Aus dem Nichts

Regisseur: Fatih Akin
Musik: Joshua Homme
Darsteller: Diane Kruger, Denis Moschitto

Das Leben von Katja Sekerci stellt sich mit einem Schlag auf den Kopf, als ihr Mann Nuri und der gemeinsame Sohn Rocco bei einem Bombenanschlag im Büro ihres Mannes ums Leben kommen. Nicht nur die schmerzliche Trauer, sondern der Wunsch nach Gerechtigkeit setzen ihr schwer zu, denn die Ermittler konzentrieren sich auf die kriminelle Vergangenheit Nuris – bis es schließlich zum Prozess kommt, der Katja alle Kräfte kostet.

Ich muss zugeben – würde „Aus dem Nichts“ nicht so viel internationale Aufmerksamkeit einfahren, hätte ich ihn mir vermutlich nicht im Kino angesehen. Auch wenn Fathi Akin schon längst ein großer Name in einer doch eher kargen deutschen Filmlandschaft ist, hat mich dieses Drama nicht unbedingt angesprochen. Nachdem „Aus dem Nichts“ in Cannes gefeiert, und nun sogar in die Auswahl möglicher Oscarkandidaten geraten ist, musste ich nun doch einmal einen Blick riskieren.
Präsentiert wurde mir hier ein tiefgreifendes Drama in drei Akten, das deutlich an die Nieren geht. Der Film lässt kein Detail aus, uns den Schmerz einer Frau in allen Einzelheiten darzulegen, die alles verloren hat. Hier ein großes Lob an Diane Kruger, die ihre Rolle auf so großartige Weise ausfüllt, dass es wehtut hinzusehen.
Der mittlere Teil des Films erzählt den Verlauf der Prozesse, wo die empfindliche Emotionalität einer trauernden Mutter und Ehefrau auf die kalte Amtsssprache eines Gerichtssaals trifft. Fatih Akin hat selbst mehreren NSU-Prozessen zu Recherchezwecken beigewohnt, und das merkt man deutlich. Nicht nur wird ein realistisches Bild eines Prozesses gezeichnet, sondern auch der – völlig zurecht kritisierte – sehr schwierige Umgang der Behörden in den realen NSU-Prozessen.
Schließlich führt der dritte Akt Katja auf ihren ganz persönlichen Weg, mit den Geschehnissen umzugehen. Ohne spoilern zu wollen, muss ich sagen, dass ich mir an dieser Stelle einen etwas anderen Ausgang der Geschichte gewünscht hätte. Möglicherweise ist es so aber auch der nachvollziehbarste Weg, den Katja hier beschreitet.
So oder so hat Fatih Akin hier erneut einen Film geschaffen, der seinem Hauptcharakter so nah kommt, dass man förmlich mitfühlt, und das schaffen nur die wenigsten Filme.

Der Soundtrack begleitete den Film meist unauffällig, doch teils mit einer Mischung aus treibenden, tiefen Bässen und leisen, unangenehm passenden Streichern, die gerne mal die Nackenhaare zu Berge stehen lassen. Völlig überrascht war ich, als ich in den Credits las, das dafür kein geringerer als der Queens of the Stone Age-Frontmann Josh Homme verantwortlich ist. Fatih Akin hat sich beim Schreiben von dessen Musik inspirieren lassen, sodass er kurzerhand Homme bat, nicht nur einen Song zum Score beizusteuern, sondern gleich den kompletten Soundtrack zu schreiben.

Fazit: Auch wenn „Aus dem Nichts“ nicht in die Geschichtsbücher der Filmlandschaft für eine unkonventionelle Geschichte eingehen wird, bin ich doch tief berührt von seiner emotionalen Wucht und der schauspielerischen Leistung Diane Krugers. Ich gönne Fatih Akin jeden Preis, denn er weiß einfach seine Zuschauerschaft zu fesseln. Klare Empfehlung für alle, die sich auf ein hartes Drama einlassen können. 7 von 10 Popcornguys

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Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)

Titel: Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)
Originaltitel: Birdman or (The Unexpected Virtue of Ignorance)
Regie: Alejandro González Iñárritu
Musik: Antonio Sánchez
Darsteller: Michael Keaton, Edward Norton, Emma Stone

Schauspieler Riggan Thomson (Michael Keaton) erlangte große Berühmtheit in der Rolle des gefiederten Comic-Helden Birdman, doch das ist viele Jahre her. Da seine Filmkarriere praktisch erfolglos ist, möchte sich Riggan nun als Bühnenschauspieler und Regisseur eines Theaterstücks am Broadway beweisen. Doch die Produktion wird durch mehrere Probleme erschwert. Unter anderem kämpft Riggan um die Beziehung zu seiner drogensüchtigen Tochter Sam (Emma Stone) und muss sich gegenüber seinem exzentrischen Hauptdarsteller Mike Shiner (Edward Norton) behaupten. Und letztendlich spricht immer wieder die Stimme Birdmans zu ihm und versucht ihn dazu zu bringen, wieder in das alte Kostüm zu schlüpfen, anstatt diesen verkopften Künstlermist auf die Beine stemmen zu wollen.

Ich bin seit langer Zeit ein großer Fan von Regisseur Alejandro González Iñárritu. In Filmen wie „Amores Perros“, „21 Gramm“ oder „Babel“ bewies er nicht nur ein gutes Händchen für interessante Dramen, sondern zeichnete sich auch durch interessante Erzählstrukturen aus. So verlaufen beispielsweise die Szenen von „21 Gramm“ nicht chronologisch und die Handlung von „Babel“ erstreckt sich über mehrere Kontinente. Iñárritu ist dabei der Meister depressiver Stimmungen und Bilder, denen er aber immer etwas eigentümlich Schönes verleihen kann. Insofern war ich sehr gespannt auf „Birdman“, welcher sicher erstmals einiger komödiantischer Elemente bedienen sollte. Diverse Lobeshymnen steigerten meine Vorfreude, welche nicht enttäuscht wurde: „Birdman“ ist ein meisterhafter Film, der jeden seiner Oscars mehr als verdient hat.

Man kann nicht über „Birdman“ sprechen, ohne Michael Keaton zu loben. Der einstige Batman-Darsteller überzeugt absolut in der Hauptrolle und man fragt sich, was der gute Mann die letzten Jahrzehnte eigentlich getrieben hat. Der unterschwellige Reiz von „Birdman“ ist dafür aber der, dass Keaton in gewisser Weise seinen eigenen Karriereverlauf thematisiert. Doch auch die Nebenrollen sind absolut passend besetzt, egal, ob es sich nun um Zach Galifianakis als Produzent, Andrea Riseborough und Naomi Watts als Schauspielerinnen oder Emma Stone als desillusionierte Tochter handelt. Besonders erwähnen möchte ich aber Edward Norton, der in der Rolle des exzentrischen Method Actors förmlich aufgeht. In den Szenen, die er sich mit Keaton teilt, brennt die Luft. Hier trägt natürlich auch das ausgezeichnete Drehbuch mit den clever geschriebenen Dialogen seinen Teil dazu bei und jeder, der Schauspielkino schätzt, wird „Birdman“ lieben.

Doch auch die technischen Aspekte machen die Klasse dieser Filmperle aus. Für die Kamera zeigt sich Emmanuel Lubezki verantwortlich, der die Zuschauer bereits in „Gravity“ mit seinen langen Plansequenzen verzauberte. Er lässt „Birdman“ wie einen einzigen One-Shot wirken. Natürlich wurde die Kamera während dem Drehen auch mal abgestellt und an zwei, drei Stellen im Film merkt man dies überdeutlich. Aber ansonsten gehen sämtliche Szenen fließend ineinander über und lassen „Birdman“ eine temporeiche Intensität entwickeln. Es gibt im Grunde keinerlei Pause oder Länge, was einem nicht ganz fitten Zuschauer anstrengend vorkommen kann. Doch Kamera und Schnitt ergänzen meisterhaft das Konzept des Films, schließlich werden dadurch Anspannung und nervlicher Verfall das Protagonisten immer deutlicher. Unterstützt wird dies auch durch den minimalistischen, aber voran treibenden Soundtrack, der lediglich aus Jazz-Drumming besteht.

Fazit: „Birdman“ überzeugt auf allen Ebenen. Er ist darstellerisch und technisch grandios, teilt Seitenhiebe auf das moderne Blockbusterkino aus, beschäftigt sich mit der Liebe zu Kino und Theater und wirft die Frage auf, ob Beachtung und Liebe wirklich gleichzusetzen sind. Dieses Naturgewalt von einem Film erhält von mir 9 von 10 Popcornguys!

Boyhood

Titel: Boyhood (Originaltitel: Boyhood)
Regie: Richard Linklater
Musik: Verschiedene
Darsteller: Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Ethan Hawke

Von der Grundschulzeit bis hin zum Eintritt ins College zeigt „Boyhood“ 12 Jahre aus dem Leben von Mason (Ellar Coltrane) aus Austin. Seine Eltern leben geschieden. Während Masons Vater (Ethan Hawke) im Kopf selbst noch ein Kind ist und erst lernen muss, für andere Menschen Verantwortung zu übernehmen, gerät die Mutter (Patricia Arquette) immer wieder an die falschen Männer. Zudem muss sich Mason mit Kindheitsproblemen, dem ersten Verliebtsein, der Pubertät und seiner nervigen Schwester Samantha (Lorelei Linklater) auseinandersetzen.

Besonders mehr möchte ich über die Handlung nicht verraten, doch das muss man bei „Boyhood“ auch nicht. Es handelt sich um eine einfache und alltägliche Geschichte, die zwar unaufdringlich, aber dennoch so eindringlich inszeniert wird, als würde man einem guten Freund beim Erzählen seiner Lebensgeschichte lauschen. Der Film präsentiert herrliche Charaktere, die einem innerhalb weniger Minuten allesamt ans Herz wachsen. Unter anderem möchte ich hierbei Ethan Hawke erwähnen. Vor allem in der ersten Hälfte von „Boyhood“ mimt er auf herrliche Art und Weise den hippen Vater, der seinen Kindern möglichst coole und unkomplizierte Erlebnisse bieten möchte. Auf der anderen Seite steht Patricia Arquette, die als Mutter die meiste Erziehungsarbeit leistet, daneben aber auch ihre Karriere voran bringen will. Weniger glücklich ist dabei ihr Händchen für neue Freunde, die sich in den meisten Fällen als Alkoholiker entpuppen. Zwischen diesen Fronten wachsen Mason und Samantha auf und versuchen, ihren Weg zu gehen. Der Zuschauer hat bei „Boyhood“ das Vergnügen, neben den inneren Entwicklungen der Kinderdarsteller auch die körperlichen Veränderungen beobachten zu können, da es keinen Austausch der Schauspieler gibt.

Hier fällt auch die größte Stärke des Films auf, nämlich der Hintergrund seiner Entstehung. Regisseur Richard Linklater gelang es, seinen Cast über einen Zeitraum von 12 Jahren zusammenzuhalten und auf sehr authentische Art und Weise die Geschichte eines Heranwachsenden zu erzählen. Dies erforderte sicherlich einen ungeheuren Organisationsaufwand, doch es gehörte wohl auch eine gehörige Portion Glück dazu. Schließlich hätten sich gerade die Kinderdarsteller im höheren Alter als nicht besonders fähig erweisen können. Doch das war nicht der Fall und insbesondere Ellar Coltrane erwies sich in seinem dezenten, aber faszinierenden Spiel als ausgezeichnete Wahl. Eine Oscarnominierung für Richard Linklater wäre aufgrund dieser Planung und Weitsicht mehr als angebracht.

„Boyhood“ schwelgt darüber hinaus in nostalgischen Erinnerungen und lässt den ein oder anderen Zuschauer seine eigene Jungend erneut durchleben. Besonders mochte ich die Diskussionen über die Lieblingsfiguren aus „Star Wars“, Masons coole Dragonball-Bettwäsche, diverse Videospiele oder die Verwendung zeitlich passender Musik. Allgemein hat „Boyhood“ einen großartigen Soundtrack, zu welchem Interpreten wie Arcade Fire, Bob Dylan, Coldplay, Gnarls Barkley, Gotye, Paul McCartney und The Hives ihren Teil beigesteuert haben. Nicht vergessen sollte man auch die zum Brüllen komische Version von „Oops! I Did It Again“, die von Masons Schwester Samantha mitten in der Nacht im gemeinsamen Schlafzimmer dargebracht wird.

Der Coming of Age-Film balanciert Humor und Tragik mit brillantem Fingerspitzengefühl und entlässt den Zuschauer mit einem wohligen Bauchgefühl. „Boyhood“ wird dabei nie überspitzt oder gekünstelt dramatisch, sondern bleibt seiner authentischen und geradezu unaufgeregt-aufregenden Linie bis zum Schluss treu. Diese Filmperle erhält von mir 9 von 10 Popcornguys und zählt für mich zu den besten Filmen des bisherigen Kinojahres.

Oscars 2014: PrestoPhisto nennt seine Favoriten

Die Oscars stehen vor der Tür! Zwar konnte man wegen den Veröffentlichungsterminen in Deutschland noch nicht alle Nominierte im Kino sehen, aber ich denke, dass ich trotzdem eine vorsichtige Prognose wagen kann. Wobei Prognose das falsche Wort ist: Es handelt sich eher um eine Wunschliste, die sich nach meinem persönlichen Geschmack richtet, ohne sich an potentieller Academy-Politik zu orientieren. Einige Kategorien lasse ich hierbei auch komplett aus, weil ich entweder zu wenig Ahnung davon habe oder aber kaum einen Film daraus gesehen habe. Doch nun genug gequatscht, hier wäre meine Wahl der Oscar-Gewinner 2014:

Bester Film: GRAVITY
Die Konkurrenz in dieser Kategorie ist wahnsinnig stark. So hätte ich auch nichts gegen einen Sieg von „Captain Phillips“, „Dallas Buyers Club“, „12 Years A Slave“ oder „The Wolf Of Wall Street“. Allerdings fällt meine Wahl doch auf „Gravity“, der mich einfach von vorne bis hinten umgehauen hat.

Beste Regie: MARTIN SCORSESE („The Wolf Of Wall Street“)
Dem Mann gelingt es, mit über 70 Jahren alle Bereiche seines Films „The Wolf Of Wall Street“ nahezu perfekt aufeinander abzustimmen und keinerlei Langeweile aufkommen zu lassen. Das verdient doch wohl eine Auszeichnung!

Bester Hauptdarsteller: LEONARDO DiCAPRIO („The Wolf Of Wall Street“)
Chiwetel Ejiofor („12 Years A Slave“) und Matthew McConaughey („Dallas Buyers Club“) glänzen in ihren Darstellungen. Aber Leonardo DiCaprio feilt seit vielen Jahren an seiner Karriere und macht es dabei so geschickt wie kaum ein anderer. Die Zeit für einen Oscar ist überreif.

Beste Hauptdarstellerin: SANDRA BULLOCK („Gravity“)
Erst kürzlich hat mich Amy Adams in „American Hustle“ extrem fasziniert. Aber ich würde dennoch Sandra Bullock für ihre One-Woman-Show in „Gravity“ auszeichnen.

Bester Nebendarsteller: MICHAEL FASSBENDER („12 Years A Slave“)
Auch in dieser Kategorie ist die Konkurrenz sehr stark – vor allem durch Jonah Hill („American Hustle“) und Jared Leto („Dallas Buyers Club“). Dennoch würde ich Michael Fassbender für seine erschreckende Darstellung eines innerlich zerrissenen Sklavenbesitzers mit dem Oscar würdigen.

Beste Nebendarstellerin: JENNIFER LAWRENCE („American Hustle“)
Gut, Jennifer Lawrence hätte damit ihren dritten Oscar und man muss aufpassen, dass die Auszeichnung keine Selbstverständlichkeit wird. Aber verdient hätte sie es schon!

Bestes Originaldrehbuch: HER
Ich habe den Film zwar nicht gesehen, aber die Idee, die bereits im Trailer vermittelt wird, halte ich für äußerst frisch und originell.

Bestes adaptiertes Drehbuch. 12 YEARS A SLAVE
Ich habe zwar keines der nominierten Bücher gelesen, allerdings finde ich es großartig, dass die fast vergessenen Schriften des einstigen Sklaven Solomon Northup wieder entdeckt wurden.

Bester fremdsprachiger Film: DIE JAGD
Der einzige von mir gesehene Film der Kategorie, aber er hätte es absolut verdient.

Bestes Szenenbild: 12 YEARS A SLAVE
Man merkt dem Film einfach an, dass Steve McQueen seine Wurzeln in der bildenden Kunst hat.

Beste Kamera: GRAVITY
Hierbei muss man wohl nicht viel erklären.

Bestes Kostümdesign: AMERICAN HUSTLE
Der katastrophale Look der 70er Jahre wird hier einfach perfekt eingefangen.

Bester Schnitt: GRAVITY
Diesem Film macht vor allem in den technischen Kategorien einfach niemand was vor.

Beste Filmmusik: GRAVITY
Die Balance aus bedrohlicher Musik und absoluter Weltraumstille ist in meinen Ohren ein Hochgenuss.

Bester Filmsong: „ORDINARY LOVE“ (von U2 aus „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“)
Als langjährigen U2-Fan gibt es für mich eigentlich keine Alternative. Außerdem ist es im Kontext des Mandela-Films eine wirklich schöne Popnummer.

Beste visuelle Effekte: GRAVITY
Auch diese Entscheidung muss ich wohl nicht weiter erklären.

Freut ihr euch auf die Oscars? Was haltet ihr von der gesamten Veranstaltung? Wie würdet ihr entscheiden? Lasst es uns in den Kommentaren wissen!

12 Years A Slave

Titel: 12 Years A Slave (Originaltitel: 12 Years A Slave)
Regie: Steve McQueen
Musik: Hans Zimmer
Darsteller: Chiwetel Ejiofor, Michael Fassbender, Benedict Cumberbatch

Der schwarze Geigenspieler und Familienvater Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor) lebt 1841 als ein freier Mann in den Nordstaaten, als er das lukrative Angebot, vor einem größeren Publikum zu spielen, annimmt. Die vermeintlichen Kunden entpuppen sich jedoch als Kriminelle und verkaufen den Musiker in die Sklaverei. Unter seinem neuen Namen Platt wird er nach New Orleans verschifft, wo er vom Plantagenbesitzer William Ford (Benedict Cumberbatch) erworben wird. Dieser hat ein eher mildes Gemüt und es gelingt dem gebildeten Northup, sich die Gunst seines Masters zu verdienen. Nach einem Zwischenfall mit einem Aufseher (Paul Dano) wird der Sklave jedoch an einen anderen Besitzer weitergereicht, und zwar an den gnadenlosen Edwin Epps (Michael Fassbender). Spätestens hier erlebt Northup die Hölle auf Erden und das einzige, was ihn am Leben festhalten lässt, ist der Gedanke an die Rückkehr zu seiner Familie.

Regisseur Steve McQueen scheint sich grob dem Thema Gefangenschaft verschrieben zu haben. In seinem ersten Kinofilm „Hunger“ ging es um einen inhaftierten IRA-Terroristen im Hungerstreik, während sich „Shame“ auf einen von seiner Sexsucht unterjochten Mann drehte. Nun widmet sich McQueen einem der dunkelsten Kapitel der amerikanischen Geschichte und stützt sich dabei auf die autobiographischen und beinahe völlig ignorierten Aufzeichnungen von Solomon Northup. Hierbei wird das Thema der Sklaverei von jeglicher falschen Romantik befreit und in seiner ganzen Härte schonungslos dargestellt.

McQueen hat seine Wurzeln in der bildenden Kunst, was man unter anderem an seiner Liebe zu Detailaufnahmen und Bildkompositionen erkennt. Diese sind zwar im Gegensatz zu seinen früheren Werken etwas rarer, weil „12 Years A Slave“ eher klassisches Erzählkino ist, aber dennoch auffällig vorhanden. Auch minutenlange Plansequenzen mit Perspektivenwechsel und ohne erkennbaren Schnitt tragen zum optischen Reiz des Films bei. So fängt die Kamera beispielsweise während einer grausamen Folterszene die unterschiedlichen Emotionen und Reaktionen der beteiligten Charaktere allein durch geschicktes Wenden und Drehen ein.

Chiwetel Ejiofor in der Hauptrolle besticht vor allem durch seine ausdrucksstarke Mimik und fängt so den Zuschauer emotional ein. In einer besonders starken Szene steht Northup vor den Gräbern seiner toten Leidensgenossen und stimmt mit den anderen Sklaven ein ergreifendes Lied an. Neben Ejiofor ist es vor allem Michael Fassbender, der in der Rolle des in sich zerrissenen Plantagenbesitzers brilliert. Edward Epps ist alkoholkrank, pervertiert Zitate aus der Bibel, empfindet beim Auspeitschen seines Eigentums abartige Genugtuung und ist gleichzeitig von einer seiner Sklavinnen sexuell besessen. Diese ohnehin unheimliche Filmfigur wird in seiner Unberechenbarkeit von Epps Ehefrau ergänzt, die in ihrer Eifersucht den Anstoß für die wohl brutalste Szene des Films gibt.

In weiteren Nebenrollen sind unter anderem Benedict Cumberbatch, Paul Dano und Paul Giamatti zu sehen, die allesamt gute Leistungen bringen. Allerdings bleiben diese Charaktere – wohl zu Gunsten von Northup und Epps – relativ farblos und hätten insgesamt ein wenig mehr Substanz vertragen. Stärker ausgearbeitete Randfiguren hätten meiner Ansicht nach auch das Agieren von Ejofor und Fassbender noch packender und intensiver gemacht. Ziemlich aufgesetzt wirkt der kanadische Sklavereigegner, der von Brad Pitt dargestellt wird und insgesamt einen zu flachen und idealtypischen Eindruck macht. Der Umstand, dass es ausgerechnet ein moralisch korrekter Weißer ist, der die Hauptfigur unterstützt, ergibt sich allerdings aus dem autobiographischem Aspekt der Geschichte. Negativ zu sehen sind außerdem ein paar kleinere Längen, die sich einschleichen und der leider nur punktuell eingesetzte Soundtrack von Hans Zimmer, der prinzipiell aber gelungen ist.

Fazit: „12 Years A Slave“ erreicht für mich leider nicht die selbe emotionale Wucht von „Schindlers Liste“, zu welchem ich einige Parallelen sehe, dennoch ist Steve McQueen ein höchst ergreifendes Werk und eine schnörkellose Darstellung der amerikanischen Sklaverei gelungen. 9 von 10 Popcornguys!

Captain Phillips

Titel: Captain Phillips (Originaltitel: Captain Phillips)
Regie: Paul Greengrass
Musik: Henry Jackman
Schauspieler: Tom Hanks, Barkhad Abdi

Richard Phillips (Tom Hanks) ist Kapitän des Container-Frachtschiffs Maersk Alabama und muss mit diesem eine riskante Route entlang des Horns von Afrika befahren. Vor der Ostküste Somalias kommt es schließlich zur Konfrontation mit Piraten. Den Angreifern unter dem Kommando eines Mannes namens Muse (Barkhad Abdi) gelingt es, den Frachter zu kapern und Teile der Besatzung in ihre Gewalt zu bringen. Um seine Crew vor weiteren Ausschreitungen zu schützen, riskiert es Phillips, von den Piraten als Geisel genommen zu werden.

Ich muss zugeben, dass mich die Trailer zu „Capatin Phillips“ zwar interessierten, aber niemals vollends überzeugten. Die Befürchtung, dass es mal wieder einer jener Filme wird, die sich zu stark auf das bedeutungsschwangere Aushängeschild „Basierend auf einer wahren Begebenheit“ stützen, war vorhanden. Am Ende hat mich dann doch der gute alte Tom Hanks ins Kino gelockt – und ich sollte es keineswegs bereuen.

Dem Regisseur Paul Greengrass gelingt es in „Captain Phillips“, von der ersten bis zur letzten Szene gehörig Spannung aufzubauen – eine Leistung, die bei einer Lauflänge von über 130 Minuten mehr als beachtlich ist. Ab dem ersten Angriff der Piraten habe ich mich im Kinosessel hin und her gewälzt und konnte nicht anders, als mitzufiebern. Dieser Effekt ist natürlich umso intensiver, je weniger man über den tatsächlichen Richard Phillips weiß – in meinem Fall war die Sache ideal, da ich nämlich gar nichts wusste und mir daher während dem Film nicht mal ansatzweise vorstellen konnte, wie es denn nun ausgehen wird.

Ein weiterer großer Pluspunkt ist die recht ambivalente Inszenierung der Thematik. Glücklicherweise verzichtet „Captain Phillips“ auf jegliche Schwarz-Weiß-Malerei und lässt amerikanisch-militanten Patriotismus nur zu einem Minimum heraus hängen. Stattdessen wird in einigen Szenen am Anfang des Films auch die schwierige Lage der Somalier betrachtet. Die Schattenseiten der Globalisierung werden deutlich, wenn der Zuschauer merkt, dass einstige Fischer in die Kriminalität getrieben werden, um ihre Familien ernähren zu können. In diesem Zusammenhang wird auch der Pirat Muse vorgestellt, ein hagerer junger Mann mit großen Ambitionen. Gespielt wird er vom bislang unbekannten Barkhad Abdi, der in seiner ersten Filmrolle ein erstaunlich intensives Spiel bietet und dem Zuschauer hoffentlich länger im Gedächtnis bleiben wird. Dennoch dreht sich „Captain Phillips“ ganz eindeutig um den von Tom Hanks dargestellten Titelhelden. Dabei zeigt Hanks mal wieder eine großartige Performance, die insbesondere in den letzten Minuten des Films ganz klar oscarwürdig ist. Ich muss zugeben, dass mich die besagte Szene sehr rührte und das gesamte Werk endgültig in die oberen Bewertungsklassen katapultierte.

Sonderlich viel gibt es von meiner Seite aus nicht zu bemängeln. Eventuell hätten manche Charaktere etwas mehr Hintergrund und Farbe vertragen, doch falls dies auf Kosten des imposanten Spannungsaufbaus gegangen wäre, bevorzuge ich doch das tatsächliche Endprodukt. In jedem Fall gehe ich davon aus, dass „Captain Phillips“ bei der kommenden Oscar-Verleihung eine Rolle spielen wird – und zwar berechtigt. Ich vergebe 9 von 10 Popcornguys.

The Artist

Titel: The Artist (Originaltitel: The Artist)
Regisseur: Michael Hazanavicius
Musik: Ludovic Bource
Darsteller: Jean Dujardin, Bérénice Bejo, James Cromwell

Hier der Trailer.

Hollywood im Jahr 1927: Der Stummfilmschauspieler George Valentin (Jean Dujardin) ist der unbestrittene Star der Filmszene. Die Zuschauer liegen dem Charmeur zu Füßen, ebenso die Damenwelt. Durch eine zufällig erscheinende Begegnung fördert Valentin die Filmkarriere seines weiblichen Fans Peppy Miller, für die er schnell tiefere Gefühle entwickelt.Doch mit dem Übergang vom Stumm- zum Tonfilm beginnt   das Ende des Erfolgs von George Valentin.

Ein schwarz-weißer Stummfilm im Jahre 2012? Das werden sich wohl viele Fragen, die erstmals von „The Artist“ hören. Auch ich war anfangs eher distanziert. Schließlich fehlt mir aufgrund meines Alters völlig der Bezug zur Stummfilmära und nostalgische Gefühle würden aus diesem Grund überhaupt nicht aufkommen. Die ältesten Filme, die ich bisher bewusst gesehen habe, dürften „Moby Dick“ (1956), „King Kong und die weiße Frau“ (1933) und „Im Westen nichts Neues“ (1930) sein. Für einen Großteil der breiten Masse haben diese Streifen wohl Fossilien-Charakter, doch immerhin weisen sie bereits Ton auf.

Was hat mich schließlich doch dazu gebracht, mir „The Artist“ anzusehen? Nun, ich denke, dass es zum einen meine Neugier auf ein doch recht mutiges Filmprojekt war. Zum anderen hat der Film bei der diesjährigen Oscarverleihung einige Preise abgeräumt, unter anderem in der Königsdisziplin „Bester Film“. Auch wenn man nicht kritiklos den Oscars vertrauen sollte (denn schließlich sind sie ja keine goldenen Popcornguys), können solche Erfolge einen Vertrauensvorschuss bewirken. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Wie gesagt, Nostalgie kann es nicht gewesen sein, was ich während des Films spürte. Aber es gab Momente in „The Artist“, die mich wirklich tief berührten und die es mit Ton kaum besser geschafft hätten – höchstwahrscheinlich sogar weniger gut. Das Fehlen von Geräuschen und Stimmen gibt den oftmals hörgeschädigten Zuschauer des 21. Jahrhunderts die Chance, sich ungestört auf andere Elemente des Films zu konzentrieren: Bild, Musik und Gestik, beziehungsweise Mimik der Schauspieler.

Die Musik erscheint – ohne jedoch altbacken zu wirken – wie aus einer anderen Zeit. Das Hollywood der 30er Jahre tut sich einem in zahlreichen Facetten auf und dem Soundtrack gelingt es, die verschiedenen Stimmungen perfekt einzufangen, beziehungsweise zu transportieren. Auch die Bildkompositionen werden zu Kunstwerken, die man – wie bereits erwähnt – aufgrund der fehlenden Stimmen viel bewusster wahrnimmt. Als Beispiel fällt mir eine Szene ein, in der George Valentin bei einem Tiefpunkt seiner Karriere angekommen ist und niedergeschlagen an einem Kino vorbeigeht. Dort wird gerade ein Film mit dem Titel „Lonely Star“ beworben. Diese Bildanordnung in Kombination mit der Musik ergibt ein meiner Meinung nach perfektes und absolut stimmiges Stückchen Kunst. Der Schnitt und die Kameraeinstellungen sind allerdings – zumindest würde ich das so sehen – den heutigen Kinogewohnheiten größtenteils angepasst.

Natürlich lebt „The Artist“ aber auch von seinen Schausspielern. Jean Dujardin brilliert in seiner Rolle, in der er sowohl charismatisch-komisch-überheblich, als auch tragisch-niedergeschlagen überzeugt. Die Verleihung des Oscars ist hier in jedem Fall gerechtfertigt, es gelingt ihm als männliche Hauptfigur den Zuschauer vom ersten Moment an zu faszinieren. Doch da ich ein Mann bin, muss ich einfach die Leistung von Bérénice Bejo erwähnen. Selten hat mich ein weibliches Geschöpf auf der Kinoleinwand so verzaubert. Sie spielt witzig, frech und kess, bewegt sich mit viel Charme und Tanz über die Bildfläche, hat aber ebenso Momente, in denen sie unglaublich zerbrechlich wirkt und man sie einfach nur in den Arm nehmen will. Dass sie den Oscar für die beste Nebenrolle nicht bekommen hat, ist meiner Meinung nach eine Frechheit und sollte mit der Verleihung des goldenen Popcornguy im nächsten Jahr berichtigt werden.

Die Handlung an und für sich ist nicht besonders originell und komplex, aber das muss sie auch nicht sein. „The Artist“ ist eine Tragikomödie mit genügend anderen unkonventionellen Stilmitteln. Die Schlichtheit des Plots erzeugt eine unheimlich angenehme Wärme und es ist einfach nur ein Vergnügen, diesen Film und den Werdegang der beiden Hauptfiguren bis zum Ende zu verfolgen. Als besonders trickreicher Kniff erscheint mir, die Thematik des Endes der Stummfilmära mit einem Stummfilm zu thematisieren. An vielen Stellen spielt „The Artist“ auch mit der Konkurrenz der beiden Epochen. Beispielsweise leidet der durch den Tonfilm bedrohte George Valentin unter einem schlimmen Traum, in welchem auf einmal Geräusche zu hören sind.

Um zum Schluss zu kommen: „The Artist“ ist ein großartiger Film aus französischer Produktion, den man als Filmfan keinesfalls verpassen sollte – auch, wenn einem sonst der Bezug zum Stummfilm fehlt. Ich verteile vorerst 9 von 10 Popcornguys.

Noch ein kleiner Hinweis zum Schluss: Bitte wählt eure Favoriten für die Verleihung der Golden Popcornguys! Weitere Infos gibt es..