The Florida Project

Titel: The Florida Project
Regie: Sean Baker
Drehbuch: Sean Baker, Chris Bergoch
Musik: Lorne Balfe
Darsteller: Brooklynn Prince, Bria Vinaite, Willem Dafoe

Die 6 Jahre alte Moonee (Brooklynn Prince) lebt zusammen mit ihrer Mutter Halley (Bria Vinaite) in einem Motel in Florida, ganz in der Nähe von Disney World. Die Verhältnisse der beiden sind ärmlich und sie zählen zu den gesellschaftlich Abgehängten. Während Moonee den Sommer mit ihren gleichaltrigen Freunden verbringt und allerlei Blödsinn anstellt, muss Halley jede Woche darum kämpfen, die Miete aufzubringen. Dabei sieht sie sich gezwungen, auch illegale Wege zu beschreiten. Motel-Manager Bobby (Willem Dafoe) muss einerseits auf sein Geld bestehen, sorgt sich aber andererseits um das Wohl der jungen Mutter und ihrer Tochter.

Es gibt Filme, bei denen man die vielen Oscar-Gewinne nicht wirklich versteht. Dazu zählt „Shape of Water“. Und dann gibt es Filme, die bei den Oscars praktisch untergehen, was man ebenso wenig versteht. Hierzu zählt „The Florida Project“, der – zumindest für mich – zusammen mit „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ zu den diesjährigen Kino-Highlights zählt.

Wir erleben den Film größtenteils aus der Perspektive der 6-jährigen Moonee und ihrer Freunde. Dieser Eindruck wird auch dadurch verstärkt, dass in vielen Szenen die Kamera lediglich auf der Höhe der Kinder arbeitet. Jungdarstellerin Brooklynn Prince liefert zusammen mit ihren gleichaltrigen Kollegen eine sehr glaubwürdige und authentische Performance ab. Die Kinder sind frech, charismatisch und putzig, betteln bei den wohlhabenden Touristen um Geld, kaufen und teilen sich anschließend Eis, bespitzeln die Nachbarin beim Sonnenbad, erkunden verlassene Hotel-Gebäude und bauen allerlei Mist. Als Zuschauer hat man bei all diesen kleinen Abenteuern seinen Spaß, hat aber stets im Hinterkopf, vor was für einem trostlosen und deprimierenden Hintergrund das alles eigentlich stattfindet. Und so schlagen in den letzten Szenen mit Moonee die Emotionen auch erbarmungslos zu.

An der Seite von Brooklyn Prince spielt Bria Vinaite, die praktisch eine Laiendarstellerin ist, ihre Rolle aber problemlos stemmt. Die junge Mutter ist vulgär, anstrengend und beratungsresistent, kurzum also ziemlich asozial. Die Umstände allein heben das auch nicht auf, was dazu führt, dass man sie als Zuschauer recht oft am liebsten schütteln würde. Doch dem Film gelingt ein wundervolles Kunststück, indem zu keinem Zeitpunkt Zweifel daran aufkommen, dass Halley ihre Moonee aufrichtig liebt. Die Mutter versucht – trotz der schwierigen Situation – ihrer Tochter ein möglichst schönes Leben zu ermöglichen und es ist teilweise erschreckend, welche Grenzen sie dafür überschreitet.

Den starken Cast vervollständigt Willem Dafoe. In der Regel spielt er ja eher Figuren, die psychisch nicht ganz stabil sind und gewisse mörderische Anwandlungen haben. Ganz anders ist es in „The Florida Project“. Motel-Manager Bobby ist natürlich darauf bedacht, seinen Laden am Laufen zu halten und sämtliche Mieten zu bekommen. Doch er hat ein großes Herz und in vielen Szenen versucht er auf ganz wundervolle Art und Weise, sich um Halley und die kleine Moonee zu kümmern. Es wirkt so, als würde Bobby gerne in eine Art Vaterrolle schlüpfen, was er letztendlich aber natürlich nicht kann. Und so ist auch er am Ende machtlos gegenüber der Situation und der Armut der Menschen um ihn herum. Willem Dafoe meistert diese großartige Rolle mit seiner sehr subtilen und angenehmen Darbietung.

„The Florida Project“ hat keine klassische Story zu bieten. Vielmehr geht es um eine Reihe von Momentaufnahmen aus dem Leben bestimmter Charaktere, die lose miteinander zusammenhängen. Möglichkerweise kann man das beim Film kritisieren, ich jedoch wurde total in diese Welt gezogen und habe alles um mich herum vergessen. „The Florida Project“ ist eine gefühlvolle Milieustudie, die von den harten Kontrasten lebt. Als Setting dienen größtenteils die lachhaft bunten Kulissen der Motels, die wohl ursprünglich für Touristen gebaut wurden, nun aber als Wohnungen für die Armen dienen. Disney World und der damit verbundene, milliardenschwere Superkonzern schwingen stets im Subtext mit und so wird das perverse kapitalistische Wirtschaftssystem verdeutlicht, in welchem einige wenige Sieger und sehr viele Verlierer produziert werden.

Ich spreche für „The Florida Project“ eine klare Empfehlung aus und verteile 9 von 10 Popcornguys!

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Personal Shopper

Titel: Personal Shopper
Regisseur: Olivier Assayas
Kamera: Yorick Le Saux
Darsteller: Kristen Stewart, Lars Eidinger, Sigrid Bouaziz



Die Amerikanerin Maureen (Kristen Stewart) arbeitet in Paris für die Prominente Kyra (Nora von Waldstätten) als Personal Shopper – sie reist durch ganz Europa, um Kleidung, Schmuck und Schuhe für ihre Arbeitgeberin einzukaufen. Eigentlich hasst sie diesen Job, doch ist sie auf ihn angewiesen, um weiter in Paris warten zu können. Genau wie ihr Zwillingsbruder Lewis ist sie ein Medium mit besonderer Sensibilität zum Jenseits. Maureen wartet geduldig am Ort seines Todes, um ein letztes Zeichen von Lewis zu erhalten.

Personal Shopper machte auf sich aufmerksam, als Olivier Assyas in Cannes als bester Regisseur dafür geehrt wurde. Das nachdenklich stimmende, ruhige Drama um eine junge Frau, die sich an die Vergangenheit klammert, um den Schmerz um sich herum ertragen zu können, entstand nach der ersten Zusammenarbeit zwischen Assyas und Stewart in „Die Wolken von Sils Maria“. Dem Drehbuchautor und Regisseur ist damit ein Glücksgriff gelungen, denn Kristen Stewart füllt diese Rolle mit einer unauffälligen, und doch starken Präsenz, sodass man kaum die Augen von ihr abwenden möchte.

Ein ganzes Stück dazu leistet vermutlich die Arbeit des Kameramanns, der in ungewöhnlichen, und doch unaufgeregten Blickwinkeln eine bittere wie schöne Atmosphäre schafft.

Eigentlich ist es ein schweres Stück, dass uns Assyas da vorsetzt: Einerseits begleitet der Zuschauer eine junge Frau in einer schwierigen Phase ihres Lebens, mitten im Versuch, den eigenen Weg ausfindig zu machen. Gleichzeitig werden hier Geisterséancen, Übersinnliche Kunst und Philosophie über Seele und Jenseits ins Spiel gebracht. Heraus kommt ein kalt wirkendes Werk, das den Betrachter unschlüssig zurück-, und doch nicht loslässt.

Fazit: Auf leisen Sohlen dringt diese Geschichte in den Kopf derjenigen ein, die sich darauf einlassen. Personal Shopper ist ein ruhiger Film, der einem beizeiten aber auch auf die Stuhlkante rutschen lässt. Ein Tipp für Kristen Stewart-Fans und alle, die sich auf eine ungewöhnliche Reise einlassen wollen. 8 v0n 10 Popcornguys! 

Mother!

Titel: Mother!
Originaltitel: Mother!
Regie: Darren Aronofsky
Musik: Jóhann Jóhannsson
Darsteller: Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Michelle Pfeiffer

Ein Schriftsteller mit Schreibblockade (Javier Bardem) und dessen bedeutend jüngere Ehefrau (Jennifer Lawrence) bewohnen ein abgeschiedenes Landhaus und führen dort ein zurückgezogenes Leben. Während er auf seine Inspiration wartet, versucht sie das Haus zu verschönern und steckt viel Mühe in die Renovierung. Eines Tages wird die Einsamkeit der beiden gestört: Es tauchen ein Fremder (Ed Harris) und kurze Zeit später dessen Frau auf, die vom Schriftsteller bereitwillig aufgenommen werden. Die junge Dame des Hauses ist von Anfang an skeptisch – und später erst recht, als ihr nach und nach die Kontrolle über die Situation verliert.

Bei vielen Filmen weiß man recht schnell, ob man sie mag oder nicht. Manchen jedoch tut es gut, mal eine Nacht drüber zu schlafen. Doch manchmal bringen selbst mehrere Nächte nichts, wenn es um die Frage geht, wie man einen Film denn nun finden soll. Darren Aronofskys neuester Film „Mother!“ ist einer dieser Fälle.

Aronofsky ist für sperrige und unkonventionelle Werke bekannt. „The Fountain“ habe ich noch nicht gesehen, aber dafür ist mir sein aufwühlender Psycho-Thriller „Black Swan“ noch gut in Erinnerung. „Noah“ ist eine recht eigenwillige Bibelverfilmung, aber lässt sich immerhin als ungewöhnlich bezeichnen. Insofern reiht sich „Mother!“ hier gut ein. Es braucht recht lange, bis man sozusagen im Film angekommen ist – auch wenn es einen die durch die Bank großartigen Schauspieler leichter machen. Jennifer Lawrence, die mir in anderen Filmen in ihren hysterischen Momenten schon gelegentlich too much war, liefert hier eine starke Performance an. Javier Bardem ist ohnehin ein darstellerischer Ungetüm und auch die kleineren Nebenrollen sind mit Ed Harris und Michelle Pfeiffer (die immer noch rassigen Catwoman-Charme versprüht) ideal besetzt.

Was lässt „Mother!“ also so schwierig und unzugänglich werden? Es ist die Geschichte an sich, die einem erst nach und nach klar macht, dass es hier keineswegs um einen realistischen Plot geht. Im Gegenteil. Wenn man dem Film mit dieser Erwartung begegnet, wird man relativ schnell zum Schluss kommen, dass das hier alles wenig Sinn macht und sich die Personen sehr seltsam, ja geradezu unmenschlich verhalten. Eine Zeit lang habe ich trotzdem probiert, den Film auf diese Art zu lesen. Ich dachte mir, dass es möglicherweise um die Schwierigkeiten von Beziehungen mit großen Altersunterschieden geht. Ich dachte mir, dass es auf Dominanz und Unterwerfung in der Liebe hinauslaufen könnte. Ich dachte mir, dass es um die Beziehung zwischen einer relativ normalen Person und einem Künstler gehen könnte. Aber letztendlich führen alle diese Versuche in die Leere. „Mother!“ gibt sich letztendlich komplett einer Welt aus Metaphern und Symbolen hin, die anders gelesen werden wollen. Am Ende sprach mich der Film auf einer geradezu existentiell-religiösen Ebene an – und war auf einmal ziemlich interessant. Die Themen, die aufgeworfen wurden, sind spannend und denkwürdig, Handlung und Charaktere für sich genommen eher nicht. Und das ist möglicherweise die Schwierigkeit, die ich mit „Mother!“ habe. Ich habe Lust, über die mit dem Film zusammenhängenden Themen zu diskutieren und für mich weiter zu philosophieren – aber Lust, den Film direkt nochmal anzusehen, habe ich nicht. Dafür hat er mich dann doch zu wenig gekickt.

Mit einer Bewertung habe ich meine Probleme, denn der Film arbeitet weiter. Ich tendiere zu 7 von 10 Popcornguys, könnte mir aber vorstellen, dass sich dieses Fazit verändern wird, sollte ich „Mother!“ noch einmal sehen. Fest steht: Der Film ist nichts für Leute, die einfach Horror oder Thriller erwarten. Es ist ein herausfordernder, komplexer, stark symbolischer Film, der etwas in einem auslöst – oder einen recht schnell extrem frustrieren, vielleicht sogar anekeln wird, denn gerade im letzten Viertel haben es die Szenen echt in sich.

Sieben Minuten nach Mitternacht

Titel: Sieben Minuten nach Mitternacht
Originaltitel: A Monster Calls
Regie: Juan Antonio Bayona
Musik: Fernando Velázquez
Darsteller: Lewis MacDougall, Felicity Jones, Sigourney Weaver

Conor O’Malley (Lewis McDougall) ist 12 Jahre alt und lebt zusammen mit seiner krebskranken Mutter (Felicity Jones). Diese ist durch die Behandlungen sehr angeschlagen, weswegen Conor sich viel um sie und den Haushalt kümmern muss. Doch das sind nicht die einzigen Probleme des Jungen. Er vermisst seinen Vater (Toby Kebbell), der mit einer neuen Frau in Amerika lebt und nur selten zu Besuch kommt. Conors Großmutter (Sigourney Weaver) ist wahnsinnig bestimmend und streng, und in der Schule wird der Junge von seinen Klassenkameraden verprügelt. Und als wäre das nicht schon genug, wird Conor seit vielen Tagen von einem grausamen Albtraum heimgesucht. In einer Nacht, und zwar genau sieben Minuten nach Mitternacht, geschieht etwas Unglaubliches: Die große Eibe, die auf einem Hügel neben einer alten Kirche in Sichtweite von Conors Haus steht, verwandet sich in ein knorriges Monster. Das Ungeheuer spricht mit dem Jungen und möchte ihm drei Geschichten erzählen, bevor Conor in einer vierten Geschichte seine eigene Wahrheit preisgeben soll.

“Geschichten sind das Gefährlichste von der Welt. Sie jagen, beißen und verfolgen dich.” Dieses Zitat stammt aus Patrick Ness‘ Romanvorlage und fasst die schiere Wucht des Films “Sieben Minuten nach Mitternacht” perfekt zusammen. Die Geschichte geht auf eine Idee der Autorin Siobhan Dowd zurück, welche von Ness aufgegriffen und in einen Bestseller verwandelt wurde. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich von dem Buch rein gar nichts wusste – doch das werde ich nach dem Film nun ändern.

Ness ist auch für das Drehbuch verantwortlich, welches vom Regisseur Juan Antonio Bayona (“The Impossible”) visuell höchst beeindruckend umgesetzt wurde. Das Monster – im Original von Liam Neeson gesprochen – zieht den Zuschauer in jeder Szene in seinen Bann und überzeugt auf ganzer Linie. Die drei Geschichten, die es Conor erzählt, werden von wunderbar stimmigen Animationen unterstütz, die den Film über weite Phasen zu einem echten Kunstwerk werden lassen. Sämtliche Schauspieler verkörpern ihre Rollen mit genau der richtigen Intensivität und Glaubwürdigkeit. Hervorheben möchte ich an dieser Stelle Felicity Jones, die ich in “Rogue One” als relativ langweilig empfand, die aber hier wunderbar warm und ehrlich spielt. Der darstellerische Star des Films ist aber Lewis MacDougall, der die äußerst schwierige Hauptrolle des Conor bravourös meistert.

Was den Film aber zu einem der besten des bisherigen Kinojahrs macht, sind die Themen, die er behandelt. Die Geschichten, die das Monster erzählt, sind wie Märchen und führen den Zuschauer anfangs gerne in die Irre. Man erwartet schnell einen klischeehaften Ausgang der Erzählungen, doch dann wird man eines Besseren belehrt. Die Märchen des Monsters umgehen die Klischees, fahren mit unerwarteten Wendungen auf und beinhalten dadurch sehr reflektierte und realistische Weisheiten und Wahrheiten. Allein über diese drei Geschichten innerhalb des Films könnte man lange Zeit philosophieren. Der Zuschauer wird in eine nachdenkliche Stimmung versetzt und muss sich mit einer ganzen Reihe interessanter Fragen auseinander setzen: Was ist gut und was ist böse? Wie wichtig ist der Glaube? Was bedeutet es, erwachsen zu werden? Und welche Bedeutung im Leben hat das Loslassen? Allmählich und mit dem nahezu perfekten Tempo schaukelt sich der Film über diese Themen hoch in emotionale Höhen, die eigentlichen keinen kalt lassen dürften. Tatsächlich glaube ich, dass “Sieben Minuten nach Mitternacht” bei einem Großteil der Zuschauer Tränen fließen lassen wird.

Fazit: An der Schwelle zum obligatorischem Krach-Bumm-Sommer-Blockbuster-Kino kommt ein Film daher, der einem die wahre Kraft einer guten Geschichte aufzeigt und einem direkt ins Herz stößt. Ich spreche eine klare Empfehlung aus und verteile starke 8 von 10 Popcornguys, mit einer Tendenz nach oben!

Silence

Titel: Silence
Originaltitel: Silence
Regie: Martin Scorsese
Musik: Kim Allen Kluge, Katherine Kluge
Darsteller: Andrew Garfield, Adam Driver, Liam Neeson

Japan, frühes 17. Jahrhundert: Die Christen des Landes leiden unter einer harten und systematischen Verfolgung durch die Regierung. Einer der Missionare, Cristóvão Ferreira (Liam Neeson), soll angeblich dem Christentum abgeschworen haben. Zwei seiner früheren Schüler, Sebastião Rodrigues (Andrew Garfield) und Francisco Garpe (Adam Driver), können dies nicht glauben. Sie reisen selbst nach Japan, um sowohl ihren Mentor zu finden, als auch die japanischen Mitchristen zu unterstützen. Schon bald werden die beiden jungen Priester nicht nur Zeugen von Folter und Verfolgung, was sie an ihrer Mission und ihrem Glauben zweifeln lässt.

Die Verfilmung des 1966 erschienen Romans „Schweigen“ von Shūsaku Endō ist seit Jahrzehnten das Herzensprojekt von Meisterregisseur Martin Scorsese. Nun läuft der Streifen endlich in unseren Kinos – und zwar mit Staraufgebot und einem verhältnismäßig hohen Budget von 40 Millionen Dollar. Dass „Silence“ dennoch an den Kassen floppt, ist meiner Meinung nach keine Überraschung. Trotz bekanntem Regisseur und populären Darstellern ist das Thema einfach zu speziell. Für die meisten dürfte es nachvollziehbare Gründe geben, dem Kinosaal fernzubleiben – doch mich persönlich hat „Silence“ im positivsten Sinne umgeworfen, um mein Fazit vorwegzunehmen.

Für wen ist der Film aber nun gemacht? Ich denke, dass unter bestimmten Umständen auch ein Atheist „Silence“ etwas abgewinnen kann, wenn er die religiösen Glaubensfragen auf etwas Vergleichbares ummünzt. Ohne Frage dürften einem Cineasten auch die tollen Bilder und herausragenden Schauspielleistungen auffallen. Aber dem gegenüber steht die erschlagende Lauflänge von 160 Minuten. Da stelle ich die Behautpung auf, dass „Silence“ für religiöse und gläubige Zuschauer am meisten zu bieten hat.

„Silence“ ist aber keineswegs christliche Propaganda, wodurch das Zielpublikum weiter schrumpft. Natürlich befindet sich das Christentum aufgrund der Verfolgung durch die japanische Regierung – die übrigens sehr detailliert und hart dargestellt wird – in der eher sympathischen Opferrolle. Und natürlich zeigt der Film auch auf, dass es die christliche Religion vermag, einfachen und unterdrückten Bevölkerungsschichten ihren inneren Wert aufzuzeigen, was den damaligen Machthabern Japans ein Dorn im Auge war. Aber trotzdem hat „Silence“ auch auf das Christentum einen differenzierten Blick, der anhand der aufgeworfenen Fragen deutlich wird: Hat nicht die christliche Mission selbst das Leid über die Bürger Japans gebracht? Kann es sein, dass bestimmte Glaubensrichtungen und Ideen in bestimmten Ländern einfach keine Wurzeln schlagen? Und wie christlich ist es eigentlich, Menschen für Jesus Christus in den Tod zu schicken, wenn man ihnen stattdessen das Leben retten könnte?

All diese schweren Fragen – und noch einige mehr – muss sich Hauptfigur Rodrigues stellen. Adam Driver und Liam Neeson mögen in ihren Nebenrollen überzeugen, doch sie haben verhältnismäßig wenig Szenen. Es ist nahezu ausschließlich Andrew Garfields Aufgabe, als Schauspieler den Zuschauer emotional an die Handlung zu binden und ihn auf diese spirituelle Reise mitzunehmen. Garfield mag für „Hacksaw Ridge“ eine Oscar-Nominierung bekommen haben, doch seine Leistung in „Silence“ empfinde ich als immens höher. Er spielt den Priester mit all seinem anfänglichen Enthusiasmus und all seinen späteren Zweifeln absolut glaubwürdig und authentisch. Hierzu möchte ich erwähnen, dass sich Garfield sehr intensiv auf die Rolle vorbereitet und auch viel Zeit bei den Jesuiten verbracht hat.

Ich für meinen Teil konnte „Silence“ von der ersten bis zur letzten Minute aufmerksam verfolgen und fühlte mich sofort in diese Welt mit all ihren Konflikten hineingezogen. Dem Film wird oft vorgeworfen, dass er mehr Fragen stellt, als Antworten liefert. Ich persönlich finde das in diesem Fall nicht unbedingt schlecht. Zum einen thematisiert „Silence“ viele Fragen, auf die es einfach keine verbindliche Antwort gibt. Zum anderen sind die gestellten Fragen wichtig und zeitlos. Mehrmals musste ich zwischen dem Film und heutigen politischen Gegebenheiten Parallelen ziehen. So erinnerten mich die Bemühungen der japanischen Regierung im 17. Jahrhundert, sämtliche westliche Einflüsse aus dem Land zu verbannen, vage an aktuelle rechtsorientierte Gruppen in Europa oder Amerika, die sich allzu sehr vor einer Islamisierung des Westens fürchten. Geschichte wiederholt sich bestimmt nicht eins zu eins – aber der Blick in die Vergangenheit ist sicher nicht verkehrt, wenn man an einer besseren Zukunft interessiert ist.

Fazit: „Silence“ ist ein Film mit einem sehr speziellen und unbequemen Thema. Wenn man sich – wie auch immer – darauf einlassen kann, wird er den Zuschauer aufgewühlt und nachdenklich zurück lassen. Über das Ende möchte ich natürlich keine Details verraten, aber ich fand für mich – trotz aller vordergründigen Grausamkeit und Finsternis – eine tiefe, innere Sicherheit, die „Silence“ neben „Life Of Pi“ zum wohl wichtigsten spirituellen Film der letzten Jahre macht. Es gibt 9 von 10 Popcornguys!

Captain Fantastic

Titel: Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück
Originaltitel: Captain Fantastic
Regie: Matt Ross
Musik: Alex Somers
Darsteller: Viggo Mortensen, George MacKay, Frank Langella

In einem nordamerikanischen Wald lebt der überzeugte Aussteiger Ben (Viggo Mortensen) zusammen mit seiner Familie. Als Kritiker gesellschaftlicher Zwänge und des westlichen Konsumverhaltens erzieht er seine Kinder auf seine Weise. Dazu gehören einerseits das Jagen wilder Tiere und hartes, körperliches Training, andererseits aber auch die Lektüre geschichtlicher, philosopischer oder politischer Bücher. Bens Kinder – drei Söhne und drei Töchter – sind also nicht nur physisch in guter Verfassung, sondern in gewisser Hinsicht auch sehr gebildet und intelligent. Bei ihren seltenen Ausflügen in die Zivilistation zeigt sich allerdings, dass die Familie mit vielen modernen Erscheinungen überfordert ist, beziehungsweise Schwierigkeiten im sozialen Umgang mit anderen hat. Als Bens Frau Leslie Selbstmord begeht und ihr Leichnam – entgegen ihrem eigenen Willen – in einer christlichen Zeremonie beigesetzt werden soll, müssen die Aussteiger in ihrem umgebauten Schulbus ihre Idylle verlassen. Es gilt, Leslies letzten Willen zu erfüllen und sich der realen Welt zu stellen. Dabei entwickelt sich ein skurril-komischer, aber auch nachdenklich stimmender Road Trip.

Jetzt, im ausklingenden Sommer, fiel mir diese kleine Filmperle vor die Füße. „Captain Fantastic“ erinnert in vielerlei Hinsicht an „Litte Miss Sunshine“: Eigenwillige Charaktere, die nicht wirklich in eine Schublade passen, verfolgen gemeinsam ein relativ absonderliches Ziel und müssen sich dabei mit ihrem Umfeld auseinandersetzen. Dem Film gelingt es dabei sehr schnell, Sympathien zu den ausgefallenen, aber doch auch verständlichen Figuren aufzubauen. Erwähnt werden müssen auf jeden Fall die Kinder und Jugendlichen, die allesamt wunderbar besetzt sind. Ich musste im Film mehrmals lachen, wenn Bens jüngste Kinder – beide dürften nicht älter als acht Jahre sein – in aller Ausführlichkeit beschreiben, an was genau ein Mensch stirbt, wenn er beim Besteigen einer Felswand in die Tiefe stürzt. Schauspielerisch herausstechend ist natürlich Viggo Mortensen (Aragorn aus „Der Herr der Ringe“), der allein durch seine bloße Präsenz zu faszinieren weiß. Schade, dass dieser Mann nicht öfter im Kino zu sehen ist, beziehungsweise keinem breiteren Publikum gezeigt wird – wobei ich mir vorstellen könnte, dass das gar nicht in seinem Interesse liegt. Neben den darstellerischen Stärken kann „Captain Fantastic“ auch mit einem zumeist guten Tempo punkten, er wird nie langweilig und weiß durch mehrere kleine Wendungen bis zum Ende zu unterhalten. Die Kamera fängt teilweise traumhafte Bilder ein und auch der Soundtrack – angereichert durch ein paar von den Schauspielern dargebrachte Lieder – weiß zu überzeugen.

Die eigentliche Kraft von „Captain Fantastic“ liegt aber in seiner Botschaft. Hierbei ist auffällig, dass der Film nicht in einem billigen Schwarz-Weiß-Denken verharrt. Natürlich ist Bens Kritik an Konsumverhalten, Ökonomie, Kapitalismus und institutionalisierter Religion nachvollziehbar. Und da die Familie ja sehr sympathisch dargestellt wird, erfreut man sich auch an den vielen kleinen „Siegen“ gegenüber der realen Welt. Andererseits zeigt der Film auch, wie Bens System bröckelt und einschränkend, ja sogar gefährlich werden kann. Seine Kinder setzen sich mit dem, was sie während des gemeinsamen Trips so erleben, auseinander und so werden beim Zuschauer verschiedene Fragen ausgelöst: Ist der Rückzug aus der modernen Welt die Antwort auf die Probleme? Kann ein solcher Rückzug überhaupt gelingen? Führt eine vermeintlich befreiende Erziehung von Kindern nicht einfach nur zu Zwängen und Einschränkungen anderer Art? Gibt es überhaupt Freiheit? Und was genau macht das Wohl seiner eigenen Kinder überhaupt aus? „Captain Fantastic“ löst beim Zuschauer also viele Denkprozesse aus und fordert auch dazu auf, Stellung zu Bens Entscheidungen, beziehungsweise seinem charakterlichen Wandel zu beziehen. Insofern lässt sich über das Ende – welches ich jetzt natürlich nicht verrate – auch gut diskutieren.

„Captain Fantastic“ ist ein kleiner, aber äußerst feiner Film, der durch seine witzige Art gut unterhält, aber auch zum Nachdenken anregt. Von mir bekommt der Streifen, der bisher zu den besten Filmen des Jahres zählt, starke 8 von 10 Popcornguys.

The Lobster – Eine unkonventionelle Liebesgeschichte

Titel: The Lobster – Eine unkonventionelle Liebesgeschichte
Originaltitel: The Lobster
Regie: Yorgos Lanthimos
Musik: Amy Ashworth
Darsteller: Colin Farrell, Rachel Weisz, Léa Seydoux

David (Colin Farrell) wurde von seiner Frau wegen einem anderen Mann verlassen. In der Stadt dürfen sich nur registrierte Ehepaare mit einem gültigen Zertifikat aufhalten. Als Single wird David in ein Hotel gebracht, wo sich weitere Alleinstehende aufhalten. In dieser Einrichtung hat man 45 Tage Zeit, um einen Partner zu finden. Bleibt man Single, wird man in ein Tier verwandelt. David gibt an, dass er im Fall eines Misserfolgs ein Hummer werden möchte. Im Hotel gibt es strenge Regeln und strikte Abläufe. Propaganda-Vorträge wechseln sich mit vorgeschriebenen Tanzabenden. Masturbation auf den Zimmern ist verboten, wohingegen sexuelle Stimulation durch das Zimmermädchen vorgeschrieben ist. Eine besondere Bedeutung hat die Jagd auf unregistrierte Singles, die sich in den Wäldern aufhalten. Wenn ein Hotelgast einen Alleinstehenden mit Hilfe eines Betäubungspfeils fängt, kann er damit die Frist, binnen welcher er einen Partner finden muss, verlängern. David fügt sich in die Abläufe des Hotels ein und hält unter den weiblichen Gästen Ausschau nach einer möglichen Partnerin.

Diese europäische Produktion aus dem Jahre 2015 hatte keinen deutschen Kinostart. Wegen dem skurrilen, aber interessant wirkenden Trailer, sowie den positiven Kritiken wurde ich aber doch neugierig und legte mir kürzlich die DVD zu. Ich wurde nicht enttäuscht: „The Lobster“ ist einer der gestörtesten, seltsamsten und lustigsten Filme der letzten Zeit.

Der Cast ist bis in die kleinsten Rollen wunderbar gewählt. Colin Farrell führt einen als etwas bedröppelt wirkender Protagonist gut durch die Handlung. Ihm zur Seite stehen unter anderem John C. Reilly und Ben Whishaw, zwei weiter Hotelgäste, die mit unterschiedlichen Handicaps belastet sind – der eine lispelt, der andere humpelt. Auch für Schauspielerinnen wie Rachel Weisz oder Léa Seydoux bietet der Film Charaktere mit Ecken und Kanten. Letztere hinterlässt als gefährlich-kühle Anführerin der im Wald lebenden Singles sicher nicht nur bei mir Eindruck. Überhaupt fällt auf, dass viele Figuren in „The Lobster“ zunächst über einen einzigen prägnanten Charakterzug eingeführt werden: Von der herzlosen Frau, über die Biscuit-liebenden Frau, bis hin zur Frau, die ständig Nasenbluten hat. Als Zuschauer wachsen einem diese seltsamen Gestalten überraschend schnell ans Herz. Man möchte wissen, was es mit ihnen auf sich hat, wie sie zueinander stehen und ob sich zwischen ihnen Beziehungen entwickeln können.

Auch handwerklich bietet „The Lobster“ keinerlei Angriffsfläche. Die Kamerarbeit ist spannend und der Soundtrack trägt viel zur verstörenden Atmosphäre des Films bei. Im Drehbuch liegt aber die wahre Stärke des Films. Die auf den ersten Blick gestört wirkende Idee, dass Singles zur Strafe in Tiere verwandelt werden, ist bei näherer Betrachtung absolut genial. „The Lobster“ entwickelt einen wunderbar schwarzen Humor, wirft zwischen den Zeilen einen satirischen Blick auf die Gesellschaft und regt zum Philosophieren über die Liebe ein. Einen einzigen Kritikpunkt kann ich im Blick auf die zweite Filmhälfte anbringen. Zu diesem Zeitpunkt ist das Hotel mit all seinen Eigenheiten vorgestellt und der Film macht in seiner Handlung eine gewisse Wende. Es wird ein wenig träger und nicht mehr ganz so kreativ, doch das Ende an sich rundet „The Lobster“ schön ab.

Dass dieser Film keinen deutschen Kinostart hatte, ist in gewisser Weise ein Armutszeugnis. Auch die Tatsache, dass es hierzulande keine Bluray-, sondern lediglich eine DVD-Auswertung gab, spricht Bände. Sicherlich ist „The Lobster“ kein Film für jedermann – aber bestimmt ist er eine Bereicherung für jeden, der einen unkonventionellen Film abseits des Mainstream zu schätzen weiß. Von mir gibt es starke 8 von 10 Popcornguys!