In den Gängen

Originaltitel: In den Gängen
Regie: Thomas Stuber
Drehbuch: Clemens Meyer, Thomas Stuber
Musik: Verschiedene
Darsteller: Franz Rogowski, Sandra Hüller, Peter Kurth

Ostdeutschland, in einem abgelegenen Großmarkt: Der schweigsame Christian (Franz Rogowski) beginnt seine Probezeit in der Getränkeabteilung. Die Tattoos, die er unter seinem langen Arbeitskittel verbirgt, können Hinweise auf eine bewegte Vergangenheit sein, doch der junge Mann ist alles andere als gesprächig. Trotzdem wird er von Bruno (Peter Kurth), einem barschen, jedoch auch sehr väterlichen Mentor, akzeptiert und am Gabelstapler ausgebildet. Christian freundet sich mit seinen Kollegen an. Besonders gefällt ihm aber Marion (Sandra Hüller) aus der Süßwarenabteilung, in die er sich schnell verguckt. Doch die Angelegenheit ist nicht gerade einfach.

Gleich die erste Szene von „In den Gängen“ entführt uns in eine Welt, die wir zwar alle als Konsumenten hin und wieder betreten, die aber nur wenige von uns wirklich kennen dürften: In einem gigantischen Großmarkt gehen vor Sonnenaufgang nach und nach die Lampen an. Natürliches Licht dringt in diese Hallen niemals vor. Allmählich füllen sich die Gänge mit Leben, als einige Gabelstapler geschäftig hin und her surren und ihrer Arbeit nachgehen. Unter diese Bilder legt Regisseur Thomas Stuber die Klänge von Johann Strauss‘ „An der schönen blauen Donau“. Ein Stück, das man als Filmkenner ansonsten mit Stanley Kubricks epochalem Werk „2001: Odyssee im Weltraum“ verbindet, dient hier als Soundtrack für das Leben ganz einfacher Leute, auf die die Kamera selten gerichtet wird. Und das sagt schon vieles über den Film aus.

Die Figuren des Films sind schlichte Arbeiter und gesellschaftlich Abgehängte, die für gewöhnlich dann in den Medien auftauchen, wenn nach Gründen für den Wahlerfolg extremer Parteien gesucht wird. „In den Gängen“ beleuchtet nun den Mikrokosmos Großmarkt, der für die besagten einfachen Leute sowohl Arbeitsplatz, als auch Lebensraum ist. Romantischen Kitsch wird man im Film nicht finden. Er stilisiert seine Figuren nicht zu verkannten Helden oder durchweg angenehmen Persönlichkeiten. Es schwingt durchaus mit, dass diese Leute nicht jedermanns Sache sind und ihre problematischen Facetten haben. Aber dennoch bringt es „In den Gängen“ fertig, seine Charaktere mit einer Solidarität und Wärme auszustatten, die absolut herausstechend ist.

Dies hängt natürlich auch mit den großartigen Schauspielern zusammen. Franz Rogowski (den man aus „Victoria“ kennen könnte), spielt Christian. Er bekommt kaum ein Wort heraus und erscheint sozial alles andere als vorzeigbar oder kompatibel. Doch die Art und Weise, wie er sich in Süßwaren-Marion verliebt, sich ihr mit unglaublich putzigen Einfällen annähert und sie letztendlich auch beschützen möchte, ist einfach nur schön. Man sollte Rogowski definitiv im Auge behalten. Christians Herzensdame wird von Sandra Hüller gespielt, die mir schon in „Toni Erdmann“ äußerst positiv aufgefallen ist. Die Darstellerin zeigt nach außen diese kecke und provokante Hülle, die aber im Grunde einen unglaublich fragilen und verletzlichen Kern umgibt. Beides balanciert Hüller hervorrangend aus, oft sogar in ein und derselben Szene. Erwähnen möchte ich auch unbedingt Peter Kurth in der Rolle des Bruno. Zu seinem Schützling Christian ist der erfahrene Arbeiter durchaus direkt und ruppig, aber gleichzeitig entwickelt sich auch eine Art Vater-Sohn-Verhältnis, welches dem Zuschauer schnell ans Herz geht.

„In den Gängen“ ist ein vielschichtiger Film, der seine Ebenen fast schon poetisch miteinander verknüpft. Musikstücke wie „An der schönen blauen Donau“ spielen hier mit rein, ebenso die interessante und den Zuschauer gut mitnehmende Kameraarbeit. Neben all der Wärme, die der Film inne hat, werden aber auch gesellschaftskritische Töne angeschlagen. Es wird klar, dass die Figuren des Films – allen voran natürlich Christian, Marion und Bruno – zutiefst traurige und einsame Menschen sind, die gewissermaßen in die Parallelwelt Großmarkt entfliehen, und dort Menschlichkeit, Zusammenhalt und Respekt erfahren.

An diesen ruhigen, aber sehr einprägsamen und ehrlichen Filmbeitrag aus Deutschland verteile ich starke 8 von 10 Popcornguys. Und ja, auch Gabelstaplerfahrer Klaus hat seinen Auftritt.

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Solo: A Star Wars Story

Originaltitel: Solo: A Star Wars Story
Regie: Ron Howard
Drehbuch: Jonathan Kasdan, Lawrence Kasdan
Musik: John Powell, John Williams
Darsteller: Alden Ehrenreich, Woody Harrelson, Emilia Clarke

Diese Kritik kann Spuren von SPOILERN enthalten.

Corellia, einige Jahre nach der Machtübernahme des Imperiums: Der junge Han Solo (Alden Ehrenreich) lebt in einer Welt, die von Verbrechersyndikaten beherrscht wird. Er hält sich mit kleineren Gaunerein über Wasser, träumt aber zusammen mit seiner Freundin Qi’ra (Emilia Clarke) von einem Leben als Pilot. Bei einem Fluchtversuch von ihrer Heimatwelt wird das Pärchen getrennt und Han verpflichtet sich für die imperialen Streitkräfte. Über einige Umwege lernt er den Kriminellen Tobias Beckett (Woody Harrelson) kennen, der wiederum für den Verbrecherboss Dryden Vos (Paul Bettany) arbeitet. Zusammen planen sie den Raub von äußerst wertvollem Raumschiff-Treibstoff. Die Bündnisse stehen auf wackligen Beinen und es ist fraglich, wem überhaupt vertraut werden kann. Doch Han braucht das Geld, um der Verwirklichung seiner Träume näher zu kommen.

Ist es unbedingt nötig, die Geschichte des jungen Han Solo zu erzählen? Nun, bei der Frage nach der Notwendigkeit vertrete ich hin und wieder die radikale Meinung, dass in Sachen „Star Wars“ mit „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ alles Notwendige bereits erzählt wurde. Das war 1983. Aber da sich Hollywood nicht zwingend für meine Meinung interessiert, haben wir inzwischen eine ganze Menge an „Star Wars“-Filmen. Über die Prequels brauche ich nicht mehr viele Worte zu verlieren, von daher können wir gleich zu den neueren Werken kommen. Disneys softe Reboot „Das Erwachen der Macht“ mag an vielen Punkten „Eine neue Hoffnung“ kopieren, ist aber ein guter Unterhaltungsfilm mit vielen schönen Momenten. Natürlich profitiert er auch davon, dass die vorangegangen Prequels so furchtbar waren und er den Hunger nach dem alten „Star Wars“-Feeling gut bedient. „Die letzten Jedi“, die achte Episode der Saga, kommt da etwas mutiger und neuartiger daher, erscheint mir bei genauerer Betrachtung aber eher wie eine Art progressiver Scheinangriff. Im Grunde verharrt doch vieles im Stillstand und die Inszenierung (besonders hinsichtlich des Humors) wirkt oftmals unpassend und bizarr. Wir werden sehen, wie diese neue Trilogie letztendlich einzuordnen ist, wenn sie 2019 mit der neunten Episode vorläufig abgeschlossen wird.

Neben der fortlaufenden Hauptgeschichte gibt es nun aber auch die Spin-offs, die mal nach links und rechts blicken und diverse Nebenschauplätze beleuchten. Der erste Film dieser Art war „Rogue One“. Dieses Werk kann ich eigentlich nur als „Star Wars“-Porno bezeichnen. Die optischen Reize sind gegeben und lösen entsprechende Reaktionen bei Fans aus, aber eigentlich ist das nur Biologie. Story und Charaktere, also das, was einen Film in der Regel ausmacht, sind bei „Rogue One“ überaus unterentwickelt. Der Ausgang der Geschichte (selbstverständlich werden die Baupläne des Todessterns von den Rebellen ergattert) ist von vornherein klar, was nicht gerade für Spannung sorgt. Bleiben also die Charaktere, bei denen aber mal so gar nichts hängen bleiben wollte. Es wäre nun falsch zu behaupten, ich hätte bei „Rogue One“ gar keinen Spaß gehabt, denn die optischen Reize haben wie gesagt ihre Wirkung. Aber insgesamt war das doch sehr durchschnittliche Kost.

„Solo: A Star Wars Story“ ist nun das zweite Spin-off der Saga. Und es stand unter keinem besonders guten Stern. Ursprünglich wurde das junge und dynamische Regie-Duo Phil Lord und Chris Miller („21 Jump Street“, „The LEGO Movie“) von Disney beauftragt, allerdings gab es kreative Differenzen mit Produzentin Kathleen Kennedy und Drehbuchautor Lawrence Kasdan. Man war mit der Arbeitsweise und dem Humor von Lord und Miller nicht zufrieden, was zum Rauswurf führte. Zu diesem Zeitpunkt waren die Dreharbeiten zu „Solo“ jedoch schon weit fortgeschritten. Regie-Veteran Ron Howard („Apollo 13“, „Rush“) sprang ein und drehte große Teile des Films komplett neu. Ehrlich gesagt habe ich meine Erwartungen stark runtergeschraubt, beziehungsweise rechnete ich mit einem ziemlichen Clusterfuck. Aber tatsächlich wurde ich positiv überrascht: Aus „Solo“ ist ein durchaus unterhaltsames Filmchen geworden, der weder die schlechten Kritiken, noch die mauen Besuchszahlen verdient.

Knackpunkt scheint für viele Hauptdarsteller Alden Ehrenreich zu sein. Nun, sagen wir es mal so: Wir bekommen den jungen Harrison Ford nicht zurück und auch allgemein gehören männliche Filmhelden wie Han Solo oder Indiana Jones wohl (leider) der Vergangenheit an. Dem kann man nun hinterher weinen, man kann aber auch probieren, mit dem zu leben, was man bekommt. Und ich muss sagen, dass Ehrenreich seinen Job nicht schlecht macht. Seine Präsenz ist vielleicht ausbaufähig, doch Charme ist erkennbar und ich hatte nach dem Film tatsächlich ein wenig Lust auf weitere Abenteuer mit dieser Verkörperung Han Solos. An Ehrenreichs Seite spielt Donald Glover den jungen Lando Calrissian. Man kann ihn wohl als heimlichen Star des Films bezeichnen, denn der modebewusste und schlitzohrige Charmebolzen liegt Glover ausgezeichnet. Von Han und Lando abgesehen wird es bei den Charakteren leider etwas dünn. Woody Harrelson und Paul Bettany spielen ihre Rollen solide, werden aber kaum groß im Gedächtnis bleiben. Emilia Clarke ist süß und macht einen ordentlichen Job, die Liebesbeziehung zwischen Han und Qi’ra funktioniert auch einigermaßen, zählt aber nicht zu den Glanzmomenten des Films. Thandie Newton, die man aus der Sci-Fi-Serie „Westworld“ kennen könnte, wirkt ein wenig verschenkt. Hinzu kommen ein belangloses CGI-Männchen und eine absolut nervige, feministische Revoluzzer-Droidin. Letztere ist derart aufdringlich und over the top, dass sie unmöglich als ernsthaftes politisches Statement gedacht sein kann. Vielleicht eher als Meta-Kommentar oder Gag – der aber blöderweise nicht funktioniert.

Die Handlung von „Solo“ ist spürbar um gewisse Punkte herumgeschrieben, die man den Fans nicht vorenthalten wollte: Han trifft Chewbacca, Han trifft Lando, Han trifft Millenium Falken. Der Rest scheint auf diese Szenen abgestimmt zu sein, was aber aus mehreren Gründen nicht schlecht ist. Zum einen funktionieren die besagten Punkte sehr gut (besonders das erste Treffen zwischen Han und Chewie hat mir wirklich gefallen), zum anderen wirkt die Handlung (trotz holprigem Start und konstruiert wirkendem Gesamtcharakter) relativ stimmig. Es hätte weitaus schlimmer kommen können, wenn man den Regie-Wechsel während der Dreharbeiten bedenkt. Doch anders als beispielsweise bei „Justice League“ springen einem bei „Solo“ keine spontan hineingequetschten Szenen ins Gesicht. Man erkennt, dass Ron Howard routiniert und ein guter Handwerker ist. Die obligatorischen „Star Wars“-Referenzen kommen in der Regel recht organisch und subtil daher, und auch der Humor ist meistens angenehm und dezent. Man hat in Sachen Witz eine Dosis gefunden, die mir zusagt, und vielleicht ist gerade unter diesem Gesichtspunkt der Rauswurf von Lord und Miller nicht das Schlechteste, was dem Film passieren konnte.

Der Soundtrack ist solide, besticht aber lediglich in den Momenten, wo bereits bekannte Töne aus der klassischen Trilogie erklingen. In Sachen Musik ist es also ganz ähnlich wie bei allen bisherigen „Star Wars“-Filmen von Disney. Leider war von den rockigen Klängen, wie man sie in den Trailern zu „Solo“ vernehmen kann, nichts zu hören. Die Effekte sind gut bis sehr gut, doch das ist bei Produktionen dieser Größe eigentlich schon Standard. Mit der Kamera wird hin und wieder interessant gespielt, allerdings muss ich sagen, dass mir das Bild durchweg zu dunkel war. Auf der ein oder anderen Welt mag das Sinn machen, aber die Farbentsättigung war im Grunde permanent und in manchen Szenen war es schwer, überhaupt etwas klar erkennen zu können. Da hätte man ruhig ein wenig bunter sein können.

Am Ende möchte ich noch kurz auf den Cameo-Auftritt eines tot geglaubten Charakters eingehen. Den Namen nenne ich aus Spoilergründen nicht, denn ich persönlich war in dem Moment schon sehr überrascht. Doch eine Überraschung ist nicht immer positiv. Wenn ich in einem Restaurant sitze und eine Flutwelle durch die Fensterscheiben bricht, ist das zwar unerwartet, aber nicht gerade angenehm. Insofern weiß ich noch nicht so wirklich, wie ich den besagten Cameo-Auftritt in „Solo“ einordnen soll. So ganz schmecken mag mir die Figur in dem Kontext nicht. Das Ganze unterstreicht vor allem diesen endlosen und bedeutungslosen Soap-Charakter, wie man ihn aus der Marvel-Filmreihe kennt: Nichts hat wirkliche Konsequenzen, niemand muss wirklich tot bleiben, man kann alles und jeden über viele Jahre hinaus verwenden und die feuchtesten Fanboy-Träume wahr werden lassen. Das ist eine Richtung, die ich mir für „Star Wars“ nicht wünsche, die aber leider unumgänglich sein wird.

Fazit: Alles in allem ist „Solo: A Star Wars Story“ ein durchaus unterhaltsames Weltraum-Abenteuer mit einigen Schwächen, aber vielen guten Momenten, die für einen angenehmen Kinoabend sorgen. Ich empfehle, die schlechten Kritiken zu ignorieren und dem Film eine Chance zu geben. Verdient hat er es. Es gibt 7 von 10 Popcornguys!

Ingrid Goes West

Originaltitel: Ingrid Goes West
Regie: Matt Spicer
Drehbuch: Matt Spicer, David Branson Smith
Musik: Nick Thorburn
Darsteller: Aubrey Plaza, Elizabeth Olsen, O’Shea Jackson junior

Charlotte heiratet und es ist ein schönes Fest – bis eine junge und der Hochzeitsgesellschaft unbekannte Frau aufkreuzt und die Braut mit Pfefferspray angreift. Der ungebetene Gast wird daraufhin in eine Psychiatrie eingewiesen. Bei der Hochzeits-Crasherin handelt es sich um Ingrid (Aubrey Plaza). Sie ist Instagram-Stalkerin und verfolgte Charlottes Leben (die eben jenes natürlich auch großzügig preis gab) lange Zeit über die sozialen Medien. In Ingrids Wahrnehmung entsprechen Internet-Freundschaften den realen und so reagierte sie recht aggressiv auf die ausbleibende Hochzeitseinladung. Doch Ingrid verlässt die Psychiatrie und erbt dazu noch einen hohen Geldbetrag. Damit kann sie sich den Umzug nach Los Angeles leisten, wo ihr nächstes „Opfer“ lebt: Influencerin und Instagram-Sternchen Taylor (Elizabeth Olsen). Ingrid versucht, ihrem neuen Idol nachzueifern und näher zu kommen – wobei sie vor nichts zurückschreckt.

„Ingrid Goes West“ ist das Regie-Debut von Matt Spicer und hatte hierzulande keinen Kino-Release – was bedauerlich ist, denn es handelt sich um eine schwarzhumorige Tragikomödie mit viel aktuellem Inhalt, welche die Aufmerksamkeit eines größeren Publikums verdient hätte.

Plattformen wie Facebook, Twitter, Snapchat und Instagram sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Die meisten, die das hier lesen, stecken bis zu einem bestimmten Punkt ja selbst in den sozialen Medien. Dass diese allerdings auch im höchsten Grade assozial sein können, wird am filmischen Beispiel von Ingrid deutlich gemacht. Aubrey Plaza spielt – mit dem ihr eigenen trockenen Charme – eine Instagram-Stalkerin, die im Grunde keine eigene reale Persönlichkeit hat. Ihr gesamtes Dasein dreht sich um ihr Smartphone und insbesondere um die Personen, denen sie auf Instagram folgt. Sie sind ihre Idole, ihnen will sie gefallen, den ihrigen Lifestyle strebt sie an, Likes und Shares bestimmen ihr Selbstwertgefühl. Dabei gibt sie das, was sie möglicherweise selbst an Charakter besitzt, fast komplett auf und hat dabei auch wenig Skrupel, wenn es darum geht, ein Teil im Leben ihrer Social Media Stars zu werden.

Elizabeth Olsen spielt Taylor, Ingrids neuestes Opfer. Man kennt sie aus Blockbustern wie „Godzilla“ oder diversen Marvel-Filmen, aber auch aus Werken für das kleinere Publikum, wie beispielsweise „Wind River“. Sie ist eine Influencerin und verdient ihr Geld quasi damit, dass sie sich mit bestimmten Produkten ablichten lässt und dies dann auf ihren gut frequentierten Kanälen teilt. Ingrid kommt Taylor im Laufe des Films näher und dem Zuschauer wird rasch klar, dass es sich beim Instagram-Star um mehr Schein als Sein handelt. Gleiches trifft auf das reale Umfeld von Elizabeth Olsens Charakter zu. Egal, ob es sich um ihren Partner Ezra (Wyatt Russell) oder ihren wahnsinnigen Bruder Nicky (Billy Magnussen) handelt: Sie alle sind groß darin, nach außen hell zu strahlen und besonders zu wirken, doch eigentlich sind es ganz schön arme und schrecklich einsame Würstchen. Ingrid scheint – ähnlich wie der Zuschauer – diese Entdeckung zu machen, doch ob ein tatsächlicher Lernprozess einsetzt, darf bezweifelt werden. Der Film endet auf einer ziemlich bissigen und satirischen Note.

Diese inhaltliche Zusammenfassung liest sich nun ziemlich ernst und ja, das Thema ist ja auch ein ernstes. Matt Spicer inszeniert „Ingrid Goes West“ jedoch sehr leicht und unterhaltsam. Dies ist unter anderem dem Charakter Dan (O’Shea Jackson junior) zu verdanken. Der Sohn des Rappers Ice Cube spielt zwar auch einen Verlierer (er glaubt tatsächlich, dass er mit seiner Vorliebe für „Batman Forever“ ein großartiges Batman-Drehbuch schreiben kann), aber immerhin ist er ein Mann, den Ingrid real kennenlernt und der sich tatsächlich um das Wohl der geistig verwirrten Stalkerin sorgt. Ob sie dies zu schätzen weiß, ist allerdings eine ganz andere Frage.

Fazit: „Ingrid Goes West“ ist eine sehr unterhaltsame Tragikomödie mit gesellschaftskritischer Note, die einerseits für einen lockeren Filmabend sorgt, aber andererseits auch Fragen beim Zuschauer auslöst: Wo situiere ich mich selbst? Kontrolliere ich meine Teilhabe an den sozialen Medien? Oder ist es eher anders herum? Inwieweit können Facebook, Snapchat und Instagram unser Bedürfnis nach Aufmerksamkeit stillen? Helfen sie dabei, sich weniger einsam zu fühlen? Oder tritt doch eher das Gegenteil ein? Für den Zuschauer kann es durchaus lohnend sein, diese Fragestellungen an sich ranzulassen, vor allem, wenn sie in einem derart coolen und lustigen Film verpackt sind. Es gibt von mir starke 8 von 10 Popcornguys!

The Florida Project

Titel: The Florida Project
Regie: Sean Baker
Drehbuch: Sean Baker, Chris Bergoch
Musik: Lorne Balfe
Darsteller: Brooklynn Prince, Bria Vinaite, Willem Dafoe

Die 6 Jahre alte Moonee (Brooklynn Prince) lebt zusammen mit ihrer Mutter Halley (Bria Vinaite) in einem Motel in Florida, ganz in der Nähe von Disney World. Die Verhältnisse der beiden sind ärmlich und sie zählen zu den gesellschaftlich Abgehängten. Während Moonee den Sommer mit ihren gleichaltrigen Freunden verbringt und allerlei Blödsinn anstellt, muss Halley jede Woche darum kämpfen, die Miete aufzubringen. Dabei sieht sie sich gezwungen, auch illegale Wege zu beschreiten. Motel-Manager Bobby (Willem Dafoe) muss einerseits auf sein Geld bestehen, sorgt sich aber andererseits um das Wohl der jungen Mutter und ihrer Tochter.

Es gibt Filme, bei denen man die vielen Oscar-Gewinne nicht wirklich versteht. Dazu zählt „Shape of Water“. Und dann gibt es Filme, die bei den Oscars praktisch untergehen, was man ebenso wenig versteht. Hierzu zählt „The Florida Project“, der – zumindest für mich – zusammen mit „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ zu den diesjährigen Kino-Highlights zählt.

Wir erleben den Film größtenteils aus der Perspektive der 6-jährigen Moonee und ihrer Freunde. Dieser Eindruck wird auch dadurch verstärkt, dass in vielen Szenen die Kamera lediglich auf der Höhe der Kinder arbeitet. Jungdarstellerin Brooklynn Prince liefert zusammen mit ihren gleichaltrigen Kollegen eine sehr glaubwürdige und authentische Performance ab. Die Kinder sind frech, charismatisch und putzig, betteln bei den wohlhabenden Touristen um Geld, kaufen und teilen sich anschließend Eis, bespitzeln die Nachbarin beim Sonnenbad, erkunden verlassene Hotel-Gebäude und bauen allerlei Mist. Als Zuschauer hat man bei all diesen kleinen Abenteuern seinen Spaß, hat aber stets im Hinterkopf, vor was für einem trostlosen und deprimierenden Hintergrund das alles eigentlich stattfindet. Und so schlagen in den letzten Szenen mit Moonee die Emotionen auch erbarmungslos zu.

An der Seite von Brooklyn Prince spielt Bria Vinaite, die praktisch eine Laiendarstellerin ist, ihre Rolle aber problemlos stemmt. Die junge Mutter ist vulgär, anstrengend und beratungsresistent, kurzum also ziemlich asozial. Die Umstände allein heben das auch nicht auf, was dazu führt, dass man sie als Zuschauer recht oft am liebsten schütteln würde. Doch dem Film gelingt ein wundervolles Kunststück, indem zu keinem Zeitpunkt Zweifel daran aufkommen, dass Halley ihre Moonee aufrichtig liebt. Die Mutter versucht – trotz der schwierigen Situation – ihrer Tochter ein möglichst schönes Leben zu ermöglichen und es ist teilweise erschreckend, welche Grenzen sie dafür überschreitet.

Den starken Cast vervollständigt Willem Dafoe. In der Regel spielt er ja eher Figuren, die psychisch nicht ganz stabil sind und gewisse mörderische Anwandlungen haben. Ganz anders ist es in „The Florida Project“. Motel-Manager Bobby ist natürlich darauf bedacht, seinen Laden am Laufen zu halten und sämtliche Mieten zu bekommen. Doch er hat ein großes Herz und in vielen Szenen versucht er auf ganz wundervolle Art und Weise, sich um Halley und die kleine Moonee zu kümmern. Es wirkt so, als würde Bobby gerne in eine Art Vaterrolle schlüpfen, was er letztendlich aber natürlich nicht kann. Und so ist auch er am Ende machtlos gegenüber der Situation und der Armut der Menschen um ihn herum. Willem Dafoe meistert diese großartige Rolle mit seiner sehr subtilen und angenehmen Darbietung.

„The Florida Project“ hat keine klassische Story zu bieten. Vielmehr geht es um eine Reihe von Momentaufnahmen aus dem Leben bestimmter Charaktere, die lose miteinander zusammenhängen. Möglichkerweise kann man das beim Film kritisieren, ich jedoch wurde total in diese Welt gezogen und habe alles um mich herum vergessen. „The Florida Project“ ist eine gefühlvolle Milieustudie, die von den harten Kontrasten lebt. Als Setting dienen größtenteils die lachhaft bunten Kulissen der Motels, die wohl ursprünglich für Touristen gebaut wurden, nun aber als Wohnungen für die Armen dienen. Disney World und der damit verbundene, milliardenschwere Superkonzern schwingen stets im Subtext mit und so wird das perverse kapitalistische Wirtschaftssystem verdeutlicht, in welchem einige wenige Sieger und sehr viele Verlierer produziert werden.

Ich spreche für „The Florida Project“ eine klare Empfehlung aus und verteile 9 von 10 Popcornguys!

Maria Magdalena

Titel: Maria Magdalena
Originaltitel: Mary Magdalene
Regie: Garth Davis
Drehbuch: Helen Edmundson, Philippa Goslett
Musik: Jóhann Jóhannsson, Hildur Guðnadóttir
Darsteller: Rooney Mara, Joaquin Phoenix, Chiwetel Ejiofor

Israel, Anfang des 1. Jahrhunderts: Das Land ist von den Römern besetzt. Ein kleiner Teil der jüdischen Bevölkerung, zu der auch die Jerusalemer Priesteraristokratie gehört, profitiert von der Situation. Ein Großteil der Menschen jedoch lebt in armen Verhältnissen und sehnt sich nach dem Messias, einem echten König, der das Reich Gottes einläuten wird. In Magdala am See Genezareth lebt eine junge Frau namens Maria (Rooney Mara) mit ihrer Familie. Sie soll verheiratet werden und die üblichen Aufgaben einer Ehefrau übernehmen. Doch in Maria brennt die Sehnsucht nach einer Begegnung mit Gott, was sie zum Wanderprediger Jesus aus Nazareth (Joaquin Phoenix) führt. Sie schließt sich seiner kleinen Bewegung an und entwickelt ein tiefes Verständnis für seine Botschaft. Dies führt zu Auseinandersetzungen mit den männlichen Jüngern. Insbesondere Petrus (Chiwetel Ejiofor) betrachtet Maria mit skeptischen Augen. Die Konflikte verschärfen sich, als Jesus beschließt, mit seiner Botschaft in Jerusalem einzuziehen.

Die folgende Kritik enthält SPOILER und eine Menge fachlicher Ergüsse.

Kaum eine biblische Frauengestalt ist schillernder als Maria Magdalena. Als reuige Sünderin, ehemalige Prostituierte und potentielle Geliebte Jesu ist sie einer breiten Masse bekannt. Dabei gehen all diese Punkte auf Traditionen und Verschwörungstheorien zurück, biblisch fundiert ist davon nichts. Tatsächlich erzählen die Evangelien nicht allzu viel über Maria. Sie scheint die Wichtigste einiger Frauen gewesen zu sein, die Jesus als Jüngerinnen begleiteten. Vorgestellt wird sie über ihren Heimatort Magdala, was als Hinweis darauf zu werten ist, dass sie nicht oder nicht mehr verheiratet war. Laut Lukasevangelium trieb Jesus aus ihr sieben Dämonen aus, was man als physisches oder psychisches Leiden interpretieren könnte. In den Passionserzählungen steht sie – ganz im Gegensatz zu den männlichen Jüngern – am Kreuz und ist auch die erste Zeugin der Auferstehung.

Mehr ist es zunächst nicht, was die Bibel zu berichten hat. Im Laufe der Kirchengeschichte wurde Maria schließlich mit anderen, bislang namenlosen Frauengestalten des Neuen Testaments zusammengelegt. Zu erwähnen wäre hier beispielsweise die Sünderin, die Jesus die Füße wäscht, oder die Ehebrecherin, die nur knapp einer Steinigung entgeht. Von päpstlicher Seite aus wurden diese fehlerhaften und folgeschweren Identifikationen in der Spätantike gefördert und unterstützt. Das zeigte sich zunächst in der Kunst, wo Maria Magdalena auf vielen Bildern eine gewisse Erotik umgibt. In der Moderne griffen auch Spielfilme das Prostituierten-Thema auf oder stellten Maria sogar als Geliebte Jesu dar – mal mehr, mal weniger geschmackvoll. Die Exegese jedoch ging in den letzten Jahrzehnten (auch im Zuge der feministischen Theologie) einen anderen Weg. Man konzentrierte sich wieder auf die Evangelien und auch einige apokryphe Texte, die nicht in den Bibelkanon aufgenommen wurden. Maria Magdalena erfuhr dadurch eine Art Rehabilitation und gilt inzwischen als Apostolin, was sie auf eine gleiche Stufe mit den männlichen Jüngern Jesu stellt. Ihren Festtag hat sie dem aktuellen Papst Franziskus zu verdanken.

Nach dieser fachlichen Richtigstellung folgt nun mit „Maria Magdalena“ auch ein Film, der der biblischen Frauengestalt gerecht werden möchte. Und tatsächlich verzichtet man auf sämtliche Effekthascherei. Keine Prostitution, keine sexuelle Beziehung mit Jesus, stattdessen die ruhig erzählte Geschichte einer Gläubigen. Das fehlende Spektakel mögen manche als langweilig empfinden, ich jedenfalls bin um diesen respektvollen Umgang sehr froh und rechne dies dem Film hoch an. Allerdings weiß ich auch, dass eine gute oder ehrbare Prämisse noch keinen perfekten Film macht, worüber „Maria Magdalena“ hier und da auch ein wenig stolpert. Aber dazu später mehr.

Der Film beginnt in Marias Heimatort Magdala, was in Wahrheit wohl mehr als ein kleines Kaff war, und stellt uns den Charakter vor. Hier muss man zwangsläufig die spärlichen biblischen Angaben anreichern, wenn man eine funktionierende Filmfigur haben möchte. Die Drehbuchautoren entschieden sich dafür, aus Maria eine Hebamme und Fischerin zu machen. Das eine ist naheliegend, das andere weniger nachvollziehbar. Die Fischerei war wohl doch eher eine Männerdomäne. Ihre Arbeit als Hebamme allerdings birgt eine schöne Symbolik, die im Film noch einige Male aufblitzt und gespiegelt wird (Stichwort: Lazarus). Maria zeigt sich als relativer Freigeist und möchte sich gewissen gesellschaftlichen Konventionen nicht unterwerfen: Sie will beten, wann immer sie will, und keine Ehefrau werden. Mit Rücksicht auf den historischen Kontext fragt man sich zwar, woher diese modernen Ansichten wohl kommen mögen, aber das Ganze wird einigermaßen annehmbar dargestellt – nicht zuletzt wegen Rooney Maras ruhigem, aber eindringlichem Spiel.

Mit Joaquin Phoenix betritt mein eigentliches Highlight die Bühne. Das mag man in einem Film, der eigentlich um eine Frau geht, kritisch sehen. Aber für mich steht fest, dass Phoenix hier einen höchst interessanten Jesus präsentiert. Er füllt die Rolle mit einer Mischung aus permanenter Wut und Trauer, aber auch mit vielen freundlichen und gutherzigen Momenten. Phoenix‘ Jesus sorgt dafür, dass in seinen Szenen stets die Luft knistert und tatsächlich nimmt man ihm die härtere Gangart auch ab. Etwas kontraproduktiv ist höchstens die deutsche Synchronstimme, sowie manche Dialoge, die ein wenig weichgespült daherkommen. Da hätte man sich auch direkter am Bibeltext bedienen können, um besser auf den Punkt zu kommen.

Durch die starke Präsenz von Jesus verlässt der Fokus Maria, was durch das dezente Spiel von Rooney Mara unterstützt wird. Dass man den Film hier angreift, kann ich verstehen, aber insgesamt ergibt sich für mich doch ein stimmiges Bild. Während die männlichen Jünger im Hinblick auf das Reich Gottes Umbruch und Aufstand, eben den großen Effekt erwarten, hört Maria als Frau in Ruhe zu und begreift, dass sich zunächst Menschen verändern müssen, bevor es Königreiche tun. Womöglich hätte man ihrem Charakter in der Mitte des Films trotzdem noch mehr offensichtlichere Entwicklung zugestehen können. Ein stärkerer Erzählfaden, der die einzelnen Szenen dramaturgisch geschmeidiger in Verbindung bringt, wäre ebenfalls nicht schlecht gewesen. Auf einen interessanten Nebenplot mit Petrus möchte ich dennoch hinweisen. Maria ist zusammen mit ihm auf einer Art Missionsreise. Dabei wird der Unterschied zwischen den beiden immer deutlicher und es wird außerdem klar, dass sich die Macher mit dem apokryphen Evangelium der Maria auseinandergesetzt haben. Darin werden Petrus und die Jüngerin quasi gegeneinander ausgespielt, wenn es um die Gunst Jesu, beziehungsweise das Verständnis seiner Botschaft geht. Ob ein apokryphes Evangelium viele Rückschlüsse auf historische Persönlichkeiten zulässt, ist fraglich. Allerdings wird dadurch deutlich, dass es in den frühen christlichen Gemeinden durchaus eine Diskussion um die Wertung des Petrus, beziehungsweise die der Maria gab.

Der Film führt logischerweise nach Jerusalem und widmet sich dort zunächst der Tempelreinigung und dem Konflikt Jesu mit der religiösen Elite. Diese Szenen sind atmosphärisch sehr dicht, der Tempel wird bedrohlich inszeniert und Phoenix geht in seinen wütenden Momenten richtig auf. Man schafft es sogar zu vermitteln, dass es bei der Tempelreinigung nicht primär um eine Kritik an den Händlern geht. Jesus unterbindet mit seiner Aktion das aus seiner Sicht heuchlerische Sühneritual der Tempelpriester, bei welchem man im Prinzip gegen Geld seine Sünden los wird. Dies wird nicht wirklich in jeder Verfilmung deutlich. Ebenfalls in Jerusalem kommt eine neuartige Motivation des Verräters Judas zum Tragen. Im Film hat der Jünger seine Frau und seine Tochter verloren und verspricht sich vom nahenden Gottesreich ein Wiedersehen mit seiner Familie. Dementsprechend möchte er Jesus zum Handeln zwingen, indem er ihm seinen Feinden ausliefert. Man hat Judas zwar schon öfter mit interessanten, außerbiblischen Beweggründen ausgestattet, doch diese Sichtweise war tatsächlich erfrischend und menschlich gut nachvollziehbar.

Am Ende geht alles recht schnell, fast schon zu schnell. Verhaftung und Hinrichtung geschehen in wenigen Minuten und ich muss gestehen, dass ich Phoenix‘ Jesus gerne als Angeklagten vor den religiösen und politischen Machthabern gesehen hätte. Doch der Film konzentriert sich – was wohl auch richtig ist – wieder verstärkt auf seine Protagonistin und lässt uns die letzten Stunden Jesu aus Marias Perspektive erleben. Seltsam wirkt nur, dass die Verleugnung des Petrus fehlt, wo der Film ansonsten doch sehr darauf bedacht ist, die Mängel der männlichen Jünger herauszuarbeiten. Im Zuge der Auferstehung wird Maria zur ersten Zeugin und Geburtshelferin der Kirche, was eine schöne Brücke zu ihrer Hebammen-Tätigkeit am Anfang des Films schlägt. Erwähnenswert ist auch die stimmige Verknüpfung mit dem Senfkorn-Gleichnis, nach welchem große Dinge einen kleinen, ganz unscheinbaren Anfang haben – eben ganz im Sinne von dem, was Maria vom Reich Gottes verstanden hat.

Fazit: Der Film hat tolle Bilder und starke Darsteller, doch ich bezweifle, dass das einem Zuschauer reicht, der nicht religiös ist oder kein Interesse an Bibelexegese hat. In meinem Fall stehen die Dinge ja anders und ich kann dem Film – trotz einiger Stolpersteine – vieles abgewinnen. Er ist schön, unaufgeregt, ruhig, ein wenig meditativ und trotz der bekannten Geschichte hier und dort überraschend. Ich verteile knappe 8 von 10 Popcornguys!

Auslöschung

Titel: Auslöschung
Originaltitel: Annihilation
Regie: Alex Garland
Drehbuch: Alex Garland
Musik: Ben Salisbury, Geoff Barrow
Darsteller: Natalie Portman, Oscar Isaac, Jennifer Jason Leigh

Ein Himmelskörper trifft die Erde und erzeugt ein schimmerndes, elektromagnetisches Feld, welches sich immer weiter ausbreitet. Die US-Regierung versucht, das Phänomen so lange wie möglich geheim zu halten. Gleichzeitig werden Expeditionsteams in die sogenannte Area X geschickt, um die eigenartige Erscheinung zu untersuchen. Allerdings kehrte bisher keines von diesen Teams zurück. Die Biologin Lena (Natalie Portman) betritt nun zusammen mit einer Psychologin, einer Physikerin, einer Geomorphologin und einer Sanitäterin die schimmernde Blase und sieht sich darin mit außergewöhnlichen Naturprozessen konfrontiert. Allerdings hat die Wissenschaftlerin auch einen persönlichen Antrieb: Ihr Mann Kane (Oscar Isaac), der als Soldat in einer Spezialeinheit diente, ging vor einem Jahr in die Area X.

Zu den stärksten Vertretern des Science-Fiction-Genres der letzten Jahre zählen Filme wie „Her“, „Ex Machina“, „Arrival“ und „Blade Runner 2049“. Zwar kann „Auslöschung“ diesen nicht ganz das Wasser reichen, ist aber dennoch gute und intelligente Sci-Fi-Kost mit ein paar äußerst unbequemen Horror-Elementen. Das klingt nun nach einem vorgezogenen Fazit. Nun, das ist es auch. Dies hängt aber damit zusammen, dass ich am Ende dieser Kritik über die Veröffentlichung von „Auslöschung“ sprechen möchte. Und die wirft im Grunde noch interessantere Fragen auf als der eigentliche Inhalt des Films. Es könnte sich also lohnen, bis zum Ende zu lesen.

Aber zunächst mal zum Inhalt. Es gelingt „Auslöschung“, das Interesse des Zuschauers im Grunde immer aufrecht zu erhalten. Recht schnell wird – eingebettet in eine bizarre, teilweise schöne, aber größtenteils beklemmende Atmosphäre – ein gewisses Mysterium aufgebaut und man möchte einfach wissen, was es mit diesem schimmernden Feld und den Prozessen, die darin geschehen, auf sich hat. Hier und dort mag es etwas zähere Minuten oder Passagen geben, aber der Spannung tut dies keinen größeren Abbruch. Zusammen mit den Protagonisten dringt man tiefer und tiefer in das Geheimnis vor und muss dabei auch die ein oder andere eklige oder geradezu verstörende Szene durchleben. Das hat mir gut gefallen – und da stört es auch nicht groß, dass mancher Spezialeffekt vielleicht nicht ganz so überzeugend wirkt. Mehrmals saß ich angespannt vor meinem Fernseher und gerade das Ende hat ein Mindfuck-Potential, welches schon herausfordernd sein kann. Aber es ist möglich, sich einen Reim auf das Ganze zu machen. Und es schadet ja nicht, von einem Film gefordert zu werden, möchte man meinen – aber dazu später mehr.

Die Schauspieler sind hochkarätig und machen durchweg einen guten Job. Wenn man Natalie Portman sieht, denkt man vielleicht nicht unbedingt an eine Biologie-Professorin, aber ich halte sie für eine gute Darstellerin und sie stemmt die Hauptrolle überaus ordentlich. Ihr stehen mit Tessa Thompson, Jennifer Jason Leigh und einigen anderen weitere Frauen zur Seite, die ihr Fach verstehen. Und hier zeigt sich ein interessanter Punkt: Es sind ausschließlich Wissenschaftlerinnen (und eine Sanitäterin), die das Expeditionsteam bilden. Anfangs dachte ich mir noch, dass mir der Film sicherlich irgendwann einen Grund dafür liefern wird. Doch das war nicht wirklich der Fall. Stattdessen geht der Film mit der Zusammensetzung seiner Protagonisten ganz natürlich um und hat es auch nicht nötig, plump mit dem Finger drauf zu zeigen, dass das nun allesamt Frauen sind. Dafür macht er eine andere Sache richtig, er stattet seine Charaktere nämlich mit genügend Fleisch und Hintergrund aus, das man als Zuschauer doch ausreichend mitfühlen kann. Man hat also einfach funktionierende Filmfiguren, die im Marketing nicht als emanzipatorische Rettung des Kinos (ich erinnere mich mit Schaudern an „Ghostbusters“) herhalten müssen. Das empfand ich als angenehm. Oscar Isaac möchte ich aber dennoch lobend erwähnen, auch wenn er definitiv ein Mann ist.

Leider veranlasst mich der Film jetzt nicht im allergrößten Maße dazu, mir über existenzielle Fragen den Kopf zu zerbrechen. Dafür hat mir irgendetwas gefehlt. Zum Schluss möchte ich mich aber der recht denkwürdigen Veröffentlichungspolitik von „Auslöschung“ widmen. Eigentlich sollte er ursprünglich einen ganz normalen, internationalen Kinostart bekommen. Allerdings gab es Streitigkeiten zwischen zwei beteiligten Produzenten. Der eine empfand den Film als zu intellektuell und kompliziert für ein breites Kinopublikum. Da muss ich nun doch etwas stutzen. Heißt das nun, dass ich zu blöd bin, weil der Film mich nicht komplett überzeugt hat? Oder ist es eher so, dass dem breiten Kinopublikum inzwischen nur noch sehr wenig zugetraut wird? Ein anderer Produzent des Films hat sich jedenfalls am Ende durchgesetzt und Regisseur Alex Garland konnte den Film in seinem Sinne abschließen. Dies führte zu einer eingeschränkten Kinoveröffentlichung. Auf die große Leinwand schafft es der Film nur in den USA, Kanada und China. Alle restlichen Länder, also auch wir, müssen sich „Auslöschung“ über Netflix ansehen. Was soll das nun bedeuten? Geht man tatsächlich davon aus, dass das amerikanische Publikum (der Argumentation des skeptischen Produzenten folgend) intelligenter ist als jenes in Europa? Daran hätte ich aber einige Zweifel. Fest steht für mich folgendes: Wenn man einen Film wie „Auslöschung“, der ordentliche Charaktere, eine spannende Geschichte und einen gewissen Anspruch vorzuweisen hat, nicht mehr auf ein breites Publikum loslassen kann, steht es wirklich schlecht um Zukunft und Qualität des großen Kinos. Doch das Traurige ist wohl, dass ich dem ersten Produzenten zähneknirschend Recht geben muss: Ja, „Auslöschung“ hätte es auch in Europa schwer gehabt, sein Publikum zu finden. Da muss man sich ja nur an „Blade Runner 2049“ erinnern, der in den deutschen Kinocharts 2017 irgendwo nach dem 30. Platz auftaucht.

Aber da ich weiß, dass viele Leute Netflix haben, verknüpfe ich meine Empfehlung mit einem Appell: Schaut euch „Auslöschung“ an. Der Film ist meiner Meinung nach kein Meisterwerk, ja vielleicht nicht mal sehr gut, aber er ist gut und ich halte es für wichtig, das mit einer entsprechenden Zuschauerzahl zu verdeutlichen. Es gibt von mir 8 von 10 Popcornguys!

Shape of Water – Das Flüstern des Wassers

Titel: Shape of Water – Das Flüstern des Wassers
Originaltitel: The Shape of Water
Regie: Guillermo del Toro
Drehbuch: Guillermo del Toro, Vanessa Taylor
Musik: Alexandre Desplat
Darsteller: Sally Hawkins, Michael Shannon, Richard Jenkins

USA, Anfang der 60er Jahre. Die stumme Putzfrau Elisa Esposito (Sally Hawkins) arbeitet nachts in einem geheimen Labor der US-Regierung. Ihr Alltag ist nicht gerade spannend und verläuft recht routiniert. Elisas einzige Freunde sind im Grunde ihr schwuler, intellektueller Nachbar (Richard Jenkins) und ihre schwarze, energisch auftretende Arbeitskollegin (Octavia Spencer). Doch eines Tages wird ein eigenartiges, amphibisches Wesen aus dem Amazonas ins Labor gebracht. Während die Forscher es untersuchen, entwickelt Elisa Gefühle für das Geschöpf. Sie möchte es befreien, doch dabei gibt es ein gewaltiges Problem: Der böse Sicherheitschef Richard Strickland (Michael Shannon).

Eigentlich hatte ich ja nicht vor, noch etwas zu „Shape of Water“ zu schreiben. Ich habe den Film gesehen, fand ihn grundsätzlich ganz nett, habe aber den Hype darum nicht so ganz verstanden. Das Thema war für mich mehr oder weniger abgehakt. Aber nun, da „Shape of Water“ den Oscar für den besten Film gewonnen hat, fühle ich mich doch irgendwie dazu genötigt, ein paar Worte darüber zu verlieren.

Zunächst mal das Positive. „Shape of Water“ sieht schlichtweg fantastisch aus. Das gesamte Set zeugt von großer Detailverliebtheit und die Bilder verführen in angenehmen, warmen Farbtönen. Gekrönt wird das Ganze vom Amphibienmenschen selbst, dem der Schauspieler Doug Jones zusammen mit offensichtlich sehr begabten Computerkünstlern Leben eingehaucht hat. Das Wesen ist absolut faszinierend und ich musste eine Weile überlegen, wann ich das letzte Mal eine vergleichbar perfekte CGI-Arbeit gesehen habe. Das dürften dann wohl Andy Serkis‘ Affen gewesen sein. Neben dem Look, den es ja ohne Zweifel zu loben gilt, war der Film hier und dort unerwartet brutal. Auch abseits der Gewalt gibt es einige überraschende Einfälle und Entscheidungen, die den einen Zuschauer amüsieren, den anderen ein wenig herausfordern dürften. Mir hat das gefallen. Ebenfalls überzeugend waren sämtliche Darsteller und der traumhaft schöne Soundtrack von Alexandre Desplat hat zurecht den Oscar gewonnen.

Doch leider lassen sich auch mehr oder weniger fette Haare in der Suppe finden.

Zunächst empfand ich einige inszenatorische Lösungen fragwürdig oder misslungen. Darunter fällt unglücklicherweise auch die erste echte Präsentation des Amphibienmenschen. Das Fehlen von prägnanter Musik, interessanter Kameraarbeit oder irgendeines Spannungsaufbaus lassen den Moment leider sehr „underwhelming“ wirken. Hier verschenkt man viel Potential. Weitere Probleme finden sich im Drehbuch. Über weite Strecken bleibt „Shape of Water“ recht vorhersehbar. Gelangweilt war ich zwar nie, man konnte schon am Ball bleiben, doch hier und dort war das Ganze doch etwas träge. Das hängt auch beispielsweise mit letztendlich unnötigen Seitenplots zusammen – ich denke hierbei an den Charakter von Richard Jenkins und die sowjetischen Agenten. Die Zeit, die hier verloren geht, hätte man besser in die Beziehung zwischen Elisa und dem Amphibienmenschen investiert. Den hier liegt das möglicherweise größte Problem von „Shape of Water“: Es wird einem zwar gesagt, dass sich die beiden ineinander verlieben, aber man sieht oder spührt es nicht wirklich. Zumindest ich habe dem Film die Liebesgeschichte nicht wirklich abkaufen können.

Zuletzt möchte ich noch die Ideologie von „Shape of Water“ ansprechen, die sich hier doch recht plakativ aufdrängt. Eine stumme Latina, eine Schwarze, ein intellektueller Homosexueller und ein Wissenschaftler verbrüdern sich, um ein wegen seiner Andersartigkeit unterdrücktes Wesen aus den Fängen eines bösen, weißen, rassistischen und sexistischen Mannes zu befreien, der sich nach dem Pinkeln nicht mal die Hände wäscht. Es mag sein, dass es auf dem Papier gut klingen kann, wenn man einen Film über Minderheiten macht, die über eine Art Trump-Figur triumphieren. Das mag sogar löblich sein. Aber in „Shape of Water“ kommt dieses Anliegen doch arg plump und durchschaubar daher. Der gute Cast gibt sich zwar Mühe, der Schwarz-Weiß-Malerei entgegen zu wirken, aber selbst ein Michael Shannon kann es nur knapp verhindern, durch die in seinem Fall angehäufte Schlechtigkeit zur Witzfigur zu werden. Gerade dann, wenn man noch den wundervollen „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ im Kopf hat, in welchem Gut und Böse toll gegeneinander ausbalanciert werden, wirkt „Shape of Water“ schon arg moralisierend. Die Tatsache, dass es sich um ein Fantasy-Märchen handelt, lässt den Film noch einigermaßen gut davon kommen. Aber ein Gschmäckle bleibt.

„Shape of Water“ ist im besten Sinne des Wortes okay und nett, aber meiner Meinung nach weit davon entfernt, als bester Film des Jahres bezeichnet werden zu können. Eine Überschneidung zwischen meinem Geschmack und der Academy-Entscheidung gab es zum letzten Mal 2015, als „Birdman“ gewann. Guillermo del Toros Film erhält von mir solide 7 von 10 Popcornguys.