Lady Macbeth

Titel: Lady Macbeth
Originaltitel: Lady Macbeth
Regie: William Oldroyd
Musik: Dan Jones
Darsteller: Florence Pugh, Cosmo Jarvis, Naomi Ackie

England, 1865: Die junge Katherine (Florence Pugh) wird mit dem reichen, aber bedeutend älteren Minenbesitzer Alexander (Paul Hilton) verheiratet. Es zeigt sich schnell, dass dieser von der Ehe nicht sonderlich begeistert ist und wenig Interesse an seiner Gemahlin hat. Gemäß des damaligen Frauenbildes behandelt er Katherine wie seinen Besitz und untersagt ihr, das Haus zu verlassen. Die junge Frau ist in der sozialen und auch räumlichen Enge gefangen und verfällt in einen eintönigen Trott. Erst als Ehemann und Schwiegervater Boris (Christopher Fairbank) das Haus aus beruflichen Gründen verlassen, kann sie durchatmen und ihrem Hausarrest entkommen. Draußen trifft sie auf Sebastian (Cosmo Jarvis), einen Arbeiter auf Alexanders Anwesen, der wegen seiner rohen und direkten Art sehr anziehend auf Katherine wirkt. Die beiden beginnen eine stürmische Affäre.

Wenn man das Wort „Kostümfilm“ hört, mag der ein oder andere gähnen und abwinken. Und ja, „Lady Macbeth“ ist ein Film der ruhigen Sorte – doch er hat es in sich. Und zwar so richtig. Von den guten Kritiken angelockt, habe ich mich ins Kino begeben und mir das Spielfilm-Debut von Regisseur William Oldroy angesehen. Dieser hat vorher einige Kurzfilme gedreht, vor allem aber Erfahrung am Theater gesammelt. Insofern scheint der Filmtitel perfekt zu passen, doch Shakespeare sollte man nicht direkt erwarten. „Lady Macbeth“ ist vielmehr die Verfilmung der russischen Novelle „Die Lady Macbeth von Mzensk“, die als wichtiges Werk der Emanzipation gilt. Gekonnt lässt Oldroy mit der starren Kamera schöne, aber gleichzeitig auffällig unterkühlte Bilder einfangen, die gut zur Enge der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts passen. Alles hat seinen Platz, nicht nur das Mobiliar, sondern auch die Menschen, die mehr oder weniger leblos ihre vorgebene Rolle spielen. Eine jedoch bringt das Gefüge durcheinander: Katherine.

Und hier ist man beim Dreh- und Angelpunkt des Films angelangt. Katherine, von der Newcomerin Florcence Pugh wunderbar nuanciert gespielt, möchte aus dem gesellschaftlichen Korsett ausbrechen und sich selbst verwirklichen. Dass sie rebelliert, merkt der Zuschauer recht schnell. Und als aufgeklärter Mensch des 21. Jahrhunderts wünscht man dieser jungen und mutigen Dame auf der Kinoleinwand natürlich jeden Erfolg. Dabei ist es erwähnenswert, dass Katherine nicht aus der Zeit gefallen erscheint, sondern trotz ihres unzeitgemäßen Bestrebens fest in ihrer Epoche verwurzelt ist. Sie wirkt realistisch und nicht wie ein innerfilmischer Fremdkörper, der in bizarrer oder aufdringlicher Weise eine moderne Anschauung präsentieren. Das fand ich sehr angenehm. Doch meine Sympathien gegenüber Katherine verflogen während des Films zunehmend. Wer davon ausgeht, dass wir hier eine Filmheldin haben, die sich in bewunderswerter und vorbildhafter Weise ihre Rechte erkämpft, wird schnell eines Besseren belehrt. Katherine entpuppt sich als eiskalt und berechnend, sie spielt die Menschen in ihrem Umfeld bitterböse gegeneinander aus und profitiert in ihrer Emanzipation ironischerweise davon, dass andere nicht aus ihrer sozialen Position ausbrechen können. Ich möchte auf keine weiteren Details eingehen, aber letztendlich haben wir es hier meiner Meinung nach mit einer waschechten Antiheldin zu tun, deren Verhalten zwar nachvollziehbar, aber alles andere moralisch ist. Ein Film, der seine Protagonistin nach und nach zu einer Unsympathin macht, ist in jedem Fall mutig und riskiert viel. Doch glücklicherweise ist die Rechnung in „Lady Macbeth“ aufgegangen und liefert darüberhinaus einige Denkanstöße. Beispielsweise könnte man sich nun fragen, ob die moralischen Vergehen Katherines nicht auch einfach nur ein Ergebnis der engen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts ist.

Fazit: Das Drama „Lady Macbeth“ ist die Charakterstudie einer höchst interessanten, aber auch abschreckenden Frau, welche provokant und mutig mit den Zuschauererwartungen spielt. Die schönen, aber kühlen Bilder unterstützen den Inhalt, doch getragen wird der Film hauptsächlich von der beeindruckenden Darstellung von Florence Pugh. Ich vergebe 8 von 10 Popcornguys an diese starke Überraschung im ausgehenden Kinojahr.

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Mother!

Titel: Mother!
Originaltitel: Mother!
Regie: Darren Aronofsky
Musik: Jóhann Jóhannsson
Darsteller: Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Michelle Pfeiffer

Ein Schriftsteller mit Schreibblockade (Javier Bardem) und dessen bedeutend jüngere Ehefrau (Jennifer Lawrence) bewohnen ein abgeschiedenes Landhaus und führen dort ein zurückgezogenes Leben. Während er auf seine Inspiration wartet, versucht sie das Haus zu verschönern und steckt viel Mühe in die Renovierung. Eines Tages wird die Einsamkeit der beiden gestört: Es tauchen ein Fremder (Ed Harris) und kurze Zeit später dessen Frau auf, die vom Schriftsteller bereitwillig aufgenommen werden. Die junge Dame des Hauses ist von Anfang an skeptisch – und später erst recht, als ihr nach und nach die Kontrolle über die Situation verliert.

Bei vielen Filmen weiß man recht schnell, ob man sie mag oder nicht. Manchen jedoch tut es gut, mal eine Nacht drüber zu schlafen. Doch manchmal bringen selbst mehrere Nächte nichts, wenn es um die Frage geht, wie man einen Film denn nun finden soll. Darren Aronofskys neuester Film „Mother!“ ist einer dieser Fälle.

Aronofsky ist für sperrige und unkonventionelle Werke bekannt. „The Fountain“ habe ich noch nicht gesehen, aber dafür ist mir sein aufwühlender Psycho-Thriller „Black Swan“ noch gut in Erinnerung. „Noah“ ist eine recht eigenwillige Bibelverfilmung, aber lässt sich immerhin als ungewöhnlich bezeichnen. Insofern reiht sich „Mother!“ hier gut ein. Es braucht recht lange, bis man sozusagen im Film angekommen ist – auch wenn es einen die durch die Bank großartigen Schauspieler leichter machen. Jennifer Lawrence, die mir in anderen Filmen in ihren hysterischen Momenten schon gelegentlich too much war, liefert hier eine starke Performance an. Javier Bardem ist ohnehin ein darstellerischer Ungetüm und auch die kleineren Nebenrollen sind mit Ed Harris und Michelle Pfeiffer (die immer noch rassigen Catwoman-Charme versprüht) ideal besetzt.

Was lässt „Mother!“ also so schwierig und unzugänglich werden? Es ist die Geschichte an sich, die einem erst nach und nach klar macht, dass es hier keineswegs um einen realistischen Plot geht. Im Gegenteil. Wenn man dem Film mit dieser Erwartung begegnet, wird man relativ schnell zum Schluss kommen, dass das hier alles wenig Sinn macht und sich die Personen sehr seltsam, ja geradezu unmenschlich verhalten. Eine Zeit lang habe ich trotzdem probiert, den Film auf diese Art zu lesen. Ich dachte mir, dass es möglicherweise um die Schwierigkeiten von Beziehungen mit großen Altersunterschieden geht. Ich dachte mir, dass es auf Dominanz und Unterwerfung in der Liebe hinauslaufen könnte. Ich dachte mir, dass es um die Beziehung zwischen einer relativ normalen Person und einem Künstler gehen könnte. Aber letztendlich führen alle diese Versuche in die Leere. „Mother!“ gibt sich letztendlich komplett einer Welt aus Metaphern und Symbolen hin, die anders gelesen werden wollen. Am Ende sprach mich der Film auf einer geradezu existentiell-religiösen Ebene an – und war auf einmal ziemlich interessant. Die Themen, die aufgeworfen wurden, sind spannend und denkwürdig, Handlung und Charaktere für sich genommen eher nicht. Und das ist möglicherweise die Schwierigkeit, die ich mit „Mother!“ habe. Ich habe Lust, über die mit dem Film zusammenhängenden Themen zu diskutieren und für mich weiter zu philosophieren – aber Lust, den Film direkt nochmal anzusehen, habe ich nicht. Dafür hat er mich dann doch zu wenig gekickt.

Mit einer Bewertung habe ich meine Probleme, denn der Film arbeitet weiter. Ich tendiere zu 7 von 10 Popcornguys, könnte mir aber vorstellen, dass sich dieses Fazit verändern wird, sollte ich „Mother!“ noch einmal sehen. Fest steht: Der Film ist nichts für Leute, die einfach Horror oder Thriller erwarten. Es ist ein herausfordernder, komplexer, stark symbolischer Film, der etwas in einem auslöst – oder einen recht schnell extrem frustrieren, vielleicht sogar anekeln wird, denn gerade im letzten Viertel haben es die Szenen echt in sich.

Silence

Titel: Silence
Originaltitel: Silence
Regie: Martin Scorsese
Musik: Kim Allen Kluge, Katherine Kluge
Darsteller: Andrew Garfield, Adam Driver, Liam Neeson

Japan, frühes 17. Jahrhundert: Die Christen des Landes leiden unter einer harten und systematischen Verfolgung durch die Regierung. Einer der Missionare, Cristóvão Ferreira (Liam Neeson), soll angeblich dem Christentum abgeschworen haben. Zwei seiner früheren Schüler, Sebastião Rodrigues (Andrew Garfield) und Francisco Garpe (Adam Driver), können dies nicht glauben. Sie reisen selbst nach Japan, um sowohl ihren Mentor zu finden, als auch die japanischen Mitchristen zu unterstützen. Schon bald werden die beiden jungen Priester nicht nur Zeugen von Folter und Verfolgung, was sie an ihrer Mission und ihrem Glauben zweifeln lässt.

Die Verfilmung des 1966 erschienen Romans „Schweigen“ von Shūsaku Endō ist seit Jahrzehnten das Herzensprojekt von Meisterregisseur Martin Scorsese. Nun läuft der Streifen endlich in unseren Kinos – und zwar mit Staraufgebot und einem verhältnismäßig hohen Budget von 40 Millionen Dollar. Dass „Silence“ dennoch an den Kassen floppt, ist meiner Meinung nach keine Überraschung. Trotz bekanntem Regisseur und populären Darstellern ist das Thema einfach zu speziell. Für die meisten dürfte es nachvollziehbare Gründe geben, dem Kinosaal fernzubleiben – doch mich persönlich hat „Silence“ im positivsten Sinne umgeworfen, um mein Fazit vorwegzunehmen.

Für wen ist der Film aber nun gemacht? Ich denke, dass unter bestimmten Umständen auch ein Atheist „Silence“ etwas abgewinnen kann, wenn er die religiösen Glaubensfragen auf etwas Vergleichbares ummünzt. Ohne Frage dürften einem Cineasten auch die tollen Bilder und herausragenden Schauspielleistungen auffallen. Aber dem gegenüber steht die erschlagende Lauflänge von 160 Minuten. Da stelle ich die Behautpung auf, dass „Silence“ für religiöse und gläubige Zuschauer am meisten zu bieten hat.

„Silence“ ist aber keineswegs christliche Propaganda, wodurch das Zielpublikum weiter schrumpft. Natürlich befindet sich das Christentum aufgrund der Verfolgung durch die japanische Regierung – die übrigens sehr detailliert und hart dargestellt wird – in der eher sympathischen Opferrolle. Und natürlich zeigt der Film auch auf, dass es die christliche Religion vermag, einfachen und unterdrückten Bevölkerungsschichten ihren inneren Wert aufzuzeigen, was den damaligen Machthabern Japans ein Dorn im Auge war. Aber trotzdem hat „Silence“ auch auf das Christentum einen differenzierten Blick, der anhand der aufgeworfenen Fragen deutlich wird: Hat nicht die christliche Mission selbst das Leid über die Bürger Japans gebracht? Kann es sein, dass bestimmte Glaubensrichtungen und Ideen in bestimmten Ländern einfach keine Wurzeln schlagen? Und wie christlich ist es eigentlich, Menschen für Jesus Christus in den Tod zu schicken, wenn man ihnen stattdessen das Leben retten könnte?

All diese schweren Fragen – und noch einige mehr – muss sich Hauptfigur Rodrigues stellen. Adam Driver und Liam Neeson mögen in ihren Nebenrollen überzeugen, doch sie haben verhältnismäßig wenig Szenen. Es ist nahezu ausschließlich Andrew Garfields Aufgabe, als Schauspieler den Zuschauer emotional an die Handlung zu binden und ihn auf diese spirituelle Reise mitzunehmen. Garfield mag für „Hacksaw Ridge“ eine Oscar-Nominierung bekommen haben, doch seine Leistung in „Silence“ empfinde ich als immens höher. Er spielt den Priester mit all seinem anfänglichen Enthusiasmus und all seinen späteren Zweifeln absolut glaubwürdig und authentisch. Hierzu möchte ich erwähnen, dass sich Garfield sehr intensiv auf die Rolle vorbereitet und auch viel Zeit bei den Jesuiten verbracht hat.

Ich für meinen Teil konnte „Silence“ von der ersten bis zur letzten Minute aufmerksam verfolgen und fühlte mich sofort in diese Welt mit all ihren Konflikten hineingezogen. Dem Film wird oft vorgeworfen, dass er mehr Fragen stellt, als Antworten liefert. Ich persönlich finde das in diesem Fall nicht unbedingt schlecht. Zum einen thematisiert „Silence“ viele Fragen, auf die es einfach keine verbindliche Antwort gibt. Zum anderen sind die gestellten Fragen wichtig und zeitlos. Mehrmals musste ich zwischen dem Film und heutigen politischen Gegebenheiten Parallelen ziehen. So erinnerten mich die Bemühungen der japanischen Regierung im 17. Jahrhundert, sämtliche westliche Einflüsse aus dem Land zu verbannen, vage an aktuelle rechtsorientierte Gruppen in Europa oder Amerika, die sich allzu sehr vor einer Islamisierung des Westens fürchten. Geschichte wiederholt sich bestimmt nicht eins zu eins – aber der Blick in die Vergangenheit ist sicher nicht verkehrt, wenn man an einer besseren Zukunft interessiert ist.

Fazit: „Silence“ ist ein Film mit einem sehr speziellen und unbequemen Thema. Wenn man sich – wie auch immer – darauf einlassen kann, wird er den Zuschauer aufgewühlt und nachdenklich zurück lassen. Über das Ende möchte ich natürlich keine Details verraten, aber ich fand für mich – trotz aller vordergründigen Grausamkeit und Finsternis – eine tiefe, innere Sicherheit, die „Silence“ neben „Life Of Pi“ zum wohl wichtigsten spirituellen Film der letzten Jahre macht. Es gibt 9 von 10 Popcornguys!

Captain Fantastic

Titel: Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück
Originaltitel: Captain Fantastic
Regie: Matt Ross
Musik: Alex Somers
Darsteller: Viggo Mortensen, George MacKay, Frank Langella

In einem nordamerikanischen Wald lebt der überzeugte Aussteiger Ben (Viggo Mortensen) zusammen mit seiner Familie. Als Kritiker gesellschaftlicher Zwänge und des westlichen Konsumverhaltens erzieht er seine Kinder auf seine Weise. Dazu gehören einerseits das Jagen wilder Tiere und hartes, körperliches Training, andererseits aber auch die Lektüre geschichtlicher, philosopischer oder politischer Bücher. Bens Kinder – drei Söhne und drei Töchter – sind also nicht nur physisch in guter Verfassung, sondern in gewisser Hinsicht auch sehr gebildet und intelligent. Bei ihren seltenen Ausflügen in die Zivilistation zeigt sich allerdings, dass die Familie mit vielen modernen Erscheinungen überfordert ist, beziehungsweise Schwierigkeiten im sozialen Umgang mit anderen hat. Als Bens Frau Leslie Selbstmord begeht und ihr Leichnam – entgegen ihrem eigenen Willen – in einer christlichen Zeremonie beigesetzt werden soll, müssen die Aussteiger in ihrem umgebauten Schulbus ihre Idylle verlassen. Es gilt, Leslies letzten Willen zu erfüllen und sich der realen Welt zu stellen. Dabei entwickelt sich ein skurril-komischer, aber auch nachdenklich stimmender Road Trip.

Jetzt, im ausklingenden Sommer, fiel mir diese kleine Filmperle vor die Füße. „Captain Fantastic“ erinnert in vielerlei Hinsicht an „Litte Miss Sunshine“: Eigenwillige Charaktere, die nicht wirklich in eine Schublade passen, verfolgen gemeinsam ein relativ absonderliches Ziel und müssen sich dabei mit ihrem Umfeld auseinandersetzen. Dem Film gelingt es dabei sehr schnell, Sympathien zu den ausgefallenen, aber doch auch verständlichen Figuren aufzubauen. Erwähnt werden müssen auf jeden Fall die Kinder und Jugendlichen, die allesamt wunderbar besetzt sind. Ich musste im Film mehrmals lachen, wenn Bens jüngste Kinder – beide dürften nicht älter als acht Jahre sein – in aller Ausführlichkeit beschreiben, an was genau ein Mensch stirbt, wenn er beim Besteigen einer Felswand in die Tiefe stürzt. Schauspielerisch herausstechend ist natürlich Viggo Mortensen (Aragorn aus „Der Herr der Ringe“), der allein durch seine bloße Präsenz zu faszinieren weiß. Schade, dass dieser Mann nicht öfter im Kino zu sehen ist, beziehungsweise keinem breiteren Publikum gezeigt wird – wobei ich mir vorstellen könnte, dass das gar nicht in seinem Interesse liegt. Neben den darstellerischen Stärken kann „Captain Fantastic“ auch mit einem zumeist guten Tempo punkten, er wird nie langweilig und weiß durch mehrere kleine Wendungen bis zum Ende zu unterhalten. Die Kamera fängt teilweise traumhafte Bilder ein und auch der Soundtrack – angereichert durch ein paar von den Schauspielern dargebrachte Lieder – weiß zu überzeugen.

Die eigentliche Kraft von „Captain Fantastic“ liegt aber in seiner Botschaft. Hierbei ist auffällig, dass der Film nicht in einem billigen Schwarz-Weiß-Denken verharrt. Natürlich ist Bens Kritik an Konsumverhalten, Ökonomie, Kapitalismus und institutionalisierter Religion nachvollziehbar. Und da die Familie ja sehr sympathisch dargestellt wird, erfreut man sich auch an den vielen kleinen „Siegen“ gegenüber der realen Welt. Andererseits zeigt der Film auch, wie Bens System bröckelt und einschränkend, ja sogar gefährlich werden kann. Seine Kinder setzen sich mit dem, was sie während des gemeinsamen Trips so erleben, auseinander und so werden beim Zuschauer verschiedene Fragen ausgelöst: Ist der Rückzug aus der modernen Welt die Antwort auf die Probleme? Kann ein solcher Rückzug überhaupt gelingen? Führt eine vermeintlich befreiende Erziehung von Kindern nicht einfach nur zu Zwängen und Einschränkungen anderer Art? Gibt es überhaupt Freiheit? Und was genau macht das Wohl seiner eigenen Kinder überhaupt aus? „Captain Fantastic“ löst beim Zuschauer also viele Denkprozesse aus und fordert auch dazu auf, Stellung zu Bens Entscheidungen, beziehungsweise seinem charakterlichen Wandel zu beziehen. Insofern lässt sich über das Ende – welches ich jetzt natürlich nicht verrate – auch gut diskutieren.

„Captain Fantastic“ ist ein kleiner, aber äußerst feiner Film, der durch seine witzige Art gut unterhält, aber auch zum Nachdenken anregt. Von mir bekommt der Streifen, der bisher zu den besten Filmen des Jahres zählt, starke 8 von 10 Popcornguys.

The Lobster – Eine unkonventionelle Liebesgeschichte

Titel: The Lobster – Eine unkonventionelle Liebesgeschichte
Originaltitel: The Lobster
Regie: Yorgos Lanthimos
Musik: Amy Ashworth
Darsteller: Colin Farrell, Rachel Weisz, Léa Seydoux

David (Colin Farrell) wurde von seiner Frau wegen einem anderen Mann verlassen. In der Stadt dürfen sich nur registrierte Ehepaare mit einem gültigen Zertifikat aufhalten. Als Single wird David in ein Hotel gebracht, wo sich weitere Alleinstehende aufhalten. In dieser Einrichtung hat man 45 Tage Zeit, um einen Partner zu finden. Bleibt man Single, wird man in ein Tier verwandelt. David gibt an, dass er im Fall eines Misserfolgs ein Hummer werden möchte. Im Hotel gibt es strenge Regeln und strikte Abläufe. Propaganda-Vorträge wechseln sich mit vorgeschriebenen Tanzabenden. Masturbation auf den Zimmern ist verboten, wohingegen sexuelle Stimulation durch das Zimmermädchen vorgeschrieben ist. Eine besondere Bedeutung hat die Jagd auf unregistrierte Singles, die sich in den Wäldern aufhalten. Wenn ein Hotelgast einen Alleinstehenden mit Hilfe eines Betäubungspfeils fängt, kann er damit die Frist, binnen welcher er einen Partner finden muss, verlängern. David fügt sich in die Abläufe des Hotels ein und hält unter den weiblichen Gästen Ausschau nach einer möglichen Partnerin.

Diese europäische Produktion aus dem Jahre 2015 hatte keinen deutschen Kinostart. Wegen dem skurrilen, aber interessant wirkenden Trailer, sowie den positiven Kritiken wurde ich aber doch neugierig und legte mir kürzlich die DVD zu. Ich wurde nicht enttäuscht: „The Lobster“ ist einer der gestörtesten, seltsamsten und lustigsten Filme der letzten Zeit.

Der Cast ist bis in die kleinsten Rollen wunderbar gewählt. Colin Farrell führt einen als etwas bedröppelt wirkender Protagonist gut durch die Handlung. Ihm zur Seite stehen unter anderem John C. Reilly und Ben Whishaw, zwei weiter Hotelgäste, die mit unterschiedlichen Handicaps belastet sind – der eine lispelt, der andere humpelt. Auch für Schauspielerinnen wie Rachel Weisz oder Léa Seydoux bietet der Film Charaktere mit Ecken und Kanten. Letztere hinterlässt als gefährlich-kühle Anführerin der im Wald lebenden Singles sicher nicht nur bei mir Eindruck. Überhaupt fällt auf, dass viele Figuren in „The Lobster“ zunächst über einen einzigen prägnanten Charakterzug eingeführt werden: Von der herzlosen Frau, über die Biscuit-liebenden Frau, bis hin zur Frau, die ständig Nasenbluten hat. Als Zuschauer wachsen einem diese seltsamen Gestalten überraschend schnell ans Herz. Man möchte wissen, was es mit ihnen auf sich hat, wie sie zueinander stehen und ob sich zwischen ihnen Beziehungen entwickeln können.

Auch handwerklich bietet „The Lobster“ keinerlei Angriffsfläche. Die Kamerarbeit ist spannend und der Soundtrack trägt viel zur verstörenden Atmosphäre des Films bei. Im Drehbuch liegt aber die wahre Stärke des Films. Die auf den ersten Blick gestört wirkende Idee, dass Singles zur Strafe in Tiere verwandelt werden, ist bei näherer Betrachtung absolut genial. „The Lobster“ entwickelt einen wunderbar schwarzen Humor, wirft zwischen den Zeilen einen satirischen Blick auf die Gesellschaft und regt zum Philosophieren über die Liebe ein. Einen einzigen Kritikpunkt kann ich im Blick auf die zweite Filmhälfte anbringen. Zu diesem Zeitpunkt ist das Hotel mit all seinen Eigenheiten vorgestellt und der Film macht in seiner Handlung eine gewisse Wende. Es wird ein wenig träger und nicht mehr ganz so kreativ, doch das Ende an sich rundet „The Lobster“ schön ab.

Dass dieser Film keinen deutschen Kinostart hatte, ist in gewisser Weise ein Armutszeugnis. Auch die Tatsache, dass es hierzulande keine Bluray-, sondern lediglich eine DVD-Auswertung gab, spricht Bände. Sicherlich ist „The Lobster“ kein Film für jedermann – aber bestimmt ist er eine Bereicherung für jeden, der einen unkonventionellen Film abseits des Mainstream zu schätzen weiß. Von mir gibt es starke 8 von 10 Popcornguys!

The Witch

Titel: The Witch
Originaltitel: The Witch
Regie: Robert Eggers
Musik: Mark Korven
Darsteller: Anya Taylor-Joy, Ralph Ineson, Kate Dickie

Neuengland im 17. Jahrhundert: Der strenggläubige William (Ralph Ineson) verlässt mit seiner schwangeren Frau und seinen vier Kindern die Siedlung, da ihm die Menschen dort nicht christlich genug leben. Die Familie baut in der Wildnis einen Hof auf und möchte das Land zähmen bewirtschaften. Katherine (Kate Dickie) bringt schließlich einen weiteren Sohn auf die Welt. Einige Zeit später passt die älteste Tochter Thomasin (Anya Taylor-Joy) auf das Baby auf, doch plötzlich und unerklärlich verschwindet das Kind im Wald. Die trauernde Familie geht zunächst von einem Wolfsangriff aus. Doch dann sprechen die jüngsten Kinder Williams einen anderen Verdacht aus, der immer mehr Fuß fassen kann: Eine Hexe hat das Baby gestohlen.

Es gibt kaum eine Begebenheit in der Geschichte, die interessanter und erschreckender ist als die der Hexenverfolgung. Zu keinem anderen Zeitpunkt vermischten sich Aberglaube, religiöser Fanatismus, Angst, Machtinteresse und Denunziation zu einem tödlicheren Cocktail. Die düstere Faszination für das Thema hält bis heute an. So werden Hexen auch immer wieder Gegenstand in Film und Fernsehen, allerdings häufig auf einer sehr oberflächlichen und plumpen Ebene. Der Trailer zu „The Witch“ versprach mir eine andere Herangehensweise – und ich wurde nicht enttäuscht.

Allerdings muss ich auch eine Warnung aussprechen: „The Witch“ ist alles andere als ein normaler Horrorfilm. Für gewöhnlich arbeitet das Genre ja mit billigen, aber effektiven Jump-Scares und Protagonisten, die mit einer übernatürlichen Macht konfrontiert werden, sich aufgrund ihrer Normalität aber so verhalten, wie es der Zuschauer auch tun würde. All das ist bei „The Witch“ nicht der Fall. Wer mit den falschen Erwartungen hinein geht, wird schnell enttäuscht werden. So lautete das Fazit meine Sitznachbarn: „Das war der beschissenste Horrofilm, den ich je gesehen habe.“

Man kann „The Witch“ nur genießen, wenn man sich von Anfang an auf einen Fakt einlassen kann: Die Menschen in dieser Zeit waren felsenfest davon überzeugt, dass es einen Teufel gibt, der mit Menschen Bündnisse eingeht und sie zu Hexen macht. Wenn man diese Denkweise nicht annehmen kann, bleibt der Film unnachvollziehbar und wirkt vielleicht sogar stellenweise komisch. Insofern ist der Film in erster Linie etwas für diejenigen Zuschauer, die sich für die tatsächlichen Umstände des Hexenglaubens interessieren – oder in anderen Worten: Etwas für Historiker und Theologen. Und bei diesem Publikum kann „The Witch“ so richtig punkten. Egal, ob es sich um Flugsalben, Tierzauber oder Hexensabbat handelt – der Film findet Mittel und Wege, diese abergläubischen Vorstellungen beklemmend und faszinierend zu visualisieren. Dabei vermischt sich die tatsächliche Handlung zunehmend mit der Einbildung der Charaktere. Auch der Zuschauer muss sich die Frage stellen, was nun wirklich geschieht und was nicht. Beziehungsweise bildet „The Witch“ gekonnt die Vorstellungen ab, die sich wirklich in den Köpfen der damaligen Menschen abspielten. Auch psychologisch Interessierte dürften auf ihre Kosten kommen, denn der Film lässt sich auch als komplexes Familiendrama verstehen.

Viele Elemente tragen zur hohen Authentizität von „The Witch“ bei. Die Dialoge bedienen sich bei historischen Dokumenten und Protokollen, was die Sprache zwar sperrig, aber auch echt wirken lässt. Die Schauspieler waren mir – bis auf Kate Dickie aus der Serie „Game of Thrones“ – gänzlich unbekannt, doch sie waren allesamt gut gewählt. Besonders loben möchte ich die ausdrucksstarke Anya Taylor-Joy, aber auch die jüngeren Kinderdarsteller, die eine absolut glaubwürdige Darstellung ablieferten. Der Look des Films ist düster und dreckig, Kamera und Soundtrack tragen ihren Teil zur unbehaglichen Stimmung bei. Insgesamt ist das Tempo eher gemächlich, für viele vermutlich zu langsam, doch ich empfand es inmitten all der gehetzt wirkenden Blockbuster als angenehme Abwechslung. Dennoch hätte ich mir den Plot an manchen Stellen etwas kerniger und komprimierter gewünscht.

Fazit: „The Witch“ ist kein schneller Schocker, sondern eine Arthouse-Perle, die ihr Publikum unter denjenigen finden wird, die sich gerne mit dem Thema Hexen aus historischer, theologischer oder psychologischer Perspektive beschäftigen. Es gibt ganz starke 8 von 10 Popcornguys!

Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)

Titel: Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)
Originaltitel: Birdman or (The Unexpected Virtue of Ignorance)
Regie: Alejandro González Iñárritu
Musik: Antonio Sánchez
Darsteller: Michael Keaton, Edward Norton, Emma Stone

Schauspieler Riggan Thomson (Michael Keaton) erlangte große Berühmtheit in der Rolle des gefiederten Comic-Helden Birdman, doch das ist viele Jahre her. Da seine Filmkarriere praktisch erfolglos ist, möchte sich Riggan nun als Bühnenschauspieler und Regisseur eines Theaterstücks am Broadway beweisen. Doch die Produktion wird durch mehrere Probleme erschwert. Unter anderem kämpft Riggan um die Beziehung zu seiner drogensüchtigen Tochter Sam (Emma Stone) und muss sich gegenüber seinem exzentrischen Hauptdarsteller Mike Shiner (Edward Norton) behaupten. Und letztendlich spricht immer wieder die Stimme Birdmans zu ihm und versucht ihn dazu zu bringen, wieder in das alte Kostüm zu schlüpfen, anstatt diesen verkopften Künstlermist auf die Beine stemmen zu wollen.

Ich bin seit langer Zeit ein großer Fan von Regisseur Alejandro González Iñárritu. In Filmen wie „Amores Perros“, „21 Gramm“ oder „Babel“ bewies er nicht nur ein gutes Händchen für interessante Dramen, sondern zeichnete sich auch durch interessante Erzählstrukturen aus. So verlaufen beispielsweise die Szenen von „21 Gramm“ nicht chronologisch und die Handlung von „Babel“ erstreckt sich über mehrere Kontinente. Iñárritu ist dabei der Meister depressiver Stimmungen und Bilder, denen er aber immer etwas eigentümlich Schönes verleihen kann. Insofern war ich sehr gespannt auf „Birdman“, welcher sicher erstmals einiger komödiantischer Elemente bedienen sollte. Diverse Lobeshymnen steigerten meine Vorfreude, welche nicht enttäuscht wurde: „Birdman“ ist ein meisterhafter Film, der jeden seiner Oscars mehr als verdient hat.

Man kann nicht über „Birdman“ sprechen, ohne Michael Keaton zu loben. Der einstige Batman-Darsteller überzeugt absolut in der Hauptrolle und man fragt sich, was der gute Mann die letzten Jahrzehnte eigentlich getrieben hat. Der unterschwellige Reiz von „Birdman“ ist dafür aber der, dass Keaton in gewisser Weise seinen eigenen Karriereverlauf thematisiert. Doch auch die Nebenrollen sind absolut passend besetzt, egal, ob es sich nun um Zach Galifianakis als Produzent, Andrea Riseborough und Naomi Watts als Schauspielerinnen oder Emma Stone als desillusionierte Tochter handelt. Besonders erwähnen möchte ich aber Edward Norton, der in der Rolle des exzentrischen Method Actors förmlich aufgeht. In den Szenen, die er sich mit Keaton teilt, brennt die Luft. Hier trägt natürlich auch das ausgezeichnete Drehbuch mit den clever geschriebenen Dialogen seinen Teil dazu bei und jeder, der Schauspielkino schätzt, wird „Birdman“ lieben.

Doch auch die technischen Aspekte machen die Klasse dieser Filmperle aus. Für die Kamera zeigt sich Emmanuel Lubezki verantwortlich, der die Zuschauer bereits in „Gravity“ mit seinen langen Plansequenzen verzauberte. Er lässt „Birdman“ wie einen einzigen One-Shot wirken. Natürlich wurde die Kamera während dem Drehen auch mal abgestellt und an zwei, drei Stellen im Film merkt man dies überdeutlich. Aber ansonsten gehen sämtliche Szenen fließend ineinander über und lassen „Birdman“ eine temporeiche Intensität entwickeln. Es gibt im Grunde keinerlei Pause oder Länge, was einem nicht ganz fitten Zuschauer anstrengend vorkommen kann. Doch Kamera und Schnitt ergänzen meisterhaft das Konzept des Films, schließlich werden dadurch Anspannung und nervlicher Verfall das Protagonisten immer deutlicher. Unterstützt wird dies auch durch den minimalistischen, aber voran treibenden Soundtrack, der lediglich aus Jazz-Drumming besteht.

Fazit: „Birdman“ überzeugt auf allen Ebenen. Er ist darstellerisch und technisch grandios, teilt Seitenhiebe auf das moderne Blockbusterkino aus, beschäftigt sich mit der Liebe zu Kino und Theater und wirft die Frage auf, ob Beachtung und Liebe wirklich gleichzusetzen sind. Dieses Naturgewalt von einem Film erhält von mir 9 von 10 Popcornguys!