Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger

Titel: Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger (Original: Life of Pi)
Regisseur: Ang Lee
Musik: Mychael Danna
Darsteller: Suraj Sharma, Irrfan Khan, Gerard Depardieu

Pi Patel ist der Sohn eines Zoodirektors und wächst in Indien auf. Seine religiösen Wurzeln liegen im Hinduismus, doch als Kind lernt er außerdem das Christentum und den Islam kennen und identifiziert sich bald mit allen drei Weltanschauungen. Gerade als der Jugendliche Pi die Liebe kennen lernt, beschließt sein Vater nach Kanada auszuwandern und sämtliche Tiere zu verkaufen. Die Familie begibt sich zusammen mit dem halben Zoo auf einen japanischen Frachter, der jedoch während eines heftigen Sturms sinkt. Pi kann sich als einziger auf ein Beiboot retten, doch dort ist er nicht allein: Ein verletztes Zebra, ein weiblicher Orang Utan und eine angriffslustige Hyäne leisten ihm Gesellschaft. Schon bald kommt es innerhalb der Gruppe zu Auseinandersetzungen. Die Hyäne tötet zunächst das Zebra, anschließend den Affen, woraufhin sie jedoch selbst Opfer eines weiteren, bisher unentdeckt gebliebenen Passagiers wird: Richard Parker, ein gewaltiger bengalischer Tiger, ist nun das einzige lebende Tier auf dem Rettungsboot. Pi muss sich notgedrungen ein kleines Floß bauen und dem Raubtier ausweichen. Doch im Verlauf das gemeinsamen Überlebenskampfes rücken Mensch und Tiger näher zusammen. Pi gelingt es, Richard Parker zu bändigen und eine Art Partnerschaft zu entwickeln. In gegenseitiger Abhängigkeit gelingt es dem Duo, monatelang auf offener See durchzustehen und auf Rettung zu hoffen.

„Life of Pi“ ist die mit Abstand beste Möglichkeit, das Kinojahr 2012 ausklingen zu lassen. Dieser Film lässt seinen Zuschauer überwältigt im Sessel zurück und fordert ihn dazu auf, die vielen großartigen Eindrücke zu ordnen – etwas, was ich hiermit versuchen möchte.

Beginnen möchte ich mit dem Offensichtlichstem, und zwar dem Look des Films. „Life of Pi“ wurde im Vorfeld als visuelle Konkurrenz zu „Avatar“ gepriesen – und dieser Vergleich ist absolut legitim. Bereits in der Eröffnungsequenz, die an und für sich nur verschiedene Zootiere zeigt, wird der Zuschauer mit feinsten 3D-Effekten verwöhnt. Die Technik wird von Anfang dazu verwendet, um räumliche Tiefe zu erzeugen und auch stellenweise den Betrachter gekonnt an der Nase herum zu führen. Man merkt dem Regisseur förmlich den Spaß an 3D an, doch Ang Lee verliert dabei zu keinem Zeitpunkt Handlung und Charaktere aus den Augen. Der visuelle Augenschmaus entfaltet sich im weiteren Verlauf des Films, wenn farbenfrohe und überwältigende Visionen, Traumsequenzen, nächtliche Himmel, Stürme oder auch Unterwasseraufnahmen die Leinwand veredeln. Doch der eigentliche Höhepunkt in Sachen Effekte stellt der bengalische Tiger Richard Parker dar. Ein solches Tier ist mit all seinen Details sicher unheimlich schwer zu animieren – aber der heimliche Star aus „Life of Pi“ ist in jeder Einstellung ein ohne Abstriche überzeugender Genuss.

Doch eine schöne Optik allein ist nicht alles. Hinter der überragenden Fassade des Films schlummern aber glücklicherweise auch genau die Stärken, die einen Film zu einem Meisterwerk machen können. Suraj Sharma, der die meiste Zeit Pi spielt, ist ein grandioser Darsteller, dem es möglich ist, in einem einzigen Monolog den Zuschauer zu fesseln und unglaublich viele Emotionen zu transportieren. Zudem schafft er es problemlos, während der Rettungsboot-Szenen das Werk alleine zu tragen – mal abgesehen von seinem komplett animierten Schauspielkollegen. Andere Darsteller kommen da konseqenterweise etwas kürzer, doch man kann sich trotzdem über markante Auftritte von Irrfhan Khan und Gerard Depardieu freuen. Der Soundtrack hätte stellenweise weniger dezent sein können, doch er passt sehr gut zu den malerischen Bildern.

„Life of Pi“ ist für mich einer der besten Filme des Jahres, weil er auf so vielen Ebenen perfekt funktioniert. Es ist einerseits ein Abenteuerfilm, in welchem Mensch und Tier gemeinsam ums Überleben kämpfen. Auf der anderen Seite ist es das Drama eines jungen Mannes, der seine gesamte Familie verliert und gezwungen ist, ein neues Leben zu beginnen. Und schließlich ist „Life of Pi“ eine Fabel auf das Leben mit zahlreichen religiös-philosophischen Denkanstößen. Im ersten Drittel des Films nimmt Pis Auseinandersetzung mit Hinduismus, Christentum, Islam und der Rationalität seines Vaters einen relativ großen Raum ein. Möglicherweise wirken diese Szenen auf weniger interessierte Zuschauer langweilig, doch als am Ende des Films die Parabel ihre volle Wirkung entfaltet und ganz offen die Frage nach Gott gestellt wurde, kam wirklich jede im Kinosaal anwesende Person ins Grübeln. Bravo, Ang Lee, besser kann man es nicht machen!

Zum Schluss fasse ich mich kurz: Schaut euch „Life of Pi“ an, es ist ein Meisterwerk und der eventuell beste Film des Jahres!

10 von 10 Popcornguys

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