Nachgeholt: Ein paar fast vergessene Kinofilme aus diesem Jahr

Einige von euch kennen das ja: Da hört man was von einem Film, freut sich darauf, nur um dann festzustellen, dass er nirgendwo läuft. Glücklicherweise wird der Heimkinomarkt heutzutage relativ schnell bedient, weswegen ich ein paar nahezu vergessene Kinofilme aus diesem Jahr bequem daheim nachholen konnte. Außerdem mischen sich in die nun folgende Filmliste auch zwei Streifen, die ich tatsächlich im Kino sehen konnte. Aber eines haben alle Werke gemeinsam: Sie laufen abseits des Mainstreams und sind daher nicht im Blick der breiten Masse. Unverdient, wie ich in den meisten Fällen sagen würde. Aber überzeugt euch selbst!

AM SONNTAG BIST DU TOT

Titel: Am Sonntag bist du tot (Originaltitel: Calvary)
Regie: John Michael McDonagh
Musik: Patrick Cassidy
Darsteller: Brendan Gleeson, Kelly Reilly, Chris O’Dowd

Es scheint ein ganz normaler Sonntag für den irischen Landpfarrer James Lavelle (ganz stark: Brendan Gleeson) zu werden – bis er von einem Unbekannten im Beichtstuhl eine Morddrohung erhält. Der Mann war vor Jahren das Missbrauchsopfer eines anderen Priesters, doch der eigentliche Peiniger ist bereits tot. Medienwirksamer erscheint es ihm nun, einen an und für sich unschuldigen Gottesmann wie Lavelle zu töten. Der Landpfarrer hat eine Woche – also bis zum nächsten Sonntag – Zeit, um seine Angelegenheiten zu regeln. Und dabei hat er tatsächlich alle Hände voll zu tun, egal, ob es sich um einen zynischen Arzt, einen gewalttätigen Ehemann, einen vom Leben gelangweilten Millionär oder die eigene suizidgefährdete Tochter handelt. Und nicht zuletzt sind es Lavelles eigene Schwächen, die ihn im Lauf der Woche einholen.

Zunächst habe ich mir von „Am Sonntag bist du tot“ eine äußerst makabere Komödie im Stil von „Adams Äpfel“ erwartet – womöglich auch aufgrund des etwas unglücklich gewählten deutschen Titels. Schwarzer Humor lässt sich zwar finden, aber er ist sehr dezent und tritt meiner Meinung nach aufgrund zahlreicher zwischenmenschlicher Themen in den Hintergrund. Doch das ist nicht weiter schlimm, bieten die vielen hilfsbedürftigen Schäfchen in Lavelles kleiner Gemeinde doch eine Unzahl interessanter Denkanstöße. Der irische Charakterkopf Brendan Gleeson bewegt sich in der Rolle des guten Priesters von einer sozialen Baustelle zur nächsten und nimmt den Zuschauer dabei mit. Immer wieder entdeckt man bekannte Gesichter, wie beispielsweise Aidan Gillen (Petyr Baelish aus „Game of Thrones“) oder Dylan Moran (bekannt aus der britischen Comedy-Serie „Black Books“). Der Film entwickelt im Laufe der Zeit eine spürbar deprimierende Stimmung, da Lavelle an keiner einzigen Front merklich vorwärts zu kommen scheint. Und dennoch blitzen immer wieder Hoffnung und Vertrauen in den eigenen Glauben auf. Davon abgesehen ist „Am Sonntag bist du tot“ alleine schon deswegen interessant, weil er einen ungewohnten und in gewisser Weise mutigen Blick auf den Missbrauchsskandal in kirchlichen Einrichtungen wirft: Der sympathische Protagonist ist ein Mann der Kirche, der unschuldig zum Opfer der Vergehen eines anderen wird. Dieses ruhige und nachdenkliche Drama bekommt von mir 8 von 10 Popcornguys.

UNDER THE SKIN – TÖDLICHE VERFÜHRUNG

Titel: Under The Skin – Tödliche Verführung (Originaltitel: Under The Skin)
Regie: Jonathan Glazer
Musik: Mica Levi
Darsteller: Scarlett Johansson

Eine attraktive Frau (Scarlett Johansson) fährt in einem Lieferwagen durch Schottland und spricht Männer an, bei denen sie sich nach dem Weg erkundet. Doch bald hakt die Frau nach: Es interessiert sie, wohin die Männer gehen, ob sie eine Familie haben oder sonst in irgendeiner Weise gebunden sind. Manche der Männer steigen zu der Frau in den Lieferwagen. Von dort aus folgen sie der mysteriösen Schönheit ins Dunkel einer Wohnung – und verschwinden dort.

Die Geschichte der männermordenden Femme fatale ist nicht wirklich etwas Neues, aber wer den Trailer zu „Under the Skin“ betrachtet, wird schnell merken, dass Scarlett Johansson keine gewöhnliche Frau spielt. Zu viel möchte ich an dieser Stelle über diesen Arthouse-Film nicht verraten. Verweisen möchte ich aber trotzdem auf Johanssons eindringliche Schauspielleistung, den mit Spannung geladenen Soundtrack und einige äußerst verstörende Bilder – noch nie habe ich das Verschwinden von Männern auf diese gleichzeitig beklemmende und optisch faszinierende Art und Weise visualisiert gesehen. „Under the Skin“ entfaltet in seinem Verlauf Themen wie Verführung, Einsamkeit und Isolierung, lässt aber am Ende doch einige Fragen offen und wirkt auf mich gelegentlich etwas träge. Womöglich ist es ein Film, den man sich ein zweites Mal ansehen müsste, aber vorläufig verteile ich 7 von 10 Popcornguys.

NO TURNING BACK

Titel: No Turning Back (Originaltitel: Locke)
Regie: Steven Knight
Musik: Dickon Hinchliffe
Darsteller: Tom Hardy

Bauleiter Ivan Locke (Tom Hardy) hat einen großen Tag vor sich: Es gilt, den Guss eines außerordentlich großen Fundaments in Birmingham zu überwachen. Das Bauprojekt ist äußerst wichtig und Lockes Vorgesetzte bringen dem zuverlässigen Bauleiter vollstes Vertrauen entgegen. Doch nur ein paar Stunden vor Arbeitsbeginn entschließt sich Locke, nach London zu fahren. Den Grund dafür hält er lange Zeit zurück. Über die Freisprechanlage in seinem Auto versucht nun Locke sein Leben, welches in nur einer Nacht zusammen brechen könnte, zu retten: Er führt Gespräche mit seiner Familie, seinem Vorgesetzten, seinen Arbeitskollegen und einer Frau, die im Krankenhaus ein Kind erwartet.

„No Turning Back“ ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, dass man auch mit einer überschaubaren und kleinen Handlungen einen tollen Film abliefern kann – solange die Inszenierung stimmt. Und das tut sie bei diesem Drama auf alle Fälle. Neben den interessanten Kameraeinstellungen, die der nächtlichen Autobahnfahrt viel Ästhetik verleihen, ist es vor allem Tom Hardy, der eine beeindruckende One-Man-Show abliefert. Er ist der einzige Darsteller, der physisch zu sehen ist und hat daher die Aufgabe, den gesamten Film zu stemmen. Aber Hardy ist ein absolut fähiger Schauspieler, der sämtliche Facetten seines Charakters versteht und auf die Leinwand bringen kann. Mir gefällt besonders, wie der Film allein durch die Telefonate an Spannung gewinnt und auch die ein oder andere Wendung durchläuft. „No Turning Back“ erhält von mir 8 von 10 Popcornguys.

THE ROVER

Titel: The Rover (Originaltitel: The Rover)
Regie: David Michôd
Musik: Antony Partos
Darsteller: Guy Pearce, Robert Pattinson

10 Jahre sind seit dem Zusammenbruch der Zivilisation vergangen. Australien ist eine Einöde, in der Armut und Gesetzlosigkeit herrschen. Eine kriminelle Bande raubt nach einem missglückten Überfall das Auto von Eric (Guy Pearce), der aus zunächst unbekannten Gründen stark an seinem Wagen hängt. Er nimmt die Verfolgung auf und trifft dabei auf den naiven und geistig zurück gebliebenen Reynolds (Robert Pattinson), der ursprünglich zu der Bande gehörte. Die beiden ungleichen Männer verbünden sich und nähern sich mit jeder Stunde dem unausweichlichem Showdown mit den Gesetzlosen.

„The Rover“ weiß durch seine dezent postapokalyptische Optik zu gefallen und das oftmals unerwartet brutale Vorgehen von Hauptdarsteller Guy Pearce schockt auf positive Art und Weise. Dennoch hätte ich mir etwas tiefere Einblicke in die Charaktere gewünscht und ich befürchte, dass auf lange Sicht nicht allzu viel von diesem Film hängen bleiben wird. Dennoch möchte ich an dieser Stelle eine Lanze für Glitzer-Vegetarier-Vampir Robert Pattinson brechen: Die „Twilight“-Filme werden wohl immer an ihm haften, doch seine Darbietung in „The Rover“ ist absolut gelungen. Mit zuckenden Mundwinkeln und verkrampften Gliedmaßen tapst er seinem Kollegen Pearce zunächst hinterher, vermag es meiner Meinung nach aber, dem älteren Schauspieler die Schau zu stehlen und die Sympathien des Zuschauers auf seine Seite zu ziehen. „The Rover“ bekommt 7 von 10 Popcornguys.

NIGHTCRAWLER – JEDE NACHT HAT IHREN PREIS

Titel: Nightcrawler – Jede Nacht hat ihren Preis (Originaltitel: Nightcrawler)
Regie: Dan Gilroy
Musik: James Newton Howard
Darsteller: Jake Gyllenhaal, Rene Russo, Riz Ahmed

Der soziopathische, aber ambitionierte Louis „Lou“ Bloom (Jake Gyllenhaal) hält sich mit gelegentlichen Diebstählen gerade so über Wasser, als er eines Abends Zeuge eines Verkehrsunfalls wird. Ein Mann mit Kamera, ein sogenannter Nightcrawler, trifft kurz darauf ebenfalls am Unfallort ein. Schamlos filmt er, wie die Frau aus dem Auto herausgeschnitten und gerade noch rechtzeitig vor den Flammen gerettet wird. Lou beobachtet interessiert und fällt dann den Entschluss, selbst ein Nightcrawler zu werden. Von nun an hört er den Polizeifunk ab, steuert gezielt Unfälle oder Einbrüche an, fängt mit der Kamera möglichst drastische Bilder ein und verkauft diese dann an den meistbietenden Sender. Lou ist erfolgreich in seinem neuen Job – und geht dabei im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen.

Jake Gyllenhaal zählt für mich inzwischen zu den interessantesten Schauspielern überhaupt. Mit Filmen wie „Prisoners“ oder „Enemy“ hat er in letzter Zeit auf sich aufmerksam gemacht, doch in „Nightcrawler“ legt er nochmal eine Schippe drauf. Gyllenhaal verschwindet geradezu in seiner Rolle: Mit ausgemergelten Wangen und psychopathischer Mimik zieht er den Zuschauer von Anfang an in seinen Bann. Manch einer wird sich in der ersten Minute wohl fragen, ob das tatsächlich der hübsche Junge Mann ist, der früher mal mit Heath Ledger in „Brokeback Mountain“ turtelte. Aber ja, das ist er. Gyllenhaal hat als Schauspieler eine faszinierende Karriere hingelegt und vermag es in „Nightcrawler“ den Zuschauer zu begeistern, zu schocken und gelegentlich zu einem ungläubigen Schmunzeln zu bringen. Der Film an sich weiß auch in Sachen Optik und Musik zu begeistern, der kritische Blick auf die schamlose Medienwelt, die die Sensationsgeilheit ihrer Konsumenten um jeden Preis befriedigen will, ist ebenfalls sehr direkt spürbar. Aber das Herzstück von „Nightcrawler“ bleibt meiner Meinung nach die Performance des Hauptdarstellers, weswegen es von mir auch 8 von 10 Popcornguys gibt. Tendenz steigend.

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