Victoria

Titel: Victoria
Originaltitel: Victoria
Regie: Sebastian Schipper
Musik: Nils Frahm, DJ Koze
Darsteller: Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski

Die junge Spanierin Victoria (Laia Costa) lebt seit einigen Wochen in Berlin und arbeitet in einem Café. Nach einer Clubnacht trifft sie auf die vier Berliner Sonne (Frederick Lau), Boxer (Franz Rogowski), Blinker und Fuß. Gemeinsam zieht die Truppe durch das nächtliche Berlin, albert herum, begeht kleinere Diebstähle und verbringt die Zeit auf dem Dach eines Hochhauses. Victoria fühlt sich wohl in der Gruppe, besonders der sympathische Sonne hat es ihr angetan. Doch im weiteren Verlauf der Nacht gerät sie gemeinsam mit den neuen Bekanntschaften in kriminelle Kreise. Der Ernst der Lage schaukelt sich hoch und eine Katastrophe bahnt sich an.

Der Deutsche Film ist so eine Sache für sich. Zwar haben wir hierzulande gute Darsteller, doch die Ideen der Regisseure und Drehbuchautoren scheinen nur selten über romantische Komödien mit Til Schweiger oder Matthias Schweighöfer hinaus zu reichen. Gutes Genre-Kino existiert zwar, doch es fristet ein weitgehend unbemerktes Schatten-Dasein neben den übermächtigen Körpern der seichten Mainstream-Unterhaltung. Umso schöner, dass ich überhaupt auf „Victoria“ aufmerksam werden konnte.

Das große Aushängeschild des Films ist seine überaus mutige und ambitionierte Produktion. „Victoria“ geht stolze 140 Minuten und wurde dabei augenscheinlich in einer einzigen Kameraeinstellung gedreht. Möglicherweise verstecken sich im Film doch zwei bis drei Schnitte, die aufgrund des nächtlichen Settings kaschiert werden können. Doch selbst wenn es einen Schnitt gäbe, es würde die Leistung von Regisseur Sebastian Schipper und Kamermann Sturla Brandth Grøvlen in keinster Weise mindern. Der Film basiert auf gerade mal 12 Seiten Drehbuch, es gab drei Probedurchläufe und viele der Dialoge wurden improvisiert. Das Ergebnis ist eine absolut faszinierende Thriller-Romanze, die auf den Zuschauer einen enormen Sog entwickelt. Ich kann mich an nur wenige Filme der letzten Zeit erinnern, die mich derart in ihr Geschehen hinein gesaugt haben.

Neben der technischen Seite sind es aber auch die Darsteller in „Victoria“, die eine grandiose Leistung abliefern. Laia Costa schlüpft in die Rolle der titelgebenden Protagonistin und spielt sowohl traurige und zerbrechliche, als auch freche und mutige Charakterzüge gekonnt aus. Ihr zur Seite steht Frederick Lau als selbstbewusster und sympathischer Sonne, den der Zuschauer ähnlich wie Victoria zunächst nicht einschätzen kann, der einem aber schnell ans Herz wächst. Man fiebert mit den beiden mit und bleibt von Anfang bis Ende am Ball. Besonders schön ist eine Szene, in der Sonne Victoria in ihr Café bringt, sie dort miteinander flirten und sich besser kennen lernen. Dabei sollte erwähnt werden, dass der Film größtenteils mit Untertiteln arbeiten, da die Charaktere abwechselnd Deutsch und Englisch sprechen.

Viel kann man dem Film nicht ankreiden. Er hat eventuell ein bis zwei kleine Längen, die aber nur minimal ausfallen. Daneben wirken die Szenen, in denen die Gruppe mit der kriminellen Welt Berlins in Kontakt kommt, ein wenig konstruiert. Doch der Film hat ausreichend großartige Aspekte, sodass diese Negativpunkte schnell vergessen sind. Ich gönne „Victoria“ sämtliche nationalen Preise, die er gerade abräumt – und wünsche ihm auch internationalen Erfolg. Verdient hätte er es auf alle Fälle. Es gibt von mir ganz starke 8 von 10 Popcornguys, mit Tendenz nach oben!

Lunchbox

Titel: Lunchbox (Originaltitel: Dabba)
Regie: Ritesh Batra
Musik: Max Richter
Darsteller: Irrfan Khan, Nimrat Kau, Nawazuddin Siddiqui

Es kriselt in der Beziehung der in Mumbai lebenden Hausfrau und Mutter Ila (Nimrat Kau). In der Hoffnung, ihre Ehe damit retten zu können, verausgabt sich die begnadete Köchin jeden Werktag und zaubert ein wunderbares Gericht für ihren Mann. Dieses wird in einer metallenen Lunchbox von einem Lieferservice zur Arbeitsstelle des Gatten gebracht – zumindest geht Ila davon aus. Tatsächlich kommt es zu einer Verwechslung und die Lunchbox landet im Büro des in die Jahre gekommenen Witwers Saajan Fernandes (Irrfan Khan). Dieser steht kurz vor seiner Frührente und verhält sich gegenüber seinen Mitmenschen wenig warmherzig. Doch als er von Ilas Speisen kostet, zeigt er sich begeistert und leert die Lunchbox zur Gänze. Die Köchin erhält den förmlich ausgeleckten Behälter zurück, aber sie kommt dahinter, dass es nicht ihr Mann war, der das Gericht erhalten hat. Ila legt der nächsten Lunchbox ein Schreiben bei, das von Saajan beantwortet wird – der Beginn einer tiefen Brieffreundschaft, die das Leben beider Charaktere verändert.

Noch lässt mich das Filmjahr 2013 nicht so ganz los. Denn immerhin werden in den nächsten Monaten einige Streifen, die an der breiten Masse vorbei gegangen sind, in ausgewählten Kinos auftauchen. Dazu zählt – zu meinem Glück – auch der indische Film „Lunchbox“.

Dieser kleinen Perle gelingt es, mit den einfachsten Mitteln absolut zu überzeugen. Die Geschichte erscheint simpel und lebt zu einem Großteil von den hervorragenden Hauptdarstellern. Irrfan Khan, welcher auch in „Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“ einen Auftritt hatte, besticht nicht nur durch einen kongenialen Nachnamen, sondern vor allem durch sein Schauspiel. Es ist wohl wenig objektiv, das so zu sagen, aber er ist mir ein von Grund auf sympathischer Typ. Mit seiner dezenten Mimik und dem intensiven Blick ist Khan durchweg präsent. Und wie bereits in „Life of Pi“ hat er auch in „Lunchbox“ eine zentrale Monolog-Szene, in der er es wirklich fertig brachte, meine Augen feucht werden zu lassen. Ebenso grandios spielt die mir bislang unbekannte Nimrat Kau, die so unterschiedliche Facetten wie Beharrlichkeit, Stärke und Verletzbarkeit auf perfekte Weise in sich vereint. Nebenbei bemerkt sieht sie auch noch bildhübsch aus. Des Weiteren profitiert „Lunchbox“ von den wenigen, aber überaus faszinierenden Nebencharakteren. Hier ist vor allem Nawazuddin Siddiqui zu erwähnen, der den Arbeitsplatz von Irrfan Khans Charakter übernehmen soll. Der junge und in seinem Engagement aufdringliche Mann wirkt zunächst wie ein amüsanter Nervtöter, doch im Laufe des Films erspielt er sich ganz klar die Sympathie des Zuschauers und erhält den nötigen Tiefgang. Für weitere amüsante Szenen sorgt die Nachbarin von Ila, mit der sich jedoch nur schreiend durch das Küchenfenster unterhalten wird.

Neben den tollen Darstellern ist es auch der Verlauf der Handlung, der mich selbst am Tag danach noch beschäftigte. Durch den Austausch der Briefe kommen sich Ila und Saajan langsam aber sicher näher, wobei sie von anfänglichen Neckereien und Oberflächlichkeiten zu wirklich tiefschürfenden Themen übergehen. So gesteht sie ihm unter anderem, an Selbstmord zu denken, während er von seiner verstorbenen Frau erzählt. Und je intimer der Schriftwechsel wird, desto mehr wachsen einem die beiden ans Herz. Es war mir eine Freude zu sehen, wie die beiden Figuren immer stärkeres Interesse aneinander entwickeln, sich umeinander sorgen und aufgrund dieses Dialogs beginnen, ihre Leben zu verändern. Umso unbefriedigender wirkte dann das Ende auf mich – doch bei genauerer Betrachtung hätte ein klarer Schluss gar nicht so wirklich gepasst.

Dieser großartige Wohlfühl-Film aus Indien, der einem die Stärken der Einfachheit vor Augen führt, erhält von mir 8 von 10 Punkte.