Silence

Titel: Silence
Originaltitel: Silence
Regie: Martin Scorsese
Musik: Kim Allen Kluge, Katherine Kluge
Darsteller: Andrew Garfield, Adam Driver, Liam Neeson

Japan, frühes 17. Jahrhundert: Die Christen des Landes leiden unter einer harten und systematischen Verfolgung durch die Regierung. Einer der Missionare, Cristóvão Ferreira (Liam Neeson), soll angeblich dem Christentum abgeschworen haben. Zwei seiner früheren Schüler, Sebastião Rodrigues (Andrew Garfield) und Francisco Garpe (Adam Driver), können dies nicht glauben. Sie reisen selbst nach Japan, um sowohl ihren Mentor zu finden, als auch die japanischen Mitchristen zu unterstützen. Schon bald werden die beiden jungen Priester nicht nur Zeugen von Folter und Verfolgung, was sie an ihrer Mission und ihrem Glauben zweifeln lässt.

Die Verfilmung des 1966 erschienen Romans „Schweigen“ von Shūsaku Endō ist seit Jahrzehnten das Herzensprojekt von Meisterregisseur Martin Scorsese. Nun läuft der Streifen endlich in unseren Kinos – und zwar mit Staraufgebot und einem verhältnismäßig hohen Budget von 40 Millionen Dollar. Dass „Silence“ dennoch an den Kassen floppt, ist meiner Meinung nach keine Überraschung. Trotz bekanntem Regisseur und populären Darstellern ist das Thema einfach zu speziell. Für die meisten dürfte es nachvollziehbare Gründe geben, dem Kinosaal fernzubleiben – doch mich persönlich hat „Silence“ im positivsten Sinne umgeworfen, um mein Fazit vorwegzunehmen.

Für wen ist der Film aber nun gemacht? Ich denke, dass unter bestimmten Umständen auch ein Atheist „Silence“ etwas abgewinnen kann, wenn er die religiösen Glaubensfragen auf etwas Vergleichbares ummünzt. Ohne Frage dürften einem Cineasten auch die tollen Bilder und herausragenden Schauspielleistungen auffallen. Aber dem gegenüber steht die erschlagende Lauflänge von 160 Minuten. Da stelle ich die Behautpung auf, dass „Silence“ für religiöse und gläubige Zuschauer am meisten zu bieten hat.

„Silence“ ist aber keineswegs christliche Propaganda, wodurch das Zielpublikum weiter schrumpft. Natürlich befindet sich das Christentum aufgrund der Verfolgung durch die japanische Regierung – die übrigens sehr detailliert und hart dargestellt wird – in der eher sympathischen Opferrolle. Und natürlich zeigt der Film auch auf, dass es die christliche Religion vermag, einfachen und unterdrückten Bevölkerungsschichten ihren inneren Wert aufzuzeigen, was den damaligen Machthabern Japans ein Dorn im Auge war. Aber trotzdem hat „Silence“ auch auf das Christentum einen differenzierten Blick, der anhand der aufgeworfenen Fragen deutlich wird: Hat nicht die christliche Mission selbst das Leid über die Bürger Japans gebracht? Kann es sein, dass bestimmte Glaubensrichtungen und Ideen in bestimmten Ländern einfach keine Wurzeln schlagen? Und wie christlich ist es eigentlich, Menschen für Jesus Christus in den Tod zu schicken, wenn man ihnen stattdessen das Leben retten könnte?

All diese schweren Fragen – und noch einige mehr – muss sich Hauptfigur Rodrigues stellen. Adam Driver und Liam Neeson mögen in ihren Nebenrollen überzeugen, doch sie haben verhältnismäßig wenig Szenen. Es ist nahezu ausschließlich Andrew Garfields Aufgabe, als Schauspieler den Zuschauer emotional an die Handlung zu binden und ihn auf diese spirituelle Reise mitzunehmen. Garfield mag für „Hacksaw Ridge“ eine Oscar-Nominierung bekommen haben, doch seine Leistung in „Silence“ empfinde ich als immens höher. Er spielt den Priester mit all seinem anfänglichen Enthusiasmus und all seinen späteren Zweifeln absolut glaubwürdig und authentisch. Hierzu möchte ich erwähnen, dass sich Garfield sehr intensiv auf die Rolle vorbereitet und auch viel Zeit bei den Jesuiten verbracht hat.

Ich für meinen Teil konnte „Silence“ von der ersten bis zur letzten Minute aufmerksam verfolgen und fühlte mich sofort in diese Welt mit all ihren Konflikten hineingezogen. Dem Film wird oft vorgeworfen, dass er mehr Fragen stellt, als Antworten liefert. Ich persönlich finde das in diesem Fall nicht unbedingt schlecht. Zum einen thematisiert „Silence“ viele Fragen, auf die es einfach keine verbindliche Antwort gibt. Zum anderen sind die gestellten Fragen wichtig und zeitlos. Mehrmals musste ich zwischen dem Film und heutigen politischen Gegebenheiten Parallelen ziehen. So erinnerten mich die Bemühungen der japanischen Regierung im 17. Jahrhundert, sämtliche westliche Einflüsse aus dem Land zu verbannen, vage an aktuelle rechtsorientierte Gruppen in Europa oder Amerika, die sich allzu sehr vor einer Islamisierung des Westens fürchten. Geschichte wiederholt sich bestimmt nicht eins zu eins – aber der Blick in die Vergangenheit ist sicher nicht verkehrt, wenn man an einer besseren Zukunft interessiert ist.

Fazit: „Silence“ ist ein Film mit einem sehr speziellen und unbequemen Thema. Wenn man sich – wie auch immer – darauf einlassen kann, wird er den Zuschauer aufgewühlt und nachdenklich zurück lassen. Über das Ende möchte ich natürlich keine Details verraten, aber ich fand für mich – trotz aller vordergründigen Grausamkeit und Finsternis – eine tiefe, innere Sicherheit, die „Silence“ neben „Life Of Pi“ zum wohl wichtigsten spirituellen Film der letzten Jahre macht. Es gibt 9 von 10 Popcornguys!

The Lobster – Eine unkonventionelle Liebesgeschichte

Titel: The Lobster – Eine unkonventionelle Liebesgeschichte
Originaltitel: The Lobster
Regie: Yorgos Lanthimos
Musik: Amy Ashworth
Darsteller: Colin Farrell, Rachel Weisz, Léa Seydoux

David (Colin Farrell) wurde von seiner Frau wegen einem anderen Mann verlassen. In der Stadt dürfen sich nur registrierte Ehepaare mit einem gültigen Zertifikat aufhalten. Als Single wird David in ein Hotel gebracht, wo sich weitere Alleinstehende aufhalten. In dieser Einrichtung hat man 45 Tage Zeit, um einen Partner zu finden. Bleibt man Single, wird man in ein Tier verwandelt. David gibt an, dass er im Fall eines Misserfolgs ein Hummer werden möchte. Im Hotel gibt es strenge Regeln und strikte Abläufe. Propaganda-Vorträge wechseln sich mit vorgeschriebenen Tanzabenden. Masturbation auf den Zimmern ist verboten, wohingegen sexuelle Stimulation durch das Zimmermädchen vorgeschrieben ist. Eine besondere Bedeutung hat die Jagd auf unregistrierte Singles, die sich in den Wäldern aufhalten. Wenn ein Hotelgast einen Alleinstehenden mit Hilfe eines Betäubungspfeils fängt, kann er damit die Frist, binnen welcher er einen Partner finden muss, verlängern. David fügt sich in die Abläufe des Hotels ein und hält unter den weiblichen Gästen Ausschau nach einer möglichen Partnerin.

Diese europäische Produktion aus dem Jahre 2015 hatte keinen deutschen Kinostart. Wegen dem skurrilen, aber interessant wirkenden Trailer, sowie den positiven Kritiken wurde ich aber doch neugierig und legte mir kürzlich die DVD zu. Ich wurde nicht enttäuscht: „The Lobster“ ist einer der gestörtesten, seltsamsten und lustigsten Filme der letzten Zeit.

Der Cast ist bis in die kleinsten Rollen wunderbar gewählt. Colin Farrell führt einen als etwas bedröppelt wirkender Protagonist gut durch die Handlung. Ihm zur Seite stehen unter anderem John C. Reilly und Ben Whishaw, zwei weiter Hotelgäste, die mit unterschiedlichen Handicaps belastet sind – der eine lispelt, der andere humpelt. Auch für Schauspielerinnen wie Rachel Weisz oder Léa Seydoux bietet der Film Charaktere mit Ecken und Kanten. Letztere hinterlässt als gefährlich-kühle Anführerin der im Wald lebenden Singles sicher nicht nur bei mir Eindruck. Überhaupt fällt auf, dass viele Figuren in „The Lobster“ zunächst über einen einzigen prägnanten Charakterzug eingeführt werden: Von der herzlosen Frau, über die Biscuit-liebenden Frau, bis hin zur Frau, die ständig Nasenbluten hat. Als Zuschauer wachsen einem diese seltsamen Gestalten überraschend schnell ans Herz. Man möchte wissen, was es mit ihnen auf sich hat, wie sie zueinander stehen und ob sich zwischen ihnen Beziehungen entwickeln können.

Auch handwerklich bietet „The Lobster“ keinerlei Angriffsfläche. Die Kamerarbeit ist spannend und der Soundtrack trägt viel zur verstörenden Atmosphäre des Films bei. Im Drehbuch liegt aber die wahre Stärke des Films. Die auf den ersten Blick gestört wirkende Idee, dass Singles zur Strafe in Tiere verwandelt werden, ist bei näherer Betrachtung absolut genial. „The Lobster“ entwickelt einen wunderbar schwarzen Humor, wirft zwischen den Zeilen einen satirischen Blick auf die Gesellschaft und regt zum Philosophieren über die Liebe ein. Einen einzigen Kritikpunkt kann ich im Blick auf die zweite Filmhälfte anbringen. Zu diesem Zeitpunkt ist das Hotel mit all seinen Eigenheiten vorgestellt und der Film macht in seiner Handlung eine gewisse Wende. Es wird ein wenig träger und nicht mehr ganz so kreativ, doch das Ende an sich rundet „The Lobster“ schön ab.

Dass dieser Film keinen deutschen Kinostart hatte, ist in gewisser Weise ein Armutszeugnis. Auch die Tatsache, dass es hierzulande keine Bluray-, sondern lediglich eine DVD-Auswertung gab, spricht Bände. Sicherlich ist „The Lobster“ kein Film für jedermann – aber bestimmt ist er eine Bereicherung für jeden, der einen unkonventionellen Film abseits des Mainstream zu schätzen weiß. Von mir gibt es starke 8 von 10 Popcornguys!

Coconut Hero

Titel: Coconut Hero
Regisseur: Florian Cossen
Musik: Matthias Klein
Darsteller: Alex Ozerov, Bea Santos, Krista Bridges, Sebastian Schipper

Der 16-jährige Mike Tyson (Alex Ozerov) ist des Lebens überdrüssig: Das triste Kleinstadtleben, die Hänseleien wegen seines Namens oder seine desinteressierte Mutter (Krista Bridges) – es wird ihm zu viel, weswegen er beschließt sich selbst zu töten. Laut Statistik gelingt es 99% der Menschen, die versuchen sich mit einem Gewehr zu erschießen. Mike gehört zu den 1%. Mit einer Kopfwunde erwacht er, nur um dann festzustellen, dass er wegen eines Hirntumors doch sterben zu müssen. Für Mike geht der Plan also auf – bis er sich plötzlich mit seinem Vater (Sebastian Schipper) und der lebensfrohen Miranda (Bea Santos) auseinandersetzen muss. 

Schon der Trailer zu Coconut Hero hat mich sofort angesprochen: Ich habe einfach eine kleine Schwäche für Coming-of-Age-Dramen. Mike ist der absolute Stereotyp des depressiven, von den Wirrungen des Jugendalters gebeutelten Teenagers. Fast könnte man seinen Todeswunsch verstehen, wenn man seinen Alltag erlebt: Eine nervende Mutter, nervende Mitschüler, nervende Langeweile. Nach seinem Selbstmordversuch ändert sich plötzlich vieles: Sein Vater Frank (Sebastian Schipper, übrigens Regisseur des großartigen „Victoria“), den er jahrelang nicht gesehen hat, taucht plötzlich auf und möchte sich mit ihm anfreunden. Außerdem muss er auf ärztliche Anweisung an einem lebensbejahenden Kurs teilnehmen, der von der quirligen Miranda geleitet wird. Gerade diese Begegnung erschüttert seinen Todeswunsch auf die Grundfesten…

Coconut Hero erzählt die Geschichte eines eher durchschnittlichen Jugendlichen, der mit einem gewissen Hang zur Dramatik den Problemen seines Lebens entfliehen möchte. Dabei präsentiert uns der Film sympathische wie sehr unsympathische Charaktere, bezaubernde Bilder, gefühlvollen Soundtrack und eine ungewöhnliche Wendung, die Coconut Hero deutlich von Genrekollegen abhebt.

Sicher nicht die Entdeckung des Jahres, aber ein schöner, trauriger, kleiner Film, der auf die eigene Jugendzeit zurückblicken lässt. Nachdrückliche Empfehlung meinerseits!

Enemy

Titel: Enemy (Originaltitel: Enemy)
Regie: Denis Villeneuve
Musik: Daniel Bensi, Saunder Jurriaans
Darsteller: Jake Gyllenhaal, Mélanie Laurant, Sarah Gadon

Der Geschichtsprofessor Adam Bell (Jake Gyllenhaal) führt ein eintöniges Leben: Während er tagsüber mit wenig Motivation seine Vorlesungen hält, hat er abends routinierten und gefühlslosen Sex mit seiner Freundin Mary (Mélanie Laurant). Eines Tages wird Adam von einem Kollegen ein Film empfohlen. Überrascht muss er feststellen, dass einer der Statisten ihm bis aufs Haar gleicht. Adam gelingt es, Kontakt zu dem Schauspieler aufzunehmen. Es handelt sich um einen Mann namens Anthony Claire (Jake Gyllenhaal), der mit seiner hochschwangeren Ehefrau Helen (Sarah Gadon) zusammenlebt. Anthony möchte zunächst nicht auf Adams Anrufe eingehen, doch schließlich lässt er sich auf ein Treffen ein. Dies ist der Beginn eines wahnsinnigen Trips in die tiefsten Abgründe der Psyche beider Männer.

Regisseur Denis Villeneuve machte letztes Jahr durch seinen Selbstjustiz-Thriller „Prisoners“ auf sich aufmerksam. „Enemy“ wurde vorher gedreht und eröffnet nun einen weiteren Blick auf das interessante Werk des kanadischen Filmemachers – und was für einen!

Allein der Beginn des Films versetzt den Zuschauer in ein diffuses Gefühl des Unwohlseins: Nackte Frauen räkeln sich in einem dunklen Raum und werden dabei von einigen Männern beobachtet, unter denen sich auch Jake Gyllenhaal befindet. Die Eröffnungsszene endet mit einer Vogelspinne, die auf einem Tablett der anwesenden Gesellschaft präsentiert wird. Das Motiv der Spinne zieht sich auf beunruhigende Weise durch den gesamten Film und sorgt für einige wirklich verstörende Szenen. Kameraführung und gelb-brauner Farbfilter tragen ihren Teil zur stets präsenten Unwirklichkeit und Bedrohung bei. Alles in „Enemy“ wirkt gefährlich, egal, ob es sich um Häuserschluchten, Wohnungen oder einzelne Möbelstücke handelt. Kurze Einschübe mit extrem harten Schnitten und disharmonischen Klängen machen die grausame Stimmung perfekt.

Inmitten dieses finsteren Settings erleben wir Jake Gyllenhaal in einer Doppelrolle. Der Hauptdarsteller macht dabei eine äußerst gute Figur und es gelingt ihm in der ersten Hälfte des Films sehr gut, Adam und Anthony verschiedenartig darzustellen. Gyllenhaal lässt aber dann – wohl ganz im Sinne des Drehbuchs – allmählich die Grenzen zwischen den Charakteren verschwimmen. Ebenso überzeugend spielen die Frauen. Mélanie Laurant (den meisten wohl als jüdische Kinobesitzerin aus Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ bekannt) mimt die attraktive Affäre, während Sarah Gadon mit ihren hinreißenden Augen die schwangere und bedürftig wirkende Ehefrau spielt. Beide Damen sprechen in ihren Rollen unterschiedliche Instinkte eines Mannes ein – ein Punkt, der für die Handlung wohl nicht unwesentlich ist – und werden dementsprechend mit ihren Vorzügen sehr ästhetisch in Szene gesetzt.

Viel mehr möchte ich über die Story aber gar nicht sagen. Der Film nimmt einen mit, spielt mit der Erwartungshaltung des Zuschauers und fährt mit ein paar wirklich faszinierenden Wendungen auf. Den ein oder anderen zähen Moment gibt es dennoch, was beim Sehen schon strapazieren kann – eine Prise mehr Tempo wäre möglicherweise nicht schlecht gewesen. Mir persönlich kam der Film unmittelbar nach der Sichtung eher durchschnittlich vor, allerdings fällt mir nun auf, dass er rund einen Tag später seine Wirkung entfaltet. Man beginnt, sich seine Gedanken zu machen und eine eigene Interpretation aufzustellen, wobei ich einräumen muss, dass ich es dringend nötig hatte, mir Erklärungen von Regisseur und Schauspielern durchzulesen. Inzwischen würde ich „Enemy“ als komplexe, aber clevere Analyse der menschlichen Psyche sehen und ihn von seiner Art her mit einem Kafka-Roman vergleichen.

Fazit: „Enemy“ trifft sicher nicht jedermanns Geschmack, aber wer bereit ist, sich auf einen anspruchsvollen und künstlerischen Thriller einzulassen, wird mit Sicherheit dafür belohnt werden. Man sollte sich aber darauf einstellen, das Ganze etwas sacken lassen zu müssen – und dies erfordert nicht zwangsweise einen Kinobesuch, sondern kann auch gut im Rahmen eines Heimkinoabends geschehen. Es gibt 8 von 10 Popcornguys!

Tage voller Tiefgang

Filme sind Kunst. Nun, nicht jeder Film, da sind wir uns sicher einig. Aber dennoch sind Filme ein Medium, das – seit der erste Streifen über eine Leinwand flimmerte – die Menschen fasziniert. Besonders gute Werke, die sowohl eine packende wie interessante Geschichte erzählen, als auch handwerklich perfekt inszenierte Szenen ineinander fließen lassen, erwecken nicht nur unsere Begeisterung, sondern erfüllen unser Herz mit Emotionen. Das Medium Film ist ausgesprochen wirkungsvoll – wenn es denn richtig eingesetzt wird.

Wir Popcornguys haben uns mit einem Freund und Kollegen ein paar Tage Zeit genommen, uns künstlerisch wertvollen, sich bestimmten persönlichen wie philosophischen Themen behandelnden Filmen zu widmen. Hintergrund des ganzen ist ein geplantes Filmwochenende, welches im Rahmen der Jugendarbeit verschiedene Themen an junge Menschen heranbringen soll. Und welche Medien eignen sich dazu besser als Filme?

Um eine geeignete Auswahl zu treffen, haben wir uns mit sieben Filmen auseinandergesetzt, die in ihrer Machart zwar sehr unterschiedlich sind, eines jedoch gemeinsam haben: Wenn sich die Zuschauer darauf einlassen, können diese Werke ganz tief gehen.

The Game 

Als erstes widmeten wir uns einen für dieses Vorhaben eher ungewöhnlichen Actionthriller. Nicholas van Orton (Michael Douglas) ist ein reicher, hochnäsiger Geschäftsmann wie er im Buche steht. Eines Tages schenkt ihm sein Bruder Conrad (Sean Penn) einen Gutschein für ein Spiel, welches von einer Firma inszeniert und das Leben des Klienten grundlegend ändern soll. Skeptisch lässt sich Nicholas darauf ein, bis das Spiel plötzlich grausame Realität annimmt. Sein Leben gerät völlig aus den Fugen, bis Nicholas beschließt alles zu tun, um sein altes Leben zurückzugewinnen. 

Der 1997 von David Fincher (!) gedrehte Thriller besticht durch seine Spannung und grandiose Inszenierung. Mehr braucht man dazu auch gar nicht erwähnen. Wieso sollte dieser Film aber zentrale Fragen Jugendlicher ansprechen? Im weiteren Sinne fasst der Film Fragen auf, die der Zuschauer bald sich selbst stellt: Wie sieht mein Leben aus, bin ich damit zufrieden?

Adams Äpfel

Der Neonazi Adam (Ulrich Thomsen) wird zur Rehabilitation in die Obhut des schrägen Pfarrers Ivan (Mads Mikkelsen) übergeben, wo er die Aufsicht über den Apfelbaum des Gartens erhält, um letztlich einen Apfelkuchen zu backen. Adam ist nicht nur von den weiteren Bewohnern genervt, sondern muss sich auch dem unverbesserlichen Gutmenschentum des Priesters stellen, das ihn an seine Grenzen bringt.

Eine äußerst seltsame, herzerwärmende und schockierende Geschichte. Adams Äpfel gehört definitiv zu den schwärzesten Komödien, die ich kenne. Herrlich absurde Situationen und genial gespielte Charaktere erklären den internationalen Erfolg und die vielen Preise, die dieser Film zurecht eingeheimst hat. Mitunter werden immer wieder Gedanken aufgeworfen, die nach dem Handeln und Willen Gottes fragen. Wie lange kann der Glaube an einen liebenden Gott zahllosen Schicksalsschlägen standhalten?

L.A. Crash

Was wie ein Actionfilm klingt, ist ein berührendes Episodendrama, das die turbulenten Erlebnisse grundverschiedener Menschen miteinander verschmilzen lässt. Hochkarätig besetzt mit Don Cheadle, Sandra Bullock, Brendan Frasier, Matt Dillon, Ryan Phillipe u.v.m. unterhält Vermeintliche Stereotypen treffen hier aufeinander, die wir lieben oder hassen, nur um bald darauf eines Besseren belehrt zu werden. L.A. Crash den Zuschauer nicht nur, sondern lässt ihn an unglaublicher Charakterentwicklung teilhaben, die wiederum das eigene Leben hinterfragen lässt.

Life of Pi

Ein Schriftsteller lässt sich eine unglaubliche Geschichte erzählen: Pi, der mit seiner Familie und deren Zoo auf dem Weg von Indien nach Kanada ist, erleidet Schiffbruch. Einzige Überlebende sind der Junge und der bengalische Tiger des Zoos, Richard Parker. Dem Ozean und dem Raubtier ausgeliefert, beginnt die unfassbare Überlebensgeschichte von Pi. 

Zugegeben, auf den ersten Blick hört sich die von Ang Lee 2012 gedrehte Geschichte etwas seltsam an. Dennoch verzaubert der Film durch optische Nuancen wie auch durch eine schöne Erzählweise von Anfang an. Dem eigentlichen Plot vorausgehend berichtet Pi von seiner Kindheit und seiner groß angelegten Suche nach Gott, wo er vom Hinduismus über dem Christentum hin zum Islam fündig wurde. Im Film wird seine Lebensgeschichte als „Geschichte, die einem dem Glauben an Gott wieder gibt“ bezeichnet. Ob das stimmt, überlasse ich dem Zuschauer selbst. Nichtsdestotrotz lässt sich festhalten: Diese seltsame wie beeindruckende Geschichte geht gehörig in die Tiefe..

21 Gramm

21 Gramm beleuchtet das Leben dreier Personen, deren Schicksale sich durch einen dramatischen Vorfall verbinden. Der schwer erkrankte Paul Rivers (Sean Penn) hofft auf ein Spenderherz, das sein Leben retten soll. Der ehemalige Gefängnisinsasse Jack Jordan (Benicio del Toro) will sein Leben grundlegend ändern: Einzig seine Familie und sein unbändiger Glaube an Gott bestimmen sein Tun. Die Ehefrau und Mutter Cristina Peck sieht sich in einer glücklichen Phase ihres Lebens, als sich plötzlich alles in einen Albtraum verwandelt. 

Wenn ich unter den vielen Dramen die ich kenne und schätze, das beste auswählen müsste, würde ich wohl 21 Gramm nennen. Kein anderer Film hat mich je so sehr mitgenommen. Ob es nun an der anspruchsvollen Erzählweise oder der unfassbaren Schauspielleistung aller drei Hauptpersonen liegt: 21 Gramm nimmt den Zuschauer mit. Wir sehen uns schwerer Schicksalsschläge und Lebensbahnen ausgesetzt, die unser aller Leben aus den Fugen werfen würden.

Little Miss Sunshine

Die kleine Olive (Abigail Breslin) versucht ihr Bestes, in der wirren Welt von Schönheitswettbewerben einen Platz zu finden. Als sie wegen eines Formfehlers nachrückt und am großen Wettbewerb „Little Miss Sunshine“ teilnehmen darf, macht sie sich auf den Weg nach Kalifornien. Begleitet wird sie von ihrer mehr als schrulligen Familie: Der unerschütterliche, aber erfolglose Vater Richard (Greg Kinnear), die gestresste Mutter Sheryl (Toni Collette), ihr misanthropischer Bruder Dwayne (Paul Dano), der drogenabhängige Großvater (Alan Arkin) und der suizidgefährdete, homosexuelle Onkel Frank (Steve Carell). 

Ich sage oft, dass Little Miss Sunshine der beste Film ist, der je gedeht wurde. Ich glaube ich habe recht. Es gibt keine Tragikomödie, die ihrem Namen so gerecht wird. Wer diesen Film sieht muss lachen und weinen. Ehrlich.

Dein Weg

Thomas Avery (Martin Sheen) lebt ein zufriedenes Leben als Augenarzt in den USA, als ihn eine erschütternde Nachricht erreicht: Sein Sohn Daniel (Emilio Estevez) ist in Frankreich auf dem Jakobsweg ums Leben gekommen. Er macht sich sofort auf den Weg, um den Leichnam seines Sohnes zu holen. Dort angekommen beschließt er jedoch, einen radikalen Schritt zu wagen. Mit der Asche seines Sohnes im Gepäck will er den restlichen Weg nach Santiago de Compostela zurücklegen. Als unerfahrender wie wenig frommer Pilger muss er mit diversen Widrigkeiten kämpfen, trifft aber auch auf weitere Gefährten, die jeder für sich eine andere Lebensgeschichte und einen anderen Grund mitbringen, diesen Weg zu gehen. 

Die Zusammenarbeit zwischen Regisseur Estevez und Schauspieler Sheen gründet nicht nur im Film auf einer Vater-Sohn-Beziehung, sondern auch im echten Leben. Umso bewegender ist dieses Drama, das uns mit stillen, erschütternden Momenten und ebenso erheiternden Szenen beglückt. Viele Menschen machen sich auf dem berühmten Pilgerweg auf den Weg, um sich selbst, Gott, oder eine Antwort aufs Leben zu finden. Ob Thomas Avery und seine Mitstreiter eine Antwort finden, darf der einzelne Zuschauer selbst herausfinden. Fest steht aber: Wer diesen Film sieht, verspürt den Drang aufzubrechen.

Das sind sie nun, unsere sieben Perlen. Ohne Zweifel gehören sie zu jener Art Film, die einen tiefen Eindruck im Herzen des Zuschauers hinterlassen. Schon während dieses Wochenendes haben wir festgestellt, dass es noch viele viele mehr solcher Filme gibt, die es sich anzuschauen lohnt, um einen tiefen, beglückenden, froh machenden, Zweifel erweckenden, traurig stimmenden, nachdenklichen oder einreißenden Einfluss auf das eigene Leben zuzulassen.

Spring Breakers

Titel: Spring Breakers (Originaltitel: Spring Breakers)
Regie: Harmony Korine
Musik: Cliff Martinez
Darsteller: Selena Gomez, Vanessa Hudgens, James Franco

„Spring Breakers“ erzählt die Geschichte der Freundinnen Faith, Candy, Brit und und Cotty, die zusammen aufs College gehen. Während des Spring Breaks – einer amerikanischen, etwa zweiwöchigen Pause des Studienbetriebs im Frühjahr – möchten die vier Studentinnen nach Florida, um sich dort exzessiven Feierlichkeiten hinzugeben. Allerdings reicht ihr Erspartes für das Unternehmen nicht aus. Kurzerhand überfallen sie in einem geklauten Auto ein Diner und brechen anschließend nach Florida auf. Aufgrund von Drogenkonsum werden sie von der Polizei verhaftet, doch der dubiose DJ und Verbrecher Alien (James Franco) zahlt für die vier Freundinnen die Kaution. Er nimmt sich der Mädchen an und verwickelt sie immer weiter in seine kriminelle Geschäfte. Während insbesondere Candy (Vanessa Hudgens) und Brit (Ashley Benson) im zwielichtigen Milieu aufgehen, wachsen bei Faith (Selena Gomez) die Zweifel. Sie ahnt, dass etwas sehr Schlimmes passieren wird.

Manche Filme lassen sich schlecht in Schubladen stecken. Das ist einerseits interessant, macht eine Bewertung aber umso schwieriger. Und auch bei „Spring Breakers“ bin ich mir unschlüssig, da der Film irgendwo zwischen Schrott und Kunst wandelt. Die folgende Kritik stellt also eine Herausforderung dar und wird sehr wahrscheinlich das Wirrwarr meiner momentanen Eindrücke widerspiegeln.

Beginnen wir mit dem Positiven. Bei einer oberflächlichen Betrachtung der Filmposter könnte man schnell zur Ansicht kommen, es handelt sich bei „Spring Breakers“ um eine reine Schau nackter Haut, Gewalt und Drogen. Gut, das alles bietet der Film in der Tat. Doch durch verschiedene Kniffe wird das Ganze in einem recht künstlerisch wirkenden Indie-Film-Gewand verpackt: Ruhige Kamerafahrten. Nahaufnahmen von Gesichtern oder auch von „Nebensächlichkeiten“ wie Fingernägeln oder Kniescheiben. Sonnenuntergänge. Landschaftsaufnahmen. Rück- und Vorblenden. Unaufdringliche, stellenweise hypnotische Verwendung von Musik. Durchbrochen werden diese dominierenden Kunstphasen von Szenen, die mich spontan an eine Albtraum-Version einer Langnese-Eis-Werbung erinnerten: Überfüllte Strände und Discos, Alkohol in Strömen und aus Eimern, Kokspulver auf versifften Tischen und haufenweise nackte Oberkörper. Ballermann lässt grüßen. Doch von einer Verherrlichung dieser Welt ist meiner Meinung nach dennoch nichts zu spüren. „Spring Breakers“ zeigt hier Abgründe auf, die – zumindest bei mir – Distanz und Fremdscham auslösen. Ein stumpfer Party-Film sieht anders aus. Im Gegenteil, „Spring Breakers“ baut langsam aber sicher eine immer größere Bedrohung auf und man wird gemeinsam mit den Hauptdarstellerinnen in diesen Strudel aus Exzessen, Gewalt und Wahnsinn gerissen.

Insofern übt „Spring Breakers“ in gewisser Weise Kritik an der modernen und hedonistischen Party-Gesellschaft. Allerdings zeigt sich diese Kritik recht subtil, ohne moralisierenden Zeigefinger und fast ausschließlich über das Visuelle. Die Dialoge, die der Film bietet, haben wenig Tiefgang oder Aussagekraft und brennen sich bestenfalls durch das fast schon meditative Wiederholen bestimmter Wortfetzen ins Gedächtnis. Dementsprechend haben auch die vier (ehemaligen) Teenie-Stars keine sonderlich große schauspielerische Herausforderung – wenn man mal von dem Mut, überhaupt bei diesem Projekt mitzuwirken, absieht. Als Zuschauer lebt man zwar das Drama der Hauptfiguren und insbesondere die Gewissensbisse von Faith (Selena Gomez) mit, doch es fällt dennoch schwer, sich zu identifizieren oder große Sympathie zu empfinden. Vielleicht noch am ehesten mit Frau Gomez, mit der ich phasenweise echtes Mitleid hatte. Daneben waren die Rollen von Hudgens und Benson von Anfang an sehr anzüglich und unreflektiert angelegt, weswegen die endgültige Charakterentwicklung keine sonerlich große Überraschung war. Das Potential der Figuren wäre aber da gewesen und wurde daher verschenkt – aber möglicherweise stört das jetzt nur mich als Dramafan. Sehr wahrscheinlich konzentrierte sich der Regisseur auf die Aussagekraft seiner Bilder, was auch ohne große Schauspielkunst nahezu perfekt funktionierte.

Jedoch, eine darstellerische Glanzleistung darf nicht unerwähnt bleiben. James Franco brilliert in der Rolle des Alien – ein Typ mit Goldzähnen, Dreadlocks und Hawaiihemd, der sein Geld mit Musik, Drogen und Waffen verdient. Auch diese Figur führt keine besonders wichtigen Dialoge, sie funktioniert größtenteils auf der visuellen Ebene. Doch Franco geht in dieser Rolle auf und zeigt beeindruckend, dass er zu den wandelbarsten Jungdarstellern unserer Zeit gehört. Außerdem macht ihm die Interaktion mit den jungen und meist knapp bekleideten Kolleginnen sichtlich Spaß – auch das soll ihm vergönnt sein.

Jetzt habe ich viel geschrieben, bin mir aber wie erwartet nicht sicher, ob ich auch wirklich ausreichend viel zu „Spring Breakers“ geschrieben habe. Die Verteilung von Punkten ist nun ebenso schwer wie das Verfassen der Kritik. Aber ich möchte diesem eindringlichen und lange nachhallenden Streifen den Status eines wirklich interessanten Kunstfilmes einräumen und verteile daher 8 von 10 Popcornguys. Und ich stelle mit einer gewissen Überraschung fest, dass er damit zu den bisher besten Kinoerlebnissen des Jahres 2013 zählt.

Lars und die Frauen

Originaltitel: Lars and the real women
Regisseur: Craig Gillespie
Musik: David Torn
Darsteller: Ryan Gosling, Emiliy Mortimer, Paul Schneider

Hier der Trailer

Der ruhige, introvertierte Lars lebt in der ausgebauten Garage seines Elternhauses. Obwohl sein Bruder Gus und dessen Frau Karen immer wieder versuchen, ihn ins gesellschaftliche Leben einzubinden, zieht sich Lars zunehmend zurück. Selbst am Arbeitsplatz geht Lars dem Kontakt mit anderen Menschen, vor allem Frauen, soweit es nur geht aus dem Weg, bis er eines Tages sein Umfeld schockt, als er allen seine neue Freundin vorstellt: Bianca. Sie ist Brasilianerin, war als Missionarin tätig, sitzt im Rollstuhl und ist eine lebensgroße Puppe. Lars‘ Umfeld ist vollkommen hilflos, denn dieser weigert sich, Bianca nicht als echt anzuerkennen. So müssen Familie, Freunde und Bekannte den einzigen Weg wählen, der Lars weiterhelfen kann: Sie müssen Bianca akzeptieren.

Es ist wohl kein Geheimnis mehr, dass ich Ryan Gosling als Schauspieler sehr schätze. Ich bin immer wieder überrascht, in welch unterschiedliche Rollen dieser Mann schlüpfen kann, ohne gestellt und unecht zu wirken. Zugeben muss man aber schon: Besonders die Rolle ruhiger, zurückgezogener Typen entspricht ihm sehr. Da ist der schreckhafte Lars mit seiner sauberen Frisur und dem Oberlippenbart beim sonntäglichen Kirchgang genau die richtige Rolle. Selbst das seltsame Verhalten von Lars gegenüber der Puppe Bianca, die er in allen Situationen wie einen lebendigen Menschen behandelt, bekommt Gosling hin.

Aus dem Making Of geht hervor, dass Ryan Gosling in der Vorbereitung auf den Film mit der Puppe in die Wohnung von Lars gezogen ist. Er wollte die Einsamkeit spüren, wollte das Lebensumfeld von Lars zu 100% erleben. Nun, diese Figur überzeugend auf die Leinwand zu bringen, ist ihm sehr gut gelungen. Lars bleibt für den Zuschauer ein wandelndes Rätsel – gleichsam verstehen wir ihn so gut, können alle seine Taten nachvollziehen.
Ryan Gosling ist der funkelnde Stern in diesem ohnehin großartigen Drehbuch, das nicht nur die Menschen innerhalb des Films verändert, sondern auch diejenigen vor dem Bildschirm. Auch wenn „Lars und die Frauen“ in seiner ruhigen Machart nicht allen Geschmäckern entspricht, kann wohl jeder die tiefen Emotionen, die hier hervortreten, nachspüren und verstehen.

Leider hat „Lars und die Frauen“ nie die breite Aufmerksamkeit erhalten, die er verdient. Ryan Gosling hat für seine geniale Arbeit 2007 den Saturn Award erhalten, und es bleibt fürm ich zu hoffen, dass die aufstrebende Karriere Goslings die Aufmerksamkeit der Fans auch auf diese frühen Perlen seiner Filmgeschickte lenkt.
9 von 10 Popcornguys für diese herzerwärmende Tragikomödie!