Der Geschmack von Rost und Knochen

Titel: Der Geschmack von Rost und Knochen (Originaltitel: De rouille et d’os)
Regie: Jacques Audiard
Musik: Alexandre Desplat
Darsteller: Marion Cotillard, Matthias Schoenaerts, Bouli Lanners

Der arbeitslose Ali (Matthias Schoenaerts) reist mit seinem kleinen Sohn Sam nach Südfrankreich zu seiner Schwester Anna. Diese nimmt sie trotz eigener bescheidener Verhältnisse auf und kümmert sich auch um den Jungen. Anna arbeitet als Kassiererin in einem Supermarkt und kann Ali einen Job bei einer Sicherheitsfirma vermitteln. Außerdem beginnt der ehemalige Boxer, vor einer Diskothek als Türsteher zu arbeiten. Dort trifft er eines Nachts auf Stéphanie (Marion Cotillard), die bei einer Auseinandersetzung verletzt wurde. Ali bringt sie nach Hause und erfährt dort, dass Stéphanie als Orca-Trainerin arbeitet. Die Wege der beiden trennen sich. Ali lenkt sich mit kurzweiligen Affären ab und findet Interesse an illegalen, aber gewinnbringenden Straßenkämpfen. Währenddessen ereilt Stéphanie ein Arbeitsunfall, bei dem sie beide Unterschenkel verliert. Sie nimmt erneut mit Ali Kontakt auf und die beiden treffen sich. Zwischen den beiden entwickelt sich eine außergewöhnliche Beziehung, die beiden hilft, zurück ins Leben zu finden.

Lange hat es gedauert, bis ich diesen Film in einem Kino meiner Nähe ausfindig machen konnte. Bereits bei der ersten Sichtung des Trailers, der gänzlich mit Musik und Bildern arbeitet, war ich gefesselt. Und den längeren Anfahrtsweg bereue ich nun keineswegs.

In „Der Geschmack von Rost und Knochen“ wird alles andere als eine gewöhnliche Liebesgeschichte erzählt. Man lernt zwei Menschen kennen, die auf ihre Art gebrochen und orientierungslos sind: Auf der einen Seite Ali, von seiner Frau verlassen und mit der Erziehung seines Sohnes überfordert, jedoch unfähig, seine Schwächen zu zeigen. Stattdessen gibt er sich ruppig und gefühlskalt. Auf der anderen Seite Stéphanie, die ihre Weiblichkeit bei Flirt und Tanz genießt, jedoch zusammen mit ihren Beinen jegliche Lebenslust verliert. Diese beiden Welten prallen aufeinander. Der Grundtun des Films bleibt tragisch und düster, wird jedoch von erhellenden Momenten des Glücks und der Genugtuung unterbrochen. Stéphanie gewinnt dank Alis gewöhnungsbedürftigem, aber zunächst unkompliziertem Umgang mit ihr die Freude am Leben zurück. Doch sie entwickelt Gefühle für den Mann, der aufgrund seiner Beteiligung an illegalen Straßenkämpfen nicht nur die Beziehung zu Stéphanie, sondern auch die zu seinem Sohn aufs Spiel setzt. Vor Ali liegt nun die Herausforderung, zu erkennen, was ihm im Leben wichtig sein sollte. Und die Handlung bietet dem Zuschauer dabei eine derartige Fülle an Gefühlen, dass es stets spannend bleibt und der Ausgang bis zum Ende unklar bleibt.

In erster Linie wird diese Geschichte dank der beiden Hauptdarsteller perfekt erzählt. Der mir bislang gänzlich unbekannte Matthias Schoenaerts glänzt in seiner Rolle und es gelingt ihm, sowohl Mitleid, Unverständnis, Hass und Spaß beim Zuschauer zu provozieren. Übertroffen wird seine Leistung höchstens noch von Marion Cotillards. Jeder, der sich nun an ihr etwas aufgesetztes Todesröcheln aus „The Dark Knight Rises“ erinnert, sollte diese Szene schnellstmöglich vergessen. In diesem Drama spielt die Französin göttlich und zeigt, dass sie definitiv zu den besten Darstellerinnen unserer Zeit gehört. Verzweiflung, Hoffnung und wiedergewonnene Lebensfreude flimmern in derart hoher Intensität über die Leinwand, dass es einfach nur eine Schande ist, dass Cotillard bei den Oscars übergangen wurde.

Ein Lob muss auch an die Make-Up-Abteilung des Films gehen. In jeder noch so intimen Szene sind die amputierten Beine Cotillards im Bild – beim Schwimmen, beim Sex, ja sogar beim Gang zur Toilette. Jede Einstellung wirkt realistisch und zeigt schonungslos das bittere Schicksal der Protagonistin auf. Daneben bietet der Film auch vieles auf der rein visuellen Ebene. Eine der stärksten Szenen kommt vollkommen ohne Dialog aus: Stéphanie kehrt an ihren Arbeitsplatz zurück und begegnet dem Wal, der ihr beim Unfall die Beine gekostet hat. Musik, Kamera und natürlich Gestik und Mimik Cotillards machen diesen Moment unvergesslich.

„Der Geschmack von Rost und Knochen“ ist eine wahre Filmperle und zählt schon jetzt zu den Highlights meines Kinojahrs. Lediglich das Ende kam mir etwas abrupt vor, vielleicht hätte man die Charakterentwicklungen ein paar Minute länger auskosten können. Doch das ist Jammern auf hohem Niveau. Ohne weitere Bedenken verteile ich 9 von 10 Popcornguys!

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