Noah

Titel: Noah (Originaltitel: Noah)
Regie: Darren Aronofsky
Musik: Clint Mansell
Darsteller: Russell Crowe, Jennifer Connelly, Emma Watson

Noah (Russell Crowe) lebt mit seiner Familie fernab der Zivilisation, die bedingt durch den Sündenfall eine für Gott inakzeptable Beziehung zur Schöpfung führt. Gott beschließt, diese fehlerhafte Entwicklung durch eine gewaltige Flut zu unterbinden. Noah erfährt über Visionen vom Untergang der Welt und erkennt für sich den Auftrag, die unschuldigen Geschöpfe – also die Tiere – mittels einer gewaltigen Arche vor der drohenden Katastrophe zu bewahren. Beim Bau des Schiffs wird er von sogenannten Wächtern, bei denen es sich um gefallene Engel in Steingestalt handelt, unterstützt. Allerdings wird die Arche von den Nachfahren Kains entdeckt, deren König (Ray Winstone) seinerseits das Überleben der Menschheit sichern möchte.

Bibelverfilmungen haben es heutzutage schwer, denn sie befinden sich im Kreuzfeuer zwischen zwei miteinander unversöhnlichen Extremen. Auf der einen Seite eifern religiöse Puristen, die jedwede künstlerische Herangehensweise an einen biblischen Stoff verurteilen. Auf der anderen Seite empören sich aggressive und voreingenommene Atheisten, die der ersten Gruppe in Sachen Engstirnigkeit und Fanatismus in nichts nachstehen. Aber auch ganz allgemein ist es schwierig, objektiv an einen Film wie „Noah“ heranzugehen, denn jeder Mensch hat eine subjektive Haltung zu Glaube und Religion, welche sich meiner Meinung nach bei einem solchen Werk nie ganz abschütteln lässt. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen unternehme ich nun den Versuch, meine Eindrücke zu sortieren und zu entscheiden, ob mir „Noah“ gefällt oder nicht. Dabei muss ich allerdings eine klare Spoiler-Warnung aussprechen, da ich dieses Mal auf inhaltliche Details eingehen möchte.

Das Filmprojekt „Noah“ hat eine längere Vorgeschichte. Regisseur Darren Aronofsky interessiert sich laut eigener Aussagen bereits seit seiner Kindheit für den biblischen Stoff, den er wie die meisten während seiner Schulzeit erstmals kennen lernte. Viele Jahre später kreierte Aronofsky in Zusammenarbeit mit anderen eine etwas eigenwillige Graphic Novel zur biblischen Geschichte, welche verfilmt werden sollte. Doch ein brauchbares Budget wurde von Seiten des Studios erst nach dem relativen Mainstream-Erfolg von „Black Swan“ locker gemacht, weswegen man auf „Noah“ bis 2014 warten musste. Der Film wurde vor einigen Monaten einem Testpublikum vorgeführt, welches stark ablehnend reagierte. Als Folge dessen bekam das Studio Angst um seine ins Projekt investierten Millionen und wollte größeren Einfluss auf den finalen Schnitt des Werks bekommen. Aber anscheinend setzte sich Aronofsky gegenüber den Geldgebern durch und behielt die kreative Oberhand, was aus künstlerischer Sicht gut und lobenswert ist.

Ebenfalls positiv ist die Wahl der Location, die auf Island fiel. Das Land zeigt sich von seiner kühlen, rustikalen und kargen Schönheit, was viel zur Endzeit-Atmosphäre des Films beiträgt. Kostüme und Settings sind auf den ersten Blick etwas gewöhnungsbedürftig, allerdings findet man sich – von ein paar Ausnahmen, die mir zu sehr Fantasy sind – gut in den gesamten Look des Films ein. Der Soundtrack, der von Clint Mansell stammt, kommt wuchtig, stimmungsvoll und epochal daher und bleibt einem doch längere Zeit im Ohr.

Kritischer sehe ich dagegen die Effekte des Films. Bereits die ersten Einstellungen, die die verführerische Schlange und die Frucht im Garten Eden zeigen, fallen mit einer für dieses Budget nicht tolerierbaren Schlechtigkeit auf. Glücklicherweise ist dies nicht der Standard für alles Folgende, jedoch gibt es leider immer wieder ähnlich miese Effekte, die aus dem Film reißen können – als Beispiele möchte ich einige Tiere auf der Arche, die steinernen Wächter oder die großen Wassermassen der Sintflut erwähnen. Möglicherweise ist man mittlerweile ziemlich verwöhnt, was Computereffekte angeht, aber für wahrscheinlicher halte ich es, dass das hochgelobte CGI auch heute noch seine Grenzen hat. Das mag zum Teil als Entschuldigung gelten, doch auf der anderen Seite hätte ich es gerade einem kreativen Kopf wie Aronofsky zugetraut, bessere und glaubhaftere Lösungen zu finden.

Ein wenig unschlüssig bin ich mir auch bei den eingangs erwähnten Wächtern. Hierbei handelt es sich um vom Himmel gestiegene Engel, die auf der Erde an einen riesenhaften Steinkörper gebunden sind und mehr oder weniger darauf hoffen, vom Schöpfer zurück berufen zu werden. Im biblischen Buch Genesis werden sowohl Engel, als auch Riesen erwähnt, allerdings nur kurz und relativ kontextlos. Aronofsky scheint diese knappen Verse zu kombinieren und eine äußerst freie Interpretation auf die Kinoleinwand zu bannen, die theologisch recht fragwürdig ist. Die logische Daseinsberechtigung der Wächter liegt auf der Hand, denn wie hätte Noah sonst die gewaltige Arche bauen können? Allerdings denke ich, dass gerade eine Verfilmung des Buches Genesis nicht in erster Linie einer rationalen Logik entsprechen muss. Insofern sehe ich die Wächter eher als Mittel zum Zweck, die Fantasy- und Actionelemente zu bedienen, welche meiner Meinung nach etwas zu sehr von den stärkeren Momenten des Films ablenken.

Die Erzählstruktur des Films ist prinzipiell linear, wird jedoch durch Noahs Visionen und Rückblenden auf Schöpfung und Sündenfall aufgelockert. Dies ist dramaturgisch geschickt und ordnet darüber hinaus die Geschehnisse rund um die Arche in ein größeres Ganzes ein. Ein Minus gibt es allerdings wegen der Inszenierung, denn neben den Effekten, die gerade bei diesen Flashbacks relativ mies daher kommen, werden dem Zuschauer gleich am Anfang des Films diverse Schriftzüge entgegen geschmettert – ein nicht wirklich kunstvoller Kniff, da besonders hier ästhetische Bilder für sich hätten sprechen können.

Inhaltlich möchte ich auf das letzte Drittel von „Noah“ eingehen, denn hier wandelt sich der vermeintliche Fantasy-Film zu einem höchst dramatischem Psycho-Thriller. Die Grundsteine dafür werden schon frühzeitig gelegt: In Noah wächst die Überzeugung, dass die Schöpfung nur ohne den Menschen zum paradiesischem Urzustand zurück finden kann. Aus diesem Grund sieht er es als Teil seines Auftrags, nach der Rettung der Tiere ohne weitere Nachkommen zu sterben. Das führt natürlich zu familiären Konflikten. So verbietet es Noah seinem Sohn Ham (Logan Lerman) eine Frau mit auf die Arche zu nehmen, was in Ham den Wunsch nach Vergeltung weckt. Stieftochter Ila (Emma Watson), die zunächst als unfruchtbar gilt, bekommt auf der Arche Zwillinge, welche der immer fanatischer werdende Patriarch aufgrund der Erfüllung seiner Mission umbringen möchte. Noahs Verhalten schockt nicht nur seine Ehefrau Naama (Jennifer Connelly), sondern auch den Zuschauer, den diese Darstellung des Protagonisten hat mit der biblischen Vorlage nicht mehr viel gemeinsam. Dennoch ist die Fragestellung, die dem ganzen Psycho-Terror als Nährboden dient, höchst aktuell und modern, was gerade dieses letzte Drittel des Films faszinierend macht. Ist es nicht so, dass die Welt ohne den Menschen ein besserer Platz wäre? Sind wir vielleicht nicht wirklich ein zum Scheitern verurteiltes Werk des Schöpfers? Und dienen Überbevölkerung, Umweltverschmutzung und Ressourcenknappheit nicht als Argumente für eine solch radikale Sichtweise? Auf diese Themen spielt der Film meiner Meinung nach indirekt an und bekommt daher eine interessante philosophische Note.

Die Klasse der Schauspieler wird ebenfalls in diesem letzten Drittel deutlich. Jennifer Connelly ist in ihrem Entsetzen über ihren Ehemann ein Spiegelbild des wohl ebenfalls geschockten Zuschauers. Emma Watson, der ich an dieser Stelle abermals eine große Zukunft prophezeie, spielt sich in ihrer Angst um ihre neugeborenen Zwillinge ins Herz des Publikums. Und auch Logan Lerman als enttäuschter und auf Rache sinnender Sohn Ham kann überzeugen. Russell Crowe befindet sich spätestens als radikaler Fanatiker in einer Paraderolle und bietet eine höchst intensive Darstellung. Und auch Ray Winstone überzeugt als Antagonist, was meiner Meinung nach auch das Drehbuch an einer Stelle besonders klar macht, die eng mit der biblischen Vorlage zusammen hängt. Denn so heißt es in Genesis, dass der Mensch die Welt bebauen und behüten, aber auch beherrschen soll. Während Russell Crowes Noah in seiner Menschenverachtung das eine Extrem verkörpert, legt Ray Winstones böser König Gottes Auftrag in die komplett entgegen gesetzte Richtung aus, wenn er sich als Krone der Schöpfung bezeichnet und die restliche Welt rücksichtslos ausbeutet. In den Reihen der Schauspieler muss natürlich noch Anthony Hopkins erwähnt werden, der als Noahs Großvater Methusalem den weisen Mentor gibt – und ganz nebenbei durch seinen Beeren-Fetisch für den ein oder anderen Schmunzler sorgt.

Gott selbst bleibt im Film der Distanzierte und wird lediglich als „Schöpfer“ bezeichnet. Möglicherweise soll durch diese Wortwahl der atheistische Teil des Publikums geschont werden, aber auf der anderen Seite muss man sich auch des inflationären Gebrauchs der Bezeichnung „Gott“ bewusst sein. Das Göttliche bleibt demnach im Film wenig greifbar und mystisch, was ich zunächst auch als positiv empfinde – wenn man mal vom Ende absieht. Denn hier wird der für mich absolut zentrale und unumgängliche Aspekt der Noah-Erzählung nicht deutlich genug herausgearbeitet. Es ist Gottes Grundcharakter in der Bibel, dass er den Menschen – trotz sämtlicher Verstöße und darauf folgender Bestrafungen – niemals ganz aufgibt. Es ist sein Plan, einen Teil der Schöpfung vor der Flut zu retten und dazu gehört auch der Mensch, für den Noah und seine Familie stellvertretend stehen. Für mich ist es absolut in Ordnung, dass der Protagonist zweifelt und über weite Strecken Gottes Auftrag anders interpretiert oder missversteht. Aber es wäre mir am Ende wichtig gewesen, dass der fanatische Noah reflektiert und das erneute Bundesangebot des Schöpfers erkennt. Denn im Film liegt es alleine in der Hand des Menschen, ob er ein Teil der Schöpfung bleibt oder nicht, was meiner Meinung nach zu einem Fehlen der gewissen spirituellen Note führt, welche dem Werk gut getan hätte.

Fazit: Es ist ein wenig schwer, „Noah“ einer bestimmten Zuschauergruppe zu empfehlen. Leichter ist es wohl, festzuhalten, für wen der Film nicht geeignet ist. Action-Fans werden ihre Momente haben, aber für den vollen Unterhaltungs-Genuss knallt es dann doch zu wenig. Arthouse-Liebhaber werden insbesondere am Ende auf ihre Kosten kommen, sich aber womöglich an den Fantasy-Elementen und dem zum Teil schlechten Effekten stören. Freunde bibeltreuer Verfilmungen könnten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, atheistische Bibelfeinde können sich aber auch nicht ins Fäustchen lachen, denn dafür ist die Essenz der Vorlage zu gut eingefangen. Wenn man sich nun selbst irgendwo zwischen all diesen Lagern situieren würde, grundsätzliche Vorkenntnisse hat und auf eine moderne Interpretation eines alttestamentlichen Stoffes gespannt ist, kann man die Kinokarte ruhig lösen. Ich persönlich hätte mir einen stärkeren Fokus auf Kunst und Drama gewünscht, denn was die im Film gestellten Fragen und Parallelen zu modernen Problemen angeht, war ich absolut am Ball. Von der Tendenz her ist „Noah“ für mich also gut, aber doch ein erkennbares Stück davon entfernt, richtig gut zu sein. Es gibt 7 von 10 Popcornguys!

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