Raum

Titel: Raum
Originaltitel: Room
Regie: Lenny Abrahamson
Musik: Stephen Rennicks
Darsteller: Brie Larson, Jacob Tremblay, Joan Allen

Die Mutter Joy (Brie Larson) und ihr Sohn Jack (Jacob Tremblay) sind in einem nur neun Quadratmeter großen Raum eingesperrt und teilen sich dort Bett, Toilette, Badewanne und eine einfache Küche. Die junge Frau wurde vor vielen Jahren von einem Mann namens Old Nick (Sean Bridgers) entführt und wird seitdem regelmäßig vergewaltigt. Das gemeinsame Kind ist Jack, der in der Gefangenschaft geboren wurde und für den der Raum die gesamte Wirklichkeit darstellt. Joy hat ihrem Sohn die Welt so erklärt, dass es außerhalb der sichtbaren vier Wände nur Weltall gibt. Die Dinge, die im Fernsehen laufen, sind allesamt erfunden. Weitere Erlärungen der Mutter sollen Jack vor der grausamen Wahrheit schützen. Doch Joy weiß, dass sie auf die Hilfe ihres Sohnes angewiesen ist, wenn ein Fluchtversuch gelingen soll. Und dafür ist es notwendig, das bisherige Weltbild von Jack, der zu Beginn des Films seinen fünften Geburtstag feiert, zu zerstören.

Bestimmt erinnern sich viele von euch an Josef Fritzl, den österreichischen Straftäter, der seine eigene Tochter rund 24 Jahre in einer unterirdischen Wohnung gefangen hielt und mehrere Kinder mit ihr zeugte. In Anlehnung an diesen Fall schrieb die irische Schriftstellerin Emma Donoghue einen Roman, der vergleichbare Geschehnisse aus der Perspektive eines Kindes schildert. „Raum“ ist nun die Verfilmung dieser Vorlage, bei welcher Lenny Abrahamson („Frank“) Regie führte.

Eigentlich könnte ich mich darauf beschränken, „Raum“ zum für mich besten Film seit „Birdman“ und „Whiplash“ zu erklären und die Kritik damit beenden. Aber ein wenig mehr möchte ich doch schreiben. Das Herz des Films bilden die großartigen schauspielerischen Leistungen von Brie Larson und Jacob Tremblay. Die beiden entwickeln zusammen eine absolut stimmige Chemie, die den Zuschauer von den ersten Minuten an fesselt und an die innige Beziehung zwischen Mutter und Sohn felsenfest glauben lässt. Darauf aufbauend kann sich ein Film entwickeln, der wunderschön und grauenhaft zugleich ist.

Der grandiose Kniff von „Raum“ ist es, die Geschichte konsequent aus dem Blickwinkel Jacks zu erzählen. Er ist derjenige, der uns als Erzähler durch den Film führt und uns sein Weltbild vorstellt. Auf der einen Seite ergibt das viele warme und sympathische Momente, die mich zum Lachen gebracht haben. Auf der anderen Seite ergibt es aber auch unangenehme und schreckliche Momente, die mir – obwohl, oder vielleicht gerade weil sie aus der Perspektive eines Kindes erzählt werden – ganz tief unter die Haut gehen. Der erwachsene Zuschauer ist sich der von der Mutter errichteten Schutzzone rund um Jack bewusst und empfindet sie stellenweise als unterhaltsam. Doch im gleichen Moment wird einem auch die Tragik bewusst, die dahinter steht. Ich möchte nicht viel über die Handlung verraten. Doch eine Szene werde ich nennen, um die beschriebene Ambivalenz zu verdeutlichen: Regelmäßig stehen Joy und Jack in ihrem Raum und brüllen laut herum. Die Mutter erklärt ihrem Sohn, dass sie nach den Aliens schreien, diese jedoch bisher nicht geantwortet haben. Diese Erklärung ist Teil der Welt, die Joy für Jack entworfen hat. In Wahrheit ist es natürlich der verzweifelte Versuch der Mutter, von Menschen außerhalb des Raums gehört und gerettet zu werden.

„Raum“ ist ein Film über eine verachtenswerte und nicht entschuldbare Tat. Doch „Raum“ ist auch ein Film über die Liebe zwischen Mutter und Sohn, die ihnen die Kraft gibt, sich gegenseitig zu retten – und zwar in vielerlei Hinsicht. Denn „Raum“ endet nicht dort, wo andere Filme aufhören. Es gelingt ihm, nach einem vermeintlichen Ende weitere Fragen und Konflikte zu thematisieren und den Zuschauer bis zum Schluss zu berühren. „Raum“ traf genau mein Herz und ließ mich lachen, hassen, bangen und hoffen. Nur sehr selten gelingt es einem Film, mir Tränen in die Augen zu treiben – doch „Raum“ hat es mehrere Mal geschafft. Für dieses Meisterwerk, welches viel zu viele Menschen niemals sehen werden, vergebe ich 9 von 10 Popcornguys!

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Ein Kommentar zu “Raum

  1. RAUM ist wirklich einer der besten Filme des Jahres und steht in meiner persönlichen TOP 10 sehr weit oben. Angesichts der immergleichen Sequels, Prequels und Remakes freue ich mich immer über ein abwechslungsreiches Indie-Kino. Brie Larson und Jacob Tremblay haben sich auch in mein Herz gespielt. Der Film hat den Positiv-Hype sowas von verdient.

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