Hungrig

Originaltitel: Les Affamés
Regie: Robin Aubert
Musik: Peter Henry Phillips
Darsteller: Marc-André Grondin, Monia Chokri, Brigitte Poupart

Ein fürchterliches Virus hat die Menschheit fest im Griff, welches einst liebevolle und rational denkende Wesen in apathische Menschenfresser verwandelt. In der kanadischen Provinz trotzen die wenigen Überlebenden den geifernden Horden, wobei der stille Bonin (Marc-André Grondin) nur durch höchste Achtsamkeit und Vorsicht überleben kann. Auf seiner Reise trifft er Tania (Monia Chokri) und das Mädchen Zoé (Charlotte St-Martin), die nicht nur einen Weg um die Zombiehorden suchen, sondern auch versuchen ein Rätsel um die Infizierten zu lösen.

„Hungrig“ wurde auf diversen Filmfestivals, unter anderem in Toronto, aber auch auf dem deutschen Fantasy Filmfest von den Kritikern gefeiert. Endlich mal wieder ein Zombiehorror, der so ganz genreuntypisch daherkommt und auf die großen Klischees verzichtet, dafür ein atmosphärisch dichtes, unangenehm hoffnungsloses Bild einer schleichenden Zombieapokalypse zeichnet. Die frankokanadische Produktion von Robin Aubert, der auch das Drehbuch zu „Hungrig“ lieferte, unterscheidet sich in ganz wesentlichen Punkten von den üblichen Zombiefilmen. Langsame Kamerafahrten über unheimlich still daliegende Wälder, Closeups auf die Protagonisten, die schweigsam ihren Weg durch eine meist hell und freundlich, aber umso bitter trostlose Welt suchen. Die Truppe stützt sich mit Marc-André Grondin nicht nur auf einen recht untypischen Anführer, der nur sehr widerwillig die Position des Anführers einnimmt, sondern setzt sich auch aus äußerst schwach und menschlich wirkenden Personen zusammen.

Auch die Antagonisten sind ganz und gar nicht das Abbild der trägen Zombiehorden, die sich langsam und bedrohlich gurgelnd auf die übrig gebliebenen Menschen stürzen. Teilweise stehen die Infizierten wie versteinert in der Landschaft herum, etwas fixierend, das nur sie sehen können, nur um dann unter fürchterlichem Geschrei auf die Menschen loszurasen. Dabei wirft der Film ein Geheimnis über die Zombies auf, die sie nur noch unheimlicher wirken lassen. Da offenbart sich aber auch eine Schwäche des Films: Ein riesiges Fragezeichen, das leider einfach stehen gelassen wird.

Versteht mich nicht falsch: Ich finde es grandios, dass „Hungrig“ auf überflüssige Dialoge und künstliche Erklärungsversuche verzichtet. Ich mochte die langen, bedeutungsschwangeren Blicke der Darsteller, die stillen Momente, der pure Horror einer Gruppe unbeweglich herumstehender Zombies. All das ist eingewoben in den ungewöhnlichsten Zombiefilm der letzten Jahre. Leider spielt er aber sein Potential nicht aus, sondern verliert sich eine etwas belanglos dahinwabernde Sequenz, die mich nicht komplett an der Stange halten konnte. Nichtsdestotrotz beweist „Hungrig“, wie gut innovative Ideen mit wenig Budget etwas ganz neues abseits vom Mainstream schaffen kann.

Fazit: Wer von „The Walking Dead“ schon lange enttäuscht, und Lust auf einen Zombiefilm der ganz anderen Art hat, ist mit „Hungrig“ sehr gut beraten. 7 von 10 Popcornguys!

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Auslöschung

Titel: Auslöschung
Originaltitel: Annihilation
Regie: Alex Garland
Drehbuch: Alex Garland
Musik: Ben Salisbury, Geoff Barrow
Darsteller: Natalie Portman, Oscar Isaac, Jennifer Jason Leigh

Ein Himmelskörper trifft die Erde und erzeugt ein schimmerndes, elektromagnetisches Feld, welches sich immer weiter ausbreitet. Die US-Regierung versucht, das Phänomen so lange wie möglich geheim zu halten. Gleichzeitig werden Expeditionsteams in die sogenannte Area X geschickt, um die eigenartige Erscheinung zu untersuchen. Allerdings kehrte bisher keines von diesen Teams zurück. Die Biologin Lena (Natalie Portman) betritt nun zusammen mit einer Psychologin, einer Physikerin, einer Geomorphologin und einer Sanitäterin die schimmernde Blase und sieht sich darin mit außergewöhnlichen Naturprozessen konfrontiert. Allerdings hat die Wissenschaftlerin auch einen persönlichen Antrieb: Ihr Mann Kane (Oscar Isaac), der als Soldat in einer Spezialeinheit diente, ging vor einem Jahr in die Area X.

Zu den stärksten Vertretern des Science-Fiction-Genres der letzten Jahre zählen Filme wie „Her“, „Ex Machina“, „Arrival“ und „Blade Runner 2049“. Zwar kann „Auslöschung“ diesen nicht ganz das Wasser reichen, ist aber dennoch gute und intelligente Sci-Fi-Kost mit ein paar äußerst unbequemen Horror-Elementen. Das klingt nun nach einem vorgezogenen Fazit. Nun, das ist es auch. Dies hängt aber damit zusammen, dass ich am Ende dieser Kritik über die Veröffentlichung von „Auslöschung“ sprechen möchte. Und die wirft im Grunde noch interessantere Fragen auf als der eigentliche Inhalt des Films. Es könnte sich also lohnen, bis zum Ende zu lesen.

Aber zunächst mal zum Inhalt. Es gelingt „Auslöschung“, das Interesse des Zuschauers im Grunde immer aufrecht zu erhalten. Recht schnell wird – eingebettet in eine bizarre, teilweise schöne, aber größtenteils beklemmende Atmosphäre – ein gewisses Mysterium aufgebaut und man möchte einfach wissen, was es mit diesem schimmernden Feld und den Prozessen, die darin geschehen, auf sich hat. Hier und dort mag es etwas zähere Minuten oder Passagen geben, aber der Spannung tut dies keinen größeren Abbruch. Zusammen mit den Protagonisten dringt man tiefer und tiefer in das Geheimnis vor und muss dabei auch die ein oder andere eklige oder geradezu verstörende Szene durchleben. Das hat mir gut gefallen – und da stört es auch nicht groß, dass mancher Spezialeffekt vielleicht nicht ganz so überzeugend wirkt. Mehrmals saß ich angespannt vor meinem Fernseher und gerade das Ende hat ein Mindfuck-Potential, welches schon herausfordernd sein kann. Aber es ist möglich, sich einen Reim auf das Ganze zu machen. Und es schadet ja nicht, von einem Film gefordert zu werden, möchte man meinen – aber dazu später mehr.

Die Schauspieler sind hochkarätig und machen durchweg einen guten Job. Wenn man Natalie Portman sieht, denkt man vielleicht nicht unbedingt an eine Biologie-Professorin, aber ich halte sie für eine gute Darstellerin und sie stemmt die Hauptrolle überaus ordentlich. Ihr stehen mit Tessa Thompson, Jennifer Jason Leigh und einigen anderen weitere Frauen zur Seite, die ihr Fach verstehen. Und hier zeigt sich ein interessanter Punkt: Es sind ausschließlich Wissenschaftlerinnen (und eine Sanitäterin), die das Expeditionsteam bilden. Anfangs dachte ich mir noch, dass mir der Film sicherlich irgendwann einen Grund dafür liefern wird. Doch das war nicht wirklich der Fall. Stattdessen geht der Film mit der Zusammensetzung seiner Protagonisten ganz natürlich um und hat es auch nicht nötig, plump mit dem Finger drauf zu zeigen, dass das nun allesamt Frauen sind. Dafür macht er eine andere Sache richtig, er stattet seine Charaktere nämlich mit genügend Fleisch und Hintergrund aus, das man als Zuschauer doch ausreichend mitfühlen kann. Man hat also einfach funktionierende Filmfiguren, die im Marketing nicht als emanzipatorische Rettung des Kinos (ich erinnere mich mit Schaudern an „Ghostbusters“) herhalten müssen. Das empfand ich als angenehm. Oscar Isaac möchte ich aber dennoch lobend erwähnen, auch wenn er definitiv ein Mann ist.

Leider veranlasst mich der Film jetzt nicht im allergrößten Maße dazu, mir über existenzielle Fragen den Kopf zu zerbrechen. Dafür hat mir irgendetwas gefehlt. Zum Schluss möchte ich mich aber der recht denkwürdigen Veröffentlichungspolitik von „Auslöschung“ widmen. Eigentlich sollte er ursprünglich einen ganz normalen, internationalen Kinostart bekommen. Allerdings gab es Streitigkeiten zwischen zwei beteiligten Produzenten. Der eine empfand den Film als zu intellektuell und kompliziert für ein breites Kinopublikum. Da muss ich nun doch etwas stutzen. Heißt das nun, dass ich zu blöd bin, weil der Film mich nicht komplett überzeugt hat? Oder ist es eher so, dass dem breiten Kinopublikum inzwischen nur noch sehr wenig zugetraut wird? Ein anderer Produzent des Films hat sich jedenfalls am Ende durchgesetzt und Regisseur Alex Garland konnte den Film in seinem Sinne abschließen. Dies führte zu einer eingeschränkten Kinoveröffentlichung. Auf die große Leinwand schafft es der Film nur in den USA, Kanada und China. Alle restlichen Länder, also auch wir, müssen sich „Auslöschung“ über Netflix ansehen. Was soll das nun bedeuten? Geht man tatsächlich davon aus, dass das amerikanische Publikum (der Argumentation des skeptischen Produzenten folgend) intelligenter ist als jenes in Europa? Daran hätte ich aber einige Zweifel. Fest steht für mich folgendes: Wenn man einen Film wie „Auslöschung“, der ordentliche Charaktere, eine spannende Geschichte und einen gewissen Anspruch vorzuweisen hat, nicht mehr auf ein breites Publikum loslassen kann, steht es wirklich schlecht um Zukunft und Qualität des großen Kinos. Doch das Traurige ist wohl, dass ich dem ersten Produzenten zähneknirschend Recht geben muss: Ja, „Auslöschung“ hätte es auch in Europa schwer gehabt, sein Publikum zu finden. Da muss man sich ja nur an „Blade Runner 2049“ erinnern, der in den deutschen Kinocharts 2017 irgendwo nach dem 30. Platz auftaucht.

Aber da ich weiß, dass viele Leute Netflix haben, verknüpfe ich meine Empfehlung mit einem Appell: Schaut euch „Auslöschung“ an. Der Film ist meiner Meinung nach kein Meisterwerk, ja vielleicht nicht mal sehr gut, aber er ist gut und ich halte es für wichtig, das mit einer entsprechenden Zuschauerzahl zu verdeutlichen. Es gibt von mir 8 von 10 Popcornguys!

Molly´s Game

Titel: Molly´s Game: Alles auf eine Karte
Regie: Aaron Sorkin
Schnitt: David Rosenbloom
Darsteller: Jessica Chastain, Idris Elba, Michael Cera, Kevin Costner

Die ehemalige Profisportlerin Molly Bloom (Jessica Chastain) ist die geborene Gewinnerin. Während sie sich auf eine Karriere als Anwältin vorbereitet, entdeckt sie zufällig die geheimen Pokerspielrunden der reichsten Stars von Los Angeles. Ohne einen eigenen Anteil zu nehmen, sondern lediglich ein Trinkgeld einzustreichen, bewegt sie sich mit der Organisation der Pokerrunden stets auf legalem Boden. Je größer die Runden, je höher die Einsätze und je durchtriebener die Spieler werden, umso gefährlicher wird es für Molly – bis sie sich schließlich vor Gericht für ihre Glücksspielrunden verantworten muss. 

Poker: Kaum ein Spiel hat einen solchen verruchten Ruf und steht gleichzeitig für die Klasse der feinen Gesellschaft. Dass solche Spiele nervenaufreibend sein können, habe ich in den vielen virtuellen Runden in Red Dead Redemption gelernt (wenn auch meist recht erfolglos). Genau dieses Gefühl vermittelt auch „Molly´s Game“, wenn es in schnell geschnittenen Szenerien Pokerrunden erzählt, in denen Millionen über den Tisch gehen.

Die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte (es ist äußerst spannend nachzulesen, wer denn tatsächlich an diesen Pokerspielen teilgenommen hat) wurde von Aaron Sorkin geschrieben und verfilmt, der in der Vergangenheit die Drehbücher für „The Social Network“, „Moneyball“ und „Steve Jobs“ lieferte. Seine rasche Erzählweise äußert sich nicht nur in Edgar Wright-esquen Schnittsequenzen, sondern auch in klugen und gewitzten Dialogen, die manchmal so komplex und schnell ablaufen, dass sie dem Zuschauer alle Aufmerksamkeit abverlangen. Diese Dialoge finden meist zwischen Jessica Chastain und Idris Elba, der ihren Anwalt Charlie Jaffey mimt, statt, welcher ihrer Geschichte lauscht, um sie vor Gericht verteidigen zu können. Diese wird uns in solch einer rasenden Geschwindigkeit präsentiert, dass die Laufzeit von über zwei Stunden ohne Längen verfliegt. Die temporeiche Erzählweise verwehrt den Charakteren leider eine ausreichende Entwicklung, kann das aber durch den hohen Unterhaltungswert ausgleichen. Kleine, feine Nebenstränge, wie etwa das schwierige Verhältnis zu ihrem Vater oder Spieler, die kommen und gehen, geben der Story Tiefe, die uns als Zuschauer mitnimmt und eintauchen lässt. An dieser Stelle muss man einfach die Glanzleistung von Jessica Chastain erwähnen, die den Film allein trägt und ihrer Figur eine zerbrechliche wie kämpferische Hülle gibt.

Fazit: Erfrischend anders, klug und mit viel Witz wird uns eine Geschichte erzählt, die so unerhört ist, dass sie wahr sein muss. Nicht nur für Pokerkenner, sondern für alle Freunde von Krimithrillern kann ich eine Empfehlung aussprechen. „Molly´s Game“ macht Spaß, fesselt und unterhält auf ganzer Line! 8 von 10 Popcornguys!

Shape of Water – Das Flüstern des Wassers

Titel: Shape of Water – Das Flüstern des Wassers
Originaltitel: The Shape of Water
Regie: Guillermo del Toro
Drehbuch: Guillermo del Toro, Vanessa Taylor
Musik: Alexandre Desplat
Darsteller: Sally Hawkins, Michael Shannon, Richard Jenkins

USA, Anfang der 60er Jahre. Die stumme Putzfrau Elisa Esposito (Sally Hawkins) arbeitet nachts in einem geheimen Labor der US-Regierung. Ihr Alltag ist nicht gerade spannend und verläuft recht routiniert. Elisas einzige Freunde sind im Grunde ihr schwuler, intellektueller Nachbar (Richard Jenkins) und ihre schwarze, energisch auftretende Arbeitskollegin (Octavia Spencer). Doch eines Tages wird ein eigenartiges, amphibisches Wesen aus dem Amazonas ins Labor gebracht. Während die Forscher es untersuchen, entwickelt Elisa Gefühle für das Geschöpf. Sie möchte es befreien, doch dabei gibt es ein gewaltiges Problem: Der böse Sicherheitschef Richard Strickland (Michael Shannon).

Eigentlich hatte ich ja nicht vor, noch etwas zu „Shape of Water“ zu schreiben. Ich habe den Film gesehen, fand ihn grundsätzlich ganz nett, habe aber den Hype darum nicht so ganz verstanden. Das Thema war für mich mehr oder weniger abgehakt. Aber nun, da „Shape of Water“ den Oscar für den besten Film gewonnen hat, fühle ich mich doch irgendwie dazu genötigt, ein paar Worte darüber zu verlieren.

Zunächst mal das Positive. „Shape of Water“ sieht schlichtweg fantastisch aus. Das gesamte Set zeugt von großer Detailverliebtheit und die Bilder verführen in angenehmen, warmen Farbtönen. Gekrönt wird das Ganze vom Amphibienmenschen selbst, dem der Schauspieler Doug Jones zusammen mit offensichtlich sehr begabten Computerkünstlern Leben eingehaucht hat. Das Wesen ist absolut faszinierend und ich musste eine Weile überlegen, wann ich das letzte Mal eine vergleichbar perfekte CGI-Arbeit gesehen habe. Das dürften dann wohl Andy Serkis‘ Affen gewesen sein. Neben dem Look, den es ja ohne Zweifel zu loben gilt, war der Film hier und dort unerwartet brutal. Auch abseits der Gewalt gibt es einige überraschende Einfälle und Entscheidungen, die den einen Zuschauer amüsieren, den anderen ein wenig herausfordern dürften. Mir hat das gefallen. Ebenfalls überzeugend waren sämtliche Darsteller und der traumhaft schöne Soundtrack von Alexandre Desplat hat zurecht den Oscar gewonnen.

Doch leider lassen sich auch mehr oder weniger fette Haare in der Suppe finden.

Zunächst empfand ich einige inszenatorische Lösungen fragwürdig oder misslungen. Darunter fällt unglücklicherweise auch die erste echte Präsentation des Amphibienmenschen. Das Fehlen von prägnanter Musik, interessanter Kameraarbeit oder irgendeines Spannungsaufbaus lassen den Moment leider sehr „underwhelming“ wirken. Hier verschenkt man viel Potential. Weitere Probleme finden sich im Drehbuch. Über weite Strecken bleibt „Shape of Water“ recht vorhersehbar. Gelangweilt war ich zwar nie, man konnte schon am Ball bleiben, doch hier und dort war das Ganze doch etwas träge. Das hängt auch beispielsweise mit letztendlich unnötigen Seitenplots zusammen – ich denke hierbei an den Charakter von Richard Jenkins und die sowjetischen Agenten. Die Zeit, die hier verloren geht, hätte man besser in die Beziehung zwischen Elisa und dem Amphibienmenschen investiert. Den hier liegt das möglicherweise größte Problem von „Shape of Water“: Es wird einem zwar gesagt, dass sich die beiden ineinander verlieben, aber man sieht oder spührt es nicht wirklich. Zumindest ich habe dem Film die Liebesgeschichte nicht wirklich abkaufen können.

Zuletzt möchte ich noch die Ideologie von „Shape of Water“ ansprechen, die sich hier doch recht plakativ aufdrängt. Eine stumme Latina, eine Schwarze, ein intellektueller Homosexueller und ein Wissenschaftler verbrüdern sich, um ein wegen seiner Andersartigkeit unterdrücktes Wesen aus den Fängen eines bösen, weißen, rassistischen und sexistischen Mannes zu befreien, der sich nach dem Pinkeln nicht mal die Hände wäscht. Es mag sein, dass es auf dem Papier gut klingen kann, wenn man einen Film über Minderheiten macht, die über eine Art Trump-Figur triumphieren. Das mag sogar löblich sein. Aber in „Shape of Water“ kommt dieses Anliegen doch arg plump und durchschaubar daher. Der gute Cast gibt sich zwar Mühe, der Schwarz-Weiß-Malerei entgegen zu wirken, aber selbst ein Michael Shannon kann es nur knapp verhindern, durch die in seinem Fall angehäufte Schlechtigkeit zur Witzfigur zu werden. Gerade dann, wenn man noch den wundervollen „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ im Kopf hat, in welchem Gut und Böse toll gegeneinander ausbalanciert werden, wirkt „Shape of Water“ schon arg moralisierend. Die Tatsache, dass es sich um ein Fantasy-Märchen handelt, lässt den Film noch einigermaßen gut davon kommen. Aber ein Gschmäckle bleibt.

„Shape of Water“ ist im besten Sinne des Wortes okay und nett, aber meiner Meinung nach weit davon entfernt, als bester Film des Jahres bezeichnet werden zu können. Eine Überschneidung zwischen meinem Geschmack und der Academy-Entscheidung gab es zum letzten Mal 2015, als „Birdman“ gewann. Guillermo del Toros Film erhält von mir solide 7 von 10 Popcornguys.

The Ritual

Titel: The Ritual
Regie: David Bruckner
Musik: Ben Lovett
Darsteller: Rafe Spall, Arsher Ali, Robert James-Collier, Sam Troughton

Vier Freunde durchwandern auf einem Trip die Wildnis Schwedens. Sie tun dies in Erinnerung an ihren Freund Rob, der wenige Monate zuvor bei einem Überfall getötet wurde und diesen Ausflug geplant hatte. Besonders Luke, der den Überfall miterlebte, wird besonders von Schuldgefühlen gequält, die er unterschwellig von seinen Freunden zugeschoben bekommt. Als sich einer der Freunde am Knie verletzt, beschließen sie eine Abkürzung durch die dichten Wälder zu nehmen. Dort treffen sie jedoch auf Dinge, die ihnen den Verstand rauben.

Horrorfilme unterwerfen sich in der heutigen Zeit einigen Regeln: Spoiler sind ein großes Thema, daher sollte man möglichst wenig über den Inhalt wissen (also auch wenn ich den kürzesten Trailer rausgesucht hab: lieber gar nix gucken!) Und: Horrorfilme sind (meiner subjektiven Ansicht nach) entweder platt und unkreativ, oder subtil und großartig inszeniert. Das mag nach einer eher undifferenzierten Meinung klingen, doch spiegelt das nur mein Empfinden wider, das sich mit jedem weiteren modernen Horrorfilm bestätigt. Glücklicherweise zählt „The Ritual“ zur zweiteren Kategorie.

Die vier Freunde, welche sich durch die wunderschönen Weiten Schwedens bewegen, nehmen klassische, aber nicht zu klischeehafte Positionen ein. Die Hauptperson Luke, von der Vergangenheit verfolgt, Hutch der selbsternannte Anführer, Dom der Nörgler und Phil der Schweigsame. Typen mittleren Alters, die ihrem Alltag entfliehen wollen. Die seltsamen Zeichen, auf die sie im Wald stoßen, nehmen sie vorerst mit Skepsis, aber doch mit überspieltem Humor auf – und das war auch alles, was ich zum Inhalt schreiben möchte.

Was lässt sich also sagen? „The Ritual“ ist hervorragend inszeniert. Langsame Kamerafahrten, düstere Nebelschwaden und ein markerschütternder Soundtrack wecken die tiefsten Ängste und schaffen den größten Horror bei hellstem Tageslicht. Dieses subtile Unbehagen, das mich unruhig auf meinem Stuhl hin und her rücken lässt, ist genau mein Stil. Nichtsdestotrotz scheut sich der Film auch nicht, den Zuschauern Gewalt und Schocker um die Ohren zu hauen – nur ist er dabei stets gut ausgewogen. Gerade in der ersten Hälfte des Films geht „The Ritual“ dabei sehr vorsichtig vor, und lässt unsere Charaktere wie auch uns lange im Dunkeln tappen, bis sich die Grausamkeit in seiner ganzen Pracht offenbart. Über die Auflösung und das Finale lässt sich sicherlich streiten, ich bin jedoch zufrieden mit einem Film, der meine Augen kein einziges Mal von der Mattscheibe wandern ließ.

Fazit: „The Ritual“ ist ein klassischer Horrorfilm, der eigentlich nichts neues macht, dafür aber so ziemlich alles richtig. Perfekt für Freunde von subtilem Horror und harten Überlebenskämpfen. 7 von 10 Popcornguys!

The Discovery

Titel: The Discovery
Regie: Charlie McDowell
Drehbuch: Charlie McDowell, Justin Lader
Musik: Danny Bensi, Saunder Juriaans
Darsteller: Jason Segel, Rooney Mara, Robert Redford

Dem Wissenschaftler Dr. Thomas Harbor gelang die größte Entdeckung der Menschheit: Er konnte Beweise vorlegen, dass subatomare Wellenlängen den Körper eines Menschen im Augenblick seines Todes verlassen. Damit war die Existenz des Leben nach dem Tod bewiesen. Seine Entdeckung zog folgenschwere Konsequenzen nach sich – innerhalb weniger Jahre nahmen sich mehrere Millionen Menschen in der Hoffnung auf ein friedvolles Jenseits das Leben. Nach heftigen Kontroversen zog sich Dr. Harbor in die Abgeschiedenheit zurück, wo ihn schließlich sein Sohn Will nach Jahren aufsucht, um ihn davon zu überzeugen, die Forschung aufzugeben, um weitere Tote zu verhindern.

Nachdem ich diesen Trailer das erste mal gesehen habe, war ich augenblicklich angefixt. Er schaffte es mit ungemein wenig Information, aber beeindruckenden Bildern einen Gedankengang anzuregen, der sich in etwa so äußerte: „Aha, Netflix-Film mit Marshall und Rooney Mara … sieht nach Liebensfilm aus … ahja Robert Redford spielt auch mit … da ist ja Meth Damon … Moment mal, irgendwie komisch … wtf … ok, BIN DABEI!“
Nun, so sehr ich mich dann drauf gefreut hab, hat es dann doch eine ganze Weile gedauert, bis ich mir den Film ansehen konnte. The Discovery wurde auf dem Sundance Festival uraufgeführt und danach direkt auf Netfilx veröffentlicht. Damit war er einer der ersten Filme, die dieses „Schicksal“ ereilte, aber dazu brauche ich mich jetzt nicht äußern.

Es mag dem ersten Eindruck geschuldet sein, aber ich bin ziemlich begeistert von diesem kleinen, feinen Film. Die Grundthematik – Leben nach dem Tod, wissenschaftliche Experimente an der Grenze der Ethik, philosophische Theorien über das Sterben, ich war grundsätzlich angetan. Dazu schafft es der Film, ein derart trübes Setting zu erzeugen, das es nicht zu verwundern mag, dass sich in dieser Welt unzählige Menschen täglich das Leben nehmen. Jason Segel mimt einen Neurologen, der die große Entdeckung äußerst kritisch betrachtet, und sich in einen Kampf gegen Windmühlen begibt. Sein Vater hat sich in einem irrwitzig großen Haus eine Forschungseinrichtung eingenistet, wo er sich mit labilen Personen umgibt, welche bedürftig nach einer schützenden Umgebung gesucht haben. Dabei kontrolliert er die Kommune wie ein obskurer Sektenführer, der sämtliche Fäden in der Hand hat. Nur auf Wills Seite scheint Isla, eine suizidgefährdete junge Frau, die er auf dem Weg zu seinem Vater getroffen hat. Gemeinsam mit ihr sucht er verzweifelt nach einer Möglichkeit, dem Massensterben in der Welt Einhalt zu gebieten.
Das klingt erstmal seltsam und hätte Potential, unglaubwürdig und cheesy zu wirken. Die düstere Grundstimmung, unterstützt vom tief wummernden Soundtrack beugt dem aber vor, wobei gerade die aufkeimende Beziehung zwischen Will und Isla für so manche komische Momente sorgt.

„The Discovery“ lässt sich viel Zeit, seine Geschichte zu erzählen. Leise und subtil präsentieren sich die Charaktere, deren Beweggründe der Zuschauer eher aus ihrer Mimik erschließt, als durch ihre Dialoge. Hier muss ich besonders Robert Redford betonen, der allein durch seine Präsenz glänzt. Sein langsames Tempo wirft „The Discovery“ zum Ende hin über Bord, und spült die Zuschauer wie eine hohe Welle von den Füßen.

Fazit: „The Discovery“ ist wohl ein Film, den man mögen muss. Sein ruhiges Tempo gibt allerdings genug Möglichkeit, sich in diese seltsame Welt hineinzurätseln, und die undurchsichtigen Charaktere einzuordnen, nur um dann wieder überrascht zu werden. Beeindruckend, nachdenklich stimmend, niederschmetternd: 8 von 10 Popcornguys

Wind River

Titel: Wind River
Regie: Taylor Sheridan
Drehbuch: Taylor Sheridan
Musik: Nick Cave, Warren Ellis
Darsteller: Jeremy Renner, Elizabeth Olsen, Gil Birmingham

Ein eiskalter Winter in einem Indianerreservat in Wyoming: Wildtierjäger Cory Lambert (Jeremy Renner) entdeckt in der Wildnis die Leiche einer jungen indigenen Frau. FBI-Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) wird in den unwirtlichen Norden geschickt, um den Fall zu bearbeiten. Ihrer Meinung nach liegt ein Mordfall vor, doch Banner sieht sich bei ihren Ermittlungen einer für sie fremdartigen Welt ausgesetzt. Sie baut auf die Hilfe des erfahrenen und ortskundigen Lambert, der sie auch unterstützt, sich aber gleichzeitig den eigenen traumatischen Erlebnissen stellen muss.

Taylor Sheridan ist ein ziemlich cooler Typ. Er gilt momentan als einer der heißesten Drehbuchautoren Hollywoods, was sich durch Filme wie „Sicario“ und „Hell Or High Water“ belegen lässt. „Wind River“ stammt ebenfalls aus Sheridans Feder, doch hier übernimmt er auch die Regie. Der Film ist außerdem der Abschluss seiner sogenannten American-Frontier-Trilogie, welche sich quasi um Grenzland-Geschichten dreht. „Wind River“ passt hierbei perfekt ins Bild. Der Zuschauer wird an einen verschneiten und einsamen Ort geführt, an welchem die wenigen Gesetzeshüter ihre eigenen Methoden und Mentalitäten an den Tag legen, um mit der rauen Wirklichkeit fertig zu werden. Das Leben im Indianerreservat ist von Armut, Drogenkonsum, Rassismus und sexualisierter Gewalt geprägt. Durch all diese Komponenten entwickelt „Wind River“ schnell eine Sogwirkung und erinnert – ganz wie „Hell Or High Water“ – an einen Western in modernem Gewand.

Größtenteils wird der Film ziemlich ruhig und subtil erzählt, doch passend zu einem Western ist der Härtegrad recht hoch. Die Spannung, die sich im Verlauf des Films immer weiter aufbaut, gipfelt – punktuell und ausgezeichnet inszeniert – in einigen elektrisierenden Szenen, in denen auch mit Brutalität nicht gegeizt wird. Mehr als einmal musste ich tief durchatmen und meine Anspannungen loswerden. Geradezu unangenehm furchtbar ist eine Rückblende gegen Ende des Films, welcher der Geschichte nochmal mehr Gewicht gibt.

Doch „Wind River“ zeichnet sich nicht nur durch Spannung und Gewalt aus. In überraschend vielen Momenten war der Film gefühlvoll, traurig, ja geradezu melancholisch. Dass mich die Geschichte auch emotional gepackt hat, ist größtenteils der tollen Darstellerarbeit zu verdanken. Elizabeth Olsen spielt eine junge und engagierte, aber auch gewissermaßen überforderte FBI-Agentin. Ein wenig fühlt man sich hier an Emily Blunts Charakter in „Sicario“ erinnert, der damals eine gewisse Passivität vorgeworfen wurde. Doch das hat mich damals nicht gestört und das tut es nun bei „Wind River“ auch nicht. Olsen spielt ihre Rolle sehr glaubhaft und ich habe kein Problem damit, ihr gegenüber Mitleid zu empfinden. Jeremy Renner (der sehr gut mit seiner „Avengers“-Kollegin harmoniert) muss die Hauptrolle stemmen und es gelingt ihm problemlos, den Film zu tragen. Er überzeugt einerseits als erfahrener Naturbursche, der alles mögliche über Tierspuren und Erfrierungen weiß, bringt aber andererseits auch die emotionalen Momente und Verletzlichkeiten seines Charakters gut rüber.

Über all dem schwebt der traurige Zustand der Eingeborenen, was auch mit den realen Hintergründen zu tun hat, welche Sheridan zu „Wind River“ inspirierten. Aus Spoiler-Gründen kann ich darauf natürlich nicht weiter eingehen, aber so viel kann ich wohl sagen: Die abschließenden Schriftzüge im Film stimmen einen doch sehr nachdenklich.

Fazit: Ich spreche eine klare Empfehlung für „Wind River“ aus und vergebe starke 8 von 10 Popcornguys an diesen ausgezeichneten Thriller und Neo-Western.