Ingrid Goes West

Originaltitel: Ingrid Goes West
Regie: Matt Spicer
Drehbuch: Matt Spicer, David Branson Smith
Musik: Nick Thorburn
Darsteller: Aubrey Plaza, Elizabeth Olsen, O’Shea Jackson junior

Charlotte heiratet und es ist ein schönes Fest – bis eine junge und der Hochzeitsgesellschaft unbekannte Frau aufkreuzt und die Braut mit Pfefferspray angreift. Der ungebetene Gast wird daraufhin in eine Psychiatrie eingewiesen. Bei der Hochzeits-Crasherin handelt es sich um Ingrid (Aubrey Plaza). Sie ist Instagram-Stalkerin und verfolgte Charlottes Leben (die eben jenes natürlich auch großzügig preis gab) lange Zeit über die sozialen Medien. In Ingrids Wahrnehmung entsprechen Internet-Freundschaften den realen und so reagierte sie recht aggressiv auf die ausbleibende Hochzeitseinladung. Doch Ingrid verlässt die Psychiatrie und erbt dazu noch einen hohen Geldbetrag. Damit kann sie sich den Umzug nach Los Angeles leisten, wo ihr nächstes „Opfer“ lebt: Influencerin und Instagram-Sternchen Taylor (Elizabeth Olsen). Ingrid versucht, ihrem neuen Idol nachzueifern und näher zu kommen – wobei sie vor nichts zurückschreckt.

„Ingrid Goes West“ ist das Regie-Debut von Matt Spicer und hatte hierzulande keinen Kino-Release – was bedauerlich ist, denn es handelt sich um eine schwarzhumorige Tragikomödie mit viel aktuellem Inhalt, welche die Aufmerksamkeit eines größeren Publikums verdient hätte.

Plattformen wie Facebook, Twitter, Snapchat und Instagram sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Die meisten, die das hier lesen, stecken bis zu einem bestimmten Punkt ja selbst in den sozialen Medien. Dass diese allerdings auch im höchsten Grade assozial sein können, wird am filmischen Beispiel von Ingrid deutlich gemacht. Aubrey Plaza spielt – mit dem ihr eigenen trockenen Charme – eine Instagram-Stalkerin, die im Grunde keine eigene reale Persönlichkeit hat. Ihr gesamtes Dasein dreht sich um ihr Smartphone und insbesondere um die Personen, denen sie auf Instagram folgt. Sie sind ihre Idole, ihnen will sie gefallen, den ihrigen Lifestyle strebt sie an, Likes und Shares bestimmen ihr Selbstwertgefühl. Dabei gibt sie das, was sie möglicherweise selbst an Charakter besitzt, fast komplett auf und hat dabei auch wenig Skrupel, wenn es darum geht, ein Teil im Leben ihrer Social Media Stars zu werden.

Elizabeth Olsen spielt Taylor, Ingrids neuestes Opfer. Man kennt sie aus Blockbustern wie „Godzilla“ oder diversen Marvel-Filmen, aber auch aus Werken für das kleinere Publikum, wie beispielsweise „Wind River“. Sie ist eine Influencerin und verdient ihr Geld quasi damit, dass sie sich mit bestimmten Produkten ablichten lässt und dies dann auf ihren gut frequentierten Kanälen teilt. Ingrid kommt Taylor im Laufe des Films näher und dem Zuschauer wird rasch klar, dass es sich beim Instagram-Star um mehr Schein als Sein handelt. Gleiches trifft auf das reale Umfeld von Elizabeth Olsens Charakter zu. Egal, ob es sich um ihren Partner Ezra (Wyatt Russell) oder ihren wahnsinnigen Bruder Nicky (Billy Magnussen) handelt: Sie alle sind groß darin, nach außen hell zu strahlen und besonders zu wirken, doch eigentlich sind es ganz schön arme und schrecklich einsame Würstchen. Ingrid scheint – ähnlich wie der Zuschauer – diese Entdeckung zu machen, doch ob ein tatsächlicher Lernprozess einsetzt, darf bezweifelt werden. Der Film endet auf einer ziemlich bissigen und satirischen Note.

Diese inhaltliche Zusammenfassung liest sich nun ziemlich ernst und ja, das Thema ist ja auch ein ernstes. Matt Spicer inszeniert „Ingrid Goes West“ jedoch sehr leicht und unterhaltsam. Dies ist unter anderem dem Charakter Dan (O’Shea Jackson junior) zu verdanken. Der Sohn des Rappers Ice Cube spielt zwar auch einen Verlierer (er glaubt tatsächlich, dass er mit seiner Vorliebe für „Batman Forever“ ein großartiges Batman-Drehbuch schreiben kann), aber immerhin ist er ein Mann, den Ingrid real kennenlernt und der sich tatsächlich um das Wohl der geistig verwirrten Stalkerin sorgt. Ob sie dies zu schätzen weiß, ist allerdings eine ganz andere Frage.

Fazit: „Ingrid Goes West“ ist eine sehr unterhaltsame Tragikomödie mit gesellschaftskritischer Note, die einerseits für einen lockeren Filmabend sorgt, aber andererseits auch Fragen beim Zuschauer auslöst: Wo situiere ich mich selbst? Kontrolliere ich meine Teilhabe an den sozialen Medien? Oder ist es eher anders herum? Inwieweit können Facebook, Snapchat und Instagram unser Bedürfnis nach Aufmerksamkeit stillen? Helfen sie dabei, sich weniger einsam zu fühlen? Oder tritt doch eher das Gegenteil ein? Für den Zuschauer kann es durchaus lohnend sein, diese Fragestellungen an sich ranzulassen, vor allem, wenn sie in einem derart coolen und lustigen Film verpackt sind. Es gibt von mir starke 8 von 10 Popcornguys!

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Battle Royale

Titel: Battle Royale
Originaltitel: Batoru Rowaiaru
Regie: Kinji Fukasaku
Musik: Masamichi Amano
Darsteller: Aki Maeda, Takeshi Kitano, Tatsuya Fujiwara

Zur Jahrtausendwende herrschen im Land hohe Arbeitslosigkeit und Jugendkriminalität. Als Reaktion darauf wird die “Milleniums-Bildungsreform”, kurz das “BR-Gesetz”, verabschiedet. Im Zuge dieses “Spiels” verfrachtet man ausgewählte Schulklassen auf eine einsame Insel. Dort werden sie mit verschiedenen Waffen ausgerüstet und dazu aufgefordert, sich gegenseitig umzubringen. Sollte es nach drei Tagen keinen alleinigen “Gewinner” geben, detonieren sämtliche Halsbänder, die den Schülern angelegt werden. Diesen gnadenlosen Regeln ist auch die Klasse 3-B der Shiroiwa-Mittelschule unterworfen, wobei Kitano (Takeshi Kitano), ein ehemaliger Lehrer, als “Spielleiter” die Fäden in der Hand hält. Noriko Nakagawa (Aki Maeda) und Shuya Nanahara (Tatsuya Fujiwara), beide 15 Jahre alt, müssen um ihr Überleben kämpfen und dabei schockiert feststellen, wie schnell ihr Klassenverband brüchig wird.

Der japanische Kultfilm “Battle Royale” stammt aus dem Jahr 2000 und gilt als geistiger Vater der massenkompatiblen “Tribute von Panem”-Reihe. Im Jahr seiner Erscheinung sorgte er für viel Aufsehen und Diskussion. Japanische Politiker und Pädagogen nahmen Anstoß an der Darstellung expliziter Gewalt unter Minderjährigen und wollten die Veröffentlichung verhindern, was jedoch erfolglos blieb. In Deutschland erschien der Film zunächst nur in einer stark geschnittenen Fassung, bevor er vollständig indiziert wurde. Nun ist “Battle Royale” wieder frei erhältlich – und ich habe mir den Streifen angesehen.

Im Vorfeld soll gesagt sein, dass ich an der “Tribute von Panem”-Reihe die Kernidee der Hungerspiele immer am faszinierendsten fand. Elemente wie die Dreiecksbeziehung und der Fashion-Aspekt waren für mich immer allzu offensichtliche und öde Zugeständnisse an das Zielpublikum dieser Filme. Zum Glück gibt es das bei “Battle Royale” nicht, beziehungsweise kaum. Hier geht es schlichtweg darum, wie sich Jugendliche gegenseitig töten. Und das ist nichts für schwache Nerven: Armbrüste, Maschinengewehre, Katanas, Granaten, Äxte und explodierende Halsbänder sorgen für einige sehr blutige Momente. Dabei ist es allerdings so, dass sich der Film meiner Meinung nach nicht zu sehr am Gore ergötzt. So bleibt das Töten hart und eindringlich, geht jedoch nie in die Richtung eines Splatter-Fests.

Noch wichtiger als die äußere Gewaltdarstellung ist natürlich das Innenleben der betroffenen Schüler. Hierbei werden sämtliche Möglichkeiten abgegrast. Einige Jugendliche wählen den Selbstmord, um sich dem “Spiel” zu entziehen. Andere legen die Waffen nieder und appelieren an die Menschlichkeit ihrer Mitschüler. Einige setzen ihre technischen Fähigkeiten ein und starten den Versuch, das Computersystem der Spielemacher zu hacken. Und wieder andere offenbaren ihren blutrünstigen Charakter und laufen Amok. So ergibt sich eine breite Palette an Motivationen und Entwicklungen, die den Zuschauer gut an die Handlung bindet.

Allerdings haben mich einige Inszenierungen im Detail dann doch gestört. Da wäre zum einen der Soundtrack zu erwähnen, der – durchsetzt mit bekannten klassischen Stücken – für sich genommen großartig ist. Doch bei einigen Szenen drückt etwas zu sehr auf die Tube und gemeinsam mit dem phasenweise vorkommenden Overacting ergibt das dann doch eine unfreiwillige Komik. Es mag sein, dass dies typisch für den japanischen Film ist. Man kann diese Szenen auch teilweise unter ironischer Satire verbuchen. Doch ich emfand entsprechende Stellen manchmal als unpassend und fühlte mich aus dem Film gerissen. Auffällig waren auch die etwas plump wirkenden Teenie-Liebesgeschichten: Wer will etwas von wem und warum und wie viel. Mir ist klar, dass diese Themen zum Alter der Protagonisten passen, aber das hätte man sicherlich auch geschmeidiger in Szene setzen können. Ungut ist im Grunde auch die hohe Anzahl an Figuren. Zwar kristallisieren sich einige Personen heraus – im Kopf bezeichnete ich diese Leute beispielsweise als “die irre Lady”, “der kranke Psycho”, “die Nerd-Gang” oder “der Stirnband-Typ” – aber wirklich in die Tiefe geht man bei keinem. Selbst die Hauptfiguren bleiben relativ oberflächlich und so verhält es sich dann auch mit der emotionalen Bindung zum Zuschauer. Vielleicht wäre hier weniger mehr gewesen.

Aber dennoch: “Battle Royale” ist ein guter Film, der durch seine harte und kompromisslose Grundidee von Anfang bis Ende fesselt. Der Streifen wirkt lange nach und wirft dank seiner Satire-Funktion auch die ein oder andere Fragen bezüglich unserer Leistungsgesellschaft und unseres Schulsystems auf. Wer es außerdem mal hart mag, sollte hier zugreifen. Von mir gibt es 8 von 10 Popcornguys!

Serien Special: Dirk Gentlys holistische Detektei

Originaltitel: Dirk Gently’s Holistic Detective Agency
Autor: Max Landis
Produktion: Wow! Max He Really Did It!!!, AMC
Darsteller: Samuel Barnett, Elijah Wood, Hannah Marks, Jade Eshete

Der erfolglose, depressive Todd (Elijah Wood) hat einen richtig miesen Tag: Der Hotelpage entdeckt im Penthoue mehrere grausig zugerichtete Leichen, gerät ins Zielvisier der Polizei, verliert seinen Job und wird in seiner Wohnung auch noch von dem seltsamen britischen Detektiv Dirk Gently (Samuel Barnett) überrascht, der ihn in ein rasantes Abenteuer voller bizarrer Vorkommnisse verwickelt. Bald schon zweifelt er nicht nur an seinem Verstand, sondern auch an der Welt, in die er plötzlich eingetaucht ist. 

Ziemlich unscheinbar tauchte auf Netflix plötzlich diese Serie auf Netflix auf, die zuvor ihre Premerie auf BBC America gefeiert hatte. Mit Elijah Wood besetzt, erregte die Fantasy/Krimi/Comedy/Drama-Serie schnell meine Aufmerksamkeit. Ein Umstand, dem ich einige Episoden großartiger Unterhaltung verdanke. Die von Max Landis (Chronicle, American Ultra) ins Rollen gebrachte Produktion beruht auf einen Roman von Douglas Adams, der diesen als „Geister-Horror-Wer-ist-der-Täter-Zeitmaschinen-Romanzen-Komödien-Musical-Epos“ bezeichnete. Diese Beschreibung passt auch gut zur Serie, die mit allerlei Überraschungen um die Ecke kommt, und somit unmöglich in eine Schublade gesteckt werden kann. Die wirre Story um den Möchtegern-Detektiv Dirk Gently, seinem Assistenten wider Willen Todd, und die vielen völlig verrückten Begegnungen mag zwar zuerst etwas unübersichtlich wirken, scheut sich aber nicht, interessante Mysterien aufzuwerfen, ohne künstliche Erklärungen abzuliefern. Zudem führt dann letztlich doch irgendwie alles zusammen, denn die Worte „Everything is connected“ hört man in dieser Serie mehr als nur einmal. Ich persönlich mag es ja, wenn ich als Zuschauer auch mal gefordert bin, eigene Interpretationen zu erstellen.

Die große Stärke sind hier allerdings ganz klar die Charaktere. Dirk Gently, ein britischer Detektiv mit einem nie enden wollendem Redeschwall, der offensichtlich mehr weiß und mehr ist, als er vorzugeben scheint, hält die Geschichte gut zusammen, die wahre Größe ist allerdings Todd Brotzman, der wie der Zuschauer völlig überfordert von einer bizarren Situation in die nächste stolpert. Fügen wir hier noch seine Schwester Amanda, die mit einer schwerwiegenden Psychose kämpft, die toughe Farah, die nach einer entführten Person sucht, die Assassine Bart, die sich auf einem vom Schicksal bestimmten Killing-Spree befindet, den Gegenspieler Gordon, dessen Stimme sich unnachahmlich nach Mr. Plinkett von RedLetterMedia anhört, an, dann nenne ich hier nur einen Bruchteil aller interessanten Charaktere, die sich hier über die Mattscheibe tummeln und für einen witzigen, emotionalen, spannenden und rätselhaften Moment nach dem anderen sorgen.

Sicher vermag diese Serie nicht jeden zu fesseln, aber ich hatte viel Freude dabei, eine Geschichte mit kreativen Ideen, toller Inszenierung und nicht wenig Blut zu verfolgen. Ich kann nur hoffen, dass die acht Episoden umfassende erste Staffel bald eine Fortsetzung erhält. Auf jeden Fall einen Blick wert!

Er ist wieder da

Titel: Er ist wieder da
Regie: David Wnendt
Musik: Enis Rotthoff
Darsteller: Oliver Masucci, Christoph Maria Herbst, Katja Riemann

Der echte Adolf Hitler (Oliver Masucci) erwacht im Jahre 2014 mitten in Berlin. Zunächst ist der verwirrte Diktator ziemlich orientierungslos, doch rasch verschafft er sich einen Überblick. Das, was ihm am neuen Deutschland auffällt, schockiert ihn allerdings sehr: Kompetenzlose Politiker (Sympathien gibt es nur für die Grünen, denn Umweltschutz ist ja im Grunde Heimatschutz), Unmengen an Ausländern (die Türken müssen den Krieg doch gewonnen haben) und grauenhaftes Fernsehprogramm (Goebbels würde sich im Grab umdrehen). Doch all das lässt Hitler nicht verzweifeln. Während er von seinem Umfeld als Komiker wahrgenommen wird, der seine Rolle rund um die Uhr spielt, sieht er einen privaten Fernsehsender als Sprungbrett für sein Ziel: Den Weg zurück an die Spitze des Landes, wo er dringender als je benötigt wird.

Timur Vermes veröffentlichte den gleichnamigen Roman 2011 und bereits damals wurde eine Frage immer wieder gestellt: Darf man das? Ähnlich wie das Buch wird nun auch der Film verschiedenste Reaktionen auslösen. Mehr oder weniger glaubwürdige Moralapostel werden das Ganze verteufeln und von einer Banalisierung des Bösen sprechen. Schlichter gestricktes Kinopublikum wird in dem Film lediglich auf eine platte und provokante Komödie hoffen, in welcher pausenlos Hitler-Gags und niveaulose Sprüche abgefeiert werden. Und was sich politisch rechtsorientierte Menschen von „Er ist wieder da“ erwarten, möchte ich gar nicht so genau wissen. Aber wie fand nun ich den Film?

„Er ist wieder da“ ist eine vieldeutige, bösartige und absolut gelungene Satire. Zugegeben, den ein oder anderen Klamauk kann sich der Film nun auch nicht verkneifen. Beispielsweise wenn Hitler im Allgäu an einen elektrischen Weidezaun fasst oder an der windigen Nordsee mit seinem Schirm zu kämpfen hat. Derartige Szenen empfand ich zwar meistens als nett, aber nicht wirklich als notwendig. Denn der Film kann so viel mehr und ist im Grunde vor allem eines: Entlarvend.

Zunächst fällt die Kritik an den Medien auf. „Er ist wieder da“ zeigt, welchen Einfluss das Fernsehen, aber auch diverse Internetformate haben – und er zeigt außerdem, wie leicht es doch ist, über die verschiedenen Portale innerhalb kurzer Zeit auf eine hohe Zahl an Klicks und Likes zu kommen. Natürlich ist es lustig, wenn Hitler dabei Youtube unsicher macht oder in Fernseh-Kochshows eine Verschwendung der eigentlichen Propaganda-Möglichkeiten sieht. Aber man schüttelt bereitwillig gemeinsam mit ihm den Kopf, angesichts von so viel medialer Blödheit. Und ich denke, dass das etwas ist, was bei vielen Zuschauern Unbehagen erzeugen dürfte: Man lacht mit Hitler, nicht über ihn. Und das ist in gewisser Weise neu, vor allem aber auch verstörend, denn man muss sich eingestehen, dass Hitler bei seinen medial-gesellschaftlichen Beobachtungen richtig liegt. Und in diesen Belangen muss ich mich ehrlich gesagt nicht schämen.

Anders sieht es aus, wenn der Film in einigen realen Szenen tatsächliche Stimmungen und Meinungen aus der Bevölkerung einfängt. Denn Hitler-Schauspieler Oliver Masucci konfrontiert in seiner Rolle viele echte Menschen, sei es nun am Imbissstand, am Stammtisch oder auf offener Straße. Und die Äußerungen, zu denen es hier kommt, lösen nicht nur heimlichen Scham aus. Sie entlarven Schlimmes. Im Falle der richtigen Mischung aus Dummheit und Not zeigen erschreckend viele Deutsche ihre Empfänglichkeit für rechtes Gedankengut – und vor allem auch die Bereitschaft, einer Person wie Hitler zu folgen. Besonders bedenklich waren die letzten Szenen von „Er ist wieder da“, die stark von der Buchvorlage abweichen – was ich übrigens nicht schlecht finde, denn die letzten Kapitel des Romans plätschert etwas dahin. Der Film aber greift ganz aktuelle Politik auf und zeigt Bilder von Flüchtlingsströmen, verbrannten Asylheimen und Pegida-Demonstrationen. Unterlegt wird dies mit einem Satz von Masuccis Hitler, bei dem es mir im Kinosaal richtig kalt den Rücken runterlief: „Damit kann man arbeiten.“

Sehr viele Menschen werden „Er ist wieder da“ falsch verstehen – und in vielen Fällen werden wohl auch einfach die falschen Menschen „Er ist wieder da“ im Kino sehen. Ob denen allerdings ein „seriöserer“ Film zu diesem Thema mehr helfen würde, halte ich für fraglich. Ich für meinen Teil empfinde den Film wie gesagt als gut durchdachte und nachdenklich stimmende Satire, die auch in Sachen Filmhandwerk und Schauspielkunst überzeugt. Starke 8 von 10 Popcornguys!

The Wolf Of Wall Street

Titel: The Wolf Of Wall Street (Originaltitel: The Wolf Of Wall Street)
Regie: Martin Scorsese
Musik: Verschiedene
Darsteller: Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Jean Dujardin

Jordan Belfort (Leonardo DiCaprio), Anfang 20 und voller Ehrgeiz, möchte in den 80er Jahren Börsenmarkler an der New Yorker Wall Street werden. Seine zunächst dem Klienten entgegen kommenden Ansichten wirft er schnell über Bord und er lernt, dass es ausschließlich um den eigenen Profit geht. Dank seines angeborenen Verkaufstalents feiert er mit seiner eigenen Firma schnell Erfolge und zieht die Kunden reihenweise über den Tisch. Belfort scheffelt Millionen und manövriert sich exzessiv mit Partys, Drogen und Prostituierten durch sein Leben. Allerdings gerät er schnell ins Visier der FBI und die Schlinge um seinen Hals zieht sich allmählich zu.

Golden Globes, Oscars, Pressestimmen, die sich überschlagen – und ich kann den Lobeshymnen einfach nicht zur Gänze folgen. Kaum ein Film in letzter Zeit hat es mir schwerer gemacht, mich zu einer Wertung durchzuringen. Vielleicht gerade deswegen, weil es in „The Wolf Of Wall Street“ zunächst mal sehr viele äußerst positive Aspekte gibt.

Regisseur Martin Scorsese legt mit seinen 71 Jahren ein geradezu waghalsiges Tempo an den Tag. Schnitt und Bildkomposition wirken durchweg frisch und es gelingt dem Film bei einer Lauflänge von etwa 3 Stunden den lockeren Unterhaltungscharakter aufrecht zu erhalten. Zwar schleichen sich hier und da ein paar Längen ein, doch gelangweilt fühlte ich mich nie. Insbesondere das erste Drittel des Films, welches sich mit dem Aufstieg Belforts beschäftigt, empfand ich als äußerst gelungen. Es reihen sich unzählige amüsante und skurrile Szenen aneinander, die kräftig mit Drogen, Sex und Fäkalsprache gewürzt werden. Die Musikauswahl gefällt, ebenso der Nebencast. Egal, ob es sich um einen schrägen Matthew McConaughey, einen schleimigen Jean Dujardin oder einen irrwitzigen Jonah Hill handelt: Jeder Schauspieler legt hier eine darstellerische Glanzleistung hin.

An diesem Punkt kommt man natürlich nicht umhin, über Leonardo DiCaprio sprechen. Spontan fällt mir kein anderer Schauspieler ein, der in den letzten Jahren bemühter und geschickter an seiner Karriere gefeilt hat. DiCaprio ist es mit Filmen wie „Departed – Unter Feinden“, „Shutter Island“, „Inception“ und „Django Unchained“ bravourös gelungen, sich von seinem langen „Titanic“-Schatten zu lösen, weswegen ich ihm die Oscar-Nominierung für „The Wolf Of Wall Street“ von Herzen gönne. Und er hält diesen Film auch wirklich zusammen. Egal, ob in frenetischen Börsen-Reden, frechen Dialogen oder Drogen-Exzessen, in denen er sabbernd und lallend auf dem Boden krabbelt – DiCaprio brilliert in diesem Film.

Wie kann es nun sein, dass mir der Film trotz dieser gelungenen Aspekte nicht wirklich gefallen will? Ich selbst kann nur schwer Antwort auf diese Frage geben, was mich im Moment ehrlich gesagt ziemlich frustriert. Aber die einzeln betrachtet tollen Momente ergeben für mich einfach kein überwältigendes Ganzes. Ich musste feststellen, dass mich der Film nach dem starken ersten Drittel ein wenig verloren hat, weil mir klar geworden ist, dass da nicht mehr viel mit den Figuren passieren wird. Die Party rauschte mit gelegentlich ernsthaften Unterbrechungen einfach weiter und ich hatte nicht den Eindruck, dass dabei irgendjemand auf der Leinwand eine reflektierte Entwicklung durchmacht. Klar, das könnte jetzt auch eine Eigenheit dieser Satire sein. „The Wolf Of Wall Street“ distanziert sich stark von jeglicher Wertung der Geschehnisse. Positiv formuliert ist es also jedem Zuschauer selbst überlassen, wie er über die überspitzt dargestellten Auswüchse urteilt. Negativ ausgedrückt hat der Film dann aber auch nicht den Anspruch, das Publikum mit neuen und interessanten Einsichten zu beglücken. Meiner Meinung nach verlässt man hier das Kino genauso, wie man es betreten hat. Ich für meinen Teil bin der Börse gegenüber äußerst desinteressiert bis skeptisch eingestellt und an dieser Haltung hat sich jetzt auch nichts geändert. Ich erhielt eventuell eine Bestätigung, dass sich gewisse Leute in diesem Endstadium des Kapitalismus dumm und dämlich verdienen, aber gewusst habe ich das ja vorher schon. Und da ein wirklich guter Film für meine Begriffe nachhallen und in mir arbeiten muss, ist das etwas, was „The Wolf Of Wall Street“ einfach abgeht. Das einzige, was bleibt, ist die Irritation darüber, dass ich in dem Film nicht das vermeintliche Meisterwerk erkenne.

Kurz möchte ich meine kritische Haltung noch erklären, indem ich den kürzlich erschienenen „Rush – Alles für den Sieg“ für einen Vergleich heran ziehe. Dieses Drama dreht sich auf den ersten Blick um die Formel 1, welche ich ähnlich uninteressant finde wie die Börse. Allerdings wurde hier ganz großer Wert auf Charakterentwicklung gelegt, was den Film für mich zu einem der besten des letzten Jahres machte. Genau dieser Aspekt fehlt „The Wolf Of Wall Street“ und ich befürchte, dass mir ein zunächst ätzend erscheinendes Thema nur dann schmackhaft gemacht werden kann, wenn ich einen Identifikationsanker zugeworfen bekomme.

Eine Wertung fällt mir wie gesagt schwer. Aber aufgrund der guten Einzelmomente und der grandiosen Darstellung DiCaprios verteile ich spontan 7 von 10 Popcornguys. Ich schließe allerdings nicht aus, dass eine zweite Sichtung mit dem nötigen zeitlichen Abstand die Dinge verändern könnte.

Das ist das Ende

Titel: Das ist das Ende (This Is The End)
Regie: Seth Rogan, Evan Goldberg
Musik: Henry Jackman
Darsteller: Jay Baruchel, Seth Rogan, James Franco

Der kanadische Schauspieler Jay Baruchel (Jay Baruchel) reist nach Los Angeles, um seinen alten Kumpel und Schauspielkollegen Seth Rogan (Seth Rogan) zu besuchen. Baruchel hat sich auf ein paar Tage trauter Zweisamkeit, die mit Hamburgern, 3D-Filmen und Dope gefüllt werden, eingestellt. Doch dann erzählt ihm Rogan von seinen Plänen, die große Party in James Francos (James Franco) Mega-Villa zu besuchen. Obwohl Baruchel dem gesamten Hollywood-Gehabe abgeneigt ist, begleitet er seinen Kumpel zur Feier – und ist augenblicklich genervt. Besonders unangenehm ist das großspurige Kunstgelabere des Gastgebers, sowie die aufdringliche und aufgesetzt wirkende Freundlichkeit Jonah Hills (Jonah Hill). Ein bis zum Anschlag abgefüllter Michael Cera (Michael Cera), der in seinem Suff weibliche Partygäste wie Rihanna (Rihanna) begrapscht, setzt dem Ganzen die Krone auf. Doch dann, auf dem Höhepunkt der Feier, beginnt das eigentliche Problem: Draußen geht die Welt unter. Menschen werden von ominösen Lichtstrahlen in den Himmel gezogen, Feuerbrände wüten in ganz Hollywood und gigantische Senklöcher tun sich auf. Während die meisten der Partygäste bereits hier drauf gehen, gelingt es Rogan, Baruchel, Franco, Hill und Craig Robinson (Craig Robinson), sich zurück in die Villa zu retten. Die Gruppe verbarrikadiert sich, häuft die verbliebenen Lebensmittel an und spekuliert wild über die Hintergründe der Ereignisse. Ist es eine Alien-Invasion? Ein Zombie-Angriff? Oder doch die biblische Apokalypse? Die Lage der Freunde spitzt sich weiter zu, als der egoistische und absolut unberechenbare Danny McBride (Danny McBride) zur Gruppe hinzustößt und viele ungelöste Beziehungsfragen hochkochen – während draußen die Welt weiter in irrwitzigem Chaos versinkt.

„Das ist das Ende“ ist ein geiler Film. Meine Wortwahl ist passend und im Grunde könnte man die Kritik bereits hier beenden, aber ein wenig möchte ich doch noch dazu schreiben.

Die Drehbuchidee, welche laut Rogan die verantwortlichen Studiobosse an der Zurechnungsfähigkeit der Beteiligten zweifeln ließ, ist simpel, aber genial: Eine Gruppe befreundeter Darsteller, die bereits mehrere gemeinsame Projekte hatte (beispielsweise „Superbad“ oder „Ananas Express“), spielt fiktive und überzogene Versionen ihrer tatsächlichen Persönlichkeiten und feiert eine Party, während vor der Tür die Welt untergeht. Diese originelle Idee sorgt auch im Film für viele Lacher, da sich die Schauspieler in überspitzter Art und Weise gegenseitig aufs Korn nehmen. So muss es sich der umtriebige und literarisch gebildete Franco gefallen lassen, als arroganter Kunstdödel gezeichnet zu werden, während man Rogan mangelnde schauspielerische Fähigkeit reinwürgt. Außerdem finden auch die bisherigen Werke des Casts ihre Erwähnung, wenn sich die bekifften Darsteller über ein Sequel zu „Ananas Express“ unterhalten oder sich im Keller Francos gestohlene Requisiten seiner früheren Filme finden lassen.

Ein weiterer Pluspunkt von „Das ist das Ende“ sind die vielen Cameo-Auftritte verschiedener Stars und Sternchen, die sich konsequenterweise ebenfalls alles selbst spielen. Die Trailer haben ein Mitwirken von Michael Cera, Rihanna und Emma Watson bereits verraten, doch daneben gibt es noch einige weitere Brüller. Besonders ein bestimmter Hollywood-Schönling, der sich auf abartigste Art und Weise zum Affen macht, wird beim Zuschauer seinen Eindruck hinterlassen. Doch aus Spoilergründen werden hier keine weitere Namen genannt. Rückblickend hätte es ruhig noch ein paar mehr solcher Cameos geben dürfen, doch das ist Meckern auf hohem Niveau.

Der Film reiht einen Gag nach dem anderen und streut – entsprechend der Thematik – immer wieder gruselige und gelegentlich äußerst blutige Elemente ein. Hin und wieder befindet sich der derbe Humor auch an der Grenze des guten Geschmacks, aber da wirklich jede Pointe sitzt und schonungslos ausgekostet wird, gelingt es dem Film stets, den Bogen zu schlagen. Als roter Faden dienen die Beziehungsgeflechte zwischen den Personen und insbesondere die gefährdete Freundschaft zwischen Rogan und Baruchel. Am Ende entwickelt der Film sogar eine Art Botschaft, aber die ist derart dezent und überdeckt von Absurditäten, dass niemand einen moralisierenden Kurs fürchten muss. Ein Vorteil von „Das ist das Ende“ ist auch, dass offensichtlich jeder der Beteiligten Spaß am Projekt hatte und sich hierbei nichts und niemand ernst nimmt. Handwerklich lässt sich auch ansonsten nichts kritisieren. Es ist Rogans erste Regiearbeit, aber angefangen vom Schnitt über die Beleuchung bis hin zum Soundtrack passt hier alles. Dennoch: Für zart besaitete Menschen oder ausschließliche Freunde des dezenten Humors ist dieser Höllenritt nicht geeignet.

Ich jedenfalls habe ich mich trotz minimaler Längen im Mittelteil und etwas zu ausufernder CGI großartig unterhalten gefühlt. Wer einen Film wie „Ananas Express“ mag und es auch eine Spur heftiger und surrealer vertragen kann, sollte hier die Kinokarte lösen. „Das ist das Ende“ ist eine hervorragende Komödie und ganz nebenbei einer der besseren Filme des Jahres. Es hagelt 8 von 10 Popcornguys!

Anchorman – Die Legende von Ron Burgundy

Originaltitel: Anchorman – The Legend of Ron Burgundy
Regie: Adam McKay
Musik: Alex Wurman
Darsteller: Will Ferrell, Christina Applegate, Steve Carell

Hier der Trailer

San Diego der 70er: Das Nachrichtenteam des Channel 4 beherrscht die Quoten. Die Gruppe erfolgreicher Moderatoren bildet die Oberschicht in der von Männern regierten Branche. Als aber  die toughe Veronica auftaucht, fühlen sich die Machos um Ron Burgundy nicht nur betört, sondern vor allem auch bedroht. Als Ron nach und nach von seinem Platz als Nachrichtenmoderator Nr. 1 verdrängt wird, lässt er nichts unversucht, seinen Thron zu verteidigen.

Der 2004 entstandene Film aus der Feder von Will Ferrell lief gar nicht erst in deutschen Kinos. Schade, wie ich meine, denn er hätte ein gewisses Zielpublikum durchaus amüsieren können.
Ron Burgundy (Will Ferrell) und seine Kumpels,  Sportmoderator Champ Kind (David Koechner), Außenreporter Brian Fantana (Paul Rudd) und der liebenswürdige, aber wirklich überaus dämliche, verdammt dämliche Volltrottel von Wettermann Brick Tamland (genial dargestellt von Steve Carrell) bilden eine Truppe, die kaum repräsentativer für das stumpfe Balzverhalten der Männlichkeit sein könnte. Die schlagfertige Veronica (Christina Applegate) kommt ihnen da grade recht, und so trägt sich diese Satire zu größten Teilen auf Anspielungen zu anbahnender Gleichberechtigung.
Der Konkurrenzkampf findet allerdings nicht nur innerhalb der Nachrichtenredaktion statt, sondern auch zwischen den einzelnen Sendern, was sich schonmal in wilden Gangkämpfen auf der Straße äußern kann. Hierbei erleben wir auch einige glänzende Gastauftritte von Tim Robbins, Ben Stiller und  Luke Wilson, Vince Vaughn, sowie an anderer Stelle Danny Trejo und Jack Black. Ich liebe solche Cameos einfach.

Die Story, die sich uns hier darbietet, ist zwar teilweise etwas langatmig erzählt, insgesamt aber unglaublich irrwitzig und verschroben. Die durchgeknallte „Legende von Ron Burgundy“ unterhält den Zuschauer gut – mehr aber auch nicht. Kein Meilenstein der Geschichte, aber durchaus eine sehenswerte Komödie, die mir teilweise die Tränen in die Augen trieb – vor Lachen, versteht sich.

8 von 10 Popcornguys!