Der Hobbit – Eine unerwartete Reise

Titel: Der Hobbit – Eine unerwartete Reise (Original: The Hobbit: An Unexpected Journey)
Regisseur: Peter Jackson
Musik: Howard Shore
Darsteller: Martin Freeman, Ian McKellen, Richard Armitage

Mittelerde, 60 Jahre vor den Ereignissen des großen Ringkriegs: Bilbo Beutlin führt als anständiger Hobbit ein gediegenes Leben im Auenland. Mit Abenteuern und unerwarteten Geschehnissen möchte er nichts zu tun haben. Dies ändert sich zwangsläufig, als eines Tages der Zauberer Gandalf vor seiner Tür steht. Der graue Pilger macht die gemütliche Hobbithöhle zu einem Treffpunkt für eine Gruppe Zwerge, die unter Führung des adeligen Thorin Eichenschilds ihren Heimatberg Erebor zurück erobern wollen. Dieser wurde vor vielen Jahren vom Drachen Smaug erobert, welcher immer noch den im Berg gehorteten Schatz bewacht. Gandalf schlägt Bilbo als Meisterdieb für das Unternehmen vor und nach anfänglichem Zögern schließt sich der Hobbit der Zwergengemeinschaft an. Doch schon bald beginnt er, seine Entscheidung zu bereuen: Trolle, Warge, Orks und Goblins sind nur einige der vielen Gefahren auf dem beschwerlichen Weg zum Erebor. Hinzu kommen die Zweifel Thorins an den Fähigkeiten des Hobbits. Doch im Verlauf der Reise gelingt es Bilbo, seinen Platz in der Gemeinschaft zu finden und über sich hinaus zu wachsen.

Zu Beginn dieser Kritik möchte ich anmerken, dass ich es vermeiden werde, Spoiler zu kennzeichnen. Bei einem Film, den ich persönlich viele Jahre lang herbei gesehnt habe, erscheint es mir wenig sinnvoll, einen Bogen um inhaltliche Details zu machen.

Es war ein langer Weg, bis Bilbo Beutlin seine Reise auf der Kinoleinwand antreten konnte. Der dafür verantwortliche Rechtsstreit zog derart viele Wendungen mit sich, dass man darüber einen eigenen Artikel verfassen könnte. Doch schließlich schwang sich zur Freude der Fans Peter Jackson erneut in den Regiestuhl und machte sich ein zweites Mal daran, Mittelerde zu inszenieren. Allmählich trudelten Meldungen über die Besetzung, Teaser und Bilder ein. Doch erst im Jahr 2012 ließ Jackson die Katze aus dem Sack: „Der Hobbit“ wird ebenfalls eine Trilogie. Spätestens ab hier stellten sich bei mir erste Bedenken ein. Diese kreisten vor allem um folgende drei Fragen:

Wird sich „Der Hobbit“ aufgrund fortgeschrittener CGI, 3D und den revolutionären 48-FPS optisch zu stark von der Ring-Trilogie unterscheiden? Werden die Slapstick- und Over-the-top-Action-Elemente, die bereits im „Herrn der Ringe“ gediegen vorhanden waren, hier nun vollends überzogen? Und wird die Streckung der eher dürftigen Romanvorlage auf drei Teile zu dramaturgischen Langatmigkeit führen?

Zunächst zur ersten Frage. Die Vorstellung, die ich besuchte, bot die üblichen 24-FPS, weswegen ich zur erhöhten Bilderanzahl nichts sagen kann. Dafür war ich allerdings gezwungen, bei der Vorpremiere eine 3D-Vorstellung zu besuchen. An dieser Stelle muss ich anmerken, dass 3D meiner Meinung nach in erster Linie eine technische Spielerei ist, die einen grundsätzlich schlechten Film in keinster Weise aufwerten kann. Hinzu kommt, dass mittlerweile jeder dritte Film in 3D gezeigt wird und mich die üblichen effekthaschenden Pop-up-Gegenstände unglaublich nerven. Glücklicherweise war dies beim „Hobbit“ nicht im Fall. Im Gegenteil, in Sachen 3D ist er zusammen mit „Prometheus“ mein bisher positivstes Erlebnis. Der Effekt wird perfekt dazu genutzt, um Bildtiefe zu erzeugen, sodass der Zuschauer nach relativ kurzer Zeit mitten im Film ist. Bald vergisst man, dass es überhaupt 3D ist, was für meine Begriffe lobenswert ist. Doch trotz der beeindruckenden Bildgewalt bleibt in Sachen Optik ein Wermutstropfen übrig: „Der Hobbit“ wirkt im Gegensatz zum „Herrn der Ringe“ um einiges künstlicher, glatter und unrealer – nicht zuletzt wegen der stärker eingesetzten Kontraste und CGI-Effekte. Dabei wären beispielsweise die Goblins ebenso durch Kostüme und Masken realisierbar gewesen. Insofern kann von einem optischen Einklang zwischen den Trilogien nicht ohne Abstriche gesprochen werden.

Wir kommen zur Frage nach den Slapstick- und Over-the-top-Action-Elementen. Klar, „Der Hobbit“ ist in erster Linie ein Kinder- und Jugendbuch und auch die Romanvorlage bietet haufenweise witzige Stellen und Dialoge. Die ganze Atmosphäre ist bedeutend lockerer und unbeschwerter als im epochalen „Herrn der Ringe“ und das sollte man auch bei der Verfilmung spüren. Tatsächlich gab es auch gut dosierten Humor, welcher häufig mit der grandiosen Leistung Martin Freemans als Bilbo Beutlin zusammen hing. Auch die Darstellung der Zwerge, von denen manche doch recht gewöhnungsbedürftig daher kommen, hielt sich in Grenzen, beziehungsweise war regelmäßig amüsant. Doch Peter Jacksons Überspannung des Bogens in Sachen Humor und Slapstick lässt sich in drei Worten zusammenfassen: Radagast der Braune. Wir lernen einen Zauberer kennen, dem nicht nur Vogelmist am Kopf klebt, sondern der auch mit einem von Hasen gezogenen Schlitten durch Mittelerde düst. Als sich ebendieser Schlitten eine Verfolgungsjagd mit Wargen lieferte, bekam ich im Kinosessel meine Augenbrauen überhaupt nicht mehr in den Griff. Sorry, Peter Jackson, aber das schmeckte mir gar nicht. Und die Entscheidung, gerade diesen überhaupt nicht ernst zu nehmenden Kauz nach Dol Goldur zu schicken und ihn dort Sauron entdecken zu lassen, raubte der Szene auch einen großen Teil der Epik und Bedrohlichkeit. Und leider war Radagast nicht das einzig befremdlich anmutende Element des Films. Ich erinnere mich ungern an Thranduils Elch im Prolog oder den kleinern Schreiber-Goblin. Die Action-Szenen waren meistens in Ordnung, solange kein Hasen-Schlitten involviert war. Übertrieben wirkte jedoch die gesamte Goblin-Szenerie unter den Bergen. Stellenweise fühlte ich mich mehr an ein Videospiel als an einen Film erinnert. Da wurden Seile gekappt, Holzbrücken eingerissen, durch Schächte gerutscht und Felsbrocken gerollt – weniger wäre hier mehr gewesen.

Wir kommen zur letzten meiner drei Fragen: Wird sich die Dreiteilung des „Hobbits“ negativ auf die Dramaturgie des Films auswirken? Unter den ersten Kritiken, die ich im Vorfeld meiner Sichtung überflog, wurde der Auftakt der Trilogie häufig als langatmig und zäh beschrieben. Um die knapp drei Stunden zu füllen, hätte Peter Jackson jedes Wort der Romanvorlage zwei Mal gewendet und ausgelutscht. Dem kann ich mich nicht wirklich anschließen. Ich mochte die ruhigeren Momente und Dialoge des Films und auch in Sachen Action wurde meiner Meinung nach genügend geboten. Gerade die letzten zwanzig bis dreißig Minuten erschienen – trotz der bereits erwähnten Übertreibungen – wie ein einziger großer Showdown. Geschwindigkeit hatte der Film meiner Meinung nach also genug. Und es gab auch den Versuch, die im Prinzip losen Episoden an einem gemeinsamen roten Faden aufzuhängen. Hierfür wurde der Ork Azog als großer Antagonist des Films aufgezogen – meiner Meinung nach jedoch nur mit mäßigem Erfolg. Zum einen wirkte er stets etwas zu blass und austauschbar, zum anderen wäre anstelle von CGI eine Maske möglicherweise viel beeindruckender gewesen. Außerdem ist Azog in Tolkiens Universum zum Zeitpunkt des „Hobbits“ längst tot. Dafür gibt es in der Romanvorlage seinen Sohn Bolg, der auch in der abschließenden Schlacht der Fünf Heere seinen Auftritt hat. Es wäre mir bedeutend lieber gewesen, diesen Ork bereits im ersten Teil einzubauen und ihn zu einem großen Bösewicht aufzubauen.

Bevor ich mich jedoch in Details verliere, die den Film allzu schlecht dastehen lassen, möchte ich ausdrücklich die positiven Seiten loben. Martin Freeman ist wie bereits angedeutet ein absoluter Glücksgriff. Er stellt den konservativen und vom Abenteuer überforderten Bilbo Beutlin herrlich da und vermag es aber genauso, die immer wieder aufblitzenden Heldenmomente der Figur umzusetzen. Ian McKellen ist als Gandalf ein gewohnter Genuss und auch die Zwergendarsteller wurden gut gewählt. Neben Thorin Eichenschild spielte sich vor allem der väterliche Balin in den Vordergrund, was mir in den Szenen mit Bilbo sehr gefiel. Cate Blanchett, Hugo Weaving und Christopher Lee sorgen in ihren Rollen für heimelige Ring-Atmosphäre, wobei die gemeinsame Ratssitzung nicht gerade eine dramaturgische Offenbarung war. Das Rätselduell mit Gollum war dagegen sehr gut inszeniert und man kann Andy Serkis, welcher die wohl treibende Kraft hinter der CGI-Mimik der Kultfigur ist, nicht genug Achtung entgegen bringen. Abgerundet werden die positiven Aspekte des Films vom großartigen Soundtrack Howard Shores, der an vielen Stellen an den „Herrm der Ringe“ erinnert und dabei häufig die gelungensten Brücken schlägt.

Ein Fazit zu ziehen, fällt mir immer noch schwer. Vielleicht denke ich nach einer zweiten Sichtung anders über den Film, doch im Moment komme ich zu folgendem Urteil: „Der Hobbit“ war für mich in seiner Unbeschwertheit und Abenteuerlustigkeit immer ein überaus nettes Buch, jedoch kein Vergleich zum epischen und fast schon apokalyptischen „Herrn der Ringe“. Insofern ist es trotz grundsätzlicher Ernüchterung völlig in Ordnung, wenn auch die Verfilmung des „Hobbits“ für mich eine nette und unterhaltsame Geschichte aus einer Welt ist, die eigentlich viel mehr zu bieten hat.

8 von 10 Popcornguys

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