Captain Fantastic

Titel: Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück
Originaltitel: Captain Fantastic
Regie: Matt Ross
Musik: Alex Somers
Darsteller: Viggo Mortensen, George MacKay, Frank Langella

In einem nordamerikanischen Wald lebt der überzeugte Aussteiger Ben (Viggo Mortensen) zusammen mit seiner Familie. Als Kritiker gesellschaftlicher Zwänge und des westlichen Konsumverhaltens erzieht er seine Kinder auf seine Weise. Dazu gehören einerseits das Jagen wilder Tiere und hartes, körperliches Training, andererseits aber auch die Lektüre geschichtlicher, philosopischer oder politischer Bücher. Bens Kinder – drei Söhne und drei Töchter – sind also nicht nur physisch in guter Verfassung, sondern in gewisser Hinsicht auch sehr gebildet und intelligent. Bei ihren seltenen Ausflügen in die Zivilistation zeigt sich allerdings, dass die Familie mit vielen modernen Erscheinungen überfordert ist, beziehungsweise Schwierigkeiten im sozialen Umgang mit anderen hat. Als Bens Frau Leslie Selbstmord begeht und ihr Leichnam – entgegen ihrem eigenen Willen – in einer christlichen Zeremonie beigesetzt werden soll, müssen die Aussteiger in ihrem umgebauten Schulbus ihre Idylle verlassen. Es gilt, Leslies letzten Willen zu erfüllen und sich der realen Welt zu stellen. Dabei entwickelt sich ein skurril-komischer, aber auch nachdenklich stimmender Road Trip.

Jetzt, im ausklingenden Sommer, fiel mir diese kleine Filmperle vor die Füße. „Captain Fantastic“ erinnert in vielerlei Hinsicht an „Litte Miss Sunshine“: Eigenwillige Charaktere, die nicht wirklich in eine Schublade passen, verfolgen gemeinsam ein relativ absonderliches Ziel und müssen sich dabei mit ihrem Umfeld auseinandersetzen. Dem Film gelingt es dabei sehr schnell, Sympathien zu den ausgefallenen, aber doch auch verständlichen Figuren aufzubauen. Erwähnt werden müssen auf jeden Fall die Kinder und Jugendlichen, die allesamt wunderbar besetzt sind. Ich musste im Film mehrmals lachen, wenn Bens jüngste Kinder – beide dürften nicht älter als acht Jahre sein – in aller Ausführlichkeit beschreiben, an was genau ein Mensch stirbt, wenn er beim Besteigen einer Felswand in die Tiefe stürzt. Schauspielerisch herausstechend ist natürlich Viggo Mortensen (Aragorn aus „Der Herr der Ringe“), der allein durch seine bloße Präsenz zu faszinieren weiß. Schade, dass dieser Mann nicht öfter im Kino zu sehen ist, beziehungsweise keinem breiteren Publikum gezeigt wird – wobei ich mir vorstellen könnte, dass das gar nicht in seinem Interesse liegt. Neben den darstellerischen Stärken kann „Captain Fantastic“ auch mit einem zumeist guten Tempo punkten, er wird nie langweilig und weiß durch mehrere kleine Wendungen bis zum Ende zu unterhalten. Die Kamera fängt teilweise traumhafte Bilder ein und auch der Soundtrack – angereichert durch ein paar von den Schauspielern dargebrachte Lieder – weiß zu überzeugen.

Die eigentliche Kraft von „Captain Fantastic“ liegt aber in seiner Botschaft. Hierbei ist auffällig, dass der Film nicht in einem billigen Schwarz-Weiß-Denken verharrt. Natürlich ist Bens Kritik an Konsumverhalten, Ökonomie, Kapitalismus und institutionalisierter Religion nachvollziehbar. Und da die Familie ja sehr sympathisch dargestellt wird, erfreut man sich auch an den vielen kleinen „Siegen“ gegenüber der realen Welt. Andererseits zeigt der Film auch, wie Bens System bröckelt und einschränkend, ja sogar gefährlich werden kann. Seine Kinder setzen sich mit dem, was sie während des gemeinsamen Trips so erleben, auseinander und so werden beim Zuschauer verschiedene Fragen ausgelöst: Ist der Rückzug aus der modernen Welt die Antwort auf die Probleme? Kann ein solcher Rückzug überhaupt gelingen? Führt eine vermeintlich befreiende Erziehung von Kindern nicht einfach nur zu Zwängen und Einschränkungen anderer Art? Gibt es überhaupt Freiheit? Und was genau macht das Wohl seiner eigenen Kinder überhaupt aus? „Captain Fantastic“ löst beim Zuschauer also viele Denkprozesse aus und fordert auch dazu auf, Stellung zu Bens Entscheidungen, beziehungsweise seinem charakterlichen Wandel zu beziehen. Insofern lässt sich über das Ende – welches ich jetzt natürlich nicht verrate – auch gut diskutieren.

„Captain Fantastic“ ist ein kleiner, aber äußerst feiner Film, der durch seine witzige Art gut unterhält, aber auch zum Nachdenken anregt. Von mir bekommt der Streifen, der bisher zu den besten Filmen des Jahres zählt, starke 8 von 10 Popcornguys.

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