Sieben Minuten nach Mitternacht

Titel: Sieben Minuten nach Mitternacht
Originaltitel: A Monster Calls
Regie: Juan Antonio Bayona
Musik: Fernando Velázquez
Darsteller: Lewis MacDougall, Felicity Jones, Sigourney Weaver

Conor O’Malley (Lewis McDougall) ist 12 Jahre alt und lebt zusammen mit seiner krebskranken Mutter (Felicity Jones). Diese ist durch die Behandlungen sehr angeschlagen, weswegen Conor sich viel um sie und den Haushalt kümmern muss. Doch das sind nicht die einzigen Probleme des Jungen. Er vermisst seinen Vater (Toby Kebbell), der mit einer neuen Frau in Amerika lebt und nur selten zu Besuch kommt. Conors Großmutter (Sigourney Weaver) ist wahnsinnig bestimmend und streng, und in der Schule wird der Junge von seinen Klassenkameraden verprügelt. Und als wäre das nicht schon genug, wird Conor seit vielen Tagen von einem grausamen Albtraum heimgesucht. In einer Nacht, und zwar genau sieben Minuten nach Mitternacht, geschieht etwas Unglaubliches: Die große Eibe, die auf einem Hügel neben einer alten Kirche in Sichtweite von Conors Haus steht, verwandet sich in ein knorriges Monster. Das Ungeheuer spricht mit dem Jungen und möchte ihm drei Geschichten erzählen, bevor Conor in einer vierten Geschichte seine eigene Wahrheit preisgeben soll.

“Geschichten sind das Gefährlichste von der Welt. Sie jagen, beißen und verfolgen dich.” Dieses Zitat stammt aus Patrick Ness‘ Romanvorlage und fasst die schiere Wucht des Films “Sieben Minuten nach Mitternacht” perfekt zusammen. Die Geschichte geht auf eine Idee der Autorin Siobhan Dowd zurück, welche von Ness aufgegriffen und in einen Bestseller verwandelt wurde. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich von dem Buch rein gar nichts wusste – doch das werde ich nach dem Film nun ändern.

Ness ist auch für das Drehbuch verantwortlich, welches vom Regisseur Juan Antonio Bayona (“The Impossible”) visuell höchst beeindruckend umgesetzt wurde. Das Monster – im Original von Liam Neeson gesprochen – zieht den Zuschauer in jeder Szene in seinen Bann und überzeugt auf ganzer Linie. Die drei Geschichten, die es Conor erzählt, werden von wunderbar stimmigen Animationen unterstütz, die den Film über weite Phasen zu einem echten Kunstwerk werden lassen. Sämtliche Schauspieler verkörpern ihre Rollen mit genau der richtigen Intensivität und Glaubwürdigkeit. Hervorheben möchte ich an dieser Stelle Felicity Jones, die ich in “Rogue One” als relativ langweilig empfand, die aber hier wunderbar warm und ehrlich spielt. Der darstellerische Star des Films ist aber Lewis MacDougall, der die äußerst schwierige Hauptrolle des Conor bravourös meistert.

Was den Film aber zu einem der besten des bisherigen Kinojahrs macht, sind die Themen, die er behandelt. Die Geschichten, die das Monster erzählt, sind wie Märchen und führen den Zuschauer anfangs gerne in die Irre. Man erwartet schnell einen klischeehaften Ausgang der Erzählungen, doch dann wird man eines Besseren belehrt. Die Märchen des Monsters umgehen die Klischees, fahren mit unerwarteten Wendungen auf und beinhalten dadurch sehr reflektierte und realistische Weisheiten und Wahrheiten. Allein über diese drei Geschichten innerhalb des Films könnte man lange Zeit philosophieren. Der Zuschauer wird in eine nachdenkliche Stimmung versetzt und muss sich mit einer ganzen Reihe interessanter Fragen auseinander setzen: Was ist gut und was ist böse? Wie wichtig ist der Glaube? Was bedeutet es, erwachsen zu werden? Und welche Bedeutung im Leben hat das Loslassen? Allmählich und mit dem nahezu perfekten Tempo schaukelt sich der Film über diese Themen hoch in emotionale Höhen, die eigentlichen keinen kalt lassen dürften. Tatsächlich glaube ich, dass “Sieben Minuten nach Mitternacht” bei einem Großteil der Zuschauer Tränen fließen lassen wird.

Fazit: An der Schwelle zum obligatorischem Krach-Bumm-Sommer-Blockbuster-Kino kommt ein Film daher, der einem die wahre Kraft einer guten Geschichte aufzeigt und einem direkt ins Herz stößt. Ich spreche eine klare Empfehlung aus und verteile starke 8 von 10 Popcornguys, mit einer Tendenz nach oben!

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Ghostbusters

Titel: Ghostbusters
Originaltitel: Ghostbusters
Regie: Paul Feig
Musik: Theodore Shapiro
Darsteller: Melissa McCarthy, Kristen Wiig, Kate McKinnon, Leslie Jones

New York: Es häufen sich übernatürliche Erscheinungen von Geistern, die von den meisten Bewohnern der Stadt jedoch nicht ernst genommen werden. Drei in Ungnade gefallene Wissenschaftlerinnen (Melissa McCarthy, Kristen Wiig, Kate McKinnon) tun sich mit einer U-Bahn-Arbeiterin (Leslie Jones) zusammen, um den paranormalen Phänomenen auf den Grund zu gehen. Fragliche Unterstützung bekommen sie dabei von ihrer attraktiven, aber geistig minderbemittelten männlichen Sekretärin Kevin (Chris Hemsworth). Das als Ghostbusters bekannt werdende Team bekommt bald den Verdacht, dass hinter all den Geister-Erscheinungen ein Mastermind stecken könnte.

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich bin kein großer „Ghostbusters“-Fan. Dafür habe ich die Filme etwa 10 Jahre zu spät gesehen. Ohne eine große emotionale Bindung kann ich aber trotzdem sagen, dass es sich beim ersten Teil um einen komischen und schrulligen Film handelt, dessen Kultpotential ich erkenne und würdige. Die Fortsetzung dagegen halte ich für nicht sonderlich gelungen. Vermutlich ist „Ghostbusters“ so ein Film, der nur zu einer ganz bestimmten Zeit, unter einer ganz bestimmten Regie und mit ganz bestimmten Schauspielern gut werden konnte. Jedenfalls sehe ich mich aufgrund meiner fehlenden emotionalen Bindung zum Franchise in der Lage, relativ neutral an das Remake herangehen zu können. Wobei das mit der Neutralität in diesem Fall so eine Sache ist.

Erstmal zum Positiven: Die Charaktere sind nicht so furchtbar, wie es der Trailer vermuten ließ. Melissa McCarthy, normalerweise penetrant und laut, spielt hier angenehm dezent. Kristen Wiig als biedere Physikerin mit Stock im Arsch ist zumindest am Anfang sympathisch – bis ihre Libido zu mehreren peinlichen Momenten führt. Kate McKinnon ist in ihrer Rolle zwar hoffnungslos überzeichnet, sticht aber womöglich gerade deswegen heraus und ist gelegentlich fast schon cool. Und Leslie Jones kommt überraschend geerdet daher und nervt lediglich dann, wenn sie brüllt. Alles in allem scheinen es doch Frauen mit komödiantischem Potential zu sein. Dass eben jenes nicht ausgeschöpft oder in sinnvolle Wege geleitet wird, hat ja eher mit Regie und Drehbuch zu tun.

Positiv ist außerdem der Umstand, dass einen die Story – so flach und abgekupfert sie auch sein mag – nie komplett verliert. Die Facepalm-Momente halten sich in Grenzen und so mochte sich bei mir das Gefühl von Hass nie so recht einstellen. Eventuell mögen das Fans der alten Filme aber anders sehen. Apropos alte Filme: Die noch lebenden Ghostbusters aus dem Original haben allesamt kleine Cameo-Auftritte. Gut, insbesondere Bill Murray wirkt so, als hätte er auf das Ganze überhaupt keinen Bock. Aber dennoch stellen die Auftritte der alten Garde kleine Highlights dar, weil sie an einen besseren Film erinnern. Jedoch sollte man sich darauf gefasst machen, dass die früheren Rollen nicht aufgegriffen werden – Murray & Co. spielen gänzlich andere Charaktere.

Mehr positive Aspekte des Films mögen mir ab nun nicht mehr einfallen. Mein größter Kritikpunkt – und vielleicht der einzig wichtige – ist folgender: „Ghostbusters“ funktioniert für mich nicht als Komödie. Die eine Hälfte der Gags dreht sich um Fürze, Pisse oder Kacke, während die andere Hälfte gewzungen, angestrengt und schlecht improvisiert wirkt. Subtilität und Ironie sind nicht zu finden. Selten konnte ich schmunzeln, kein einziges Mal konnte ich Lachen. Im Grunde könnte ich mit dem Schreiben an der Stelle aufhören, weil man auch nicht mehr wissen muss, wenn man den Film bewerten will. Aber auf ein paar Details möchte ich trotzdem noch eingehen.

Zunächst möchte ich ein paar Worte zu Chris Hemsworth verlieren. Sein grenzdebiler Charakter bewegt sich scharf an der Grenze zur geistigen Behinderung. Klar, man kann das lustig finden und in seiner Darstellung womöglich eine amüsante Überspitzung seines ja auch nicht besonders hellen Thor-Charakters sehen. Aber mir persönlich ist eine Figur, die mehrere Male probiert, ein Telefon hinter einem Aquariumsglas zu berühren, einfach too much. Das wäre übrigens auch mit einer Frau nicht komisch gewesen. Und da wären wir auch schon bei jenem brisanten Thema, welches das Vorfeld von „Ghostbusters“ von Anfang an bestimmt hat: Frauenfeindlichkeit.

Was gab es da nicht alles für Diskussionen! Können Frauen denn wirklich Ghostbusters sein? Beziehungsweise: Können Frauen denn überhaupt witzig sein? Ja, manche Menschen haben sich tatsächlich diese Fragen gestellt. Aber besonders viele waren es nicht. Interessant ist hierbei folgender Fakt: Sony hat unter seinem Trailer jene Youtube-Kommentare entfernt, in denen – zu Recht – festgestellt wurde, dass der Trailer einfach nicht lustig ist. Stehen geblieben sind lediglich die frauenfeindlichen Kommentare. Sony hat damit Kritikern eine perfide Falle gestellt: Wenn du „Ghostbusters“ nicht lustig findest, bist du automatisch frauenfeindlich. Ich möchte dagegen halten, dass es absolut in Ordnung ist, diesen Film durchschnittlich, schlecht oder gar scheiße zu finden, denn das Problem liegt nicht bei den Darstellerinnen oder den weiblichen Charakteren. Er ist schlichtweg nicht komisch.

Es ist außerdem auffallend, mit was für einer trotzigen Haltung „Ghostbusters“ zwischen den Zeilen daher kommt. So haben die Wissenschaftlerinnen im Film mit kritischen Youtube-Kommentaren unter ihren eigenen Videos zu kämpfen, während es sich bei ihrem männlichen Gegenspieler mehr oder weniger um einen eigenbrötlerischen Nerd handelt. Viel offensichtlicher kann man nicht gegen das ohnehin schon verärgerte Kernpublikum treten – und ob das sonderlich klug und diplomatisch ist, wage ich zu bezweifeln. Letztendlich würde ich bei „Ghostbusters“ auch von einer Art umgedrehten Sexismus sprechen: Nahezu jede männliche Rolle ist entweder böse oder dämlich. Dass daneben die weiblichen Rollen automatisch besser aussehen, liegt auf der Hand. Ob der Film damit dem Feminismus einen wertvollen Dienst erweist, sei mal dahin gestellt. „Ghostbusters“ kann meiner Meinung nach nicht mit starken Frauenrollen auffahren. Er hat lediglich bewiesen, dass auch Frauen problemlos die Protagonisten in schlechten Komödien sein können und dafür keine Männer brauchen.

Fazit: „Ghostbusters“ ist für mich nicht wirklich hassenswert, dafür aber überhaupt nicht komisch, total unnötig und absolut belanglos. Ich kann euch nur raten, euer Geld anders zu investieren und um diesen Film einen Bogen zu machen. Anders lässt sich die Filmlandschaft ja nur schwer mitgestalten. Es gibt knappe 5 von 10 Popcornguys.

Noah

Titel: Noah (Originaltitel: Noah)
Regie: Darren Aronofsky
Musik: Clint Mansell
Darsteller: Russell Crowe, Jennifer Connelly, Emma Watson

Noah (Russell Crowe) lebt mit seiner Familie fernab der Zivilisation, die bedingt durch den Sündenfall eine für Gott inakzeptable Beziehung zur Schöpfung führt. Gott beschließt, diese fehlerhafte Entwicklung durch eine gewaltige Flut zu unterbinden. Noah erfährt über Visionen vom Untergang der Welt und erkennt für sich den Auftrag, die unschuldigen Geschöpfe – also die Tiere – mittels einer gewaltigen Arche vor der drohenden Katastrophe zu bewahren. Beim Bau des Schiffs wird er von sogenannten Wächtern, bei denen es sich um gefallene Engel in Steingestalt handelt, unterstützt. Allerdings wird die Arche von den Nachfahren Kains entdeckt, deren König (Ray Winstone) seinerseits das Überleben der Menschheit sichern möchte.

Bibelverfilmungen haben es heutzutage schwer, denn sie befinden sich im Kreuzfeuer zwischen zwei miteinander unversöhnlichen Extremen. Auf der einen Seite eifern religiöse Puristen, die jedwede künstlerische Herangehensweise an einen biblischen Stoff verurteilen. Auf der anderen Seite empören sich aggressive und voreingenommene Atheisten, die der ersten Gruppe in Sachen Engstirnigkeit und Fanatismus in nichts nachstehen. Aber auch ganz allgemein ist es schwierig, objektiv an einen Film wie „Noah“ heranzugehen, denn jeder Mensch hat eine subjektive Haltung zu Glaube und Religion, welche sich meiner Meinung nach bei einem solchen Werk nie ganz abschütteln lässt. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen unternehme ich nun den Versuch, meine Eindrücke zu sortieren und zu entscheiden, ob mir „Noah“ gefällt oder nicht. Dabei muss ich allerdings eine klare Spoiler-Warnung aussprechen, da ich dieses Mal auf inhaltliche Details eingehen möchte.

Das Filmprojekt „Noah“ hat eine längere Vorgeschichte. Regisseur Darren Aronofsky interessiert sich laut eigener Aussagen bereits seit seiner Kindheit für den biblischen Stoff, den er wie die meisten während seiner Schulzeit erstmals kennen lernte. Viele Jahre später kreierte Aronofsky in Zusammenarbeit mit anderen eine etwas eigenwillige Graphic Novel zur biblischen Geschichte, welche verfilmt werden sollte. Doch ein brauchbares Budget wurde von Seiten des Studios erst nach dem relativen Mainstream-Erfolg von „Black Swan“ locker gemacht, weswegen man auf „Noah“ bis 2014 warten musste. Der Film wurde vor einigen Monaten einem Testpublikum vorgeführt, welches stark ablehnend reagierte. Als Folge dessen bekam das Studio Angst um seine ins Projekt investierten Millionen und wollte größeren Einfluss auf den finalen Schnitt des Werks bekommen. Aber anscheinend setzte sich Aronofsky gegenüber den Geldgebern durch und behielt die kreative Oberhand, was aus künstlerischer Sicht gut und lobenswert ist.

Ebenfalls positiv ist die Wahl der Location, die auf Island fiel. Das Land zeigt sich von seiner kühlen, rustikalen und kargen Schönheit, was viel zur Endzeit-Atmosphäre des Films beiträgt. Kostüme und Settings sind auf den ersten Blick etwas gewöhnungsbedürftig, allerdings findet man sich – von ein paar Ausnahmen, die mir zu sehr Fantasy sind – gut in den gesamten Look des Films ein. Der Soundtrack, der von Clint Mansell stammt, kommt wuchtig, stimmungsvoll und epochal daher und bleibt einem doch längere Zeit im Ohr.

Kritischer sehe ich dagegen die Effekte des Films. Bereits die ersten Einstellungen, die die verführerische Schlange und die Frucht im Garten Eden zeigen, fallen mit einer für dieses Budget nicht tolerierbaren Schlechtigkeit auf. Glücklicherweise ist dies nicht der Standard für alles Folgende, jedoch gibt es leider immer wieder ähnlich miese Effekte, die aus dem Film reißen können – als Beispiele möchte ich einige Tiere auf der Arche, die steinernen Wächter oder die großen Wassermassen der Sintflut erwähnen. Möglicherweise ist man mittlerweile ziemlich verwöhnt, was Computereffekte angeht, aber für wahrscheinlicher halte ich es, dass das hochgelobte CGI auch heute noch seine Grenzen hat. Das mag zum Teil als Entschuldigung gelten, doch auf der anderen Seite hätte ich es gerade einem kreativen Kopf wie Aronofsky zugetraut, bessere und glaubhaftere Lösungen zu finden.

Ein wenig unschlüssig bin ich mir auch bei den eingangs erwähnten Wächtern. Hierbei handelt es sich um vom Himmel gestiegene Engel, die auf der Erde an einen riesenhaften Steinkörper gebunden sind und mehr oder weniger darauf hoffen, vom Schöpfer zurück berufen zu werden. Im biblischen Buch Genesis werden sowohl Engel, als auch Riesen erwähnt, allerdings nur kurz und relativ kontextlos. Aronofsky scheint diese knappen Verse zu kombinieren und eine äußerst freie Interpretation auf die Kinoleinwand zu bannen, die theologisch recht fragwürdig ist. Die logische Daseinsberechtigung der Wächter liegt auf der Hand, denn wie hätte Noah sonst die gewaltige Arche bauen können? Allerdings denke ich, dass gerade eine Verfilmung des Buches Genesis nicht in erster Linie einer rationalen Logik entsprechen muss. Insofern sehe ich die Wächter eher als Mittel zum Zweck, die Fantasy- und Actionelemente zu bedienen, welche meiner Meinung nach etwas zu sehr von den stärkeren Momenten des Films ablenken.

Die Erzählstruktur des Films ist prinzipiell linear, wird jedoch durch Noahs Visionen und Rückblenden auf Schöpfung und Sündenfall aufgelockert. Dies ist dramaturgisch geschickt und ordnet darüber hinaus die Geschehnisse rund um die Arche in ein größeres Ganzes ein. Ein Minus gibt es allerdings wegen der Inszenierung, denn neben den Effekten, die gerade bei diesen Flashbacks relativ mies daher kommen, werden dem Zuschauer gleich am Anfang des Films diverse Schriftzüge entgegen geschmettert – ein nicht wirklich kunstvoller Kniff, da besonders hier ästhetische Bilder für sich hätten sprechen können.

Inhaltlich möchte ich auf das letzte Drittel von „Noah“ eingehen, denn hier wandelt sich der vermeintliche Fantasy-Film zu einem höchst dramatischem Psycho-Thriller. Die Grundsteine dafür werden schon frühzeitig gelegt: In Noah wächst die Überzeugung, dass die Schöpfung nur ohne den Menschen zum paradiesischem Urzustand zurück finden kann. Aus diesem Grund sieht er es als Teil seines Auftrags, nach der Rettung der Tiere ohne weitere Nachkommen zu sterben. Das führt natürlich zu familiären Konflikten. So verbietet es Noah seinem Sohn Ham (Logan Lerman) eine Frau mit auf die Arche zu nehmen, was in Ham den Wunsch nach Vergeltung weckt. Stieftochter Ila (Emma Watson), die zunächst als unfruchtbar gilt, bekommt auf der Arche Zwillinge, welche der immer fanatischer werdende Patriarch aufgrund der Erfüllung seiner Mission umbringen möchte. Noahs Verhalten schockt nicht nur seine Ehefrau Naama (Jennifer Connelly), sondern auch den Zuschauer, den diese Darstellung des Protagonisten hat mit der biblischen Vorlage nicht mehr viel gemeinsam. Dennoch ist die Fragestellung, die dem ganzen Psycho-Terror als Nährboden dient, höchst aktuell und modern, was gerade dieses letzte Drittel des Films faszinierend macht. Ist es nicht so, dass die Welt ohne den Menschen ein besserer Platz wäre? Sind wir vielleicht nicht wirklich ein zum Scheitern verurteiltes Werk des Schöpfers? Und dienen Überbevölkerung, Umweltverschmutzung und Ressourcenknappheit nicht als Argumente für eine solch radikale Sichtweise? Auf diese Themen spielt der Film meiner Meinung nach indirekt an und bekommt daher eine interessante philosophische Note.

Die Klasse der Schauspieler wird ebenfalls in diesem letzten Drittel deutlich. Jennifer Connelly ist in ihrem Entsetzen über ihren Ehemann ein Spiegelbild des wohl ebenfalls geschockten Zuschauers. Emma Watson, der ich an dieser Stelle abermals eine große Zukunft prophezeie, spielt sich in ihrer Angst um ihre neugeborenen Zwillinge ins Herz des Publikums. Und auch Logan Lerman als enttäuschter und auf Rache sinnender Sohn Ham kann überzeugen. Russell Crowe befindet sich spätestens als radikaler Fanatiker in einer Paraderolle und bietet eine höchst intensive Darstellung. Und auch Ray Winstone überzeugt als Antagonist, was meiner Meinung nach auch das Drehbuch an einer Stelle besonders klar macht, die eng mit der biblischen Vorlage zusammen hängt. Denn so heißt es in Genesis, dass der Mensch die Welt bebauen und behüten, aber auch beherrschen soll. Während Russell Crowes Noah in seiner Menschenverachtung das eine Extrem verkörpert, legt Ray Winstones böser König Gottes Auftrag in die komplett entgegen gesetzte Richtung aus, wenn er sich als Krone der Schöpfung bezeichnet und die restliche Welt rücksichtslos ausbeutet. In den Reihen der Schauspieler muss natürlich noch Anthony Hopkins erwähnt werden, der als Noahs Großvater Methusalem den weisen Mentor gibt – und ganz nebenbei durch seinen Beeren-Fetisch für den ein oder anderen Schmunzler sorgt.

Gott selbst bleibt im Film der Distanzierte und wird lediglich als „Schöpfer“ bezeichnet. Möglicherweise soll durch diese Wortwahl der atheistische Teil des Publikums geschont werden, aber auf der anderen Seite muss man sich auch des inflationären Gebrauchs der Bezeichnung „Gott“ bewusst sein. Das Göttliche bleibt demnach im Film wenig greifbar und mystisch, was ich zunächst auch als positiv empfinde – wenn man mal vom Ende absieht. Denn hier wird der für mich absolut zentrale und unumgängliche Aspekt der Noah-Erzählung nicht deutlich genug herausgearbeitet. Es ist Gottes Grundcharakter in der Bibel, dass er den Menschen – trotz sämtlicher Verstöße und darauf folgender Bestrafungen – niemals ganz aufgibt. Es ist sein Plan, einen Teil der Schöpfung vor der Flut zu retten und dazu gehört auch der Mensch, für den Noah und seine Familie stellvertretend stehen. Für mich ist es absolut in Ordnung, dass der Protagonist zweifelt und über weite Strecken Gottes Auftrag anders interpretiert oder missversteht. Aber es wäre mir am Ende wichtig gewesen, dass der fanatische Noah reflektiert und das erneute Bundesangebot des Schöpfers erkennt. Denn im Film liegt es alleine in der Hand des Menschen, ob er ein Teil der Schöpfung bleibt oder nicht, was meiner Meinung nach zu einem Fehlen der gewissen spirituellen Note führt, welche dem Werk gut getan hätte.

Fazit: Es ist ein wenig schwer, „Noah“ einer bestimmten Zuschauergruppe zu empfehlen. Leichter ist es wohl, festzuhalten, für wen der Film nicht geeignet ist. Action-Fans werden ihre Momente haben, aber für den vollen Unterhaltungs-Genuss knallt es dann doch zu wenig. Arthouse-Liebhaber werden insbesondere am Ende auf ihre Kosten kommen, sich aber womöglich an den Fantasy-Elementen und dem zum Teil schlechten Effekten stören. Freunde bibeltreuer Verfilmungen könnten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, atheistische Bibelfeinde können sich aber auch nicht ins Fäustchen lachen, denn dafür ist die Essenz der Vorlage zu gut eingefangen. Wenn man sich nun selbst irgendwo zwischen all diesen Lagern situieren würde, grundsätzliche Vorkenntnisse hat und auf eine moderne Interpretation eines alttestamentlichen Stoffes gespannt ist, kann man die Kinokarte ruhig lösen. Ich persönlich hätte mir einen stärkeren Fokus auf Kunst und Drama gewünscht, denn was die im Film gestellten Fragen und Parallelen zu modernen Problemen angeht, war ich absolut am Ball. Von der Tendenz her ist „Noah“ für mich also gut, aber doch ein erkennbares Stück davon entfernt, richtig gut zu sein. Es gibt 7 von 10 Popcornguys!

47 Ronin

Titel: 47 Ronin (Originaltitel: 47 Ronin)
Regie: Carl Erik Rinsch
Musik: Ilan Eshkeri
Darsteller: Keanu Reeves, Hiroyuki Sanada, Rinko Kikuchi

Der halbblütige Kai (Keanu Reeves) dient am Hof eines Samurai-Fürsten, der von seinem skrupellosen Konkurrenten Kira (Tadanobu Asano) in den Tod getrieben wird. Sämtliche Krieger des Fürsten sind ab nun herrenlos und müssen aufgrund ihres schändlichen Versagens im Exil leben. Ein Jahr nach diesen Ereignissen kommen die als Ronin bezeichneten Männer zusammen, um den Tod ihres Herren zu rächen. Auch Kai schließt sich ihnen an, da er in die Tochter seines ehemaligen Fürsten verliebt ist, welche von Kira geehelicht werden soll. Doch auf der Seite des Gegners steht auch die mysteriöse Mizuki (Rinko Kikuchi), die mit ihren Zauberkräften eine große Gefahr darstellt.

Die Geschichte der 47 Ronin, die den Tod ihres Herrn rächen wollen, ist eine zentrale Geschichte Japans und ein Paradebeispiel für dortige Auffassungen von Ehre. Viele Ansichten, die auch im Film vertreten werden, erscheinen uns im Westen fremd, sind meiner Meinung nach jedoch sehr faszinierend. Beispielsweise gibt es unter Samurai die unumstrittene Denkweise, dass ein ritueller Selbstmord weitaus ehrenhafter ist als eine Hinrichtung durch den Strick. Derartige Momente könnten für manche Zuschauer eine Hemmschwelle sein, für mich war dieser Kern der Originalgeschichte dagegen äußerst positiv und ich war froh, dass man in diesem Punkt ziemlich konsequent verfahren ist.

Neben dieser grundlegenden Struktur gibt es leider nichts anderes, was man loben könnte. Zunächst einmal wirkt die Liebesgeschichte zwischen Kai und der Prinzessin derart aufgesetzt und uninteressant, dass sie wohl kaum Teil der ursprünglichen Legende sein kann, sondern wohl einfach aufgrund moderner Sehgewohnheiten hinzu gedichtet wurde. Erschwerend kommt hinzu, dass Keanu Reeves an der Schwelle zum Scheintod schauspielert. Einerseits mag das an seiner beschränkten Mimik liegen, andererseits geht schon das Drehbuch mit der vermeintlichen Hauptfigur äußerst stiefmütterlich um. So fand ich es äußerst irritierend, dass eine als Nebenfigur gedachte Person emotional stärker packt und mit einem besseren Hintergrund ausgestattet ist als der Protagonist.

Die Kostüme lassen eine historische Authentizität erahnen, fallen jedoch viel zu bunt und manchmal unfreiwillig komisch aus. Die Action kann sich hin und wieder sehen lassen, jedoch leiden die Kämpfe meiner Meinung nach ganz klar unter den Magie- und Fantasyelementen, welche die Story überhaupt nicht nötig hat. Da mir der Grundgedanke des Films wie gesagt gut gefällt, musste ich mich während der Sichtung oft fragen, warum man denn nicht einfach ein historisch korrektes und visuell kargeres Drama aus dem Stoff gezaubert hat – am besten mit einem rein japanischem Cast und ohne eine Hauptfigur, die das Charisma eines Roggenbrots ausstrahlt.

Fazit: Der Kinomonat Januar war großartig, „47 Ronin“ war es leider nicht. Ein Fantasy-Action-Spektakel, welches nur sehr bedingt unterhalten kann. 5 von 10 Popcornguys!

Der Hobbit – Smaugs Einöde

Titel: Der Hobbit – Smaugs Einöde (Originaltitel: The Hobbit: The Desolation of Smaug)
Regie: Peter Jackson
Musik: Howard Shore
Darsteller: Martin Freeman, Ian McKellen, Richard Armitage

Bilbo Beutlin (Martin Freeman), der Zauberer Gandalf (Ian McKellen) und die Zwerge sind mit Hilfe der Adler den Orks unter der Führung des grausamen Azog entkommen. Nach einem kurzen Halt beim Hautwechsler Beorn geht die Reise zum Berg Erebor weiter. Denn dort bewacht der riesige Drache Smaug den legendären Zwergenschatz, zu welchem auch der Arkenstein zählt. Dieser Edelstein stellt für den Zwergenprinz Thorin (Richard Armitage) den Schlüssel zur Rückgewinnung seiner Königswürde dar. Doch zunächst muss sich die Gemeinschaft durch den Düsterwald kämpfen. Hier lauern nicht nur gefährliche Riesenspinnen, auch die unberechenbaren Waldelben stellen eine Gefahr dar. Zu allem Überfluss verlässt Zauberer Gandalf die Gruppe, um sich in der alten Festung Dol Guldur einer bösen Macht aus längst vergangenen Tagen zu stellen.

Normalerweise halten sich die Popcornguys beim Schreiben ihrer Kritiken zurück, wenn es um das Ausplaudern bestimmter Handlungsdetails geht. Bei dieser Filmanalyse wird jedoch eine Ausnahme gemacht, weswegen ab nun SPOILER-ALARM gilt.

Es gab im Jahr 2012 wohl keinen heißer erwarteten Film als „Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“. Umso erschütternder war dann für viele der tatsächliche Kinogang. Statt der ersehnten Rückkehr nach Mittelerde gab es für viele Zuschauer unerwartete Langeweile, ermüdende Leerlaufszenen, überzogene Action und kindischen Slapstick. Die Erwartungshaltung für den zweiten Teil war bei vielen sehr gering und auch ich konnte an das neueste Hobbit-Abenteuer stark ernüchtert heran gehen. Die folgende Kritik widmet sich zuerst den Schwachpunkten des Films, bevor auf die Stärken von „Smaugs Einöde“ eingegangen wird.

Die überdrehten Action-Sequenzen werden kontinuierlich fortgeführt. Die Kämpfe sind bis ins letzte Detail durch choreographiert und absolut schnörkellos, was ihnen leider jegliche Brisanz raubt und in mir fast keine Anteilnahme auslöst. Stark mit der Action verbunden ist die Figur des Legolas (Orlando Bloom), der im Gegensatz zur Romanvorlage im Film seinen Auftritt bekommt und wieder einmal seine Martial-Arts-Fähigkeiten unter Beweis stellen kann. Besonders schlimm fand ich die Fluchtszene mit den Fässern, bei welcher der Elb doch tatsächlich auf den Köpfen von Zwergen stand, um von dort aus seine Pfeile zu verschießen. Vergleichbare Szenen gab es im „Herrn der Ringe“ zwar auch, doch hier fielen ähnliche Szenen bedeutend dezenter aus und wurden nicht derart auf die Spitze getrieben.

Immerhin ist Legolas als Sohn des Waldelbenkönigs Thranduil (Lee Pace) im Tolkien-Universum fest verankert, was sein Auftreten im Düsterwald halbwegs sinnvoll macht. Komplett frei erfunden ist dagegen die Elbenkriegerin Tauriel, welche von Evangeline Lilly gespielt wird. Die Schauspielerin ist zwar bildhübsch, sympathisch und talentiert, jedoch lässt sich nicht verneinen, dass ihr Charakter eine klare Anbiederung an die modernen Sehgewohnheiten des Kinozuschauers darstellt. In Zeiten der Emanzipation braucht es eine Frau – und am besten noch eine taffe, die sich gegen gesellschaftlich auferlegte Zwänge sträubt. Ebenso Mainstream ist die obligatorische Liebeskiste, für welche man mit Kili (Aidan Turner) geschickt den einzigen Zwerg heran zieht, der sich auch gut auf einem Bravo-Poster machen würde. Auch wenn einige Romantiker damit ihren Spaß haben werden, kam es mir aufgesetzt und unnötig vor.

Gelegentlich hatte der Film auch Probleme, seinen Fokus zu halten. So steht der titelgebende Hobbit über lange Phasen abseits der Handlung, während man sich als Zuschauer fast ein wenig in den Neben-Plots verliert. Dies lässt sich natürlich damit erklären, dass es sich bei Jacksons neuer Trilogie um ein Bastelwerk aus Romanvorlage, den Anhängen Tolkiens und frei erfundenen Elementen handelt. Manche Handlungen der Charaktere wirken planlos und wenig durchdacht, allerdings muss man fairerweise erwähnen, dass auch die literarische Vorlage ihre Eigenheiten mit sich bringt. So betrinken sich gemäß dem Roman einige Elben, wodurch es den Zwergen möglich wird, aus dem Waldreich zu fliehen. Eine derartige Szene wäre im „Herrn der Ringe“ undenkbar gewesen, wodurch in den Hobbit-Filmen die Spitzohren stellenweise etwas „out of character“ wirken. Auch ihr materialistisches Interesse am Schatz der Zwerge passt für mich nicht so ganz ins übliche Profil dieser eher jenseitig orientierten Rasse Mittelerdes.

Der Soundtrack zu „Smaugs Einöde“ bot nicht viele Neuheiten. Dabei hätte ich es einem Howard Shore allemal zugetraut, für Düsterwald, Seestadt oder auch Smaug einprägsame musikalische Themen zu schaffen. Stattdessen brannte sich mir keine bislang unbekannte Melodie ins Gedächtnis, auffallend waren nur jene Passagen, die man bereits aus dem „Herrn der Ringe“ kennt.

Der möglicherweise wichtigste Kritikpunkt bezieht sich auf die gesamte Optik des Films. Wie bereits in „Eine unerwartete Reise“ lässt sich ganz klar der verstärkte Gebrauch von Bluescreen und CGI erkennen. Während es im „Herrn der Ringe“ weitaus mehr Masken, Miniaturen und handfeste Effekte gab, verschwindet hier das mir ans Herz gewachsene Mittelerde hinter einem Schleier aus herzloser Künstlichkeit. Dabei ist es nicht einmal so, dass sämtliche Computertricks überzeugen. Einige Einstellungen der Fässerszene oder auch die animierten Goldmünzen am Ende des Films wirkten geradezu billig. Im Vergleich zum „Herrn der Ringe“, der inzwischen ja gute 10 Jahre auf dem Buckel hat, muss sich ein optischer Rückschritt vermerken lassen – 3D und HFR hin oder her.

Doch es gibt auch Positives zu vermelden. Allgemein hat „Smaugs Einöde“ ein besseres Tempo und einen angenehmeren Rhythmus als sein Vorgänger. Das grundsätzliche Problem der Ausweitung auf drei Teile bleibt natürlich trotzdem bestehen, aber die Anzahl der Leerlaufszenen hat sich zum Glück drastisch reduziert. Etwa bis zur Hälfte des Films war ich geradezu überrascht, wie schnell die Zeit vergeht. Eine weitere Verbesserung stellt der klarere Tonfall des zweiten Teils dar. Während die Divergenz aus Humor und Epik den Vorgänger noch zu zerreißen drohte, ist die Stimmung hier klar düsterer und ernster, was mir persönlich gut gefällt. In diesem Zusammenhang möchte ich auch erwähnen, dass der schrullige Radagast (Sylvester McCoy) nur ganz wenige Auftritte hat. Sein nervtötender Hasenschlitten ist sogar nur ein einziges Mal zu sehen.

Der Cast ist prinzipiell gut gewählt und sympathisch. Martin Freeman hat unterm Strich zwar nicht allzu viel zu tun, ist aber weiterhin ein schauspielerischer Glücksgriff. Ian McKellen zeigt sich gewohnt souverän und auch Richard Armitage als Thorin hat nun mehr Spielraum, um das Interesse des Zuschauers zu wecken. Orlando Bloom schlüpft in seine Paraderolle zurück und auch Evangeline Lilly macht eine gute Figur – ganz gleich, ob man ihren Charakter nun als sinnvoll erachtet oder nicht.

Das klare Highlight des Films stellt allerdings der Drache Smaug dar. Dieser wurde großartig konzipiert und brillant in Szene gesetzt. Den Machern ist es gelungen, eine monströse Kreatur zu erschaffen, die aber dennoch einen durchtriebenen Charakter vorzuweisen hat. Dies ist zu einem großen Teil aber auch der Verdienst von Benedict Cumberbatch, welcher Smaug seine Grabesstimme leiht. Der Dialog zwischen dem Drachen und Bilbo ist übrigens meine Lieblingsszene im Film, was besonders amüsant ist, wenn man an die Zusammenarbeit von Cumberbatch und Freeman in der grandiosen Serie „Sherlock“ denkt.

Fazit: „Der Hobbit – Smaugs Einöde“ ist nette Fantasyunterhaltung, nicht mehr und nicht weniger. Trotz einiger schöner Momente wird es den Filmen für mich nicht gelingen, ein Mittelerde-Feeling auszulösen oder gar am „Herrn der Ringe“ anzuknüpfen. Leider ist Peter Jackson mit seinen neuesten Werken in eher durchschnittlichen Blockbuster-Gefilden angekommen, was nur dann zu keinen größeren Enttäuschungen führt, wenn man ihn mit diesjährigen Werken wie „Iron Man 3“ und „Thor 2 – The Dark Kingdom“ vergleicht. Eine wirklich abschließende Bewertung muss wohl bis zum dritten Teil 2014 warten, spontan würde ich jedoch 6 von 10 Popcornguys verteilen.

Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger

Titel: Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger (Original: Life of Pi)
Regisseur: Ang Lee
Musik: Mychael Danna
Darsteller: Suraj Sharma, Irrfan Khan, Gerard Depardieu

Pi Patel ist der Sohn eines Zoodirektors und wächst in Indien auf. Seine religiösen Wurzeln liegen im Hinduismus, doch als Kind lernt er außerdem das Christentum und den Islam kennen und identifiziert sich bald mit allen drei Weltanschauungen. Gerade als der Jugendliche Pi die Liebe kennen lernt, beschließt sein Vater nach Kanada auszuwandern und sämtliche Tiere zu verkaufen. Die Familie begibt sich zusammen mit dem halben Zoo auf einen japanischen Frachter, der jedoch während eines heftigen Sturms sinkt. Pi kann sich als einziger auf ein Beiboot retten, doch dort ist er nicht allein: Ein verletztes Zebra, ein weiblicher Orang Utan und eine angriffslustige Hyäne leisten ihm Gesellschaft. Schon bald kommt es innerhalb der Gruppe zu Auseinandersetzungen. Die Hyäne tötet zunächst das Zebra, anschließend den Affen, woraufhin sie jedoch selbst Opfer eines weiteren, bisher unentdeckt gebliebenen Passagiers wird: Richard Parker, ein gewaltiger bengalischer Tiger, ist nun das einzige lebende Tier auf dem Rettungsboot. Pi muss sich notgedrungen ein kleines Floß bauen und dem Raubtier ausweichen. Doch im Verlauf das gemeinsamen Überlebenskampfes rücken Mensch und Tiger näher zusammen. Pi gelingt es, Richard Parker zu bändigen und eine Art Partnerschaft zu entwickeln. In gegenseitiger Abhängigkeit gelingt es dem Duo, monatelang auf offener See durchzustehen und auf Rettung zu hoffen.

„Life of Pi“ ist die mit Abstand beste Möglichkeit, das Kinojahr 2012 ausklingen zu lassen. Dieser Film lässt seinen Zuschauer überwältigt im Sessel zurück und fordert ihn dazu auf, die vielen großartigen Eindrücke zu ordnen – etwas, was ich hiermit versuchen möchte.

Beginnen möchte ich mit dem Offensichtlichstem, und zwar dem Look des Films. „Life of Pi“ wurde im Vorfeld als visuelle Konkurrenz zu „Avatar“ gepriesen – und dieser Vergleich ist absolut legitim. Bereits in der Eröffnungsequenz, die an und für sich nur verschiedene Zootiere zeigt, wird der Zuschauer mit feinsten 3D-Effekten verwöhnt. Die Technik wird von Anfang dazu verwendet, um räumliche Tiefe zu erzeugen und auch stellenweise den Betrachter gekonnt an der Nase herum zu führen. Man merkt dem Regisseur förmlich den Spaß an 3D an, doch Ang Lee verliert dabei zu keinem Zeitpunkt Handlung und Charaktere aus den Augen. Der visuelle Augenschmaus entfaltet sich im weiteren Verlauf des Films, wenn farbenfrohe und überwältigende Visionen, Traumsequenzen, nächtliche Himmel, Stürme oder auch Unterwasseraufnahmen die Leinwand veredeln. Doch der eigentliche Höhepunkt in Sachen Effekte stellt der bengalische Tiger Richard Parker dar. Ein solches Tier ist mit all seinen Details sicher unheimlich schwer zu animieren – aber der heimliche Star aus „Life of Pi“ ist in jeder Einstellung ein ohne Abstriche überzeugender Genuss.

Doch eine schöne Optik allein ist nicht alles. Hinter der überragenden Fassade des Films schlummern aber glücklicherweise auch genau die Stärken, die einen Film zu einem Meisterwerk machen können. Suraj Sharma, der die meiste Zeit Pi spielt, ist ein grandioser Darsteller, dem es möglich ist, in einem einzigen Monolog den Zuschauer zu fesseln und unglaublich viele Emotionen zu transportieren. Zudem schafft er es problemlos, während der Rettungsboot-Szenen das Werk alleine zu tragen – mal abgesehen von seinem komplett animierten Schauspielkollegen. Andere Darsteller kommen da konseqenterweise etwas kürzer, doch man kann sich trotzdem über markante Auftritte von Irrfhan Khan und Gerard Depardieu freuen. Der Soundtrack hätte stellenweise weniger dezent sein können, doch er passt sehr gut zu den malerischen Bildern.

„Life of Pi“ ist für mich einer der besten Filme des Jahres, weil er auf so vielen Ebenen perfekt funktioniert. Es ist einerseits ein Abenteuerfilm, in welchem Mensch und Tier gemeinsam ums Überleben kämpfen. Auf der anderen Seite ist es das Drama eines jungen Mannes, der seine gesamte Familie verliert und gezwungen ist, ein neues Leben zu beginnen. Und schließlich ist „Life of Pi“ eine Fabel auf das Leben mit zahlreichen religiös-philosophischen Denkanstößen. Im ersten Drittel des Films nimmt Pis Auseinandersetzung mit Hinduismus, Christentum, Islam und der Rationalität seines Vaters einen relativ großen Raum ein. Möglicherweise wirken diese Szenen auf weniger interessierte Zuschauer langweilig, doch als am Ende des Films die Parabel ihre volle Wirkung entfaltet und ganz offen die Frage nach Gott gestellt wurde, kam wirklich jede im Kinosaal anwesende Person ins Grübeln. Bravo, Ang Lee, besser kann man es nicht machen!

Zum Schluss fasse ich mich kurz: Schaut euch „Life of Pi“ an, es ist ein Meisterwerk und der eventuell beste Film des Jahres!

10 von 10 Popcornguys

Der Hobbit – Eine unerwartete Reise

Titel: Der Hobbit – Eine unerwartete Reise (Original: The Hobbit: An Unexpected Journey)
Regisseur: Peter Jackson
Musik: Howard Shore
Darsteller: Martin Freeman, Ian McKellen, Richard Armitage

Mittelerde, 60 Jahre vor den Ereignissen des großen Ringkriegs: Bilbo Beutlin führt als anständiger Hobbit ein gediegenes Leben im Auenland. Mit Abenteuern und unerwarteten Geschehnissen möchte er nichts zu tun haben. Dies ändert sich zwangsläufig, als eines Tages der Zauberer Gandalf vor seiner Tür steht. Der graue Pilger macht die gemütliche Hobbithöhle zu einem Treffpunkt für eine Gruppe Zwerge, die unter Führung des adeligen Thorin Eichenschilds ihren Heimatberg Erebor zurück erobern wollen. Dieser wurde vor vielen Jahren vom Drachen Smaug erobert, welcher immer noch den im Berg gehorteten Schatz bewacht. Gandalf schlägt Bilbo als Meisterdieb für das Unternehmen vor und nach anfänglichem Zögern schließt sich der Hobbit der Zwergengemeinschaft an. Doch schon bald beginnt er, seine Entscheidung zu bereuen: Trolle, Warge, Orks und Goblins sind nur einige der vielen Gefahren auf dem beschwerlichen Weg zum Erebor. Hinzu kommen die Zweifel Thorins an den Fähigkeiten des Hobbits. Doch im Verlauf der Reise gelingt es Bilbo, seinen Platz in der Gemeinschaft zu finden und über sich hinaus zu wachsen.

Zu Beginn dieser Kritik möchte ich anmerken, dass ich es vermeiden werde, Spoiler zu kennzeichnen. Bei einem Film, den ich persönlich viele Jahre lang herbei gesehnt habe, erscheint es mir wenig sinnvoll, einen Bogen um inhaltliche Details zu machen.

Es war ein langer Weg, bis Bilbo Beutlin seine Reise auf der Kinoleinwand antreten konnte. Der dafür verantwortliche Rechtsstreit zog derart viele Wendungen mit sich, dass man darüber einen eigenen Artikel verfassen könnte. Doch schließlich schwang sich zur Freude der Fans Peter Jackson erneut in den Regiestuhl und machte sich ein zweites Mal daran, Mittelerde zu inszenieren. Allmählich trudelten Meldungen über die Besetzung, Teaser und Bilder ein. Doch erst im Jahr 2012 ließ Jackson die Katze aus dem Sack: „Der Hobbit“ wird ebenfalls eine Trilogie. Spätestens ab hier stellten sich bei mir erste Bedenken ein. Diese kreisten vor allem um folgende drei Fragen:

Wird sich „Der Hobbit“ aufgrund fortgeschrittener CGI, 3D und den revolutionären 48-FPS optisch zu stark von der Ring-Trilogie unterscheiden? Werden die Slapstick- und Over-the-top-Action-Elemente, die bereits im „Herrn der Ringe“ gediegen vorhanden waren, hier nun vollends überzogen? Und wird die Streckung der eher dürftigen Romanvorlage auf drei Teile zu dramaturgischen Langatmigkeit führen?

Zunächst zur ersten Frage. Die Vorstellung, die ich besuchte, bot die üblichen 24-FPS, weswegen ich zur erhöhten Bilderanzahl nichts sagen kann. Dafür war ich allerdings gezwungen, bei der Vorpremiere eine 3D-Vorstellung zu besuchen. An dieser Stelle muss ich anmerken, dass 3D meiner Meinung nach in erster Linie eine technische Spielerei ist, die einen grundsätzlich schlechten Film in keinster Weise aufwerten kann. Hinzu kommt, dass mittlerweile jeder dritte Film in 3D gezeigt wird und mich die üblichen effekthaschenden Pop-up-Gegenstände unglaublich nerven. Glücklicherweise war dies beim „Hobbit“ nicht im Fall. Im Gegenteil, in Sachen 3D ist er zusammen mit „Prometheus“ mein bisher positivstes Erlebnis. Der Effekt wird perfekt dazu genutzt, um Bildtiefe zu erzeugen, sodass der Zuschauer nach relativ kurzer Zeit mitten im Film ist. Bald vergisst man, dass es überhaupt 3D ist, was für meine Begriffe lobenswert ist. Doch trotz der beeindruckenden Bildgewalt bleibt in Sachen Optik ein Wermutstropfen übrig: „Der Hobbit“ wirkt im Gegensatz zum „Herrn der Ringe“ um einiges künstlicher, glatter und unrealer – nicht zuletzt wegen der stärker eingesetzten Kontraste und CGI-Effekte. Dabei wären beispielsweise die Goblins ebenso durch Kostüme und Masken realisierbar gewesen. Insofern kann von einem optischen Einklang zwischen den Trilogien nicht ohne Abstriche gesprochen werden.

Wir kommen zur Frage nach den Slapstick- und Over-the-top-Action-Elementen. Klar, „Der Hobbit“ ist in erster Linie ein Kinder- und Jugendbuch und auch die Romanvorlage bietet haufenweise witzige Stellen und Dialoge. Die ganze Atmosphäre ist bedeutend lockerer und unbeschwerter als im epochalen „Herrn der Ringe“ und das sollte man auch bei der Verfilmung spüren. Tatsächlich gab es auch gut dosierten Humor, welcher häufig mit der grandiosen Leistung Martin Freemans als Bilbo Beutlin zusammen hing. Auch die Darstellung der Zwerge, von denen manche doch recht gewöhnungsbedürftig daher kommen, hielt sich in Grenzen, beziehungsweise war regelmäßig amüsant. Doch Peter Jacksons Überspannung des Bogens in Sachen Humor und Slapstick lässt sich in drei Worten zusammenfassen: Radagast der Braune. Wir lernen einen Zauberer kennen, dem nicht nur Vogelmist am Kopf klebt, sondern der auch mit einem von Hasen gezogenen Schlitten durch Mittelerde düst. Als sich ebendieser Schlitten eine Verfolgungsjagd mit Wargen lieferte, bekam ich im Kinosessel meine Augenbrauen überhaupt nicht mehr in den Griff. Sorry, Peter Jackson, aber das schmeckte mir gar nicht. Und die Entscheidung, gerade diesen überhaupt nicht ernst zu nehmenden Kauz nach Dol Goldur zu schicken und ihn dort Sauron entdecken zu lassen, raubte der Szene auch einen großen Teil der Epik und Bedrohlichkeit. Und leider war Radagast nicht das einzig befremdlich anmutende Element des Films. Ich erinnere mich ungern an Thranduils Elch im Prolog oder den kleinern Schreiber-Goblin. Die Action-Szenen waren meistens in Ordnung, solange kein Hasen-Schlitten involviert war. Übertrieben wirkte jedoch die gesamte Goblin-Szenerie unter den Bergen. Stellenweise fühlte ich mich mehr an ein Videospiel als an einen Film erinnert. Da wurden Seile gekappt, Holzbrücken eingerissen, durch Schächte gerutscht und Felsbrocken gerollt – weniger wäre hier mehr gewesen.

Wir kommen zur letzten meiner drei Fragen: Wird sich die Dreiteilung des „Hobbits“ negativ auf die Dramaturgie des Films auswirken? Unter den ersten Kritiken, die ich im Vorfeld meiner Sichtung überflog, wurde der Auftakt der Trilogie häufig als langatmig und zäh beschrieben. Um die knapp drei Stunden zu füllen, hätte Peter Jackson jedes Wort der Romanvorlage zwei Mal gewendet und ausgelutscht. Dem kann ich mich nicht wirklich anschließen. Ich mochte die ruhigeren Momente und Dialoge des Films und auch in Sachen Action wurde meiner Meinung nach genügend geboten. Gerade die letzten zwanzig bis dreißig Minuten erschienen – trotz der bereits erwähnten Übertreibungen – wie ein einziger großer Showdown. Geschwindigkeit hatte der Film meiner Meinung nach also genug. Und es gab auch den Versuch, die im Prinzip losen Episoden an einem gemeinsamen roten Faden aufzuhängen. Hierfür wurde der Ork Azog als großer Antagonist des Films aufgezogen – meiner Meinung nach jedoch nur mit mäßigem Erfolg. Zum einen wirkte er stets etwas zu blass und austauschbar, zum anderen wäre anstelle von CGI eine Maske möglicherweise viel beeindruckender gewesen. Außerdem ist Azog in Tolkiens Universum zum Zeitpunkt des „Hobbits“ längst tot. Dafür gibt es in der Romanvorlage seinen Sohn Bolg, der auch in der abschließenden Schlacht der Fünf Heere seinen Auftritt hat. Es wäre mir bedeutend lieber gewesen, diesen Ork bereits im ersten Teil einzubauen und ihn zu einem großen Bösewicht aufzubauen.

Bevor ich mich jedoch in Details verliere, die den Film allzu schlecht dastehen lassen, möchte ich ausdrücklich die positiven Seiten loben. Martin Freeman ist wie bereits angedeutet ein absoluter Glücksgriff. Er stellt den konservativen und vom Abenteuer überforderten Bilbo Beutlin herrlich da und vermag es aber genauso, die immer wieder aufblitzenden Heldenmomente der Figur umzusetzen. Ian McKellen ist als Gandalf ein gewohnter Genuss und auch die Zwergendarsteller wurden gut gewählt. Neben Thorin Eichenschild spielte sich vor allem der väterliche Balin in den Vordergrund, was mir in den Szenen mit Bilbo sehr gefiel. Cate Blanchett, Hugo Weaving und Christopher Lee sorgen in ihren Rollen für heimelige Ring-Atmosphäre, wobei die gemeinsame Ratssitzung nicht gerade eine dramaturgische Offenbarung war. Das Rätselduell mit Gollum war dagegen sehr gut inszeniert und man kann Andy Serkis, welcher die wohl treibende Kraft hinter der CGI-Mimik der Kultfigur ist, nicht genug Achtung entgegen bringen. Abgerundet werden die positiven Aspekte des Films vom großartigen Soundtrack Howard Shores, der an vielen Stellen an den „Herrm der Ringe“ erinnert und dabei häufig die gelungensten Brücken schlägt.

Ein Fazit zu ziehen, fällt mir immer noch schwer. Vielleicht denke ich nach einer zweiten Sichtung anders über den Film, doch im Moment komme ich zu folgendem Urteil: „Der Hobbit“ war für mich in seiner Unbeschwertheit und Abenteuerlustigkeit immer ein überaus nettes Buch, jedoch kein Vergleich zum epischen und fast schon apokalyptischen „Herrn der Ringe“. Insofern ist es trotz grundsätzlicher Ernüchterung völlig in Ordnung, wenn auch die Verfilmung des „Hobbits“ für mich eine nette und unterhaltsame Geschichte aus einer Welt ist, die eigentlich viel mehr zu bieten hat.

8 von 10 Popcornguys