Jung & Schön

Titel: Jung & Schön (Originaltitel: Jeune & Jolie)
Regie: François Ozon
Musik: Philippe Rombi
Schauspieler: Marine Vacth, Géraldine Pailhas, Frédéric Pierrot

Die hübsche Isabelle (Marine Vacth) feiert ihren siebzehnten Geburtstag während eines Familienurlaubs am Meer. Sie ist ein in sich gekehrtes Mädchen mit einem Hang zur Melancholie und mit wenig Interesse an Dingen, denen sich andere Jugendliche widmen. In dieser Zeit verliert Isabelle an eine flüchtige Urlaubsbekanntschaft ihre Unschuld, doch sie zeigt sich von ihrem ersten Mal nur wenig begeistert. Trotzdem löst dieses Ereignis in ihr einen Wandel aus, denn zurück in Paris beginnt sie, sich zu prostituieren. Über ein zweites Handy und eine Internetseite hält sie Kontakt zur Kundschaft und trifft sich – meistens mit bedeutend älteren Männern – in Hotelzimmern, um dort für Sex bezahlt zu werden. Viele Wochen lang gelingt es ihr, diese Aktivität vor ihrer Familie zu verheimlichen.

Ohne große Umschweife möchte ich an erster Stelle das Schauspiel von Marine Vacth loben. Sie transportiert Melancholie und Unnahbarkeit des Charakters auf perfekte Art und Weise und sie trägt einen großen Teil zu einer wirklich rätselhaften Filmfigur bei. Durch die Erzählweise des Films und die Art und Weise, wie dieses junge Mädchen präsentiert wird, kann der Zuschauer nur bedingt eine emotionale Bindung zu ihr aufbauen. Isabelles Handeln bleibt kaum nachvollziehbar. Sie ist kein Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen, welches aus erschreckenden, aber plausiblen Gründen in die Prostitution getrieben wird. Sie tut es aus eigener Motivation heraus und als Zuschauer beginnt man notgedrungen, sich zu überlegen, was eigentlich ihr Antrieb ist. Möglicherweise genießt sie die Macht, die sie mit ihrem Körper über Männer erlangt, doch das ist auch nur eine vage Vermutung meinerseits. Hin und wieder gibt es im Film Momente, in denen der Charakter bricht und Isabelle verletzliche und nahbare Seiten zeigt. Hierbei beweist Marine Vacth, dass sie nicht nur eine Schauspielerin mit einem hübschen Gesicht ist, sondern auch das Potential für eine große Zukunft hat.

Dennoch bleibt eine Identifikation mit ihrer Figur über weite Passagen aus und so sucht man sich als Zuschauer andere Anknüpfungspunkte. Fündig wird man beispielsweise bei Isabelles geschockter und verzweifelt handelnder Mutter, die von Géraldine Pailhas dargestellt wird. Die Frage ist nur, wie gut man nun mit einer schwer einschätzbaren Hauptfigur leben kann. Ich persönlich bin um diese etwas gewagtere und sperrigere Entscheidung der französischen Macher froh. Ein durchschnittlicher deutscher Fernsehfilm wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit anders an das Thema heran gegangen. Der Charakter wäre klarer gezeichnet gewesen und mit Hilfe von ermüdender und moralisierender Westentaschenpsychologie bis ins kleinste Detail analysiert worden. Psychologische Erklärungsmöglichkeiten sind auch bei Isabelle vorhanden, beispielsweise wird ihre nicht ganz einfache Beziehung zum Stiefvater angerissen. Doch diese Aspekte werden äußerst subtil eingestreut und so darf Isabelle – wie bereits gesagt – ein großes Rätsel bleiben.

Auf der anderen Seite sind die Sexszenen nicht so gewagt oder skandalös, wie man es bei der Thematik vielleicht erwarten würde. Sie zeigen das, was nötig ist, ohne sich daran zu ergötzen oder einen ästhetischen Genuss zu erschaffen. Allerdings möchte auch kein echter Ekel vermittelt werden. Im Gegenteil, insbesondere bei einem von Isabelles Kunden entsteht ein eher zärtliches, fast schon väterliches Verhältnis, für welches der Zuschauer trotz aller Absurdität Sympathie entwickelt. Auffälliger ist der Einsatz einiger französischer Schlagersongs, die die vier Kapitel des Films einläuten. Diese Lieder spiegeln die Entwicklung Isabelles wider und werden zum besseren Verständnis auch untertitelt.

Mein Fazit ist eine Verbeugung vor dem Mut und der Kreativität französischer Dramen und eine Reaktion auf das faszinierende, wenn auch irritierende Spiel von Marine Vacth: Es gibt 8 von 10 Popcornguys.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kino abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s