Mother!

Titel: Mother!
Originaltitel: Mother!
Regie: Darren Aronofsky
Musik: Jóhann Jóhannsson
Darsteller: Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Michelle Pfeiffer

Ein Schriftsteller mit Schreibblockade (Javier Bardem) und dessen bedeutend jüngere Ehefrau (Jennifer Lawrence) bewohnen ein abgeschiedenes Landhaus und führen dort ein zurückgezogenes Leben. Während er auf seine Inspiration wartet, versucht sie das Haus zu verschönern und steckt viel Mühe in die Renovierung. Eines Tages wird die Einsamkeit der beiden gestört: Es tauchen ein Fremder (Ed Harris) und kurze Zeit später dessen Frau auf, die vom Schriftsteller bereitwillig aufgenommen werden. Die junge Dame des Hauses ist von Anfang an skeptisch – und später erst recht, als ihr nach und nach die Kontrolle über die Situation verliert.

Bei vielen Filmen weiß man recht schnell, ob man sie mag oder nicht. Manchen jedoch tut es gut, mal eine Nacht drüber zu schlafen. Doch manchmal bringen selbst mehrere Nächte nichts, wenn es um die Frage geht, wie man einen Film denn nun finden soll. Darren Aronofskys neuester Film „Mother!“ ist einer dieser Fälle.

Aronofsky ist für sperrige und unkonventionelle Werke bekannt. „The Fountain“ habe ich noch nicht gesehen, aber dafür ist mir sein aufwühlender Psycho-Thriller „Black Swan“ noch gut in Erinnerung. „Noah“ ist eine recht eigenwillige Bibelverfilmung, aber lässt sich immerhin als ungewöhnlich bezeichnen. Insofern reiht sich „Mother!“ hier gut ein. Es braucht recht lange, bis man sozusagen im Film angekommen ist – auch wenn es einen die durch die Bank großartigen Schauspieler leichter machen. Jennifer Lawrence, die mir in anderen Filmen in ihren hysterischen Momenten schon gelegentlich too much war, liefert hier eine starke Performance an. Javier Bardem ist ohnehin ein darstellerischer Ungetüm und auch die kleineren Nebenrollen sind mit Ed Harris und Michelle Pfeiffer (die immer noch rassigen Catwoman-Charme versprüht) ideal besetzt.

Was lässt „Mother!“ also so schwierig und unzugänglich werden? Es ist die Geschichte an sich, die einem erst nach und nach klar macht, dass es hier keineswegs um einen realistischen Plot geht. Im Gegenteil. Wenn man dem Film mit dieser Erwartung begegnet, wird man relativ schnell zum Schluss kommen, dass das hier alles wenig Sinn macht und sich die Personen sehr seltsam, ja geradezu unmenschlich verhalten. Eine Zeit lang habe ich trotzdem probiert, den Film auf diese Art zu lesen. Ich dachte mir, dass es möglicherweise um die Schwierigkeiten von Beziehungen mit großen Altersunterschieden geht. Ich dachte mir, dass es auf Dominanz und Unterwerfung in der Liebe hinauslaufen könnte. Ich dachte mir, dass es um die Beziehung zwischen einer relativ normalen Person und einem Künstler gehen könnte. Aber letztendlich führen alle diese Versuche in die Leere. „Mother!“ gibt sich letztendlich komplett einer Welt aus Metaphern und Symbolen hin, die anders gelesen werden wollen. Am Ende sprach mich der Film auf einer geradezu existentiell-religiösen Ebene an – und war auf einmal ziemlich interessant. Die Themen, die aufgeworfen wurden, sind spannend und denkwürdig, Handlung und Charaktere für sich genommen eher nicht. Und das ist möglicherweise die Schwierigkeit, die ich mit „Mother!“ habe. Ich habe Lust, über die mit dem Film zusammenhängenden Themen zu diskutieren und für mich weiter zu philosophieren – aber Lust, den Film direkt nochmal anzusehen, habe ich nicht. Dafür hat er mich dann doch zu wenig gekickt.

Mit einer Bewertung habe ich meine Probleme, denn der Film arbeitet weiter. Ich tendiere zu 7 von 10 Popcornguys, könnte mir aber vorstellen, dass sich dieses Fazit verändern wird, sollte ich „Mother!“ noch einmal sehen. Fest steht: Der Film ist nichts für Leute, die einfach Horror oder Thriller erwarten. Es ist ein herausfordernder, komplexer, stark symbolischer Film, der etwas in einem auslöst – oder einen recht schnell extrem frustrieren, vielleicht sogar anekeln wird, denn gerade im letzten Viertel haben es die Szenen echt in sich.

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Suburra

Titel: Suburra – 7 Tage bis zur Apokalypse
Originaltitel: Suburra
Regie: Stefano Sollima
Musik: M83
Darsteller: Pierfrancesco Favino, Greta Scarano, Alessandro Borghi

Rom, 2011: Der Küstenvorort Ostia soll in eine Art Las Vegas umgewandelt werden, wobei hinter den Kulissen ein berüchtigter römischer Gangster die Fäden zieht. Ein Abgeordneter, der als Politiker in die Prozesse verwickelt ist, verbringt eine Nacht mit zwei Prostituierten und Drogen. Eine der Frauen überlebt den Abend nicht, ihre Leiche muss verschwinden. Die löst eine Reihe von Ereignissen aus, bei welchen die verschiedensten kriminellen Kräfte Roms aneinander geraten und sich bekriegen. Die Lage spitzt sich immer weiter zu, und gerade die kleinen Nummern, die nicht viel mehr als Bauern im Schachspiel der Mächtigen sind, müssen ums Überleben kämpfen.

Es fällt mir immer häufiger auf, dass viele der wirklich guten Kinofilme im Jahr total unter dem Radar der breiten Masse laufen. Ein aktuelles Beispiel dafür ist “Suburra”. Der italienische Mafia-Thriller wurde in der herausragenden Sendung “Kino+” empfohlen, was mich zum Kauf der Blu-ray bewegt hat. Ich sollte es nicht bereuen.

“Suburra” mag eine italienische Produktion sein, schließt aber mühelos an die großen Hollywood-Thriller eines Martin Scorseses an. Die Handlung ist einigermaßen komplex und erfordert die Aufmerksamkeit des Zuschauers. Verschiedenste Personen geraten in ein verwirrendes und oftmals tödliches Netz aus Intrigen, Korruption, Rache und Macht. Obwohl sämtliche Charaktere Dreck am Stecken haben, bekommt nahezu jede Figur auch ihre menschlichen Momente und wird damit nachvollziehbar. Einigen drückt man sogar die Daumen, man wünscht sich, dass sie irgendwie heil aus der Sache rauskommen. Die Schauspieler – mir durch die Bank unbekannt, da es Italiener sind – liefern allesamt eindrucksvolle, intensive und glaubwürdige Darstellungen ab. Regisseur Sefano Sollima inszeniert die Geschichte, die sich in einem Zeitraum von sieben Tagen abspielt, mit großer Spannung. Bereits am Anfang des Films wird in Schriftzügen angekündigt, dass am Ende die Apokalypse steht. Und so darf man sich auf einen Schluss voller Härte und Brutalität einstellen. Dabei bleibt die wohl dosierte Action allerdings immer Mittel zum Zweck, die Charaktere und die Handlung geraten nie aus dem Fokus.

Der Look des Films ist großartig. Sollima hat zusammen mit Kameramann Paolo Carnera eindrucksvolle Bilder und Fahrten voll von betörender Schönheit entworfen. Die äußerst ästhetische Optik wird perfekt von vielen Songs der französischen Electronic- und Dreampop-Band M83 unterstüzt. Die sphärischen Klänge dieser Musik vermitteln Größe und Magie, wobei sie oft im krassen Gegensatz zur eigentlichen Grausamkeit von “Suburra” stehen. Doch genau dieser Kontrast trägt wohl dazu bei, dass der Film – wie bereits erwähnt – trotz aller Härte seltsam menschlich und gefühlvoll wirkt.

Fazit: Ich spreche für “Suburra” eine klare Empfehlung aus und verteile starke 9 von 10 Popcornguys. Alle Fans von guten Thrillern – oder vielleicht sogar allgemein Fans guter Filme – sollten hier zugreifen und diesen wunderbaren Film aus Italien unterstützen.

Sieben Minuten nach Mitternacht

Titel: Sieben Minuten nach Mitternacht
Originaltitel: A Monster Calls
Regie: Juan Antonio Bayona
Musik: Fernando Velázquez
Darsteller: Lewis MacDougall, Felicity Jones, Sigourney Weaver

Conor O’Malley (Lewis McDougall) ist 12 Jahre alt und lebt zusammen mit seiner krebskranken Mutter (Felicity Jones). Diese ist durch die Behandlungen sehr angeschlagen, weswegen Conor sich viel um sie und den Haushalt kümmern muss. Doch das sind nicht die einzigen Probleme des Jungen. Er vermisst seinen Vater (Toby Kebbell), der mit einer neuen Frau in Amerika lebt und nur selten zu Besuch kommt. Conors Großmutter (Sigourney Weaver) ist wahnsinnig bestimmend und streng, und in der Schule wird der Junge von seinen Klassenkameraden verprügelt. Und als wäre das nicht schon genug, wird Conor seit vielen Tagen von einem grausamen Albtraum heimgesucht. In einer Nacht, und zwar genau sieben Minuten nach Mitternacht, geschieht etwas Unglaubliches: Die große Eibe, die auf einem Hügel neben einer alten Kirche in Sichtweite von Conors Haus steht, verwandet sich in ein knorriges Monster. Das Ungeheuer spricht mit dem Jungen und möchte ihm drei Geschichten erzählen, bevor Conor in einer vierten Geschichte seine eigene Wahrheit preisgeben soll.

“Geschichten sind das Gefährlichste von der Welt. Sie jagen, beißen und verfolgen dich.” Dieses Zitat stammt aus Patrick Ness‘ Romanvorlage und fasst die schiere Wucht des Films “Sieben Minuten nach Mitternacht” perfekt zusammen. Die Geschichte geht auf eine Idee der Autorin Siobhan Dowd zurück, welche von Ness aufgegriffen und in einen Bestseller verwandelt wurde. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich von dem Buch rein gar nichts wusste – doch das werde ich nach dem Film nun ändern.

Ness ist auch für das Drehbuch verantwortlich, welches vom Regisseur Juan Antonio Bayona (“The Impossible”) visuell höchst beeindruckend umgesetzt wurde. Das Monster – im Original von Liam Neeson gesprochen – zieht den Zuschauer in jeder Szene in seinen Bann und überzeugt auf ganzer Linie. Die drei Geschichten, die es Conor erzählt, werden von wunderbar stimmigen Animationen unterstütz, die den Film über weite Phasen zu einem echten Kunstwerk werden lassen. Sämtliche Schauspieler verkörpern ihre Rollen mit genau der richtigen Intensivität und Glaubwürdigkeit. Hervorheben möchte ich an dieser Stelle Felicity Jones, die ich in “Rogue One” als relativ langweilig empfand, die aber hier wunderbar warm und ehrlich spielt. Der darstellerische Star des Films ist aber Lewis MacDougall, der die äußerst schwierige Hauptrolle des Conor bravourös meistert.

Was den Film aber zu einem der besten des bisherigen Kinojahrs macht, sind die Themen, die er behandelt. Die Geschichten, die das Monster erzählt, sind wie Märchen und führen den Zuschauer anfangs gerne in die Irre. Man erwartet schnell einen klischeehaften Ausgang der Erzählungen, doch dann wird man eines Besseren belehrt. Die Märchen des Monsters umgehen die Klischees, fahren mit unerwarteten Wendungen auf und beinhalten dadurch sehr reflektierte und realistische Weisheiten und Wahrheiten. Allein über diese drei Geschichten innerhalb des Films könnte man lange Zeit philosophieren. Der Zuschauer wird in eine nachdenkliche Stimmung versetzt und muss sich mit einer ganzen Reihe interessanter Fragen auseinander setzen: Was ist gut und was ist böse? Wie wichtig ist der Glaube? Was bedeutet es, erwachsen zu werden? Und welche Bedeutung im Leben hat das Loslassen? Allmählich und mit dem nahezu perfekten Tempo schaukelt sich der Film über diese Themen hoch in emotionale Höhen, die eigentlichen keinen kalt lassen dürften. Tatsächlich glaube ich, dass “Sieben Minuten nach Mitternacht” bei einem Großteil der Zuschauer Tränen fließen lassen wird.

Fazit: An der Schwelle zum obligatorischem Krach-Bumm-Sommer-Blockbuster-Kino kommt ein Film daher, der einem die wahre Kraft einer guten Geschichte aufzeigt und einem direkt ins Herz stößt. Ich spreche eine klare Empfehlung aus und verteile starke 8 von 10 Popcornguys, mit einer Tendenz nach oben!

Captain Fantastic

Titel: Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück
Originaltitel: Captain Fantastic
Regie: Matt Ross
Musik: Alex Somers
Darsteller: Viggo Mortensen, George MacKay, Frank Langella

In einem nordamerikanischen Wald lebt der überzeugte Aussteiger Ben (Viggo Mortensen) zusammen mit seiner Familie. Als Kritiker gesellschaftlicher Zwänge und des westlichen Konsumverhaltens erzieht er seine Kinder auf seine Weise. Dazu gehören einerseits das Jagen wilder Tiere und hartes, körperliches Training, andererseits aber auch die Lektüre geschichtlicher, philosopischer oder politischer Bücher. Bens Kinder – drei Söhne und drei Töchter – sind also nicht nur physisch in guter Verfassung, sondern in gewisser Hinsicht auch sehr gebildet und intelligent. Bei ihren seltenen Ausflügen in die Zivilistation zeigt sich allerdings, dass die Familie mit vielen modernen Erscheinungen überfordert ist, beziehungsweise Schwierigkeiten im sozialen Umgang mit anderen hat. Als Bens Frau Leslie Selbstmord begeht und ihr Leichnam – entgegen ihrem eigenen Willen – in einer christlichen Zeremonie beigesetzt werden soll, müssen die Aussteiger in ihrem umgebauten Schulbus ihre Idylle verlassen. Es gilt, Leslies letzten Willen zu erfüllen und sich der realen Welt zu stellen. Dabei entwickelt sich ein skurril-komischer, aber auch nachdenklich stimmender Road Trip.

Jetzt, im ausklingenden Sommer, fiel mir diese kleine Filmperle vor die Füße. „Captain Fantastic“ erinnert in vielerlei Hinsicht an „Litte Miss Sunshine“: Eigenwillige Charaktere, die nicht wirklich in eine Schublade passen, verfolgen gemeinsam ein relativ absonderliches Ziel und müssen sich dabei mit ihrem Umfeld auseinandersetzen. Dem Film gelingt es dabei sehr schnell, Sympathien zu den ausgefallenen, aber doch auch verständlichen Figuren aufzubauen. Erwähnt werden müssen auf jeden Fall die Kinder und Jugendlichen, die allesamt wunderbar besetzt sind. Ich musste im Film mehrmals lachen, wenn Bens jüngste Kinder – beide dürften nicht älter als acht Jahre sein – in aller Ausführlichkeit beschreiben, an was genau ein Mensch stirbt, wenn er beim Besteigen einer Felswand in die Tiefe stürzt. Schauspielerisch herausstechend ist natürlich Viggo Mortensen (Aragorn aus „Der Herr der Ringe“), der allein durch seine bloße Präsenz zu faszinieren weiß. Schade, dass dieser Mann nicht öfter im Kino zu sehen ist, beziehungsweise keinem breiteren Publikum gezeigt wird – wobei ich mir vorstellen könnte, dass das gar nicht in seinem Interesse liegt. Neben den darstellerischen Stärken kann „Captain Fantastic“ auch mit einem zumeist guten Tempo punkten, er wird nie langweilig und weiß durch mehrere kleine Wendungen bis zum Ende zu unterhalten. Die Kamera fängt teilweise traumhafte Bilder ein und auch der Soundtrack – angereichert durch ein paar von den Schauspielern dargebrachte Lieder – weiß zu überzeugen.

Die eigentliche Kraft von „Captain Fantastic“ liegt aber in seiner Botschaft. Hierbei ist auffällig, dass der Film nicht in einem billigen Schwarz-Weiß-Denken verharrt. Natürlich ist Bens Kritik an Konsumverhalten, Ökonomie, Kapitalismus und institutionalisierter Religion nachvollziehbar. Und da die Familie ja sehr sympathisch dargestellt wird, erfreut man sich auch an den vielen kleinen „Siegen“ gegenüber der realen Welt. Andererseits zeigt der Film auch, wie Bens System bröckelt und einschränkend, ja sogar gefährlich werden kann. Seine Kinder setzen sich mit dem, was sie während des gemeinsamen Trips so erleben, auseinander und so werden beim Zuschauer verschiedene Fragen ausgelöst: Ist der Rückzug aus der modernen Welt die Antwort auf die Probleme? Kann ein solcher Rückzug überhaupt gelingen? Führt eine vermeintlich befreiende Erziehung von Kindern nicht einfach nur zu Zwängen und Einschränkungen anderer Art? Gibt es überhaupt Freiheit? Und was genau macht das Wohl seiner eigenen Kinder überhaupt aus? „Captain Fantastic“ löst beim Zuschauer also viele Denkprozesse aus und fordert auch dazu auf, Stellung zu Bens Entscheidungen, beziehungsweise seinem charakterlichen Wandel zu beziehen. Insofern lässt sich über das Ende – welches ich jetzt natürlich nicht verrate – auch gut diskutieren.

„Captain Fantastic“ ist ein kleiner, aber äußerst feiner Film, der durch seine witzige Art gut unterhält, aber auch zum Nachdenken anregt. Von mir bekommt der Streifen, der bisher zu den besten Filmen des Jahres zählt, starke 8 von 10 Popcornguys.

Boyhood

Titel: Boyhood (Originaltitel: Boyhood)
Regie: Richard Linklater
Musik: Verschiedene
Darsteller: Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Ethan Hawke

Von der Grundschulzeit bis hin zum Eintritt ins College zeigt „Boyhood“ 12 Jahre aus dem Leben von Mason (Ellar Coltrane) aus Austin. Seine Eltern leben geschieden. Während Masons Vater (Ethan Hawke) im Kopf selbst noch ein Kind ist und erst lernen muss, für andere Menschen Verantwortung zu übernehmen, gerät die Mutter (Patricia Arquette) immer wieder an die falschen Männer. Zudem muss sich Mason mit Kindheitsproblemen, dem ersten Verliebtsein, der Pubertät und seiner nervigen Schwester Samantha (Lorelei Linklater) auseinandersetzen.

Besonders mehr möchte ich über die Handlung nicht verraten, doch das muss man bei „Boyhood“ auch nicht. Es handelt sich um eine einfache und alltägliche Geschichte, die zwar unaufdringlich, aber dennoch so eindringlich inszeniert wird, als würde man einem guten Freund beim Erzählen seiner Lebensgeschichte lauschen. Der Film präsentiert herrliche Charaktere, die einem innerhalb weniger Minuten allesamt ans Herz wachsen. Unter anderem möchte ich hierbei Ethan Hawke erwähnen. Vor allem in der ersten Hälfte von „Boyhood“ mimt er auf herrliche Art und Weise den hippen Vater, der seinen Kindern möglichst coole und unkomplizierte Erlebnisse bieten möchte. Auf der anderen Seite steht Patricia Arquette, die als Mutter die meiste Erziehungsarbeit leistet, daneben aber auch ihre Karriere voran bringen will. Weniger glücklich ist dabei ihr Händchen für neue Freunde, die sich in den meisten Fällen als Alkoholiker entpuppen. Zwischen diesen Fronten wachsen Mason und Samantha auf und versuchen, ihren Weg zu gehen. Der Zuschauer hat bei „Boyhood“ das Vergnügen, neben den inneren Entwicklungen der Kinderdarsteller auch die körperlichen Veränderungen beobachten zu können, da es keinen Austausch der Schauspieler gibt.

Hier fällt auch die größte Stärke des Films auf, nämlich der Hintergrund seiner Entstehung. Regisseur Richard Linklater gelang es, seinen Cast über einen Zeitraum von 12 Jahren zusammenzuhalten und auf sehr authentische Art und Weise die Geschichte eines Heranwachsenden zu erzählen. Dies erforderte sicherlich einen ungeheuren Organisationsaufwand, doch es gehörte wohl auch eine gehörige Portion Glück dazu. Schließlich hätten sich gerade die Kinderdarsteller im höheren Alter als nicht besonders fähig erweisen können. Doch das war nicht der Fall und insbesondere Ellar Coltrane erwies sich in seinem dezenten, aber faszinierenden Spiel als ausgezeichnete Wahl. Eine Oscarnominierung für Richard Linklater wäre aufgrund dieser Planung und Weitsicht mehr als angebracht.

„Boyhood“ schwelgt darüber hinaus in nostalgischen Erinnerungen und lässt den ein oder anderen Zuschauer seine eigene Jungend erneut durchleben. Besonders mochte ich die Diskussionen über die Lieblingsfiguren aus „Star Wars“, Masons coole Dragonball-Bettwäsche, diverse Videospiele oder die Verwendung zeitlich passender Musik. Allgemein hat „Boyhood“ einen großartigen Soundtrack, zu welchem Interpreten wie Arcade Fire, Bob Dylan, Coldplay, Gnarls Barkley, Gotye, Paul McCartney und The Hives ihren Teil beigesteuert haben. Nicht vergessen sollte man auch die zum Brüllen komische Version von „Oops! I Did It Again“, die von Masons Schwester Samantha mitten in der Nacht im gemeinsamen Schlafzimmer dargebracht wird.

Der Coming of Age-Film balanciert Humor und Tragik mit brillantem Fingerspitzengefühl und entlässt den Zuschauer mit einem wohligen Bauchgefühl. „Boyhood“ wird dabei nie überspitzt oder gekünstelt dramatisch, sondern bleibt seiner authentischen und geradezu unaufgeregt-aufregenden Linie bis zum Schluss treu. Diese Filmperle erhält von mir 9 von 10 Popcornguys und zählt für mich zu den besten Filmen des bisherigen Kinojahres.

Enemy

Titel: Enemy (Originaltitel: Enemy)
Regie: Denis Villeneuve
Musik: Daniel Bensi, Saunder Jurriaans
Darsteller: Jake Gyllenhaal, Mélanie Laurant, Sarah Gadon

Der Geschichtsprofessor Adam Bell (Jake Gyllenhaal) führt ein eintöniges Leben: Während er tagsüber mit wenig Motivation seine Vorlesungen hält, hat er abends routinierten und gefühlslosen Sex mit seiner Freundin Mary (Mélanie Laurant). Eines Tages wird Adam von einem Kollegen ein Film empfohlen. Überrascht muss er feststellen, dass einer der Statisten ihm bis aufs Haar gleicht. Adam gelingt es, Kontakt zu dem Schauspieler aufzunehmen. Es handelt sich um einen Mann namens Anthony Claire (Jake Gyllenhaal), der mit seiner hochschwangeren Ehefrau Helen (Sarah Gadon) zusammenlebt. Anthony möchte zunächst nicht auf Adams Anrufe eingehen, doch schließlich lässt er sich auf ein Treffen ein. Dies ist der Beginn eines wahnsinnigen Trips in die tiefsten Abgründe der Psyche beider Männer.

Regisseur Denis Villeneuve machte letztes Jahr durch seinen Selbstjustiz-Thriller „Prisoners“ auf sich aufmerksam. „Enemy“ wurde vorher gedreht und eröffnet nun einen weiteren Blick auf das interessante Werk des kanadischen Filmemachers – und was für einen!

Allein der Beginn des Films versetzt den Zuschauer in ein diffuses Gefühl des Unwohlseins: Nackte Frauen räkeln sich in einem dunklen Raum und werden dabei von einigen Männern beobachtet, unter denen sich auch Jake Gyllenhaal befindet. Die Eröffnungsszene endet mit einer Vogelspinne, die auf einem Tablett der anwesenden Gesellschaft präsentiert wird. Das Motiv der Spinne zieht sich auf beunruhigende Weise durch den gesamten Film und sorgt für einige wirklich verstörende Szenen. Kameraführung und gelb-brauner Farbfilter tragen ihren Teil zur stets präsenten Unwirklichkeit und Bedrohung bei. Alles in „Enemy“ wirkt gefährlich, egal, ob es sich um Häuserschluchten, Wohnungen oder einzelne Möbelstücke handelt. Kurze Einschübe mit extrem harten Schnitten und disharmonischen Klängen machen die grausame Stimmung perfekt.

Inmitten dieses finsteren Settings erleben wir Jake Gyllenhaal in einer Doppelrolle. Der Hauptdarsteller macht dabei eine äußerst gute Figur und es gelingt ihm in der ersten Hälfte des Films sehr gut, Adam und Anthony verschiedenartig darzustellen. Gyllenhaal lässt aber dann – wohl ganz im Sinne des Drehbuchs – allmählich die Grenzen zwischen den Charakteren verschwimmen. Ebenso überzeugend spielen die Frauen. Mélanie Laurant (den meisten wohl als jüdische Kinobesitzerin aus Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ bekannt) mimt die attraktive Affäre, während Sarah Gadon mit ihren hinreißenden Augen die schwangere und bedürftig wirkende Ehefrau spielt. Beide Damen sprechen in ihren Rollen unterschiedliche Instinkte eines Mannes ein – ein Punkt, der für die Handlung wohl nicht unwesentlich ist – und werden dementsprechend mit ihren Vorzügen sehr ästhetisch in Szene gesetzt.

Viel mehr möchte ich über die Story aber gar nicht sagen. Der Film nimmt einen mit, spielt mit der Erwartungshaltung des Zuschauers und fährt mit ein paar wirklich faszinierenden Wendungen auf. Den ein oder anderen zähen Moment gibt es dennoch, was beim Sehen schon strapazieren kann – eine Prise mehr Tempo wäre möglicherweise nicht schlecht gewesen. Mir persönlich kam der Film unmittelbar nach der Sichtung eher durchschnittlich vor, allerdings fällt mir nun auf, dass er rund einen Tag später seine Wirkung entfaltet. Man beginnt, sich seine Gedanken zu machen und eine eigene Interpretation aufzustellen, wobei ich einräumen muss, dass ich es dringend nötig hatte, mir Erklärungen von Regisseur und Schauspielern durchzulesen. Inzwischen würde ich „Enemy“ als komplexe, aber clevere Analyse der menschlichen Psyche sehen und ihn von seiner Art her mit einem Kafka-Roman vergleichen.

Fazit: „Enemy“ trifft sicher nicht jedermanns Geschmack, aber wer bereit ist, sich auf einen anspruchsvollen und künstlerischen Thriller einzulassen, wird mit Sicherheit dafür belohnt werden. Man sollte sich aber darauf einstellen, das Ganze etwas sacken lassen zu müssen – und dies erfordert nicht zwangsweise einen Kinobesuch, sondern kann auch gut im Rahmen eines Heimkinoabends geschehen. Es gibt 8 von 10 Popcornguys!

Her

Titel: Her (Originaltitel: Her)
Regie: Spike Jonze
Musik: Arcade Fire
Darsteller: Joaquin Phoenix, Scarlett Johansson, Amy Adams

Im Jahre 2025: Theodore Twombly (Joaquin Phoenix) schreibt Liebesbriefe für Menschen, die ihren Partnern gegenüber nur schwer ihre Gefühle ausdrücken können. Doch während Theodore in der Arbeit höchst emotionale Texte verfasst, hat die Liebe sein Privatleben verlassen. Er steht kurz vor der Scheidung von seiner Frau Catherine (Rooney Mara), von der er seit Längerem getrennt lebt, und fristet ein einsames und introvertiertes Dasein. Selbst den Kontakt zu seiner besten Freundin Amy (Amy Adams) hält er nur halbherzig aufrecht. Theodores Leben ändert sich schlagartig, als er sich ein neuartiges Operating System für seinen Rechner zulegt. Die künstliche Intelligenz spricht mit einer Frauenstimme zu ihm und stellt sich als Samantha (Scarlett Johansson) vor. Anfangs ist sie nur dafür gedacht, Theodore bei der Bewältigung organisatorischer Aufgaben zu helfen. Doch die Gespräche mit Samantha werden tiefgründiger, offener und intimer, bis die beiden schließlich erkennen, dass sie mehr verbindet. Es ist der Beginn einer ungewöhnlichen Liebesbeziehung, die vor ebenso ungewöhnlichen Herausforderungen steht.

Grotesk, witzig, traurig, ergreifend, nachdenklich, kreativ, anspruchsvoll – all diese Worte treffen auf „Her“ zu. Der Film fordert von seinem Zuschauer, sich auf eine absolut ungewöhnliche Liebesgeschichte einzulassen. Jeder muss für sich entscheiden, ob er das kann, ich jedoch habe es für meine Begriffe getan und versuche nun, meine Eindrücke zu sortieren.

Beginnen möchte ich mit dem Fokus auf das Drehbuch, welches wohlverdient die diesjährige Oscar-Trophäe gewonnen hat. Spike Jonze kreierte eine in ihrer Grundstruktur äußerst klassische Liebesgeschichte, weswegen man nun keine krassen Sprünge ins Science-Fiction-Genre erwarten sollte. Die Romanze zwischen Theodore und Samantha bildet das Herz des Films und läuft nach bekanntem Schema ab: Zwei Personen finden sich, fühlen sich zueinander hingezogen, sind glücklich, bemerken erste Probleme, suchen nach Lösungen und kommen auf irgendeine Weise zu einem Ende. Dieses Muster ist nichts Neues, höchst innovativ ist dagegen der Rahmen der Geschichte. Und genau hier erlaubt es der Film, über gewisse Themen ins Grübeln zu kommen: Das Verhältnis des Menschen zur Technik, Vereinsamung trotz moderner Kommunikationsmöglichkeiten und die Definition von Liebe und Menschsein. Doch das Drehbuch von „Her“ drängt sich dabei nicht auf, vielmehr wird es dem Zuschauer selbst überlassen, in welche Richtung er seine Gedanken treiben lässt. Und selbst wenn man diese anspruchsvollen Fragen außer Acht lassen möchte, kann man sich dennoch an puren Emotionen, großartiger Komik, grandiosen Dialogen und sympathischen Charakteren erfreuen.

Somit komme ich zu den Schauspielern, die allesamt außergewöhnliche Darbietungen vorzuzeigen haben. Joaquin Phoenix – den meisten wohl noch als psychisch labiler Kaiser in „Gladiator“ bekannt – trägt als Hauptfigur den Film und beweist Klasse und Vielfältigkeit. Amy Adams ist in einer kleineren Rolle zu sehen und gibt die graue Maus, was ihr gut liegt und äußerst sympathisch gelingt. Mit Rooney Mara und Olivia Wilde wird insbesondere männliche Kinobesucher etwas fürs Auge geboten. Besonders betonen möchte ich allerdings die Leistung von Scarlett Johansson. Sie spielt Samantha und kann daher nur mit ihrer Stimme dem Operating System Charakter verleihen. Mimik und Gestik beraubt mag dies zunächst eine schwierige Einschränkung für einen Schauspieler sein. Allerdings gelingt es Scarlett Johansson nur über ihre Stimme, ein absolut klares Bild dieser künstlichen Intelligenz entstehen zu lassen, was ihre Figur tatsächlich greifbar macht. Unter diesem Aspekt werde ich mich bei Gelegenheit dem O-Ton des Films widmen.

Die Musik des Films stammt von der kanadischen Indie-Rockband Arcade Fire und untermalt den Film mit sphärischen Klängen. Der Soundtrack spiegelt und steuert die Emotionen des Zuschauers, ist zumeist ruhig und verträumt, bisweilen aber auch bodenlos traurig oder höchst euphorisch. Arcade Fire zeigen demnach auch auf diesem Gebiet, dass sie zu den momentan wichtigsten Musikern überhaupt gehören. Das Setting des Films ist äußerst schön gelungen und vermittelt klar, aber unaufdringlich die Gewissheit, dass diese Geschichte in der Zukunft spielt. Neben der interessanten Raumgestaltung sticht besonders die Mode des Films ins Auge. So scheinen Schnauzbärte und endlos hochgezogene Hosen im Jahre 2025 der letzte Schrei zu sein.

Fazit: „Her“ ist eine wunderschöne Filmperle – auf der einen Seite so klein, still und in sich rund, auf der anderen aber so wahnsinnig groß. Dieser Film mag vielleicht unter dem Radar von vielen laufen, braucht sich aber nicht in den Schatten irgendeines anderen diesjährigen Filmes stellen. Eher im Gegenteil: 9 von 10 Popcornguys.