story zu bieten. Vielmehr geht es um eine Reihe von Momentaufnahmen aus dem Leben bestimmter Charaktere, die lose miteinander zusammenhängen. Möglichkerweise kann man das beim Film kritisieren, ich jedoch wurde total in diese Welt gezogen und habe alles um mich herum vergessen. „The Florida Project“ ist eine gefühlvolle Milieustudie, die von den harten Kontrasten lebt. Als Setting dienen größtenteils die lachhaft bunten Kulissen der Motels, die wohl ursprünglich für Touristen gebaut wurden, nun aber als Wohnungen für die Armen dienen. Disney World und der damit verbundene, milliardenschwere Superkonzern schwingen stets im Subtext mit und so wird das perverse kapitalistische Wirtschaftssystem verdeutlicht, in welchem einige wenige Sieger und sehr viele Verlierer produziert werden.

Ich spreche für „The Florida Project“ eine klare Empfehlung aus und verteile 9 von 10 Popcornguys!

Unersetzlich

Originaltitel: Irreplaceable You
Regie: Stephanie Laing
Produktion: Netflix
Darsteller: Gugu Mbatha-Raw, Michiel Huisman, Christopher Walken

Abbie (Gugu Mbatha-Raw) und Sam (Michiel Huisman) sind das perfekte Paar. Schon von Kindheitstagen an sind die beiden aller Unterschiede zum Trotz unzertrennlich. Für beide beginnen die großen Themen der Beziehung: Hochzeit, Kind, die neue Familie. Doch da lässt eine Diagnose alles ins Wanken geraten und das sorglose und schöne Leben in tiefe Dunkelheit tauchen: Abbie hat Krebs, eine Chance auf Heilung besteht kaum. Nun stellt sie sich nicht nur die Frage, wie sie mit ihrem bevorstehenden Tod umgehen soll, sondern wie sie auch ihren Verlobten Sam darauf vorbereiten kann, allein zu sein.

Schon mit der ersten Szene macht Regisseurin Stephanie Laing klar, dass „Unersetzlich“ keine leichte Komödie mit Happy End sein wird. Trotzdem gehen ihre Charaktere Abbie und Sam, die uns von grundauf positiv und humorvoll präsentiert werden, äußerst locker mit dem ernsten Thema um – nicht ohne immer wieder an der bitteren Wahrheit zu verzweifeln und uns als Zuschauer mit in diese Hoffnungslosigkeit reißen. Ihre Chemie ist wundervoll mit anzusehen, wobei Gug Mbatha-Raw eine unbeschwerte Glanzleistung hinlegt. Obwohl es für Abbie keine Hoffnung gibt, ist es doch ein Film voller Hoffnung, denn wir begleiten sie auf ihrer unwirklichen Reise, die traurige Wahrheit, dass Sam ohne sie nicht derselbe sein wird, so lange es geht hinauszuzögern.
An Abbies Seite steht nicht nur Sam, der stets optimistisch alle Spiele mitspielt, sondern auch eine tragisch-komische Selbsthilfegruppe voller skurriler Charaktere, allen voran Christopher Walken, der schrullig Weisheiten von sich gibt, und dabei der wichtigste Wegbegleiter für Abbie wird.

Nun, mögen die Kritiker anführen: Ein perfektes Liebespaar, ein zum Tode verurteilter junger Mensch und nachdenklich stimmende Dialoge sind ein sicheres Rezept für einen Film, der auf die Tränendrüse drückt und dabei nur gewinnen kann. Sicherlich spricht „Unersetzlich“ nicht Alle an. Ich jedoch erinnerte mich an letzte Worte, die ich mit Menschen gewechselt habe, bevor sie gestorben sind. Ich dachte darüber nach, was ich mit meinem Leben anfange, ich stellte mir vor, wie die Welt ohne mich wäre, ob und welche Lücke ich hinterlassen würde. Wenn das ein Film auslösen kann, hat er es verdient von vielen Menschen angeschaut zu werden.

Fazit: „Unersetzlich“ ist eine tragische Liebesgeschichte, die, zärtlich verfilmt, mit liebevollen Charaktern und bewegenden Momenten das Herz wärmt und die Augen befeuchtet. 7 von 10 Popcornguys

Maria Magdalena

Titel: Maria Magdalena
Originaltitel: Mary Magdalene
Regie: Garth Davis
Drehbuch: Helen Edmundson, Philippa Goslett
Musik: Jóhann Jóhannsson, Hildur Guðnadóttir
Darsteller: Rooney Mara, Joaquin Phoenix, Chiwetel Ejiofor

Israel, Anfang des 1. Jahrhunderts: Das Land ist von den Römern besetzt. Ein kleiner Teil der jüdischen Bevölkerung, zu der auch die Jerusalemer Priesteraristokratie gehört, profitiert von der Situation. Ein Großteil der Menschen jedoch lebt in armen Verhältnissen und sehnt sich nach dem Messias, einem echten König, der das Reich Gottes einläuten wird. In Magdala am See Genezareth lebt eine junge Frau namens Maria (Rooney Mara) mit ihrer Familie. Sie soll verheiratet werden und die üblichen Aufgaben einer Ehefrau übernehmen. Doch in Maria brennt die Sehnsucht nach einer Begegnung mit Gott, was sie zum Wanderprediger Jesus aus Nazareth (Joaquin Phoenix) führt. Sie schließt sich seiner kleinen Bewegung an und entwickelt ein tiefes Verständnis für seine Botschaft. Dies führt zu Auseinandersetzungen mit den männlichen Jüngern. Insbesondere Petrus (Chiwetel Ejiofor) betrachtet Maria mit skeptischen Augen. Die Konflikte verschärfen sich, als Jesus beschließt, mit seiner Botschaft in Jerusalem einzuziehen.

Die folgende Kritik enthält SPOILER und eine Menge fachlicher Ergüsse.

Kaum eine biblische Frauengestalt ist schillernder als Maria Magdalena. Als reuige Sünderin, ehemalige Prostituierte und potentielle Geliebte Jesu ist sie einer breiten Masse bekannt. Dabei gehen all diese Punkte auf Traditionen und Verschwörungstheorien zurück, biblisch fundiert ist davon nichts. Tatsächlich erzählen die Evangelien nicht allzu viel über Maria. Sie scheint die Wichtigste einiger Frauen gewesen zu sein, die Jesus als Jüngerinnen begleiteten. Vorgestellt wird sie über ihren Heimatort Magdala, was als Hinweis darauf zu werten ist, dass sie nicht oder nicht mehr verheiratet war. Laut Lukasevangelium trieb Jesus aus ihr sieben Dämonen aus, was man als physisches oder psychisches Leiden interpretieren könnte. In den Passionserzählungen steht sie – ganz im Gegensatz zu den männlichen Jüngern – am Kreuz und ist auch die erste Zeugin der Auferstehung.

Mehr ist es zunächst nicht, was die Bibel zu berichten hat. Im Laufe der Kirchengeschichte wurde Maria schließlich mit anderen, bislang namenlosen Frauengestalten des Neuen Testaments zusammengelegt. Zu erwähnen wäre hier beispielsweise die Sünderin, die Jesus die Füße wäscht, oder die Ehebrecherin, die nur knapp einer Steinigung entgeht. Von päpstlicher Seite aus wurden diese fehlerhaften und folgeschweren Identifikationen in der Spätantike gefördert und unterstützt. Das zeigte sich zunächst in der Kunst, wo Maria Magdalena auf vielen Bildern eine gewisse Erotik umgibt. In der Moderne griffen auch Spielfilme das Prostituierten-Thema auf oder stellten Maria sogar als Geliebte Jesu dar – mal mehr, mal weniger geschmackvoll. Die Exegese jedoch ging in den letzten Jahrzehnten (auch im Zuge der feministischen Theologie) einen anderen Weg. Man konzentrierte sich wieder auf die Evangelien und auch einige apokryphe Texte, die nicht in den Bibelkanon aufgenommen wurden. Maria Magdalena erfuhr dadurch eine Art Rehabilitation und gilt inzwischen als Apostolin, was sie auf eine gleiche Stufe mit den männlichen Jüngern Jesu stellt. Ihren Festtag hat sie dem aktuellen Papst Franziskus zu verdanken.

Nach dieser fachlichen Richtigstellung folgt nun mit „Maria Magdalena“ auch ein Film, der der biblischen Frauengestalt gerecht werden möchte. Und tatsächlich verzichtet man auf sämtliche Effekthascherei. Keine Prostitution, keine sexuelle Beziehung mit Jesus, stattdessen die ruhig erzählte Geschichte einer Gläubigen. Das fehlende Spektakel mögen manche als langweilig empfinden, ich jedenfalls bin um diesen respektvollen Umgang sehr froh und rechne dies dem Film hoch an. Allerdings weiß ich auch, dass eine gute oder ehrbare Prämisse noch keinen perfekten Film macht, worüber „Maria Magdalena“ hier und da auch ein wenig stolpert. Aber dazu später mehr.

Der Film beginnt in Marias Heimatort Magdala, was in Wahrheit wohl mehr als ein kleines Kaff war, und stellt uns den Charakter vor. Hier muss man zwangsläufig die spärlichen biblischen Angaben anreichern, wenn man eine funktionierende Filmfigur haben möchte. Die Drehbuchautoren entschieden sich dafür, aus Maria eine Hebamme und Fischerin zu machen. Das eine ist naheliegend, das andere weniger nachvollziehbar. Die Fischerei war wohl doch eher eine Männerdomäne. Ihre Arbeit als Hebamme allerdings birgt eine schöne Symbolik, die im Film noch einige Male aufblitzt und gespiegelt wird (Stichwort: Lazarus). Maria zeigt sich als relativer Freigeist und möchte sich gewissen gesellschaftlichen Konventionen nicht unterwerfen: Sie will beten, wann immer sie will, und keine Ehefrau werden. Mit Rücksicht auf den historischen Kontext fragt man sich zwar, woher diese modernen Ansichten wohl kommen mögen, aber das Ganze wird einigermaßen annehmbar dargestellt – nicht zuletzt wegen Rooney Maras ruhigem, aber eindringlichem Spiel.

Mit Joaquin Phoenix betritt mein eigentliches Highlight die Bühne. Das mag man in einem Film, der eigentlich um eine Frau geht, kritisch sehen. Aber für mich steht fest, dass Phoenix hier einen höchst interessanten Jesus präsentiert. Er füllt die Rolle mit einer Mischung aus permanenter Wut und Trauer, aber auch mit vielen freundlichen und gutherzigen Momenten. Phoenix‘ Jesus sorgt dafür, dass in seinen Szenen stets die Luft knistert und tatsächlich nimmt man ihm die härtere Gangart auch ab. Etwas kontraproduktiv ist höchstens die deutsche Synchronstimme, sowie manche Dialoge, die ein wenig weichgespült daherkommen. Da hätte man sich auch direkter am Bibeltext bedienen können, um besser auf den Punkt zu kommen.

Durch die starke Präsenz von Jesus verlässt der Fokus Maria, was durch das dezente Spiel von Rooney Mara unterstützt wird. Dass man den Film hier angreift, kann ich verstehen, aber insgesamt ergibt sich für mich doch ein stimmiges Bild. Während die männlichen Jünger im Hinblick auf das Reich Gottes Umbruch und Aufstand, eben den großen Effekt erwarten, hört Maria als Frau in Ruhe zu und begreift, dass sich zunächst Menschen verändern müssen, bevor es Königreiche tun. Womöglich hätte man ihrem Charakter in der Mitte des Films trotzdem noch mehr offensichtlichere Entwicklung zugestehen können. Ein stärkerer Erzählfaden, der die einzelnen Szenen dramaturgisch geschmeidiger in Verbindung bringt, wäre ebenfalls nicht schlecht gewesen. Auf einen interessanten Nebenplot mit Petrus möchte ich dennoch hinweisen. Maria ist zusammen mit ihm auf einer Art Missionsreise. Dabei wird der Unterschied zwischen den beiden immer deutlicher und es wird außerdem klar, dass sich die Macher mit dem apokryphen Evangelium der Maria auseinandergesetzt haben. Darin werden Petrus und die Jüngerin quasi gegeneinander ausgespielt, wenn es um die Gunst Jesu, beziehungsweise das Verständnis seiner Botschaft geht. Ob ein apokryphes Evangelium viele Rückschlüsse auf historische Persönlichkeiten zulässt, ist fraglich. Allerdings wird dadurch deutlich, dass es in den frühen christlichen Gemeinden durchaus eine Diskussion um die Wertung des Petrus, beziehungsweise die der Maria gab.

Der Film führt logischerweise nach Jerusalem und widmet sich dort zunächst der Tempelreinigung und dem Konflikt Jesu mit der religiösen Elite. Diese Szenen sind atmosphärisch sehr dicht, der Tempel wird bedrohlich inszeniert und Phoenix geht in seinen wütenden Momenten richtig auf. Man schafft es sogar zu vermitteln, dass es bei der Tempelreinigung nicht primär um eine Kritik an den Händlern geht. Jesus unterbindet mit seiner Aktion das aus seiner Sicht heuchlerische Sühneritual der Tempelpriester, bei welchem man im Prinzip gegen Geld seine Sünden los wird. Dies wird nicht wirklich in jeder Verfilmung deutlich. Ebenfalls in Jerusalem kommt eine neuartige Motivation des Verräters Judas zum Tragen. Im Film hat der Jünger seine Frau und seine Tochter verloren und verspricht sich vom nahenden Gottesreich ein Wiedersehen mit seiner Familie. Dementsprechend möchte er Jesus zum Handeln zwingen, indem er ihm seinen Feinden ausliefert. Man hat Judas zwar schon öfter mit interessanten, außerbiblischen Beweggründen ausgestattet, doch diese Sichtweise war tatsächlich erfrischend und menschlich gut nachvollziehbar.

Am Ende geht alles recht schnell, fast schon zu schnell. Verhaftung und Hinrichtung geschehen in wenigen Minuten und ich muss gestehen, dass ich Phoenix‘ Jesus gerne als Angeklagten vor den religiösen und politischen Machthabern gesehen hätte. Doch der Film konzentriert sich – was wohl auch richtig ist – wieder verstärkt auf seine Protagonistin und lässt uns die letzten Stunden Jesu aus Marias Perspektive erleben. Seltsam wirkt nur, dass die Verleugnung des Petrus fehlt, wo der Film ansonsten doch sehr darauf bedacht ist, die Mängel der männlichen Jünger herauszuarbeiten. Im Zuge der Auferstehung wird Maria zur ersten Zeugin und Geburtshelferin der Kirche, was eine schöne Brücke zu ihrer Hebammen-Tätigkeit am Anfang des Films schlägt. Erwähnenswert ist auch die stimmige Verknüpfung mit dem Senfkorn-Gleichnis, nach welchem große Dinge einen kleinen, ganz unscheinbaren Anfang haben – eben ganz im Sinne von dem, was Maria vom Reich Gottes verstanden hat.

Fazit: Der Film hat tolle Bilder und starke Darsteller, doch ich bezweifle, dass das einem Zuschauer reicht, der nicht religiös ist oder kein Interesse an Bibelexegese hat. In meinem Fall stehen die Dinge ja anders und ich kann dem Film – trotz einiger Stolpersteine – vieles abgewinnen. Er ist schön, unaufgeregt, ruhig, ein wenig meditativ und trotz der bekannten Geschichte hier und dort überraschend. Ich verteile knappe 8 von 10 Popcornguys!