Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Titel: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri
Originaltitel: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri
Regie: Martin McDonagh
Musik: Carter Burwell
Darsteller: Frances McDormand, Sam Rockwell, Woody Harrelson

Mildred Hayes (Frances McDormand) lebt in der amerikanischen Kleinstadt Ebbing und hat mit einem schweren Schicksal zu kämpfen: Ihre Tochter wurde vergewaltigt und getötet. Das ist nun Monate her und die polizeilichen Ermittlungen stehen still. Mildred möchte den Fokus der Öffentlichkeit wieder darauf lenken und mietet drei große Werbetafeln außerhalb von Ebbing. Diese werden mit den provokanten Sätzen „RAPED WHILE DYING“, „AND STILL NO ARRESTS?“ und „HOW COME, CHIEF WILLOUGHBY?“ beklebt. Mildred macht für die Ergebnislosigkeit des Falls also Sheriff Bill Willoughby (Woody Harrelson) verantwortlich, dessen Truppe eher damit beschäftigt zu sein scheint, Banalitäten nachzugehen oder Schwarze zu verprügeln. Besonders rassistisch fällt hierbei Officer Jason Dixon (Sam Rockwell) auf.

„Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ist der neue Film von Regisseur Martin McDonagh, von dem man bereits Werke wie „Brügge sehen… und sterben?“ und „7 Psychos“ bestaunen durfte. Diese zeichneten sich vor allem durch skurrile Charaktere und tragikomische Elemente aus. Das bekommt man nun in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ auch – doch dieser Film ist meiner Meinung nach nochmal eine Ecke besser, was den Oscar-Hype gerechtfertigt.

„Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ist wie ein üppiges Menü, bei dem man sich vor dem Essen fragt, wie all diese unterschiedlichen Speisen denn zusammenpassen sollen. Da gibt es Szenen, in denen ich tatsächlich laut lachen musste, was bei mir im Kino selten passiert. Doch gleich darauf passieren Dinge, die einem Schlag in die Magengrube gleich kommen. Ein solcher Mix kann schnell nach hinten losgehen. Doch Regisseur McDonagh, der sich auch für das Drehbuch verantwortlich zeigt, erzählt die Geschichte mit einer wunderbaren Balance zwischen Tragik und Komik. Gepaart mit den vielen Überraschungen und einigen unkonventionellen Entscheidungen ergibt das einen sehr dichten Film, der zu keinem Zeitpunkt langweilig wird.

Natürlich lebt „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ aber hauptsächlich von seinen Charakteren und den damit verbundenen Darstellern, die allesamt groß aufspielen. Anfangen möchte ich mit der Hauptfigur. Mildred (wunderbar ruppig und knorrig: Frances McDormand) kritisiert die Polizeiarbeit und den dortigen Rassismus. Da hat sie ohne Frage Recht und der aktuelle Bezug wird deutlich, wenn man sich beispielsweise die entsprechende Lage in den USA vor Augen führt. In einer solchen Ausgangssituation wäre es natürlich verlockend (und auch einfach) gewesen, aus Mildred eine strahlende, durch und durch aufgeklärte Heldin zu machen, die sich Institutionen und gesellschaflichem Konservatismus entgegen stellt und handelt. Doch diesen Weg geht der Film nicht. Stattdessen hat auch Mildred ihre Schwächen: Sie pflegt eigene Vorurteile, wird von Schuldgefühlen und Egoismus angetrieben und hat zuweilen totalitäre Anwandlungen. Ja, man könnte sogar soweit gehen und Mildred hier und da als unsympathisch bezeichnen.

Ähnlich differenziert sieht es bei den Nebencharakteren aus. Auch hier wäre es leicht gewesen, aus Sheriff Whilloughby (stark: Woody Harrelson) einen schwachen Polizeichef zu machen, der angesichts der rassistischen Vergehen seiner Leute wegschaut. Nun, das tut er zwar auch, doch damit ist der Charakter nicht fertig. Whilloughby trägt seine eigenen Probleme mit sich herum, wird als liebevoller Vater gezeigt und sorgt sich am Ende mehr um die Einwohner Ebbings, als man anfangs denkt. Ebenso interessant gestaltet sich die Figur von Officer Dixon, welchem Sam Rockwell auf unfassbar gute Art und Weise Leben einhaucht. Der Polizist ist ein Rassist durch und durch und handelt im Film mehrmals furchtbar. Aber gleichzeitig kann man sich als Zuschauer einer gewissen Sympathie nicht entziehen – und letztendlich steckt auch hinter Dixon mehr, als eine bloße schwarz-weiß-Schablone hergeben würde.

Jetzt könnte man natürlich damit argumentieren, dass die guten Seiten und Taten der Charaktere ihre schlechten Züge keineswegs aufheben oder vergessen machen. Das mag sein, allerdings möchte ich hier betonen, dass man all das vor dem Hintergrund McDonaghs Skurrilität sehen muss. Außerdem war mein Gefühl während dem Film ein anderes. Fast jede Figur in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ handelt egoistisch und gefährdet damit jegliche Form von Gemeinschaft. Alle Charaktere sehen sich im Recht, bis sie schließlich auf ihr einfachstes und verletztlichstes Menschsein heruntergebrochen werden. Und wenn sich die Figuren in jenen Momenten begegnen, kommt es zu einigen sehr schönen und intimen Szenen, in denen Wut durchbrochen wird und in denen Gemeinschaft zu spüren ist, wie man sie nicht erwartet hätte. Vielleicht kommen im Film nicht alle zu ihrem Recht oder bekommen das, was sie verdienen. Doch auf eine seltsame Art und Weise hinterlässt mich „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ mit einem optimistischen Gefühl – und das ist in einer Welt, wo sich Extreme zuspitzen und man anscheinend alles und jeden hassen muss, schon etwas wert.

Für die Oscars kann man „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ die Daumen drücken. Ich verteile starke 9 von 10 Popcornguys!

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Wunder

Originaltitel:y Wonder
Regie: Steven Chbosky
Maske: Arjen Tuiten
Darsteller: Jacob Tremblay, Julia Roberts, Owen Wilson

Der 10-jährige Auggie (Jacob Tremblay) ist aufgrund eines Gendefekts schwer entstellt. Selbst nach zahlreichen Operationen muss er sich unangenehmen Blicken aussetzen, vor denen ihn seine Eltern so gut es geht schützen wollen. Als er nun endlich zum ersten Mal in eine Schule geht, muss er sich und seine Mitmenschen neu kennen lernen.

Ein Drama mit so einem Plot, voll mit nahbaren Charakteren, die ihre Probleme teils offen in die Welt tragen, teils still mit sich herumtragen, läuft schnell Gefahr, allzu schwer auf die Tränendrüse drücken zu wollen. Diesem Vorurteil kann sich „Wunder“ nicht immer erwehren, punktet aber doch mit einer eigenständigen Geschichte, die von konventionellen Erzählmethoden abweicht.

Der Cast wirkt durchweg solide: Jacob Tremblay spielt trotz zentimeterdicker Maske im Gesicht sehr überzeugend und haucht einem Jungen Leben ein, der Tag für Tag auf den Umstand, nicht „normal“ zu sein, erinnert wird. Julia Roberts als fürsorgliche Mutter und Owen Wilson als flippiger Vater passen gut ins Ensemble. Ebenso die restlichen Darsteller, angefangen von Auggies großer Schwester über den Schulrektor hin zu den Schülern. Diese sorgen zwar für manche gar hölzerne Szenen und peinliche Dialoge (mag auch an der deutschen Synchro liegen), aber geben insgesamt ein gutes Bild ab. Interessant ist, dass wir nicht nur Auggie als Hauptperson im Mittelpunkt begleiten, sondern auch Ausflüge in Form von Portraits seiner Familienmitglieder und Freunde hinzukommen. Dies sorgt nicht nur für Abwechslung, sondern gibt den Figuren auch viel Tiefe und überraschende Einsichten in deren Denken und Handeln. Diese Erzählform scheint der Film zum Schluss hin allerdings zu vergessen. Ich kenne die Romanvorlage nicht, könnte aber an dieser liegen – da hätte mir etwas mehr Kontinuität besser gefallen.

Auggies großer Schritt in die Schule und damit in eine größere Umgebung mit regelmäßigen Kontakt zu anderen Menschen wird begleitet von zu vermutenden Themen: Angst vor Fremdem, Neugier, Mobbing, Freundschaft. Dies verpackt der Film äußerst charmant, sodass ich mir den Einsatz dieses Filmes auch sehr gut in Schule und Jugendarbeit vorstellen kann. Auggies Blick auf die Welt – verbunden mit seiner lebhaften Fantasie, eröffnet den Blick auf die Welt eines Außenseiters und lässt uns kritisch auf unser eigenes Verhalten blicken. „Wunder“ schafft es, all das zu bearbeiten, ohne sich völlig in Klischees zu verlieren.
Die vielen Handlungsstränge, welche die vielen Charaktere mit sich bringen, geben der Geschichte viel Tiefe, behindern allerdings auch etwas das Pacing. Zwar würde das der Buchvorlage nicht gerecht werden – aber ein paar Kürzungen hätten dem Film vermutlich ganz gut getan.

Fazit: Charmant, witzig, mit ganz viel Herz. „Wunder“ bringt zum Lachen und berührt den Zuschauer. Zuschauern allen Alters vermittelt er großartige Botschaften zu Familie, Freundschaft und Mobbing – ohne zu moralisieren, sondern schlicht an die Menschlichkeit zu appellieren.

Aus dem Nichts

Regisseur: Fatih Akin
Musik: Joshua Homme
Darsteller: Diane Kruger, Denis Moschitto

Das Leben von Katja Sekerci stellt sich mit einem Schlag auf den Kopf, als ihr Mann Nuri und der gemeinsame Sohn Rocco bei einem Bombenanschlag im Büro ihres Mannes ums Leben kommen. Nicht nur die schmerzliche Trauer, sondern der Wunsch nach Gerechtigkeit setzen ihr schwer zu, denn die Ermittler konzentrieren sich auf die kriminelle Vergangenheit Nuris – bis es schließlich zum Prozess kommt, der Katja alle Kräfte kostet.

Ich muss zugeben – würde „Aus dem Nichts“ nicht so viel internationale Aufmerksamkeit einfahren, hätte ich ihn mir vermutlich nicht im Kino angesehen. Auch wenn Fathi Akin schon längst ein großer Name in einer doch eher kargen deutschen Filmlandschaft ist, hat mich dieses Drama nicht unbedingt angesprochen. Nachdem „Aus dem Nichts“ in Cannes gefeiert, und nun sogar in die Auswahl möglicher Oscarkandidaten geraten ist, musste ich nun doch einmal einen Blick riskieren.
Präsentiert wurde mir hier ein tiefgreifendes Drama in drei Akten, das deutlich an die Nieren geht. Der Film lässt kein Detail aus, uns den Schmerz einer Frau in allen Einzelheiten darzulegen, die alles verloren hat. Hier ein großes Lob an Diane Kruger, die ihre Rolle auf so großartige Weise ausfüllt, dass es wehtut hinzusehen.
Der mittlere Teil des Films erzählt den Verlauf der Prozesse, wo die empfindliche Emotionalität einer trauernden Mutter und Ehefrau auf die kalte Amtsssprache eines Gerichtssaals trifft. Fatih Akin hat selbst mehreren NSU-Prozessen zu Recherchezwecken beigewohnt, und das merkt man deutlich. Nicht nur wird ein realistisches Bild eines Prozesses gezeichnet, sondern auch der – völlig zurecht kritisierte – sehr schwierige Umgang der Behörden in den realen NSU-Prozessen.
Schließlich führt der dritte Akt Katja auf ihren ganz persönlichen Weg, mit den Geschehnissen umzugehen. Ohne spoilern zu wollen, muss ich sagen, dass ich mir an dieser Stelle einen etwas anderen Ausgang der Geschichte gewünscht hätte. Möglicherweise ist es so aber auch der nachvollziehbarste Weg, den Katja hier beschreitet.
So oder so hat Fatih Akin hier erneut einen Film geschaffen, der seinem Hauptcharakter so nah kommt, dass man förmlich mitfühlt, und das schaffen nur die wenigsten Filme.

Der Soundtrack begleitete den Film meist unauffällig, doch teils mit einer Mischung aus treibenden, tiefen Bässen und leisen, unangenehm passenden Streichern, die gerne mal die Nackenhaare zu Berge stehen lassen. Völlig überrascht war ich, als ich in den Credits las, das dafür kein geringerer als der Queens of the Stone Age-Frontmann Josh Homme verantwortlich ist. Fatih Akin hat sich beim Schreiben von dessen Musik inspirieren lassen, sodass er kurzerhand Homme bat, nicht nur einen Song zum Score beizusteuern, sondern gleich den kompletten Soundtrack zu schreiben.

Fazit: Auch wenn „Aus dem Nichts“ nicht in die Geschichtsbücher der Filmlandschaft für eine unkonventionelle Geschichte eingehen wird, bin ich doch tief berührt von seiner emotionalen Wucht und der schauspielerischen Leistung Diane Krugers. Ich gönne Fatih Akin jeden Preis, denn er weiß einfach seine Zuschauerschaft zu fesseln. Klare Empfehlung für alle, die sich auf ein hartes Drama einlassen können. 7 von 10 Popcornguys

Personal Shopper

Titel: Personal Shopper
Regisseur: Olivier Assayas
Kamera: Yorick Le Saux
Darsteller: Kristen Stewart, Lars Eidinger, Sigrid Bouaziz



Die Amerikanerin Maureen (Kristen Stewart) arbeitet in Paris für die Prominente Kyra (Nora von Waldstätten) als Personal Shopper – sie reist durch ganz Europa, um Kleidung, Schmuck und Schuhe für ihre Arbeitgeberin einzukaufen. Eigentlich hasst sie diesen Job, doch ist sie auf ihn angewiesen, um weiter in Paris warten zu können. Genau wie ihr Zwillingsbruder Lewis ist sie ein Medium mit besonderer Sensibilität zum Jenseits. Maureen wartet geduldig am Ort seines Todes, um ein letztes Zeichen von Lewis zu erhalten.

Personal Shopper machte auf sich aufmerksam, als Olivier Assyas in Cannes als bester Regisseur dafür geehrt wurde. Das nachdenklich stimmende, ruhige Drama um eine junge Frau, die sich an die Vergangenheit klammert, um den Schmerz um sich herum ertragen zu können, entstand nach der ersten Zusammenarbeit zwischen Assyas und Stewart in „Die Wolken von Sils Maria“. Dem Drehbuchautor und Regisseur ist damit ein Glücksgriff gelungen, denn Kristen Stewart füllt diese Rolle mit einer unauffälligen, und doch starken Präsenz, sodass man kaum die Augen von ihr abwenden möchte.

Ein ganzes Stück dazu leistet vermutlich die Arbeit des Kameramanns, der in ungewöhnlichen, und doch unaufgeregten Blickwinkeln eine bittere wie schöne Atmosphäre schafft.

Eigentlich ist es ein schweres Stück, dass uns Assyas da vorsetzt: Einerseits begleitet der Zuschauer eine junge Frau in einer schwierigen Phase ihres Lebens, mitten im Versuch, den eigenen Weg ausfindig zu machen. Gleichzeitig werden hier Geisterséancen, Übersinnliche Kunst und Philosophie über Seele und Jenseits ins Spiel gebracht. Heraus kommt ein kalt wirkendes Werk, das den Betrachter unschlüssig zurück-, und doch nicht loslässt.

Fazit: Auf leisen Sohlen dringt diese Geschichte in den Kopf derjenigen ein, die sich darauf einlassen. Personal Shopper ist ein ruhiger Film, der einem beizeiten aber auch auf die Stuhlkante rutschen lässt. Ein Tipp für Kristen Stewart-Fans und alle, die sich auf eine ungewöhnliche Reise einlassen wollen. 8 v0n 10 Popcornguys! 

Lady Macbeth

Titel: Lady Macbeth
Originaltitel: Lady Macbeth
Regie: William Oldroyd
Musik: Dan Jones
Darsteller: Florence Pugh, Cosmo Jarvis, Naomi Ackie

England, 1865: Die junge Katherine (Florence Pugh) wird mit dem reichen, aber bedeutend älteren Minenbesitzer Alexander (Paul Hilton) verheiratet. Es zeigt sich schnell, dass dieser von der Ehe nicht sonderlich begeistert ist und wenig Interesse an seiner Gemahlin hat. Gemäß des damaligen Frauenbildes behandelt er Katherine wie seinen Besitz und untersagt ihr, das Haus zu verlassen. Die junge Frau ist in der sozialen und auch räumlichen Enge gefangen und verfällt in einen eintönigen Trott. Erst als Ehemann und Schwiegervater Boris (Christopher Fairbank) das Haus aus beruflichen Gründen verlassen, kann sie durchatmen und ihrem Hausarrest entkommen. Draußen trifft sie auf Sebastian (Cosmo Jarvis), einen Arbeiter auf Alexanders Anwesen, der wegen seiner rohen und direkten Art sehr anziehend auf Katherine wirkt. Die beiden beginnen eine stürmische Affäre.

Wenn man das Wort „Kostümfilm“ hört, mag der ein oder andere gähnen und abwinken. Und ja, „Lady Macbeth“ ist ein Film der ruhigen Sorte – doch er hat es in sich. Und zwar so richtig. Von den guten Kritiken angelockt, habe ich mich ins Kino begeben und mir das Spielfilm-Debut von Regisseur William Oldroy angesehen. Dieser hat vorher einige Kurzfilme gedreht, vor allem aber Erfahrung am Theater gesammelt. Insofern scheint der Filmtitel perfekt zu passen, doch Shakespeare sollte man nicht direkt erwarten. „Lady Macbeth“ ist vielmehr die Verfilmung der russischen Novelle „Die Lady Macbeth von Mzensk“, die als wichtiges Werk der Emanzipation gilt. Gekonnt lässt Oldroy mit der starren Kamera schöne, aber gleichzeitig auffällig unterkühlte Bilder einfangen, die gut zur Enge der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts passen. Alles hat seinen Platz, nicht nur das Mobiliar, sondern auch die Menschen, die mehr oder weniger leblos ihre vorgebene Rolle spielen. Eine jedoch bringt das Gefüge durcheinander: Katherine.

Und hier ist man beim Dreh- und Angelpunkt des Films angelangt. Katherine, von der Newcomerin Florcence Pugh wunderbar nuanciert gespielt, möchte aus dem gesellschaftlichen Korsett ausbrechen und sich selbst verwirklichen. Dass sie rebelliert, merkt der Zuschauer recht schnell. Und als aufgeklärter Mensch des 21. Jahrhunderts wünscht man dieser jungen und mutigen Dame auf der Kinoleinwand natürlich jeden Erfolg. Dabei ist es erwähnenswert, dass Katherine nicht aus der Zeit gefallen erscheint, sondern trotz ihres unzeitgemäßen Bestrebens fest in ihrer Epoche verwurzelt ist. Sie wirkt realistisch und nicht wie ein innerfilmischer Fremdkörper, der in bizarrer oder aufdringlicher Weise eine moderne Anschauung präsentieren. Das fand ich sehr angenehm. Doch meine Sympathien gegenüber Katherine verflogen während des Films zunehmend. Wer davon ausgeht, dass wir hier eine Filmheldin haben, die sich in bewunderswerter und vorbildhafter Weise ihre Rechte erkämpft, wird schnell eines Besseren belehrt. Katherine entpuppt sich als eiskalt und berechnend, sie spielt die Menschen in ihrem Umfeld bitterböse gegeneinander aus und profitiert in ihrer Emanzipation ironischerweise davon, dass andere nicht aus ihrer sozialen Position ausbrechen können. Ich möchte auf keine weiteren Details eingehen, aber letztendlich haben wir es hier meiner Meinung nach mit einer waschechten Antiheldin zu tun, deren Verhalten zwar nachvollziehbar, aber alles andere moralisch ist. Ein Film, der seine Protagonistin nach und nach zu einer Unsympathin macht, ist in jedem Fall mutig und riskiert viel. Doch glücklicherweise ist die Rechnung in „Lady Macbeth“ aufgegangen und liefert darüberhinaus einige Denkanstöße. Beispielsweise könnte man sich nun fragen, ob die moralischen Vergehen Katherines nicht auch einfach nur ein Ergebnis der engen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts ist.

Fazit: Das Drama „Lady Macbeth“ ist die Charakterstudie einer höchst interessanten, aber auch abschreckenden Frau, welche provokant und mutig mit den Zuschauererwartungen spielt. Die schönen, aber kühlen Bilder unterstützen den Inhalt, doch getragen wird der Film hauptsächlich von der beeindruckenden Darstellung von Florence Pugh. Ich vergebe 8 von 10 Popcornguys an diese starke Überraschung im ausgehenden Kinojahr.

Planet der Affen: Survival

Titel: Planet der Affen: Survival
Originaltitel: War for the Planet of the Apes
Regie: Matt Reeves
Musik: Michael Giacchino
Darsteller: Andy Serkis, Woody Harrelson, Amiah Miller

Einige Jahre nach dem Ausbruch der sogenannten Affengrippe scheint eine Koexistenz zwischen Affen und Menschen unmöglich – erst recht nach dem brutalen Angriff des rachsüchtigen Koba (Toby Kebbell) auf die Überlebenden in San Franciso. Doch Koba ist tot und der Schimpanse Caesar (Andy Serkis) führt nach wie vor seine Gruppen Affen an. Inzwischen droht Gefahr von einer anderen Seite: Eine Militäreinheit namens „Alpha-Omega“ versucht, die Affen in den Wäldern aufzuspüren und zu töten. Angeführt werden die Militärs von einem fanatischen Colonel (Woody Harrelson), der in dem Konflikt eine schier religiöse Verpflichtung sieht. Caesar, bislang um Frieden und Toleranz bemüht, wird vor schwere Prüfungen und Entscheidungen gestellt.

Die aktuelle Blockbusterlandschaft ist von eher trostlosem Charakter – und ähnlich spritzig war der diesjährige Kinosommer. Doch hin und wieder gibt es Lichtblicke. Einer davon ist der dritte Teil der neuen „Planet der Affen“-Trilogie. Bereits die beiden vorherigen Filme habe ich sehr genossen und dementsprechend habe ich mich auf den Abschluss der Trilogie gefreut. Ich wurde nicht enttäuscht.

Zunächst muss das angesprochen werden, was von der ersten Sequenz an ins Auge sticht: Die Technik. Bereits die Vorgänger haben 2011 und 2014 für Aufsehen gesorgt. Doch 2017 übertrifft sich Weta Digital (die Effekt-Firma wurde vor allem durch die „Herr der Ringe“-Trilogie bekannt) nochmal selbst. Realistischer sahen die Affen, aufwendig durch Motion-Capture-Verfahren zum Leben erweckt, noch nie aus. Die Details – beispielsweise die Mimik oder das nasse Fell – haben mich stark verblüfft. Besser kann es eigentlich nicht werden, doch das dachte man 2011 und 2014 ja auch schon. Der optische Genuss wird durch eine gelungene Kameraführung und den wie immer guten Soundtrack von Michael Giacchino unterstützt. Die Musik vermittelt Größe, überzeugt aber vor allem in den persönlichen und emotionalen Szenen zwischen einzelnen Charakteren. Überhaupt ist der Film eher ruhiger und lässt sich Zeit, die Action wird wohl dosiert eingesetzt, dann aber durchaus knackig.

In Sachen Story könnten die Trailer auf eine falsche Fährte führen: Auf der einen Seite Affen, auf der anderen Menschen, alles spielt irgendwie im Wald – das kennt man doch schon. Doch das täuscht. Ich möchte aus Spoilergründen nicht zu viel verraten, doch die Handlung bietet einen Twist, welcher die gesamte Science-Fiction-Thematik der Filmreihe auf ein neues Level hebt. Eben jenen Twist fand ich derart interessant, dass ich aus der Richtung gerne noch mehr erfahren hätte. Womöglich hat man es sogar verpasst, am Ende des Films einen entsprechenden Wow-Effekt zu präsentieren. Aber nichtsdestotroz bin ich mit der Handlung zufrieden. Mindestens ebenso wichtig wie die Story sind die Charaktere im finalen Affen-Film. Egal ob Hauptfigur Caesar, der unverwüstliche Rocket (Terry Notary) oder Orang-Utan Maurice (Karin Konoval), die gute Seele der Trilogie – irgendwie hat man sie alle ins Herz geschlossen. Und obwohl es eigentlich nur animierte Affen sind, geht man als Zuschauer emotional mit und hofft, dass alle am Ende noch leben. Da es in erster Linie Caesars Reise ist, wird seinem Charakter natürlich besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Seine Situation ist derart schwer, dass er sich zwischen Toleranz oder Zorn entscheiden muss – aber mehr soll an dieser Stelle nicht gesagt werden.

Die Probleme des Films sind eher kleinerer Natur und auch eine Frage des Geschmacks. Beispielsweise gibt es einen Charakter namens Böser Affe (Steve Zahn), der in seiner schusseligen Art die zugegeben recht depressive Stimmung auflockern soll. Manchmal funktioniert das auch – manchmal aber auch gar nicht. Das sind dann so Momente, die zumindest mich etwas aus dem Film reißen. Hinzu kommen ein paar kleinere Längen im Mittelteil, aber im Grunde ist das nichts, was man dem Film mächtig ankreiden könnte.

Fazit: Alles in allem hat uns Regisseur Matt Reeves wieder einen guten Blockbuster geliefert – und darüber hinaus die Trilogie absolut zufriedenstellend abgeschlossen. Besonders oft passiert das Filmreihen ja nicht. Zwar lässt man sich auch hier ein paar gar nicht mal so uninteressante Hintertürchen offen, aber in erster Linie ist es doch die Geschichte Caesars, die hier zum Abschluss kommt. Ich verteile starke 8 von 10 Popcornguys und empfehle den Gang ins Kino – falls der Film bei euch noch läuft.

Sieben Minuten nach Mitternacht

Titel: Sieben Minuten nach Mitternacht
Originaltitel: A Monster Calls
Regie: Juan Antonio Bayona
Musik: Fernando Velázquez
Darsteller: Lewis MacDougall, Felicity Jones, Sigourney Weaver

Conor O’Malley (Lewis McDougall) ist 12 Jahre alt und lebt zusammen mit seiner krebskranken Mutter (Felicity Jones). Diese ist durch die Behandlungen sehr angeschlagen, weswegen Conor sich viel um sie und den Haushalt kümmern muss. Doch das sind nicht die einzigen Probleme des Jungen. Er vermisst seinen Vater (Toby Kebbell), der mit einer neuen Frau in Amerika lebt und nur selten zu Besuch kommt. Conors Großmutter (Sigourney Weaver) ist wahnsinnig bestimmend und streng, und in der Schule wird der Junge von seinen Klassenkameraden verprügelt. Und als wäre das nicht schon genug, wird Conor seit vielen Tagen von einem grausamen Albtraum heimgesucht. In einer Nacht, und zwar genau sieben Minuten nach Mitternacht, geschieht etwas Unglaubliches: Die große Eibe, die auf einem Hügel neben einer alten Kirche in Sichtweite von Conors Haus steht, verwandet sich in ein knorriges Monster. Das Ungeheuer spricht mit dem Jungen und möchte ihm drei Geschichten erzählen, bevor Conor in einer vierten Geschichte seine eigene Wahrheit preisgeben soll.

“Geschichten sind das Gefährlichste von der Welt. Sie jagen, beißen und verfolgen dich.” Dieses Zitat stammt aus Patrick Ness‘ Romanvorlage und fasst die schiere Wucht des Films “Sieben Minuten nach Mitternacht” perfekt zusammen. Die Geschichte geht auf eine Idee der Autorin Siobhan Dowd zurück, welche von Ness aufgegriffen und in einen Bestseller verwandelt wurde. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich von dem Buch rein gar nichts wusste – doch das werde ich nach dem Film nun ändern.

Ness ist auch für das Drehbuch verantwortlich, welches vom Regisseur Juan Antonio Bayona (“The Impossible”) visuell höchst beeindruckend umgesetzt wurde. Das Monster – im Original von Liam Neeson gesprochen – zieht den Zuschauer in jeder Szene in seinen Bann und überzeugt auf ganzer Linie. Die drei Geschichten, die es Conor erzählt, werden von wunderbar stimmigen Animationen unterstütz, die den Film über weite Phasen zu einem echten Kunstwerk werden lassen. Sämtliche Schauspieler verkörpern ihre Rollen mit genau der richtigen Intensivität und Glaubwürdigkeit. Hervorheben möchte ich an dieser Stelle Felicity Jones, die ich in “Rogue One” als relativ langweilig empfand, die aber hier wunderbar warm und ehrlich spielt. Der darstellerische Star des Films ist aber Lewis MacDougall, der die äußerst schwierige Hauptrolle des Conor bravourös meistert.

Was den Film aber zu einem der besten des bisherigen Kinojahrs macht, sind die Themen, die er behandelt. Die Geschichten, die das Monster erzählt, sind wie Märchen und führen den Zuschauer anfangs gerne in die Irre. Man erwartet schnell einen klischeehaften Ausgang der Erzählungen, doch dann wird man eines Besseren belehrt. Die Märchen des Monsters umgehen die Klischees, fahren mit unerwarteten Wendungen auf und beinhalten dadurch sehr reflektierte und realistische Weisheiten und Wahrheiten. Allein über diese drei Geschichten innerhalb des Films könnte man lange Zeit philosophieren. Der Zuschauer wird in eine nachdenkliche Stimmung versetzt und muss sich mit einer ganzen Reihe interessanter Fragen auseinander setzen: Was ist gut und was ist böse? Wie wichtig ist der Glaube? Was bedeutet es, erwachsen zu werden? Und welche Bedeutung im Leben hat das Loslassen? Allmählich und mit dem nahezu perfekten Tempo schaukelt sich der Film über diese Themen hoch in emotionale Höhen, die eigentlichen keinen kalt lassen dürften. Tatsächlich glaube ich, dass “Sieben Minuten nach Mitternacht” bei einem Großteil der Zuschauer Tränen fließen lassen wird.

Fazit: An der Schwelle zum obligatorischem Krach-Bumm-Sommer-Blockbuster-Kino kommt ein Film daher, der einem die wahre Kraft einer guten Geschichte aufzeigt und einem direkt ins Herz stößt. Ich spreche eine klare Empfehlung aus und verteile starke 8 von 10 Popcornguys, mit einer Tendenz nach oben!